Kyrie
Jesus Christus, unser Bruder und Herr,
An der Seite der Erniedrigten bist du den Weg ans Kreuz der Römer gegangen.
Herr, erbarme dich!
Dich hat Gott uns als seinen ‚geliebten Sohn‘ offenbart.
Christus, erbarme dich!
Auf dich sollen wir hören und dir auf deinem Weg folgen.
Herr, erbarme dich!
Erste Lesung: Jes 45,18.20b.22-24
Hinführung:
Die Propheten haben sich immer dann zu Wort gemeldet, wenn Israel Götzen der Macht gefolgt ist. Im Text der Lesung erinnert Jesaja, daran, dass Israels Gott der „Herr“ ist „und sonst niemand“. Er hat die Erde den Menschen zum Wohnen geformt. Sein Wort hat er Israel als sein unwiderrufliches Wort der Gerechtigkeit geschenkt. Deshalb gilt: Nur vor ihm soll „jedes Knie sich beugen“.
Text: Jes 45,18.20b.22-24
18 Denn so spricht der HERR, der den Himmel erschafft, / er ist der Gott, der die Erde formt und macht – er ist es, der ihr Bestand gibt, / er hat sie nicht als Nichtiges erschaffen, er hat sie zum Wohnen geformt -: / Ich bin der HERR und sonst niemand. Wer hölzerne Götzen umherträgt, hat keine Erkenntnis, / wer einen Gott anbetet, der niemanden rettet. 22 Wendet euch mir zu und lasst euch erretten, / alle Enden der Erde, / denn ich bin Gott und sonst niemand! 23 Ich habe bei mir selbst geschworen: / Aus meinem Mund ist Gerechtigkeit hervorgegangen, / ein unwiderrufliches Wort: Vor mir wird jedes Knie sich beugen / und jede Zunge wird schwören: 24 Nur beim HERRN – sagt man von mir – sind Heilstaten und Stärke. / Beschämt kommen alle zu ihm, die gegen ihn entbrennen.
Hinführung:
Paulus ermahnt die Gemeinde in Philippi in der Gesinnung Jesu zu leben. Sie zeigt sich in seinem Weg von ganz oben nach ganz unten – bis an das Kreuz der Römer. Auf diesem Weg ‚geschieht‘ jene Befreiung, die der Name von Israels Gott beinhaltet. Deshalb sollen alle vor dem Namen Jesu „ihr Knie beugen“.
Text: Phil 2,6-11
5 Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht:
6 Er war Gott gleich, / hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein,[2] 7 sondern er entäußerte sich / und wurde wie ein Sklave / und den Menschen gleich. / Sein Leben war das eines Menschen; 8 er erniedrigte sich / und war gehorsam bis zum Tod, / bis zum Tod am Kreuz. 9 Darum hat ihn Gott über alle erhöht / und ihm den Namen verliehen, / der größer ist als alle Namen, 10 damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihr Knie beugen / vor dem Namen Jesu 11 und jeder Mund bekennt: / Jesus Christus ist der Herr / zur Ehre Gottes, des Vaters.
Evangelium: Mt 17,1-9
1 Sechs Tage danach nahm Jesus Petrus, Jakobus und dessen Bruder Johannes zu sich und führte sie auf einen hohen Berg. 2 Und er wurde vor ihnen verwandelt; sein Gesicht leuchtete wie die Sonne und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. 3 Und siehe, es erschienen ihnen Mose und Elija und redeten mit Jesus. 4 Und Petrus antwortete und sagte zu Jesus: Herr, es ist gut, dass wir hier sind. Wenn du willst, werde ich hier drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija. 5 Noch während er redete, siehe, eine leuchtende Wolke überschattete sie und siehe, eine Stimme erscholl aus der Wolke: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören. 6 Als die Jünger das hörten, warfen sie sich mit dem Gesicht zu Boden und fürchteten sich sehr. 7 Da trat Jesus zu ihnen, fasste sie an und sagte: Steht auf und fürchtet euch nicht! 8 Und als sie aufblickten, sahen sie niemanden außer Jesus allein. 9 Während sie den Berg hinabstiegen, gebot ihnen Jesus: Erzählt niemandem von dem, was ihr gesehen habt, bis der Menschensohn von den Toten auferweckt ist!
Predigt
„Wenn du Gottes Sohn bist…“ (Mt 4,3). So begann der Teufel – wie wir am letzten gehört haben – Jesus zu versuchen. Heute hören wir von einer Stimme, die sagt: „Dieser ist mein geliebter Sohn…“ (Mt 17, 5).
