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Zusammenhänge deutlich machen statt sie unbestimmt zu lassen

„In welcher Gesellschaft wollen wir leben?!“ Mit dieser Frage möchte sich ein Bündnis von Gruppen und Einzelpersonen aus verschiedenen sozialen Bewegungen vermehrt beschäftigen. Anfang 2019 wurde dazu ein kurzes Grundsatzmanifest veröffentlicht. Jene Frage ist angesichts der zahlreichen sozialen, ökologischen und politischen Probleme auf der Welt mehr als berechtigt. In dem Papier heißt es: „Die Zustände schreien nach Veränderung!“

Einem „Suchprozess“ nach Alternativen, der „gegen das Unrecht vor unserer Haustür und in der großen Welt“ agiert, wäre auch von Seite des AK Arbeitskritik des Ökumenischen Netzes aus zuzustimmen. Ein solcher Prozess kann aber nur sinnvoll sein, wenn die „alltäglichen Kämpfe“ eingebettet sind in ein Nachdenken, dass die gesellschaftlichen Zusammenhänge und die ihr zugrunde liegenden Kategorien kritisiert, denen wir alle in unserem möglicherweise sehr verschieden erscheinenden Alltag unterworfen sind.

Leider lässt der Aufruf mit seiner notwendigen Frage nach einer anderen Gesellschaft und dem Wunsch nach einer offenen Suche danach die unumgängliche Eindeutigkeit der Benennung der global gewordenen Gesellschaftsformation als kapitalistisch-patriarchale vermissen. Die ausschließliche Anprangerung des Neoliberalismus stellt eine verkürzte Kritik dar. Der Neoliberalismus ist eine historische Spielart des Kapitalismus und kann nicht die komplexe Gesamtproblematik des Kapitalismus als dynamischer Krisenprozess („Von der Marktkritik zur Wert-Abspaltungskritik“) erklären, der immer deutlicher an seine logische und ökologische Grenze stößt.

Eine klare Verneinung der gesellschaftlichen Kategorien ist unverzichtbar, bei denen es sich umgangssprachlich ausgedrückt um Geld, Arbeit, Staat, Männerdominanz und verschiedene Ideologien handelt. Auf Basis eines bestimmten Neins gegen den patriarchalen Kapitalismus als ganzes könnten möglicherweise gesellschaftliche Alternativen entstehen. Die Widersprüche des bestehenden Systems in all seinen unterschiedlichen Ausdrucksweisen, die von ökonomischen, über politische bis zu kulturell-symbolischen reichen, müssten im Alltag sowie in ‚Kampagnen’ immer wieder am jeweils zu kritisierenden Objekt (sei es Wohnungsnot, Essensverschwendung, soziale Ungleichheit, Individualverkehr, Produktionsbedingungen in diversen Branchen…) durchbuchstabiert werden. So könnten hoffentlich – wie Marx es in der Kritik an der Hegelschen Rechtsphilosophie schon formulierte – „diese versteinerten Verhältnisse (…) zum Tanzen“ gebracht und überwunden werden.

Auf einen solchen Reflexions-, Widerstands- und Suchprozess müssten sich Bewegungen einlassen, wenn sie die „Unversöhnlichkeit mit den herrschenden Zuständen“ ernst nähmen.

AK Arbeitskritik des Ökumenischen Netzes Rhein-Mosel-Saar (Bad Kreuznach)