Christmette 2025

„In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen“ (Lk 2,1). Das Weihnachtsevangelium beginnt mit einer Zeitansage. Es buchstabiert die Botschaft von der Geburt des Messias hinein in die Zeit, in der Israel unter der römischen Gewaltherrschaft zu leiden hatte.

Heute hören wir das Weihnachtsevangelium in einer Zeit, in der immer mehr Menschen Opfer der Klimakatastrophe werden. Sie ist wesentlich verursacht durch eine Wirtschaft, die Unmengen an Rohstoffen und fossiler Energie verbraucht. Getragen ist sie von einem Lebensstil, der unbegrenzten Konsum mit Freiheit verwechselt. Menschen in den armen Ländern sind die ersten Opfer von Stürmen und Überflutungen, von Dürre und Verwüstung.

Auch in den sog. reichen Ländern wächst die Armut. Menschen werden obdachlos, Kinder wachsen in Armut auf – ohne ausreichenden Zugang zu Bildung und Gesundheit. Familien wissen nicht mehr, wie sie die steigenden Kosten für Ernährung und Wohnung bezahlen sollen. Wer arm ist und krank wird, wer auf der Straße lebt, sich in der digitalen Welt nicht zu helfen weiß, wer über keine Netzwerke verfügt, ist ausgeschlossen. Menschen, die zur Mittelschicht gehören, fürchten, in Armut abzustürzen. Ihre Ängste verbinden sich mit politisch geschürten Ressentiments gegen Arme, vor allem gegen Fliehende.

Und immer wieder Hass auf Juden. Am Abend des dritten Adventssonntag wurden in Sidney bei einem Terroranschlag auf einer Feier des jüdischen Lichterfestes mindestens 15 Menschen getötet, darunter ein zehnjähriges Mädchen, ein Rabbiner und ein Überlebender des Holocaust. Dutzende wurden verletzt. Weltweit werden Juden gejagt und getötet. Bereits an den ersten drei Tagen des Lichterfestes kam zu einer Reihe von Angriffen auf Juden: In der Schule und in ihrem Haus wurden Juden getötet. Ein anderes Haus wurde beschossen, während die Täter riefen: „Freiheit für Palästina!“ Juden wurden in der U-Bahn brutal angegriffen. Vereitelt wurden islamistische Terroranschläge auf einen Weihnachtsmarkt in Polen und in Deutschland sowie ein palästinensischer Terroranschlag in Kalifornien.

Liedruf

Heute hören wir das Weihnachtsevangelium in einer Zeit, in der die Versuchungen wachsen, auf die weltweiten Krisen mit autoritären Mitteln zu reagieren. Gesellschaftliche Krisen und zerfallende politische Macht sollen durch den Kampf um Selbstbehauptung, durch Krieg und Militarisierung abgewehrt werden. Zugleich wächst die Aggression gegen Geflüchtete, gegen Arme im eigenen Land, gegen Alte, die vermeintlich der Zukunft der Jüngeren im Wege stehen. Weltweit wachsen die Attacken auf soziale Gerechtigkeit und gesellschaftliche Gleichheit, auf den vermeintlich sozialistischen und bürokratischen Wohlfahrtstaat. Attackiert wird geschlechtliche und kulturelle Verschiedenheit. Nationale Uniformität soll den sozialen und gesellschaftlichen Zerfall abwehren. Helfen sollen Selbstbehauptung und Kraftmeierei. Tabuisiert wird auch in der Kirche, was Papst Franziskus wie auch der neue Papst eine „Wirtschaft, die tötet“, genannt haben, die Kritik des Kapitalismus, der in seiner Krise Menschen zu Müll werden lasst, über Leichen geht und den Globus in die Vernichtung treibt.

Liedruf

Heute hören wir das Weihnachtsevangelium in einer Zeit, in der für viele gilt: ‚Ich glaub nix, mir fehlt nix‘. Gemeint ist der Glaube an einen transzendenten Gott, der die Grenzen der Welt wie sie ist übersteigt. ‚Geglaubt‘ wird jedoch an so manches: an positive Energien und Selbsterfahrung, an Bauchgefühl und kosmische Kräfte, an Digitalisierung und Künstliche Intelligenz, an die Macht des Stärkeren und nicht zuletzt an die Macht des Geldes und seiner Vermehrung.