Mit dem Glauben an Jesus als „Sohn Gottes“ tun sich manche schwer – erst recht in einer Zeit, die mit Vorstellungen eines transzendenten Gottes nichts mehr anfangen kann, und schon gar nichts mit seinem ‚Sohn Gottes‘. Dennoch beten wir im Credo: Wir glauben an „Gottes eingeborenen Sohn“, „eines Wesens mit dem Vater“. Das Credo ist in einer Zeit entstanden, in der die Kirche sich in eine vom griechischem Denken geprägte Welt ausgebreitet hat. Die Griechen denken in Begriffen des Seins. Sie wollen wissen, was ‚ist‘, also: Wer ‚ist‘ Jesus, was ‚ist‘ sein Wesen? Die Antwort: Er ‚ist‘ der wesensgleiche Sohn Gottes.
Heute wirken solche zeitlosen und ewigen Aussagen fremd. Viele denken geschichtlich, rechnen mit Veränderungen. Zudem wird mehr und mehr bewusst, dass sich die Kirche mit der Anlehnung an griechisches Denken von ihren jüdischen Wurzeln entfernt hat. Jüdische Traditionen denken nicht vom Sein, sondern von der Geschichte, also von dem her, was ‚geschieht‘. Gott ‚ist‘ nicht einfach, sondern er ‚geschieht‘. Was mit Gott gemeint ist, offenbart sich nicht in Spekulationen über ein zeitloses ‚Wesen‘, sondern zeigt sich in der Geschichte, genauer in dem Geschehen der Befreiung aus Versklavung und Unrecht. Wenn wir also Jesus als Sohn Gottes verstehen wollen, müssen wir diese Geschichte in den Blick nehmen, seine Verwurzelung im Glauben an Israels Gott, sein Reden und Handeln, seinen Tod am Kreuz und seine Auferweckung durch Gott.
In der Szene von der Versuchung weist Jesus, das Ansinnen des Teufels zurück, als Sohn Gottes seine Macht nach der Art Roms zu demonstrieren. Damit hätte er sich römischer Herrschaft angepasst. Er wäre Israels Gott untreue geworden, der da ‚geschieht‘, wo Menschen aus den Sklavenhäusern der Geschichte befreit werden. Wer auf diesen Gott vertraut, geht vor imperialer Macht nicht in die Knie, lässt sich von all „ihrer Pracht“ (Mt 4,8) nicht betören. Der ‚Sohn Gottes geht nur vor Gott in die Knie, von Macht und Herrschaft lässt er sich nicht beugen.
Das heutige Evangelium macht deutlich: In dem, der so handelt, leuchtet die Herrlichkeit Gottes auf. In ihrem verklärenden Licht erscheint nicht die römische Herrschaft und der Kaiser, der sich als ‚Sohn Gottes‘ verehren lässt, sondern ‚Gottes Sohn‘, der gesandt ist, von dieser Herrschaft und aller Versklavung zu befreien. Bevor Matthäus von Jesu Verklärung erzählt, ist schon einiges ‚geschehen‘. Jesus hat den Armen das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit verkündet. Dabei war er auf die Feindschaft Roms und derer gestoßen, die der Macht Roms ergeben waren. Nun bereitet er seine Jünger darauf vor, dass sein Weg, ihn ans Kreuz der Römer bringen werde. Ihnen schärft er ein: Auch wer ihm nachfolgt, muss damit rechnen, gekreuzigt zu werden.
Im griechischen Denken passt solches Leiden nicht zu der Vorstellung von der absoluten Vollkommenheit Gottes. Ihm erschient ein Sohn Gottes, der gekreuzigt wird‚ als Torheit. Dagegen verteidigt Irenäus, der Bischof von Lyon, den Gauben an Jesus, den leidenden Sohn Gottes: „Verachte ihn nicht, weil er gelitten hat“, schreibt er im zweiten Jahrhundert an seine Gemeinden. Er wirft ihnen vor, sie wollten lieber ein „fleischloses und ungerührtes Wort Gottes“1 einführen. Im Klartext: Sie wehren sich gegen einen ‚Sohn Gottes‘, dessen Fleisch gefoltert wird, weil er sich anrühren lässt, vom Leiden derer, die hungern und unterdrückt werden. Matthäus macht deutlich: Genau über einem solchen ‚Sohn Gottes‘ erstrahlt die Herrlichkeit Gottes. Das bezeugen Mose und Elija. Sie repräsentieren die Schrift. Mose steht für den Weg aus Ägypten und die Tora als Weisung für die Wege der Befreiung, Elija steht für die Propheten. Sie hatten Israel immer dann zur Umkehr gerufen, wenn es sich sich von Götzen der Macht blenden ließ und die Armen geknebelt wurden. Für ihre Treue zu Israels Gott und den Armen hatten schon die Propheten leiden müssen.
