Der Krieg in Iran ist Ausdruck und Beschleuniger der Krise, die dem Kapitalismus inhärent ist
Russland überfällt die Ukraine. Die Hamas zielt mit ihrem Massaker vom 7. Oktober auf die Vernichtung Israels. Es folgte eine Welle des Antisemitismus. Israel verteidigt sich in einem Mehr-Fronten-Krieg, der aus dem Ruder gerät, auch vor der Zerstörung Gazas nicht Halt macht und der Siedlerbewegung weitere Türen öffnet. Die Vernichtung Israels will auch der Iran – ein repressives antisemitisches Regime, das zugleich mit inneren Zerfallserscheinungen zu kämpfen hat. Er steht im Verdacht, Atomwaffen zu entwickeln. Die USA und Israel verbünden sich zum Krieg gegen den Iran – aber nur kurzfristig. Schließlich hat Trump mit der Verteidigung des Existenzrechts Israels nur insofern etwas im Sinn, als sie zur Demonstration von Stärke – auch gegenüber China – instrumentalisiert werden kann. Schnell wechseln die von den USA der Öffentlichkeit präsentierten Kriegsziele: Es soll um den Wechsel des menschenverachtenden Regimes im Iran gehen, dann wieder „nur“ um die Zerstörung wichtiger Atomanlagen, den Stopp der Urananreicherung, die Abgabe angereicherten Urans… und schließlich um die Straße von Hormus, deren Blockade den kapitalistischen Betrieb gefährdet.
Unterdessen verfolgt Israel inmitten des Chaos eigene Kriegsziele wie die Ausschaltung der vom Iran unterstützten Hisbollah im Libanon. In dieses Agieren werden andere arabische Staaten hineingezogen. Obwohl israelische Militärstrategen wissen, dass all das kaum Aussicht auf Erfolg hat und im Norden Israels ein normales Leben kaum möglich ist, hält die Regierung daran fest. Das wiederum konterkariert die Dringlichkeit, den Krieg zu beenden, um die globale wirtschaftliche Krise, die sich vor allem in der Gestalt von Stagflation – von steigenden Preisen und wirtschaftlicher Stagnation – zeigt, in Grenzen zu halten. Entsprechend drängt Trump auf Verhandlungen zwischen Israel und dem Libanon, obwohl die libanesische Regierung nicht über Macht und Mittel verfügt, um gegen die Hisbollah vorzugehen. In dieser Gemengelage wird die reale Bedrohung Israels mit Vernichtung kaum wahrgenommen. Im Gegenteil, Netanjahu und Co. nehmen in ihrem irrationalen Agieren die Zerstörung Israels in Kauf.
Eine wesentliche Dynamik der Eskalation ist Kontrollverlust. Er macht sich nicht nur in den diffusen Kriegszielen bemerkbar, sondern auch im strategischen Agieren. Das Vorhaben, den Krieg mit gezielten Militärschlägen schnell zu Ende bringen, erweist sich als trügerisch und illusionär. In der Folge wechseln Siegeserklärungen und Bedrohungsszenarien, Spekulationen über den Abzug und den Einsatz von Bodentruppen, Verlängerungen des Krieges und Versicherungen, der Krieg sei bald siegreich beendet, einander ab. Findet der Krieg kein baldiges Ende, drohen die USA als Verlierer dazustehen, der viel investiert, aber wenig erreicht hat: jedenfalls keinen Wechsel des Regimes, eher noch dessen Stärkung, kein Ende des iranischen Atomprogramms und schon gar kein Ende der Bedrohungen für Israel.
Der Höhepunkt solcher Widersprüchlichkeiten offenbarte sich in der Drohung, mit dem Iran eine ganze Zivilisation zu vernichten. In einer zum Letzten entschlossen wirkenden, apokalyptischen Rhetorik kündigte Trump am 7. April an: „Eine ganze Zivilisation wird heute Nacht sterben, so dass sie niemals wieder zurückgebracht werden kann.“ Keine zehn Stunden später kam die Entwarnung: 14 Tage Waffenstillstand und Verhandlungen – mit einem Regime, das ausgewechselt werden sollte, aber nun die Macht hat, die globale Wirtschaft weiter in die Krise zu treiben und dessen Macht mit allen menschenverachtenden Implikationen auch im Innern gefestigt scheint.
Die globale Reaktion ist erleichtertes Aufatmen, das sich mit dem Gefühl mischt, noch einmal davongekommen zu sein. Ansonsten dominiert auch in Europa betretenes Schweigen, nur kleinlaute Kritik an Trumps Drohung mit einem Völkermord. Hauptsache, es geht irgendwie weiter, wenn auch mit all den Widersprüchen, die sich angesichts der Krise jedoch nicht mehr systemimmanent bewältigen lassen – etwa hin auf eine neue hegemoniale Struktur. In diesen Widersprüchen geht es nicht einfach um einen verrückt geworden Präsidenten. In ihm verdichtet sich vielmehr die immer weniger zu kontrollierende Verrücktheit der kapitalistischen Verhältnisse in ihrer Krisendynamik.