Indessen werden Gerechtigkeit und Solidarität fremd. Dann wird der Gott der Bibel noch fremder. Er ist ja nicht ‚zu haben‘ ohne die Vorstellung, dass alle Menschen solidarisch in einer gerechten Welt leben, in der alle Platz haben.

Vor 700 Jahren wurde auf dem Konzil von Nicäa darum gerungen, wie der Gott zu verstehen ist, der in seinem Sohn Jesus Mensch geworden ist – und das um des Heiles aller Menschen willen. Nur wenn die Kirche sich an die Traditionen erinnert, in denen der Glaube an Gott und seinen Sohn lebendig ist, kann sie dazu beitragen, dass er seine heilende und befreiende Kraft entfalten kann.

Liedruf

Gebet:

Gott, vielen ist dein Name fremd geworden. Fremd geworden ist deine Solidarität mit den Letzten. Fremd geworden sind deine Wege der Befreiung an der Seite der Erniedrigten und Beleidigten, dein Aufstand gegen Verhältnisse, die Menschen in Arme und Reiche spalten und zu Feinden machen. Fremd drohst du auch in Kirchen zu werden, die sich um sich selbst drehen und dabei vergessen, dass du ein Gott bist, der seiner Welt Wege aus Unrecht und Gewalt, aus Leid und Tod zeigen will.

Bring dich wenigstens deiner Kirche wieder in Erinnerung. Brich ihr Kreisen um sich selbst auf. Öffne ihr den Blick für deine Wege der Rettung und Befreiung inmitten einer Welt, in der das Leben so vieler Menschen bedroht ist. Mach uns in dieser Nacht hellhörig und wach. Lass uns erahnen, was dein Name beinhaltet und welche Wege du uns in deinem Sohn führen willst.

Musik

Lesungen

Erste Lesung: Jes 9,1-6

Hinführung:

Der Prophet Jesaja verkündet dem „Volk, das im Dunkeln lebt, … ein helles Licht“. Er  spricht in eine Zeit, in der Israel von Assyrien bedroht ist. Das „helle Licht“ ist die Ankündigung des Endes der Unterdrückung, das Ende der dröhnend über alles hinweg stampfenden Stiefel des Militärs und ihrer „mit Blut befleckten“ Mäntel.

Angekündigt wird die Geburt eines Kindes, eines Königssohns. Mit ihm verbindet Jesaja die Hoffnung auf eine Zeitenwende. Die Opfer der Unterdrückung sollen endlich zu ihrem Recht kommen. Dies geschieht nicht durch militärische Stärke, sondern durch eine Friedensordnung, die Recht und Gerechtigkeit für die Armen schafft.

Text: Jes 9,1-6

1 Das Volk, das in der Finsternis ging, / sah ein helles Licht; über denen, die im Land des Todesschattens wohnten, / strahlte ein Licht auf. 2 Du mehrtest die Nation, / schenktest ihr große Freude. Man freute sich vor deinem Angesicht, / wie man sich freut bei der Ernte, / wie man jubelt, wenn Beute verteilt wird. 3 Denn sein drückendes Joch und den Stab auf seiner Schulter, / den Stock seines Antreibers zerbrachst du wie am Tag von Midian. 4 Jeder Stiefel, der dröhnend daherstampft, / jeder Mantel, im Blut gewälzt, / wird verbrannt, wird ein Fraß des Feuers. 5 Denn ein Kind wurde uns geboren, / ein Sohn wurde uns geschenkt. Die Herrschaft wurde auf seine Schulter gelegt. / Man rief seinen Namen aus: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, / Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens. 6 Die große Herrschaft / und der Frieden sind ohne Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, / es zu festigen und zu stützen durch Recht und Gerechtigkeit, / von jetzt an bis in Ewigkeit. Der Eifer des HERRN der Heerscharen / wird das vollbringen.

Zwischengesang: Ps 72 (Gl 47)

Zweite Lesung:

Hinführung:

Für Paulus geschieht die Zeitenwende in der Sendung des Sohnes Gottes. In ihm stellt sich Gott selbst gegen die römischen Weltordnung der Versklavung samt ihrer kosmischen Überhöhung. Gottes Sohn ist mit den Versklavten solidarisch. Er wird einer von ihnen und hingerichtet am Kreuz der Römer. In seiner Auferweckung hat Gott ihm Recht gegeben und so deutlich gemacht: Sein Weg an der Seite der Versklavten ist Gottes Weg zu einer menschlichen Welt.