Dass derjenige, der hörend auf Mose und die Propheten den Weg bis ans Kreuz der Römer geht, Gottes „geliebter Sohn…“ ist, das bezeugt eine Stimme aus dem Himmel. Sie betont: „Auf ihn sollt ihr hören“ (Mt 17,5). Auf seinem Weg wird erkennbar, worum es Gott geht. Auf diesem Weg ‚geschieht‘ Gott in seinem Sohn. In ihm sind all die Inhalte lebendig, die in der Schrift mit dem Namen Gottes verbunden sind. Deshalb sollen die Jünger auf ihn hören.
Im Blick auf heute formuliert: Ins Licht gerückt werden nicht Stars aus der Unterhaltungsindustrie oder Ratgeber, die Wege nach oben weisen, nicht Politiker, die verkünden, alles werde gut, wenn die Wirtschaft wieder wächst, nicht Wirtschaftsführer, die mehr Arbeit für weniger Lohn fordern und darauf drängen, denen, die nicht arbeiten, den Brotkorb höher zu hängen. Das verklärende Licht der Verwandlung erscheint über jenem Sohn Gottes, dessen Weg an die Seite derer führt, auf die kein Scheinwerferlicht fällt, die niemand sehen will, die das Stadtbild stören, aus dem Land verschwinden und von den Grenzen ferngehalten werden sollen. Für sie setzt er sein Leben ein.
Im seinem Brief an die Philipper macht Paulus deutlich: Jesu Weg führt von ganz oben nach ganz unten, aus der Fülle Gottes in die Existenz eines Sklaven: Jesus wurde „wie ein Sklave“ und genau darin den „Menschen gleich“ (Phil 2.7), die unter der Sklaverei Roms leiden. Sein Einsatz für die Letzten führt bis zur letzten Konsequenz. Er war „gehorsam … bis zum Tod am Kreuz“ (Phil 2,8). Er hat auf Gottes Wort, auf Mose und Elija, gehört. Deshalb hat Gott „ihn erhöht“ und ihm den Namen, verliehen, „der größer ist als alle Namen“ (Phil 2,9). Vor ihm „sollen sich alle Knie beugen“ (Phil 2,11). Diese Formulierung stammt aus dem Prophet Jesaja (Jes 45,18-25). Er hatte Israels Gott von selbstgemachten Götzen unterschieden und gesagt: Wer vor ihnen in die Knie geht, habe „keine Erkenntnis“ (Jes 45,20). Aus Gottes Mund aber gehe die Erkenntnis der Gerechtigkeit hervor – als als „unwiderrufliches Wort“ (Jes 45,23), das ‚geschehen‘ soll. Deshalb gilt: Vor dem Namen Gottes „soll jedes Knie sich beugen“ (ebd.). Paulus rückt den Namen Gottes und den Namen Jesu in eine nicht mehr zu überbietende Nähe. In Jesus geschieht all das, wofür der Name von Israels Gott steht. Wer auf diesen Sohn Gottes hört, hört auf Israels Gott, auf Mose und die Propheten. In ihm leuchtet Gottes Gerechtigkeit auf.
Jesu Verwandlung in das verklärende Licht Gottes ist ein Vorgriff auf eine verwandelte Welt, auf die Verwandlung mitleidloser Konkurrenz in ein solidarisches Miteinander, einer Welt, in der das Recht des Stärkeren regiert, in eine Welt der Gerechtigkeit und des Friedens. Dies zu bezeugen und zu leben, ist eine Herausforderung inmitten einer Gesellschaft, in der Solidarität nicht mehr nur auf ein mildes Lächeln, sondern auf aggressive Abwehr stößt, einer Gesellschaft, in der die Stimme Gottes übertönt wird, von Stimmen, die in Leitartikeln verkünden, „dass unser Wohlstand bedroht ist“ und die als Rezept „mehr Wettbewerbs-“ und „Verteidigungsfähigkeit“ anpreisen. „Dieses Denken – so heißt es – „muss in unsere Köpfe“2.
