Die Zustimmung zur AfD bewegt sich auf Rekordhöhen – auch unter Christen. Die katholische Kirche feiert an diesem Sonntag ein Fest, das dem Hass gegen Fremde und Arme diametral entgegensteht: das Fest des dreifaltigen Gottes, der sich in der Geschichte Israels, seinem Messias Jesus und dem Geist, der in all dem lebendig ist, zu erkennen gibt. Er ist ein Gott, der mit den Letzten verbunden ist: mit in Ägypten versklavten Hebräern, mit dem von Rom gekreuzigten Messias und darin mit einem Geist der Solidarität, der niemanden zurück lässt. Solidarität mit den ‚Letzten‘ wird erkennbar als Perspektive eines Zusammenlebens, das Menschen nicht nach Völkern und Nationen, nach wirtschaftlich Verwertbaren und Überflüssigen trennt.
Offensichtlich macht das allein auch Christen nicht immun für Feindschaft gegen Fremde und Arme. Zur Gotteserkenntnis gehört ein kritischer Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse und das mit ihnen verbundene Leid und Unrecht – so die biblischen Propheten. Thomas von Aquin hat im ausgehenden Mittelalter deutlich gemacht, dass mangelnde Kenntnis der Welt sich mit Irrtümern in der Erkenntnis Gottes verbindet. Wer heute ausbreitender Unmenschlichkeit widerstehen will, muss die gesellschaftlichen Dynamiken erkennen, aus denen sie ihre Kraft entfalten. Eine wesentliche Triebkraft für Hass und Zerstörungslust ist das Gefühl „ungelebten Lebens“ (Erich Fromm). In den Krisen der Gegenwart führt es aber nicht dazu, eine Gesellschaft kritisch zu analysieren, die sich dem Götzen der Vermehrung von Geld unterwirft. Statt dessen werden – nicht nur in der AfD – Fremde und Arme als Ursachen der realen wie der gefühlten Krisen verantwortlich gemacht.
Herbert Böttcher, Pastoralreferent i.R.
(zuerst veröffentlicht in: Am Wochenende, 30./31.5.26, „Gedanken zum Sonntag“)
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