Text: Gal 4,3b-7

Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Galater:

Solange wir unmündig und abhängig waren, waren wir Sklaven geschichtlicher und kosmischer Mächte. Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau, geboren unter dem Gesetz, damit er die befreie, die unter dem Gesetz stehen, damit wir Söhne und Töchter Gottes werden. Weil ihr Söhne und Töchter seid, sandte Gott uns den Geist seines Sohnes in unser Herz, der ausruft: Abba, Vater. So bist du nicht mehr Sklave, sondern Sohn und Tochter. Wenn aber Sohn und Tochter, dann auch Kind Abrahams und Erbe der Verheißung durch Gott.

Evangelium: Lk 2,1-14

1 Es geschah aber in jenen Tagen, dass Kaiser Augustus den Befehl erließ, den ganzen Erdkreis in Steuerlisten einzutragen.[1] 2 Diese Aufzeichnung war die erste; damals war Quirinius Statthalter von Syrien. 3 Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen. 4 So zog auch Josef von der Stadt Nazaret in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Betlehem heißt; denn er war aus dem Haus und Geschlecht Davids. 5 Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete. 6 Es geschah, als sie dort waren, da erfüllten sich die Tage, dass sie gebären sollte, 7 und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war. 8 In dieser Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde. 9 Da trat ein Engel des Herrn zu ihnen und die Herrlichkeit des Herrn umstrahlte sie und sie fürchteten sich sehr. 10 Der Engel sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll: 11 Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Christus, der Herr. 12 Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt. 13 Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer, das Gott lobte und sprach: 14 Ehre sei Gott in der Höhe / und Friede auf Erden / den Menschen seines Wohlgefallens.

Predigt

Eine „Geburtstagsparty für Jesus“ war das Motto einer Christmette für Familien. Erreicht werden sollten Menschen, die mit der Rede von einem transzendenten Gott und seinem Sohn nichts anfangen können. Wie sinnvoll das ist, sei dahin gestellt. Inhaltlich entscheidend auch für uns ist die Frage: Wie kommen in diesem Geburtstagskind Mensch und Gott zusammen?

Oft sagen wir: In diesem Kind ist Gott Mensch geworden. Unklar bleibt aber, was mit Gott und was mit Mensch gemeint ist. Das Weihnachtsevangelium spricht nicht allgemein vom Menschen. Es erzählt von einem bestimmten Menschen, der in einer bestimmten Zeit geboren wurde und gelebt hat. Geboren wurde er „in jenen Tagen“, in denen Kaiser Augustus befahl, „den ganzen Erdkreis in Steuerlisten einzutragen“ (Lk 2,1). Es ist die Zeit der römischen Herrschaft. Da sollten Steuerlisten erstellt werden, um die Völker noch besser ausbeuten zu können. Selbst die Armen hatten eine Kopfsteuer zu zahlen, die sie sich erbetteln mussten.

In dieser Zeit wurde ein bestimmtes Kind geboren – ein Königssohn, ein Nachkomme des Königs David, geboren nicht in einem Palast, sondern in einem Stall, nicht auf Rosen gebettet, sondern auf Stroh in einer Krippe. Stall und Krippe verweisen bereits auf den erwachsenen Königssohn. Er „hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann“ (Lk 9,58), heißt es später. Sein Königsthron ist das Kreuz der Römer.

In seinem Brief an die Galater hebt Paulus hervor:  Jesus wurde geboren von einer jüdischen Frau und hat als Jude gelebt. Damit kommt Gott ins Spiel, aber nicht Gott im Allgemeinen als höheres Wesen, als Energie oder Spiritualität. Es geht um den Gott, an den die Juden glauben. Er hat Israels in Ägypten versklavte Vorfahren befreit. Mit ihnen hat er seinen Bund geschlossen und versprochen, mit ihnen zu gehen auf den Wegen der ihnen geschenkten Befreiung. Als Gottes Volk soll Israel so leben, dass es seinem Gott entspricht. Er ist ein Gott, der – so heißt es in einem Psalm – „wohnt in der Höhe“ und der „hinabschaut in die Tiefe. Den Geringen richtet er auf aus dem Staub, aus dem Schmutz erhebt er den Armen“ (Ps 113, 5-7). Deshalb muss ein Königssohn aus dem Haus Davids Gerechtigkeit für die Armen schaffen. Nach einem solchen Königssohn ruft Israel, wenn es betet: „Verleih dein Richteramt dem König, dem Königssohn gib dein gerechtes Walten. … Er schaffe Recht den Elenden des Volkes, er rette die Kinder der Armen…“ (Ps 72,1.4).

