Quo vadis, ecclesia?
Zur Dringlichkeit einer Ekklesiologie solidarischen Eingedenkens
Koblenz, 31.8.26.
Seit Jahrzehnten ringt die Kirche um ihren Weg. Liberale fordern zeitgemäß umfassende Beteiligung des Volkes Gottes an Entscheidungen. Konservative pochen auf das Amt als Ausdruck der bleibenden Identität der Kirche und erweisen sich als ausgesprochen offen für ‚evangelikal-katholische‘ Strömungen. In all dem kreist die Kirche weitgehend um sich selbst, während gesellschaftliche Krisen das Leben vieler Menschen und die Grundlagen des Lebens zerstören.
Walter Benjamin hat darauf hingewiesen, dass existentielle gesellschaftliche Krisen einen Schock herbeiführen können, der innehalten lässt. Zu denken gibt das aktuelle Chaos, das Tohuwabohu einer Vielfachkrise, die Menschen in Armut, Hunger, Kriege und zunehmende Entmenschlichung sowie den Globus in den ökologischen Super-Gau führt. Auch in der Kirche zeigt sich Tohuwabohu, in dem sich als Krisenreaktion die Suche nach fixen Identitäten entfacht: Die Spannungen zwischen den Polen einer Regression in einen katholischen Integralismus und liberalen Anpassungsstrategien an die spätmodernen Gesellschaften ohne kritische Reflexion der gesellschaftlichen Krisenprozesse drohen zu einer Zerreißprobe zu werden.
In dieser „von Spannungen gesättigten Konstellation“ (W. Benjamin) greift Dominic Kloos, Referent des Ökumenischen Netzes Rhein-Mosel-Saar, in seinem Buch das Geschichtsdenken Walter Benjamins auf, das insbesondere in der „Neuen Politischen Theologie“ von Johann Baptist Metz Nachhall gefunden hat. Benjamins Geschichtsdenken eröffnet der Kirche einen Horizont, in dem die kritische Sprengkraft subversiver jüdisch-christlicher Traditionen in der jetzigen Krise des Kapitalismus zur Geltung gebracht werden kann. Dabei verbindet Kloos Benjamins Geschichtsdenken mit der biblischen Unterscheidung von Gott und Götzen wie sie vor allem in der Theologie der Befreiung aufgenommen wurde und reflektiert sie im Blick auf die lebensbedrohliche Krise des Kapitalismus.
In diesen Zusammenhängen kann Benjamins Geschichtsdenken seine Sprengkraft gesellschaftlich und kirchlich entfalten. Dagegen, dass alles so weitergeht, hatte Benjamin das ‚dialektische Bild‘ gestellt, das in Krisenkonstellationen aufblitzt und interpretiert werden muss. Es stellt einen unterbrechenden Schock dar, in dem die Krisenerfahrungen der Gegenwart im „Augenblick der Gefahr“ (W. Benjamin) mit der Vergangenheit in eine Konstellation treten und den homogenen Fluss der Zeit aufsprengen. Der Blick auf die Geschichte reiht dann nicht geschichtliche Ereignisse aneinander, sondern wird zum Einhalt gebietenden Einspruch gegen das, was Menschen in Geschichte und Gegenwart erleiden, und zum Einspruch gegen eine Geschichte, die über das Leid der Menschen hinweg in eine vernichtende Katastrophe treibt, die nicht erst kommt, sondern jetzt schon geschieht. Dagegen reklamiert Benjamin die „schwache messianische Kraft“ geschichtlichen Eingedenkens, das auch den Opfern der Vergangenheit gilt.
Benjamins Geschichtsdenken und Denkanstöße aus der politischen Theologie von J.B. Metz wie der Befreiungtheologie aufgreifend entwickelt Kloos Impulse für eine solidarisch eingedenkende Ekklesiologie. Sie sprengt die Fixierung der Kirche auf sich selbst auf und erinnert an ihren biblischen Auftrag, an der Seite der ‚Letzten‘, die in den Krisen die ‚Ersten‘ bei den Opfern sind, der kapitalistischen Vergesellschaftung und ihrer Fetischisierung der Vermehrung des Geldes als Selbstzweck zu widersprechen und die kritisierten Verhältnisse hin auf eine solidarische und partizipatorische Gesellschaft ohne herrschaftliche Strukturen der Über- und Unterordnung zu überwinden.
Bei dem Buch handelt es sich um die als Magisterarbeit im Fach Fundamentaltheologie eingereichte Ausarbeitung des Netz-Referenten. Der Buchtitel lautet:
„…vom Gestrüpp des Wahns und des Mythos gereinigt werden“: Walter Benjamins Denken der Geschichte als Denken gegen die Katastrophe. Zur Dringlichkeit einer solidarisch eingedenkenden Kirche inmitten der Katastrophengeschichte des Götzen Kapitalismus.
Das Buch hat 240 Seiten (55 Seiten Bibliographie), erscheint im BoD-Verlag und kann spätestens ab 08.09.2026 unter https://buchshop.bod.de bestellt werden, die Lieferzeit beträgt ca. zwei Wochen. Einige wenige Exemplare können auch direkt beim Netz bestellt werden.
Ökumenisches Netz Rhein-Mosel-Saar e.V. Gerechtigkeit · Frieden · Bewahrung der Schöpfung