In die Köpfe – zumindest der Christen – müsste die Gesinnung Christi. Dann können sie die ins Licht rücken, die bei der Verteidigung „unseres Wohlstands“ ausgeblendet werden: diejenigen, die in Somalia in folge der Klimakatastrophe von akuter Hungersnot bedroht sind, die Tausende, die auf den Migrationsrouten umkommen, diejenigen, die nach Afghanistan abgeschoben werden – um nur drei Beispiele aus Nachrichten der letzten Woche zu nennen. Christi Gesinnung können Christen in prophetischer Kritik einer Gesellschaft zur Geltung bringen, in der die ‚Letzten‘ dem Götzen und letztlich alle der Vermehrung von Kapital geopfert werden. Im Einsatz für die Verwandlung der Erde in eine menschliche Welt können sie erfahren, wie sie dabei selbst in menschliche Menschen verwandelt werden. Wie der ‚Sohn Gottes‘ werden sie vor Anfeindungen nicht bewahrt bleiben. Und dennoch ist da eine Verwandlung zu spüren, die ein Vorgriff ist auf jenen neuen Himmel und jene neue Erde, die in der Auferweckung des Gekreuzigten versprochen ist.
Fürbitten
Guter Gott, im Weg deines Sohnes hast du gezeigt, dass du auf der Seite der Letzten stehst und eine Welt willst, die ein Wohnort für alle Menschen ist. Wir bitten dich:
für die Menschen, die in der Ukraine seit vier Jahren dem Terror der russischen Regierung ausgesetzt sind; für alle, die ohne Strom und ohne Wohnung leben müssen; für alle, die im Krieg einen Menschen verloren haben und für diejenigen, die sich weigern, in den Krieg zu ziehen; für die Opfer der im Nahen Osten eskalierenden Gewalt:
um das Ende der Gewalt, um Gerechtigkeit und Frieden, um Hilfe beim Wiederaufbau, um die Bereitschaft, Fliehende gastlich aufzunehmen
Du Gott der Gerechtigkeit…
für die Hungernden in Somalia, deren Zahl sich in einem Jahr auf 6,5 Millionen verdoppelt hat, weil ihr Leben durch anhaltende Dürre und steigende Preise für Lebensmittel zerstört ist; für die Kinder, deren Leben von akuter Unterernährung bedroht ist:
um Aufmerksamkeit für die Hungernden, um Einsatz gegen die Klimakatastrophe als wesentlicher Ursache des Hungers, um Mut zur Kritik gesellschaftlicher Strukturen der Herrschaft, um Umkehr im Denken und Handeln
Du Gott der Gerechtigkeit
für die Juden, deren Vernichtung auf Demonstrationen gefordert wird; für Juden, die in ihrem Alltag antisemitischen Bedrohungen und diffamierender Hetze ausgesetzt sind:
um Solidarität; um Sensibilität für antisemitische Redeweisen; um Mut zur Kritik einer Gesellschaft, die Nährboden für Antisemitismus ist
Du Gott der Gerechtigkeit
für diejenigen, die Opfer einer Politik sozialdarwinistischer Ausgrenzung und Repression sind, für Fliehende, für Arme, die als Faulenzer diffamiert und behandelt werden, für Behinderte, für Kranke und Alte:
um Menschen, die sie verstehen und sich an ihre Seite stellen; um Mut zu kritischer Analyse und Kritik an einer Gesellschaft, die ausgrenzt
Du Gott der Gerechtigkeit
für die Kirche, für den neuen Vorsitzenden der Bischofskonferenz und für alle, die sich in der Kirche einsetzen:
um Umkehr zum Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit; um den Blick über den Kirchturm hinaus; um eine gelebte Option für die Armen und den Mut zu prophetischer Kritik; um synodale Wege des Miteinanders
Du Gott der Gerechtigkeit
für die Toten; für diejenigen, die an den Folgen von Hunger und Umweltzerstörung gestorben sind; für diejenigen, die in Kriegen ihr Leben lassen mussten; für alle Toten, an die niemand mehr denkt, und für die Toten, die wir in Erinnerung haben; für alle, die trauern und einen Verstorbenen schmerzlich vermissen:
um deine Gerechtigkeit und dein rettendes Wort, um Auferstehung in die verwandelte Welt, die uns mit der Auferweckung des Sohnes Gottes versprochen ist
Du Gott der Gerechtigkeit
Um all das bitten wir im Vertrauen darauf, dass du für alle die Gerechtigkeit geschehen lässt, für die dein Sohn sich eingesetzt hat bis zum Tod am Kreuz.
Herbert Böttcher
1 Zitiert nach: Rosa Ruiz Aragones, „Für den Menschen leben“, in: Concilium. Internationale Zeitschrift für Theologie, Baden-Baden 2025, Heft 5, 517 – 524, 520.
2 Matthias Zachert, Wettbewerbsfähigkeit beginnt im Kopf, in: Kölner Stadt-Anzeiger vom 18.2. 26.
Ökumenisches Netz Rhein-Mosel-Saar e.V. Gerechtigkeit · Frieden · Bewahrung der Schöpfung