Israels Gott ist kein apathisches höheres Wesen, das die Welt geschaffen hat und sie dann ‚laufen lässt‘. Er ist empfindsam für das, was Menschen in der Geschichte erleiden, lässt sich berühren von ihren Schreien. Er ist auch keine anonyme Energie, sondern hat einen Namen, der mit dem Versprechen verbunden ist: Ich will für euch da sein als Retter und Befreier. Es soll also geschehen, was er mit seinem Namen versprochen hat. Dieser Gott ist kein „abstraktes außer(halb) der Welt hockendes Wesen“[1], sondern ein Gott, der in der Geschichte wirksam werden will. Er will Verhältnisse umstürzen, „in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“[2]. Sein Geist ist keine spirituelle Beruhigungspille, sondern schenkt die Kraft, Wege der Befreiung, der Gerechtigkeit und des Friedens zu gehen.

Das Kind, dessen Geburt wir in dieser Nacht feiern, nennt Paulus „Sohn Gottes“. In Israel werden die Könige „Sohn Gottes“ genannt, weil sie dafür sorgen sollen, dass die Armen zu ihrem Recht kommen. Real aber haben die Könige das Volk ausgebeutet, in Kriege geführt und zerstört. Das Ergebnis war immer wieder neue Knechtung durch fremde Herrschaft. Unter der Herrschaft Roms sandte Gott seinen Sohn sagt Paulus und betont: „als die Zeit erfüllt war…“ (Gal 4,4). Diese Formulierung verweist auf die Apokalyptik[3]. In der Bibel ist sie die Zeit der Krisen und Katastrophen. Die Zeit ist erfüllt, heißt dann: das Maß ist voll. Unter der Sklaverei Roms war für Israel die Aussicht, als befreites Volk solidarisch miteinander zu leben, in scheinbar unerreichbare Ferne gerückt. Das Maß des Leidens und der Hoffnungslosigkeit ist jetzt voll.

Als Antwort sendet Gott seinen Sohn. Mit ihm kommt er selbst mitten hinein in eine hoffnungslose Situation, in der Menschen geknechtet sind durch geschichtliche und kosmische Macht. Politische Herrschaft galt ja als Ausdruck einer unverrückbaren kosmischen Ordnung. Wo alles ausweglos erscheint, setzt Gott einen neuen Anfang. Um das deutlich zu machen, greift Paulus auf Abraham zurück. Ihm hatte Gott, als er ihn aufforderte, in ein neues Land aufzubrechen, versprochen: „Ich werde dich zu einem großen Volk machen…“ (Gen 12.2f).  Ihm ist aufgetragen, „Gerechtigkeit und Recht zu üben“ (Gen 18,19). Wie Abraham sollen alle Völker aufbrechen zu Wegen der Gerechtigkeit hin in ein Land, in dem Gottes Verheißung der Rettung und Befreiung für alle Völker Wirklichkeit wird.

