B. Imholz: Frauen sind das Andere der Produktion – eine Rezension

Roswitha Scholz: Back to the Roots. Zur Regression marxistisch-feministischer Theoriebildung heute. Texte aus 30 Jahren, Springe 2025, im Verlag zu Klampen

Wer in komprimierter Form in die feministische Theoriebildung von Roswitha Scholz einsteigen möchte, der sei dieses Buch wärmstens zu empfehlen. In der Zusammenstellung von über zehn Artikeln über einen Zeitraum von 30 Jahren entstanden legt Scholz nicht nur ihren Theorieansatz der „Wertabspaltung“ dar, sondern kritisiert auf dieser Grundlage aktuelle Diskussionen und Theoriebildungen in der feministischen bzw. allgemeinen Linken. Der Titel „Back to the roots“ ist dabei mit Sicherheit zweischneidig gemeint, denn zum einen entfaltet sie sorgfältig ihren eigenen feministischen marxistischen Theorieansatz, den sie seit den 90er Jahre entwickelt hatte, und zum anderen analysiert sie damit aktuelle feministische theoretische Ansätze sowohl im akademischen Raum als auch im Umfeld der sog. „Roten Gruppen“, in denen „Arbeiterbewegungsmarxismus“, wie sie es bezeichnet, frohe Urständ feiert zuungunsten feministischer Theoriebildung. Sie sieht hier den überwunden geglaubten Haupt- und Nebenwiderspruch in neuem Gewand erscheinen. Sie beobachtet sehr genau eine Wiederbelebung „alter“ marxistischer Theoreme und sieht hier einen großen Verlust feministischer marxistischer Analyse, weil die spezifisch weibliche Form der Unterdrückung und Ausbeutung im „ganz normalen Alltag“ wieder zum Verschwinden gebracht wird (s. „Frauenkampf= Klassenkampf als Antwort auf die fundamentale Krise? 2022).

Darin liegt Scholz Verdienst, dass sie das, was als „Weiblichkeit“ in Begriff gefasst wird, theoretisieren will und eine tiefere Erklärung sucht, warum „Frauen“ im Kapitalismus niemals zu ihrem Lebensrecht kommen können und wollen. Wie erklärt sich sonst die freiwillige Unterwerfung eines Teils der Bevölkerung unter sie ausbeutenden Bedingungen, fragt sie. Die Wert-Abspaltung ist ein Begriff, den Roswitha Scholz aufgebracht hat, und der in marxistischer Weise dem klassischen Wertbegriff eine Erweiterung zufügen will, die feministisch relevant sein kann. „(Mehr)Wert und Abspaltung sind dialektisch miteinander vermittelt und stellen als solches den Basiszusammenhang des kapitalistischen Patriarchats dar“ (S. 229). Darauf basiert auch ihre Kritik am feministisch-psychoanalytischen Ansatz der Schweizer Philosophin Tove Soiland oder Beatrice Müller, dass es nicht reicht, die zunehmende Inwertsetzung der Carearbeit, wie es auch Nancy Fraser als „Landnahme“ bezeichnet hatte, in Augenschein zu nehmen. Dazu gehört auch eine „umstandslose“ Konfundierung von Psychoanalyse (bei Beatrice Müller) mit kritischer Gesellschaftstheorie, die Scholz nach analytisch zu trennen seien. Sie wittert hier eine Psychologisierung des Geschlechterverhältnisses, das ins Subjekt hinein verlagert werden soll. Demgegenüber betont sie die Eigenlogik von Reproduktions- bzw. Sorgearbeit, die nicht umstandslos der Wertlogik untergeordnet werden sollte („Marxismus-Feminismus-Kritische Theorie heute“ 2022).

Die Krise der Wertbildung ist Scholz leitendes Theorem, von dem aus sie andere Ansätze unter die Lupe nimmt. Das Wesen des Kapitalismus ist nicht der Klassenantagonismus, argumentiert sie, sondern der Fetischcharakter der Ware bildet das soziale Band in der Gesellschaft, so dass letztlich eine identitäre Dimension nicht das Hauptproblem darstellt, sondern die Totalisierung als Grundprinzip kapitalistischer Warenproduktion („Neue Gesellschaftskritik und das Problem der Differenzen“ 2004).

Scholz zieht in ihrem neuen Buch quasi eine Bilanz, indem sie sich fundamental mit (gefühlt) allen relevanten aktuellen Veröffentlichungen zum Thema Feminismus auseinandersetzt. Die mehr oder weniger aktuelle feministische Theoriebildung im Umfeld Kritischer Theorie um Becker-Schmidt und Karin Stögner, die Untersuchung des Intersektionalitätsansatzes um Gabriele Winker („Intersektionalität und Diversität in der altlinken Sackgasse“ 2025), aber auch weniger im akademischen Raum verbreitete eher im antideutschen Milieu verortete Koschka Linkerhand um das feministische Publikationsorgan „Outside the Box“ werden analysiert und kritisiert. Auch der unter dem Label Social Reproduction Theory im linken feministischen Milieu breit rezipierte Ansatz von Lise Vogel oder die von ihr als Operaistin qualifizierte Silvia Federici „kriegen ihr Fett weg“. Die Wiederkehr eines explizit materialistischen Feminismus allerdings als notwendige Zurückweisung des entpolitisierenden Genderdiskurses seit dem Durchmarsch von Judith Butler durch die deutschen Universitäten findet dabei Scholz’ Wohlwollen.

Man mag sich fragen, ob es für die Autorin nicht frustrierend ist, alle dargestellten Ansätze daraufhin zu untersuchen, ob das eigene Theorem Berücksichtigung findet oder nicht. Oder anders gefragt, woran liegt es eigentlich, dass die Wertabspaltungsthese offensichtlich wenig Eingang in feministische Theoriebildung gefunden hat. Unserer Meinung nach liefert dieser Ansatz eine vertiefte Analyse feministischer Kapitalismuskritik und damit hilfreiche Fragestellungen für ein zukünftiges feministisches Politikverständnis angesichts der Krise linker Politik.

Roswitha Scholz neues Buch ist damit hochaktuell. Auch wenn man ihrer Kritik nicht immer folgen muss, erschließt sich schnell ihre Leitfrage, nämlich, wie sich Kapitalismuskritik zum „prozessierenden Widerspruch“ verhält, der für sie das entscheidende Merkmal kapitalistischer Entwicklung heute ist. Sie und Robert Kurz gehen davon aus, dass der Wert in seiner Abstraktion verschwindet und die kapitalistische Entwicklung damit zwangsläufig an ihr Ende gerät, wofür sie zwar nicht in den hier versammelten Texten, aber in anderen zahlreichen Veröffentlichungen seit 3 Jahrzehnten argumentieren. Da taucht natürlich die Frage der Zeitlichkeit auf. In welchen Zeitdimensionen müssen wir hier hier denken? Endet dieser Prozess sehr schnell, mit einer Katastrophe, noch in unserem Zeithorizont? Scholz listet die Krisenphänomene auf, wie Verwilderung des Patriarchats, Verrohung der Gesellschaften, Zunahme von Terror usw. Oder wird es ein schleichender Prozess, der sich noch gute 200 Jahre hinziehen wird? Für eine aktivistische Position ist dies nur bedingt handlungsleitend, dem Scholz nichts entgegen stellen würde, aber es bestimmt natürlich den Horizont politischer Handlungsfähigkeit.

Barabra Imholz, Institut für Theologie und Politik

 

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