Die „Weltordnungskriege“ (Robert Kurz) seit den neunziger Jahren wurden an der Peripherie geführt, die mit der Verschuldungskrise ab den 1980er Jahren noch stärker als zuvor ökonomisch abgehängt wurde. Mit den damit einhergehenden Zerfallsprozessen gingen staatliche Ordnungsstrukturen in anomische Situationen über, in denen Banden, Terrormilizen und Restbestände staatlicher Akteure um Zerfallsmassen, nicht zuletzt um den Zugang zu Rohstoffen, noch funktionierenden Produktionsstätten und Restmärkten kämpfen. Die Kriege sollten Ordnung schaffen und so die Funktionsfähigkeit des globalen Kapitalismus sichern. Das ist krachend gescheitert.
Inzwischen sind auch die Großmächte in die Zerfallsprozesse des kollabierenden Kapitalismus einbezogen und kämpfen um ihre globale Selbstbehauptung. Die Weltordnung geht vermittels rechter Politiken und neoimperialer und zugleich perspektivloser Strategien ohne reale ökonomische Grundlage für eine neue Hegemonie in Anomie über. Die USA überfallen Venezuela. Im Visier sind Kuba und der gesamte lateinamerikanische Hinterhof. Trump und Netanjahu verbünden sich zu einer rechtsautoritären Kriegskumpanei. Dabei wollen die USA über den Iran auch China als Konkurrenten treffen. Im Zerfall der US-Hegemonie wittern auch Regional- und Mittelmächte eine Chance, im Kampf der Großen mitzumischen und dabei ihre inneren Krisen zu kaschieren. Dabei wechseln Bündnisse und Strategien ebenso wie Freunde und Feinde. Aus der Wahrnehmung fast schon verdrängt, befindet sich Russland weiter in einem Abnutzungskrieg gegen die Ukraine, in dem die Träume von einem russischen Großreich zerplatzen. Analog zu den USA im Krieg gegen den Iran dürfte auch Russland den militärischen Widerstand unterschätzt haben.
Europa erscheint in einer „Welt der Raubtiere“ (von der Leyen) militärisch zu schwach. Deutschland geht voran: Mehr Konkurrenz und Militarisierung sollen aus der Krise führen. Das gilt auch global. Da die Widersprüche – will man keinen Krieg führen – nicht mehr durch Expansion bearbeitet werden können, geht nur mehr vom Gleichen. Libertarismus heißt die Verschärfung des Neoliberalismus, und die Attacken auf Bürokratie und Wohlfahrtsstaat gewinnen an Umfang und Stärke. Je mehr der Kapitalismus scheitert, umso mehr gilt die Parole: „Mehr Kapitalismus wagen“ (Merz). Gerade auch im Libertarismus zählt „Härte“. Sie findet ihren Ausdruck in einem Autoritarismus, der sich gegen Fliehende und gegen alle richtet, die sich der Verpflichtung zur Arbeit entziehen. Dabei werden rassistische, sexistische und antiziganistische Ressentiments geschürt, vor allem gegenüber Menschen, die für die Verwertung des Kapitals überflüssig geworden sind, aber in Schach gehalten werden sollen. Zugleich öffnen sich immer wieder Räume für Antisemitismus als kollektive und individuelle Blitzableiter in den kapitalistischen Krisenzusammenhängen bis hin zu einem Erlösungsantisemitismus, der mit der Vernichtung der Juden beziehungsweise Israels die Welt aus ihrer Krise retten will. Im Kern laufen diese Prozesse auf einen sozialdarwinistischen Kampf ums Dasein, auf einen Krieg aller gegen alle hinaus – was sich nicht nur im Iran, sondern in den diversen kriegerischen Konflikten ausdrückt.
Was sich im Iran und global mit Kriegen und Militarisierung als explosive und irrationale Gemengelage herauskristallisiert, kann nur im Zusammenhang des zerfallenden Kapitalismus verstanden werden. Es lässt sich nicht begreifen, wenn in „falscher Unmittelbarkeit“ (Adorno) nur einzelne Konfliktfelder gesehen werden. Erst das Ausgreifen der Reflexion auf ‚konkrete Totalität‘, also auf die Vermittlung der konkreten Konfliktfelder mit dem gesellschaftlichen Ganzen der kapitalistischen Krisenprozesse lässt die Brisanz des zunehmend irrationalen Agierens politischer Akteure erkennen.