Den Weg der Gerechtigkeit bahnt Gott jetzt selbst in seinem Sohn. In ihm geschieht all das, was Israel mit dem Namen Gottes verbindet, und das mitten in einer ausweglos erscheinenden Situation voller Leid und Katastrophen. Geboren wurde er in „jenen Tagen“ des Augustus, „gekreuzigt unter Pontius Pilatus“, weil er dafür eingestanden ist, dass Gott und nicht der Kaiser König Israels und aller Völker ist. Ihn hat Gott auferweckt, ihm Recht gegeben und ihm so  Gerechtigkeit widerfahren lassen. Ihn hat er zum ‚Herren‘ der Geschichte und des ganzen Kosmos gemacht. In den ersten Gemeinden wird er gepriesen als „Bild des unsichtbaren Gottes“ als „Erstgeborener der Schöpfung“ (Kol 1,16) und als „Erstgeborener der Toten“ (Kol 1,18). Er entthront alle Macht in der Geschichte und alle dem Kosmos zugeschriebene Macht, sogar die Macht des Todes. Sein Weg der Solidarität mit den Versklavten wird von Gott zu einem Weg der Befreiung gemacht für alle, die unter dem Gesetz der Knechtschaft römischer und sonstiger Herrschaft stehen. Sie sollen sich nicht mehr von dem „Geist der Knechtschaft“ niederdrücken lassen, sondern sich als Kinder des Gottes der Befreiung verstehen und beten: „Abba, Vater“ (Gal 4,4).

Sie alle sind Erben der dem Abraham gegebenen Verheißung. Wie er können sie aufbrechen in ein neues Land, in eine menschliche Welt, die geprägt ist von Gottes Gerechtigkeit und einem solidarischen Miteinander. Das alles beginnt im Stall von Bethlehem: Israels Gott aus der Höhe verbindet sich mit dem im Stall geborenen und am Kreuz hingerichteten Königskind. Sein Leben macht er zum Maßstab der Menschlichkeit und einer menschlichen Welt, bis hin zu einem neuen Himmel und einer neuen Erde. Gottes Transzendenz lässt die Welt nicht wie sie ist, sondern sprengt Grenzen und geschlossene Verhältnisse, die Menschen zu Konkurrenten und Feinden im Kampf ums Dasein machen. Die große Freude, die der Engel den gesellschaftlich verachteten Hirten verkündet, ist die Geburt eines Königskindes, das „in einer Krippe liegt“ (Lk 2,12). Dieses Kind, nicht Augustus, ist der Herr und Retter der Welt oder wie das Glaubensbekenntnis sagt; „Gottes eingeborener Sohn, wahrer Gott vom wahren Gott, … eines Wesens mit dem Vater“.

Was im Stall von Bethlehem begann, ist – so betont das Glaubensbekenntnis – „für uns Menschen und zu unserem Heil geschehen“. In einer Welt, die ohne Gott lebt, ist die Kirche gesandt, ganz weltlich an der Seite der Letzten für die Befreiung einzutreten, die mit dem Namen Gottes verbunden ist. Das wird sie in eine kritische Auseinandersetzung mit jenen Götzen bringen, die auch da regieren, wo die weltliche Gesellschaft meint, mit Göttern nichts zu tun zu haben. Dabei wird Gott zu einer weltlichen „Streitsache“. Auszufechten ist sie heute im Streit um die Götzen, denen die kapitalistische Gesellschaft folgt und dabei Gerechtigkeit und Solidarität immer mehr über Bord wirft, in ihrem Wachstumswahn über Leichen geht und die natürlichen Grundlagen des Lebens zerstört. „Mehr Kapitalismus wagen“[4] scheint angesichts der gegenwärtigen Krisen ein weltliches Glaubensbekenntnis zu sein. Damals hat Lukas mit seiner Weihnachtsbotschaft die Grenzen des römischen Imperiums aufgesprengt. Das sollte den Kirchen Mut machen, dafür einzutreten, dass Menschen in einer solidarischen und menschlichen Welt Heil und Rettung zuerst diejenigen erfahren, die in der Welt des Kapitalismus die Letzten sind und auch noch – seien es Fliehende, Arme und vor allem Juden – für all die Krisen verantwortlich gemacht werden. Diesen Letzten vor allem muss die Solidarität der Kirchen gelten.

Fürbitten

Guter Gott, du hast uns deinen Sohn gesandt. Er ist Mensch geworden in einer Zeit, in der viele keinen Ausweg mehr aus der Knechtschaft römischer Herrschaft sahen. Wir bitten dich

für alle, die heute unter Zerstörungen zu leiden haben; für Menschen, die durch Überflutungen ihr Land und ihre Heimat verlieren; für Menschen, die vor Krieg und Terror fliehen und auf verschlossene Herzen und Grenzen stoßen; für Afghanen, denen die Einreise nach Deutschland verweigert wird; für Menschen, die in Gaza unter den Folgen des Krieges und auch noch unter Unwetter zu leiden haben:

