Startseite | Ideologiekritik | Der Weltgeist geht um … oder vielleicht auch unter?

Der Weltgeist geht um … oder vielleicht auch unter?

Zu: Thomas Assheuer, Was macht der Weltgeist?, in: DIE ZEIT Nr. 33/3030, 6. August

Zum Verständnis von ‚Weltgeist‘

Kant hatte danach gefragt, was das erkennende Subjekt und die Autonomie seiner Vernunft konstituiert. Mit Hegel rückt das Ganze der Welt und der Geschichte in den Blick und mit ihr die Frage, wodurch alles zusammen und im Fluss gehalten wird. Die Antwort ‚Gott‘ war in der Aufklärung fraglich geworden. Hegel greift als Antwort auf den ‚Weltgeist‘ zurück. Er ist als „die allgemeine und eine Idee“ das Absolute, das alles Besondere konstituiert. Als allgemeine Idee entäußert sich der Weltgeist in der Welt und erschafft sie als eine auf Vernunft hin ausgerichtete Welt. Nach seiner Entäußerung kehrt er wieder zu sich selbst zurück, um sich auf einer neuen Stufe der Entwicklung wieder neu in die Geschichte zu entäußern und wieder zu sich zurückzukehren und das immer wieder von Neuem. In dieser permanenten Entäußerung des Weltgeistes und seiner Rückkehr zu sich selbst entsteht Geschichte, und zwar als „Verwirklichung von Freiheit und Vernunft“ wie Assheuer zusammenfasst. Dies ist die philosophische Grundlage für den bürgerlichen Mythos des Fortschritts. Trotz aller Betriebsunfälle und Kollateralschäden schreitet die Geschichte fort zu dem ihr vom Weltgeist gesetzten Ziel von Freiheit und Vernunft.

Das ‚Allgemeine‘ des Weltgeistes muss sich also über seine Entäußerung mit dem Besonderen, mit dem Material der Geschichte verbinden. Wie aber kann die Geschichte als Ganze zu Vernunft und Freiheit kommen? Für Hegel durch das Handeln ‚großer Männer‘; in ihnen treibt der Weltgeist die Geschichte voran. Da bleibt die Frage: Wie soll durch das unkoordinierte Handeln Einzelner noch so bedeutender Geistesgrößen ein vernünftiges Ganzes entstehen? Zur Lösung greift Hegel zu einem Konstrukt, mit dem Adam Smith zu erklären versuchte, warum das unkoordinierte Handeln einzelner ihre eigenen Interessen verfolgenden Wirtschaftsakteure zu einem vollkommenen Markt und zum ‚Wohnstand der Nationen‘ führen soll. Für Smith besorgte das ‚die unsichtbare Hand des Marktes‘. Hinter dem Rücken der Einzelnen lenkt sie ihr Handeln auf ein sinnvolles Ganzes. Hinter dieser Vorstellung steht ein theologisches Erbe: der Glaube an die Vorsehung Gottes, von der die Geschichte durch alle Wirren hindurch zur Vollendung gelenkt wird. Analog zur ‚unsichtbaren Hand des Marktes‘ spricht Hegel von der ‚List der Vernunft‘. Sie lenkt hinter dem Rücken der Großen in der Geschichte das Ganze der Geschichte über alle Leiden hinweg zu Vernunft und Freiheit. Damit sind Leiden von Menschen als notwendige Kollateralschäden auf dem Weg zu dem vom Weltgeist verbürgten Ideal gerechtfertigt.

