4. Adventssonntag 2025: Predigt zu Jes 2 und Mt 24

Jes 2,1-5

1 Das Wort, das Jesaja, der Sohn des Amoz, über Juda und Jerusalem geschaut hat. 2 Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg des Hauses des HERRN / steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel. / Zu ihm strömen alle Nationen. 3 Viele Völker gehen / und sagen: Auf, wir ziehen hinauf zum Berg des HERRN / und zum Haus des Gottes Jakobs. Er unterweise uns in seinen Wegen, / auf seinen Pfaden wollen wir gehen. Denn vom Zion zieht Weisung aus / und das Wort des HERRN von Jerusalem. 4 Er wird Recht schaffen zwischen den Nationen / und viele Völker zurechtweisen. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden / und ihre Lanzen zu Winzermessern. Sie erheben nicht das Schwert, Nation gegen Nation, / und sie erlernen nicht mehr den Krieg. 5 Haus Jakob, auf, / wir wollen gehen im Licht des HERRN. 

Mt 24,29-44

29 Sofort nach den Tagen der großen Drangsal wird die Sonne verfinstert werden und der Mond wird nicht mehr scheinen; die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. 30 Danach wird das Zeichen des Menschensohnes am Himmel erscheinen; dann werden alle Völker der Erde wehklagen und man wird den Menschensohn auf den Wolken des Himmels kommen sehen, mit großer Kraft und Herrlichkeit. 31 Er wird seine Engel unter lautem Posaunenschall aussenden und sie werden die von ihm Auserwählten aus allen vier Windrichtungen zusammenführen, von einem Ende des Himmels bis zum andern. 32 Lernt etwas aus dem Vergleich mit dem Feigenbaum! Sobald seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, erkennt ihr, dass der Sommer nahe ist. 33 So erkennt auch ihr, wenn ihr das alles seht, dass er vor der Tür ist. 34 Amen, ich sage euch: Diese Generation wird nicht vergehen, bis das alles geschieht. 35 Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen. 36 Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater. 37 Denn wie es in den Tagen des Noach war, so wird die Ankunft des Menschensohnes sein. 38 Wie die Menschen in jenen Tagen vor der Flut aßen und tranken, heirateten und sich heiraten ließen, bis zu dem Tag, an dem Noach in die Arche ging, 39 und nichts ahnten, bis die Flut hereinbrach und alle wegraffte, so wird auch die Ankunft des Menschensohnes sein. 40 Dann wird von zwei Männern, die auf dem Feld arbeiten, einer mitgenommen und einer zurückgelassen. 41 Und von zwei Frauen, die an derselben Mühle mahlen, wird eine mitgenommen und eine zurückgelassen. 42 Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt. 43 Bedenkt dies: Wenn der Herr des Hauses wüsste, in welcher Stunde in der Nacht der Dieb kommt, würde er wach bleiben und nicht zulassen, dass man in sein Haus einbricht. 44 Darum haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet. 

Das Volk Israel lebt im Glauben: Jhwh, ihr Gott hat sie durch Mose aus der Sklaverei Ägyptens herausgeführt und ihm zugesagt, in Freiheit leben zu können. Mit diesem Versprechen Gottes lebt Israel, wird aber in schwierigen Situationen herausgefordert, diesen Glauben zu bekennen.

Unsere beiden Lesungen von Jesaja und Matthäus sprechen von solchen bedrückenden Situationen. Ahas, der König von Juda, wird von der Großmacht Assur bedroht. Ahas sucht nach einer Lösung. Er sieht sie in der Allianz mit anderen Militärmächten. Deswegen lehnt er den Vorschlag des Propheten ab, sich auf den Befreiergott Jhwh zu verlassen. Hier zeigt sich: die Könige Israels folgten nicht den Weisungen Gottes; dienten nicht der Gerechtigkeit im Land, sondern festigten Strukturen des Unrechts, spalteten die Gesellschaft und führten das Volk in kriegerische Auseinandersetzungen. Am Ende verlor Israel seine Eigenständigkeit, wurde zum Spielball der Großmächte. Die Fülle des Lebens hatte sich in Unfruchtbarkeit verwandelt.

Matthäus beschreibt in seinem Text das reale Schicksal Mariens, einer armen jüdischen Frau im 1. Jahrhundert. Sie muss sich um das tägliche Brot abmühen. Sie erleidet Verletzungen, die ihr eine patriarchalische Welt zufügt. Und nicht zuletzt hat sie mit dem Problem der Schande durch die bevorstehende uneheliche Geburt zu tun. Matthäus verortet den Ursprung des Immanuel in eine Geschichte voller Katastrophen, voller Leid und Schuld.