Dazu gehört auch, dass sich in den Krisenprozessen die schon für tot erklärte Religion zurück meldet. Das gilt nicht nur für den Islamismus und seine Träume von einem Gottesstaat, wie sie auch im Iran schon lange virulent sind. Auch die Regierung Netanjahu ist beeinflusst von religiösen Heilsversprechen. In den USA macht sich eine apokalyptisch-metaphysische Sicht auf Geschichte breit – von der MAGA-Bewegung bis in die Regierung (Vizepräsident JD Vance) und führende Kapitalfraktionen (Peter Thiel). Sie ist von Vorstellungen des Untergangs bestimmt, die dualistisch durch das Schema von gut und böse, Freund und Feind geprägt sind. Den Weg in den Untergang bereitet die Ablehnung einer gottgewollten Welt. Zu ihr gehören eine homogene Nation, die patriarchale Familie, ein binäres und heteronormatives Geschlechtsmodell und besonders im Westen: Vorfahrt für Leistungsträger und Erfolgreiche, die in transhumanen und transmundanen Planspielen dem Übermenschen den Weg bereiten sollen. Des Teufels ist ein regulierender Welteinheitsstaats, ein Wohlfahrtsstaat mit Idealen sozialer Gerechtigkeit. Forderungen nach Solidarität und Gerechtigkeit stoßen nicht mehr nur auf ein mildes Lächeln, sondern auf aggressive Feindschaft.
In diesem Konglomerat spielt eine Figur aus der Apokalyptik eine bedeutende Rolle: der Katechont, wörtlich der Aufhalter oder Verhinderer. Bevor die transhumane und transmundane Welt Wirklichkeit werden kann, muss der Antichrist aufgehalten werden. In eine solche heilsgeschichtliche Rolle imaginiert sich die MAGA-Bewegung in ihrer Frontstellung gegen den Wohlfahrtsstaat sowie humane und solidarische Vorstellungen des Zusammenlebens. Wenn dies aufgehalten werden kann und die Nation von ihren wohlfahrtsstaatlichen Dämonen geheilt ist, steht einem über-menschlichen und ins Über-irdische ausgreifenden Finale nichts mehr im Weg.
Es wäre leichtsinnig, dies alles als exotische Verrücktheiten abzutun – zumal auch der Islamismus wie er u.a. im Iran verbreitet ist – auch eine Variante der Weltzerstörung zur Erlangung jenseitiger paradiesischer Zustände als ‚Antwort‘ auf eine zunehmend aporetische Krise darstellt. Darin reichen sich islamische und christliche Zerstörungsvorstellungen die Hand.
Auch in solch religiösen Verrücktheiten agiert sich die ‚Logik‘ des Kapitalismus aus, der die Welt dem irrationalen Selbstzweck der Vermehrung des Kapitals unterwirft und dabei die Reproduktion als stumme Voraussetzung dieser Irrationalität abspaltet. Zu Recht haben Marx und andere dies mit einem Begriff aus der Welt der Religionen als Fetischismus, als säkularen Götzendienst, kritisiert. Im Unterschied zu den heilsgeschichtlich aufgeladenen Halluzinationen eines Überschreitens der Grenzen des Humanen und der Welt, scheitert der Kapitalismus an den Grenzen der Möglichkeiten der Verwertung von Kapital, insofern er nicht aus dem der Konkurrenz inhärenten Zwang aussteigen kann, Arbeit als Substanz des Kapitals durch Technologie und fortschreitend durch mikroelektronische, digitalisierte Technologie bis hin zu KI zu ersetzen.
Mit immer weniger Arbeit läuft die kapitalistische Veranstaltung ins Leere. Sie treibt zwecks vermeintlicher Selbsterhaltung in die Vernichtung der für die Verwertung von Kapital Überflüssigen und der natürlichen Grundlagen des Lebens. Zugleich treibt sie in die Selbstvernichtung einer nichtigen kapitalistischen Welt, in der es buchstäblich um nichts mehr gehen kann. Die Selbstvernichtung und die Vernichtung der Welt scheinen dem größenwahnsinnigen aufgeklärten wie dem religiös-gegenaufklärerischen männlichen Subjekt als letzte Möglichkeit, seine Größe zu behaupten. Der in seinen Widersprüchlichkeiten aus der Kontrolle geratende Krieg im Iran enthält das Potential einer unkontrollierbaren Eskalation. Kriege und Militarisierung im Krisenkapitalismus sind in einem Ausdruck des dem Kapitalismus inhärenten Triebs zu Vernichtung und Selbstvernichtung. Zugleich befeuern sie die desolate Lage des Kapitalismus, der, auch wenn er eine soziale Einbindung nicht mehr finanzieren kann, alles in Potentiale der Vernichtung investiert. Nicht der irrationale und ins Leere laufende Selbstzweck des Kapitalfetischs soll verschwinden, sondern die Welt. Oder wie Robert Kurz schrieb: „Kapitalismus ist nicht nur ein schleichendes Weltvernichtungsprogramm durch seine Nebenwirkungen, sondern läuft auf eine finale Vernichtung und Selbstvernichtung durch seine eigenen Institutionen hinaus.“
Herbert Böttcher
zuerst erschienen in: konkret 5/2026
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