Zur Kritik bürgerlicher Fortschrittsmythologie

Einen aktuellen Bezug kann eine Bemerkung von Bischof Johannes Bahlmann, dessen Bistum in der Amzonasregion im Nordosten Brasiliens liegt, verdeutlichen: „Wir blicken heute zurück auf die Geschichte und denken: Unfassbar, was frühere Generationen alles verbrochen haben! Ich möchte nicht wissen, was künftige Generationen einmal über uns sagen werden, wenn wir der Vernichtung des Regenwaldes nicht endlich Einhalt gebieten.“[1] Das Erschrecken des Bischofs kann auf all die Orte der Vernichtung des Lebens rund um den Globus ausgeweitet werden: die sich ausweitende Versteppung, den Anstieg der Meeresspiegel…, das Überflüssig-machen von Menschen, wirtschaftliche und politische Zusammenbrüche, Bandenkriege in den Zerfallsregionen, Barbarisierung der Beziehungen, kurz die Zerstörung der Lebensgrundlagen und die damit einhergehende Migration und Flucht von Menschen, die für die meisten, wenn sie nicht schon vorher umkamen, vor den polizeistaatlich und militärisch abgeschotteten Grenzen Europas bzw. in einem Lager endet, in dem kein Querdenker oder Liberaler einen Widerspruch zur Freiheit zu erkennen vermag – stattdessen aber um so mehr beim Maskentragen und bei Lockdowns im Rahmen einer Pandemie.

Schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts hat der marxistische Philosoph und Literaturkritiker Walter Benjamin das bürgerliche Fortschrittsdenken kritisiert. In der Geschichtsschreibung ‚überlebten‘ die Sieger, während die Opfer im Nichts des Vergessens verschwänden. Die bürgerliche Fortschrittsgeschichte zeigte sich ihm als eine Geschichte der Katastrophen. Es müsse darum gehen, den Gang dieser Geschichte zu unterbrechen, ihre Dialektik zum Stillstand zu bringen und diesen Stillstand zu kritischer Reflexion zu nutzen. Dabei müsse die Geschichte statt aus der Perspektive der Sieger aus dem Blickwinkel der Verlierer erinnert und in ihrem katastrophischen Gang aufgesprengt werden.

Theodor W. Adorno hat das, was Benjamin geschichtsphilosophisch bedacht hat, erkenntnistheoretisch reflektiert. Gegen Hegels Verabsolutierung des Allgemeinen (des Weltgeistes) betont Adorno das Besondere, das nicht im Allgemeinen eines totalisierenden Begriffs aufgehen dürfe. In der Dominanz des Allgemeinen gegenüber dem Besonderen erkennt er ein Herrschaftsverhältnis. Das Allgemeine herrscht über das Besondere. Das klingt abstrakt, wird aber deutlicher, wenn klar wird, dass mit der Herrschaft des Allgemeinen nach Adorno die Allgemeinheit des Tauschprinzips zur Geltung kommt. Im Tausch der Waren wird das Besondere der einzelnen Waren  im Tauschwert – ausgedrückt in Geld – gleich gesetzt. Die Gleichheit des Tauschs macht alles Besondere gleich. All das, was nicht im Tausch aufgeht, ist wertlos, überflüssig… Konkret: Menschen, die ihr Humankapital auf dem Markt nicht gegen Lohn tauschen können, verlieren die Grundlage ihrer Existenz, werden nicht nur ‚überflüssig‘, sondern auch noch zu einer gesellschaftlichen Belastung.

Gegen Hegels Denken vom Allgemeinen und seiner dialektischen Selbstentäußerung und der Aufhebung der Widersprüche in einer Synthese entwickelt Adorno seine ‚negative Dialektik‘. Sie setzt bei dem an, was nicht in der Allgemeinheit der ‚herrschenden‘ Begriffe aufgeht und ihnen widersteht. Dieses Widerständige äußert sich vor allem im Leiden von Menschen unter den herrschenden Zuständen. Sowohl von Benjamin als auch von Adorno ist eine kritische Theologie inspiriert. In ihrem Zentrum steht die ‚memoria passionis‘, die Erinnerung des Leidens und des Widerstands gegen Unrecht und Gewalt, also an all das, was nicht in einem allgemeinen Sinn und Ziel der Geschichte aufgeht. Sie versteht sich als ‚nachidealistische‘ Theologie und so als Einspruch gegen Versuche in Philosophie und Theologie, Ziel und Sinn der Geschichte durch ontologisch-idealistische Begründungen zu sichern. Sie besteht auf dem Nicht-Identischen, vor allem auf dem Besonderen menschlicher Leidensgeschichten, die in den Reden von einem  Universalsinn der Geschichte oder in theologisch konstruierter Heilsgewissheit entwichtigt und letztlich zum Verschwinden gebracht werden.