In diesem Frauenschicksal spiegelt sich auch das Schicksal des jüdischen Volkes, vor allem der unteren Schicht. Denn im 1. Jahrhundert kam es zu einer weiteren Umverteilung des Landes. Dies begünstigte die Konzentration des Besitzes in den Händen der Reichen und vergrößerte dadurch die Armut, den Hunger und die Krankheit im Land. Zudem plünderte Rom als Besatzungsmacht Palästina durch ein brutales Abgabesystem aus, das zwar die Großgrundbesitzer durch die ihnen eröffneten Exportmöglichkeiten nach Rom begünstigt, aber das Heer der Armen größer werden lässt. Zudem herrscht das römische System mit brutaler militärischer Gewalt über die jüdische Provinz. Widerstandsbewegungen werden brutal unterdrückt und ihre Anhänger gekreuzigt.

Aber auch in dieser Situation bleibt die Hoffnung auf Befreiung und Rettung lebendig. Die Empfängnis Jesu bestärkt diese Hoffnung. Wie Gott damals in Ägypten die Schreie seines versklavten Volkes gehört hat, so hat er nun in der Erniedrigung der Jungfrau Maria die Not des Volkes angesehen und sich erbarmt. In der Erhöhung der erniedrigten Jungfrau Maria hat er begonnen, seine Verheißung für das ganze durch Armut und Gewalt unterdrückte Volk wahr zu machen, sie aus der Erniedrigung auf den Weg der Freiheit zu führen.

Unsere Lesungen: 2 Antworten auf prekäre Situationen. Ahas glaubt an Macht und Waffen, um Israel zu retten. Josef setzt im Namen Gottes auf die Solidarität zu seiner Braut Maria und überlässt sie nicht der Macht des Gesetzes. Und das Ergebnis: Ahas führt Israel in den Untergang, Josef schenkt der Welt neues Leben und damit Zukunft.

Und so stellt unser Evangelium die Welt auf den Kopf: das neugeborene Kind, in der Armut eines Stalles geboren, in das Holz einer Krippe gelegt und später an einem Galgen aus Holz hingerichtet, ist der Retter und Herr, weil Gott ihn mit neuem Leben beschenkt. Ihm werden die Titel gegeben, die Könige und Kaiser für sich beanspruchen. Damit wird der mächtige Augustus vom Thron gestürzt und der erniedrigte Jesus erhöht. Von ihm, nicht von der unmenschlichen Herrschaft des Augustus, die über Leichen geht, wird Friede erwartet und damit der Welt Zukunft geschenkt.

Die beiden Geschichten sind Einladungen Gottes an uns, am Vorabend von Weihnachten seinen Verheißungen zu folgen, auf ihn zu setzen, nicht auf irdisches Machtkalkül. Gottes Verheißungen durchbrechen das Übliche und Berechenbare. Aus der wehrlosen, jungen Frau, die nach der Verheißung des Jesaja ein Kind gebärt gegen die Machtkämpfe ihrer Zeit und so zu einem Hoffnungszeichen wird, so wird Maria, durch die Immanuel – „Gott in unserer Mitte“ – geboren wird, zum Heil für alle Menschen. Beide verheißenen Geburten werden zum Zeichen dafür, dass Gott neu anfangen kann mit uns Menschen, auch da, wo uns das Dach über dem Kopf zusammenfällt.

Retten kann allein Gott, der in dem Menschen aus Nazareth ein ganz bestimmter Mensch geworden ist. Er rettet und befreit, weil er sich an die Seite der Letzten stellt. Erst wenn sie zu ihrem Recht kommen, kann eine menschliche Welt Wirklichkeit werden. Erst wenn wir die Letzten in den Blick nehmen, können wir menschliche Menschen werden; Menschen, die sich mit den Letzten und darin miteinander verbunden wissen. Dass Gott in diesem letzten Menschen aus Nazareth Mensch wird, eröffnet einen Weg der Rettung und Befreiung für alle. In Jesu Nachfolge können wir fähig werden, unsere Grenzen zu überschreiten, die Grenzen, die mit dem Zwang zur Selbstbehauptung und der narzisstischen Suche nach entlastenden Glücksmomenten gesetzt sind. Sie können überschritten werden auf die Menschen neben uns, bis hin zu den Letzten.

Und ausgerechnet bei den Letzten stoßen wir auf den Gott, der in dem Kind in der Krippe Mensch geworden ist. Weil Gott und sein Menschensohn so anders sind als wir selbst, kann dieses Menschenkind auf Wege führen, auf denen wir solidarisch Mensch werden und darin Menschen, die nicht davon ablassen, für eine menschliche Welt einzustehen und sogar noch für die Toten zu hoffen. Darin gehen wir dem Gott entgegen, der uns in dem Kind in der Krippe so anders entgegenkommt. Darin nehmen wir Gottes Einladung an, uns für das Leben und sein Reich zu entscheiden.

Paul Freyaldenhoven, Kapelle des Heinrichhauses Neuwied-Engers (21.12.25)