Gedanken zum Sonntag: „Dieser Drang nach Härte“

So lautet der Titel eines Buches der Philosophin Eva von Redecker. Er trifft eine Erfahrung, die im Alltag zu spüren ist. Das Klima wird rauer, rücksichtsloser, unduldsamer. Empfindsamkeit droht im Kampf gegen alle möglichen Feinde zu ersticken. Er wird befeuert von der Angst, in einer Welt zu leben, die aus den Fugen gerät. Alles wird knapp: das Geld und der Wohnraum und jetzt auch noch das Wasser. Da liegt die Versuchung nahe, nach Schuldigen zu suchen und sie zu bekämpfen. Gefunden werden sie in Menschen, die nicht zur eigenen Nation, Gruppe, Kultur, sexuellen Orientierung gehören, aber auch in denen, die angeblich nicht arbeiten wollen.

Christliche Religion trägt da zur Verfeindung bei, wo sie Grenzen zieht zwischen Gläubigen und Ungläubigen, Guten und Bösen. Ignoriert wird das Gebot zur Feindesliebe, nach dem auch der Feind ein Kind Gottes ist, das Anspruch darauf hat, als Mensch behandelt zu werden. Wo jedoch angesichts all der Krisen dem „Drang nach Härte“ statt gegeben wird, verselbständigen sich Bilder und Szenarien der Bedrohung und zugleich die Bereitschaft zu zerstören und zu vernichten. Die Erinnerung an die Feindesliebe könnte den Blick dafür weiten, die eigene Lage im Zusammenhang der sozialen und ökologischen Verwerfungen zu verstehen, die mit der zerstörerischen Krise des Kapitalismus einhergehen. Dazu bräuchte es Räume für Gespräche, in denen die eigenen Sorgen und Ängste, erlittene Demütigungen und Erniedrigungen Platz hätten und sich zudem Horizonte eröffnen für die Frage, wie das eigene Leben unter dem Druck der gesellschaftlichen Verhältnisse steht, die das Leben immer enger machen. Befreiung aus Enge und Zerstörung wäre ein Weg.

Herbert Böttcher (Pastoralreferent i.R.)