 Zurück zu Assheuer

Die oben genannten m.E. interessantesten Bezüge zu Hegels Weltgeist stehen nicht in Assheuers Text. Er nimmt zwar einige problematische Entwicklungen wahr, analysiert sie aber nicht, sondern schwingt sich ‚leicht und seicht‘ darüber hinweg. Ein Problem wird genannt, und schon geht es zum nächsten – ohne dass ein stringenter Gedanke, eine „Anstrengung des Begriffs“ (Hegel) erkennbar wäre. Aufgegriffen seien Assheuers Bezüge zu Marx und Popper:

Im Blick auf Marx reproduziert er lediglich die Phrase, dieser habe Hegels Idealismus vom Kopf auf die Füße gestellt und den „irdischen Klassenkampf“ als Motor der Weltgeschichte ausgemacht. Interessanter als der Marx des Klassenkampfs ist der Marx der Fetischismusanalyse, zumal wenn es um das Verhältnis von Marx und Hegel geht. Wenn Marx den Kapitalismus als Fetischismus, als ‚Götzendienst‘, analysiert, zielt er auf die Grundbewegung für die Vermehrung des Kapitals. In Analogie zu Hegels Selbstentäußerung des Geistes und seiner Rückkehr zu sich selbst zwecks neuer Entäußerung formuliert: Das Kapital entäußert sich in der Produktion von Waren. Hier bildet sich durch die Verausgabung von Arbeit der Wert und Mehrwert, der in der Ware vergegenständlicht ist. In der Zirkulation der Ware, also im Kaufen und Verkaufen verwandelt sich der Wert in Geld bzw. Mehr-Geld. Also: das entäußerte Kapital kehrt zu sich selbst zurück und entäußert sich von Neuem in die Produktion von Waren, um sich selbst immer weiter zu vermehren. Darin geht es nicht um die Weltgeschichte, sondern um die Geschichte des Kapitalismus, der die seit ein paar hundert Jahren vergangene und gegenwärtige Welten in den Abgrund getrieben hat bzw. treibt.

Im Unterschied zu Hegel weiß Marx darum, dass dem Fortschritt in der Vermehrung des Kapitals eine innere Grenze gesetzt ist. Da es in der Konkurrenz Waren produzieren muss, ist es gezwungen, Arbeit durch Technologie zu ersetzten. Damit aber gräbt es sich selbst das Wasser ab, nämlich die Arbeit als Quelle von Wert und Mehr-Wert. Das Verschwinden der Arbeit ist der entscheidende Grund für die Ausweglosigkeit der Krise des Kapitalismus, die wir gegenwärtig erleben und über die Assheuer auf der Suche, wo denn der Weltgeist stecken mag, hinweg schwadroniert.

Während Hegel in seiner Reflexion auf den Weltgeist auf eine Totalität hin reflektiert, stellt Popper alles Denken von Totalität unter Totalitarismusverdacht. Dabei hat er – was Assheuer nicht schreibt – vor allem utopisches Denken im Blick. Wer gegen die Realitäten Utopien entwickelt, wird totalitär. Poppers sog. ‚kritischer Rationalismus‘ affirmiert in Abwehr von Utopien die Welt wie sie ist. Nachdem die Utopien mit der vermeintlichen Utopie des Kommunismus an ihr Ende gekommen sind, sieht Fukuyama das „Ende der Geschichte“ in Markt und Demokratie gekommen. Der Fortschritt hat sein nicht mehr zu überbietendes Ziel erreicht.