um Empfindsamkeit und helfende Hände; um Einsicht bei denen, die wollen, dass alles einfach so weitergeht; um Gehör für diejenigen, die kritisch über die Verhältnisse nachdenken; um Jesu Menschlichkeit und deine menschliche Welt

für Arme in unserem Land; für Menschen, die nicht mehr wissen wie sie Wohnung und Lebensmittel bezahlen sollen; für Kinder, die in Armut und unter Ausgrenzung aufwachsen; für Menschen, die arm und krank auf der Straße leben; für Menschen am Rand der Gesellschaft, die von immer neuen Sparmaßnahmen betroffen sind und dabei diskriminiert und unter Druck gesetzt werden:

um Gerechtigkeit und Solidarität, um Nachdenklichkeit bei denen, die ihre Herzen verschließen und wegsehen; um Jesu Menschlichkeit und deine menschliche Welt

für die Jüdinnen und Juden, die in Sidney bei der Feier des Lichterfestes Opfer antisemitischen Terrors geworden sind; für Jüdinnen und Juden, die weltweit wachsender antisemitischer Hetze und Gefahren des Terrors ausgesetzt sind; für die Jüdinnen und Juden in unserem Land, die Angst haben, als Juden erkannt zu werden:

um das Ende des Terrors; um Wachsamkeit gegenüber offenen und versteckten Formen des Antisemitismus; um Menschen, die sich an die Seite der Juden stellen; um die Solidarität der Kirchen; um Kritik gesellschaftlicher Verhältnisse, die zum Nährboden für Antisemitismus werden; um Jesu Menschlichkeit und deine menschliche Welt

für alle, die auf rücksichtslose Selbstbehauptung setzen, auf Macht und Stärke, auf Nation und völkische Identität, auf Ausgrenzung und aggressive Abwehr von Schwachen; für Menschen, die Lust auf Zerstörung verspüren; für alle, für die Gewalt zum vernichtenden Selbstzweck wird:

um Innehalten und Unterbrechung; um Menschen, die sich der Eskalation von Gewalt verweigern und ihr Einhalt gebieten; um Jesu Menschlichkeit und deine menschliche Welt

für alle, in dieser Nacht einsam und verzweifelt sind; für Menschen, denen das Alter zur Last wird; für diejenigen, die unter einer schweren Krankheit leiden; für Sterbende, die den Tod erwarten:

um die Nähe von Menschen; um Begleitung; um Hoffnung gegen Verzweiflung und die Endgültigkeit des Todes: um Jesu Menschlichkeit und deine menschliche Welt

für die Kirchen, die sich im Kreisen um sich selbst schwer tun, den Blick auf das zu weiten, was Menschen in Krisen und Katastrophen zu erleiden haben:

um Weitung ihres Blicks durch deine Solidarität mit den Geringsten; um die Weite deiner Menschenfreundlichkeit; um Jesu Menschlichkeit und deine menschliche Welt

diejenigen, die in Krisen und Katastrophen eines vorzeitigen Todes sterben mussten; für alle, die bei Terroranschlägen ums Leben kamen,  für Tote, an die niemand mehr denkt und für all die Toten, deren Namen in unserer Erinnerung gegenwärtig sind:

um Auferstehung, um die Begegnung mit Jesu Menschenfreundlichkeit und um Aufnahme in deine menschliche Welt.

Darum bitten wir dich in dieser Nacht, in der du uns die Menschlichkeit deines Sohn geschenkt hast und mit ihm die Hoffnung auf eine menschliche Welt.

Texte: Herbert Böttcher, Kapelle des Heinrichhauses Neuwied-Engers, 24.12.25

[1]     Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, in: Marx Engels Werke, Bd. 1, 378. Bei Marx ist der Satz nur auf den Menschen bezogen.

[2]     Ebd., 385.

[3]     Vgl. Peter von der Osten-Sacken, Der Brief an die Gemeinden in Galatien. Theologischer Kommentar zum Neuen Testament, hgg. von Ekkehard W. Stegemann, Angelika Strotmann, Klaus Wengst, Stuttgart 2019,

[4]     Friedrich Merz, Mehr Kapitalismus wagen. Wege zu einer gerechteren Gesellschaft, München 2008.