Auch postmoderne Philosophie versteht sich als antitotalitäres Denken. An die Stelle des Gedankens der Einheit tritt die Vielheit, vor allem in Gestalt der Vielheit der Kulturen. Verborgen bleibt dem postmodernen Kulturalismus jedoch, dass dieser Pluralismus in der nicht reflektierten Uniform kapitalistischer Verwertung stattfindet, die auf ihre Grenzen stößt. An diesen Grenzen kippt der postmoderne Pluralismus in identitäres und autoritäres Denken um. Besonders blamiert hat er sich in Bürgerkriegen bzw. Gewalteskalationen, in denen identitäre Ethnien in den Zerfallsprozessen des Kapitalismus übereinander herfallen. Diese Problematik steht hinter dem, was Assheuer unter dem Stichwort „Jugoslawien-Krieg und der islamische Terror“ anspricht. Es ist bezeichnend für Assheuers Text, dass er seitenweise Probleme aufzählen kann, ohne auch nur eines analytisch greifen bzw. begreifen zu können. ‚Ceterum censeo‘: Es fehlt „die Anstrengung des Begriffs“.

Und am Ende Habermas…

Immerhin findet der Text gegen Ende zu einer interessanten Bemerkung: „Israel bricht mit dem mythischen Denken und verkündet eine Revolution: den Bund mit Gott und den Auszug aus Ägypten.“ Das ist in der Tat ein entscheidender Bruch im Denken. Geschichte bricht ins Denken ein. Dies steht gegen Mythos, den Idealismus Platons und aller seiner Runden (wie ‚Platons Runde‘, die es in Koblenz gibt) bis zum Idealismus von Hegels Weltgeist. Das Leben und die Geschichte sind weder in einem Ur-Mythos noch in einer noch so hehren Idee gesichert. „Kein Weltgeist bürgt für die Selbstzivilisierung der Gattung im Sinne einer vernünftigen Freiheit“, schreibt Assheuer Habermas aufgreifend zurecht. Hinzuzufügen wäre: Das tut auch kein Mythos und keine transzendentale Idee. In all den Unsicherheiten, die mit der Krise des Kapitalismus einhergehen, sind stabilisierende Mythen wieder gefragt, die Mythen eines heilen und heilenden Selbst, aber auch der Mythos der Aufklärung, von dem selbst die in der Krise einbrechenden Subjekte nicht lassen können.

Auch Habermas hält trotz kritisch erscheinender antiidealistischer Töne an dem Mythos der Aufklärung fest. Es gibt zwar keinen Weltgeist, der die „Selbstzivilisierung der Gattung im Sinne einer vernünftigen Freiheit“ verbürgt, aber einen „Lernprozess mit offenem Ausgang“. In diesen Lernprozess – so Assheuer „verwandelt sich“ das, „was für Hegel der waltende Weltgeist ist“. Der Lernprozess aber hat immer schon das vorausgesetzt, worin er auch endet: „das Verlangen nach einer sozialen Demokratie“. Solches ontologische Verlangen nach Demokratie ist Anfang und Ende der Weltgeschichte. Vorausgesetzt ist, was Gegenstand der Kritik sein müsste: Demokratie als die politische Form, in der die Akkumulation des Kapitals seinen Gang geht. In der Krise der Akkumulation des Kapitals wird offenbar, was in ihr steckt: Ausnahmezustand und Repression. Da hilft kein Beten, und noch weniger helfen idealistische Beschwörungen einer ‚eigentlichen‘ Demokratie als normativer Grundlage sozialen Zusammenlebens. Solch transzendentale Idealismen landen in einer ‚schlechten Unendlichkeit‘, in der die Welt in Barbarei versinken mag und das demokratische Ideal davon unangefochten immer weiter transzendental gehegt, gepflegt und eingeklagt werden kann…

Herbert Böttcher   

[1]     „Die Lage ist außer Kontrolle“ Der brasilianische Bischof Johannes Bahlmann über die Corona-Krise in Amazonien und die anhaltende Vernichtung des Regenwaldes, in: Kölner Stadt-Anzeiger vom 30.11. 2020, S. 4.