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11. Sonntag im Jahreskreis – Texte und Evangeliumsauslegung

Mit dem heutigen Sonntag wird die Reihe der Sonntage im Jahreskreis wieder aufgenommen. Er ist in diesem Lesejahr geprägt vom Evangelium nach Matthäus. Die Ersten Lesungen sind dem Ersten Testament entnommen und stellen einen Bezug zum Evangelium her. In der Zweiten Lesung begegnen uns an den kommenden Sonntag Texte aus dem Brief des Paulus an die Römer.

Erste Lesung: Ex 19,2-6a

 Hinführung:

Die Lesung erzählt von Gottes Bundesschluss mit Israel. Seine Grundlage ist die Befreiung aus Ägypten. Darin hat sich Gottes Treue zu seinem Volk gezeigt. Sie wird im Bund gleichsam in einen Vertrag gegossen und befestigt. Jetzt ist Israel auch ausdrücklich als Gottes Volk konstituiert. Gottes Treue entspricht die Treue des Volkes zu seinem Gott. Sie findet ihren Ausdruck im Hören auf Gottes Weisungen, die dem Mose als Weisungen für Israels Wege der Befreiung in Gestalt der Tora geschenkt werden. Wenn der Text davon spricht, dass Israel berufen ist, „unter allen Völkern“ Gottes „besonderes Eigentum“ zu sein, hat er das Zeugnis von Gottes Treue zu Israel und seinen Verheißungen im Blick, die zu Verheißungen für alle Völker werden sollen.

Text:

2 Sie waren von Refidim aufgebrochen und kamen in die Wüste Sinai. Sie schlugen in der Wüste das Lager auf. Dort lagerte Israel gegenüber dem Berg. 3 Mose stieg zu Gott hinauf. Da rief ihm der HERR vom Berg her zu: Das sollst du dem Haus Jakob sagen und den Israeliten verkünden: 4 Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern angetan habe, wie ich euch auf Adlerflügeln getragen und zu mir gebracht habe. 5 Jetzt aber, wenn ihr auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet, werdet ihr unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein. Mir gehört die ganze Erde, 6 ihr aber sollt mir als ein Königreich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören. Das sind die Worte, die du den Israeliten mitteilen sollst.

Zwischengesang: Ps 50,7-15

7 Höre, mein Volk, ich rede. Israel, ich bin gegen dich Zeuge, Gott, dein Gott bin ich. 8 Nicht wegen deiner Opfer rüge ich dich, deine Brandopfer sind mir immer vor Augen. 9 Aus deinem Haus nehme ich keinen Stier an, keine Böcke aus deinen Hürden. 10 Denn mir gehört alles Wild des Waldes, das Vieh auf den Bergen zu Tausenden. 11 Ich kenne alle Vögel der Berge, was sich regt auf dem Feld, ist mein Eigen. 12 Hätte ich Hunger, ich brauchte es dir nicht zu sagen, denn mein ist der Erdkreis und seine ganze Fülle. 13 Soll ich denn das Fleisch von Stieren essen und das Blut von Böcken trinken? 14 Bring Gott ein Opfer des Dankes und erfülle dem Höchsten deine Gelübde! 15 Ruf mich am Tage der Not; dann rette ich dich und du wirst mich ehren.

Zweite Lesung: Röm 5,6-11

 Hinführung:

Paulus entfaltet im 5. Kapitel des Briefes an die Römer seinen Kerngedanken der Rechtfertigung durch den Glauben an den Messias Jesus. Der Begriff der Rechtfertigung stammt aus der Gerichtssprache. Er zielt darauf, dass einem Angeklagten Recht gegeben wird. Angeklagt ist Jesus, nicht nur angeklagt, sondern sogar von Rom verurteilt und ins Unrecht gesetzt. Gott aber hat ihn auferweckt und ihm und seinem Leben im Widerstand gegen Herrschaft und Gewalt Recht gegeben, ihn also ‚gerechtfertigt‘. So wie ihm wird Gott all denen Recht geben, sie ‚rechtfertigen‘, die den Weg des gekreuzigten und auferstandenen Messias gehen.

In diesem Sinn ist Jesus – wie Paulus betont – „für uns gestorben“ (Röm 5,6). Diesen Gedanken spitzt Paulus noch zu: Er ist für uns gestorben, obwohl wir „Sünder“, also Kollaborateure mit Unrecht und Gewalt, waren. Dadurch, dass er sein Leben gegen Unrecht und Gewalt bis zum bitteren Ende gelebt hat und darin Gott treu geblieben ist, hat er uns den Weg eröffnet, der zum Gott der Befreiung und zum Leben führt. In diesem Sinne kann Paulus sagen: Durch sein Leben, in dem die Trennung von der Sünde, von Unrecht und Gewalt, bis zur letzten Konsequenz gelebt wurde und das von Gott Rettung erfahren hat, sind auch wir gerettet. An die Stelle der Trennung von Gott durch die Kollaboration mit Unrecht und Gewalt ist die Versöhnung mit Gott getreten.

Text:

6 Denn Christus ist, als wir noch schwach waren, für die zu dieser Zeit noch Gottlosen gestorben. 7 Dabei wird nur schwerlich jemand für einen Gerechten sterben; vielleicht wird er jedoch für einen guten Menschen sein Leben wagen. 8 Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. 9 Nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht gemacht sind, werden wir durch ihn erst recht vor dem Zorn gerettet werden. 10 Da wir mit Gott versöhnt wurden durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Gottes Feinde waren, werden wir erst recht, nachdem wir versöhnt sind, gerettet werden durch sein Leben. 11 Mehr noch, ebenso rühmen wir uns Gottes durch Jesus Christus, unseren Herrn, durch den wir jetzt schon die Versöhnung empfangen haben.

 Evangelium: Mt 9,36 – 10,18

36 Als er die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben. 37 Da sagte er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. 38 Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden!

1 Dann rief er seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben und alle Krankheiten und Leiden zu heilen. 2 Die Namen der zwölf Apostel sind: an erster Stelle Simon, genannt Petrus, und sein Bruder Andreas, dann Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und sein Bruder Johannes, 3 Philippus und Bartholomäus, Thomas und Matthäus, der Zöllner, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Thaddäus, 4 Simon Kananäus und Judas Iskariot, der ihn ausgeliefert hat. 5 Diese Zwölf sandte Jesus aus und gebot ihnen: Geht nicht den Weg zu den Heiden und betretet keine Stadt der Samariter, 6 sondern geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel! 7 Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe! 8 Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus! Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben. 9 Steckt nicht Gold, Silber und Kupfermünzen in euren Gürtel! 10 Nehmt keine Vorratstasche mit auf den Weg, kein zweites Hemd, keine Schuhe, keinen Wanderstab; denn wer arbeitet, ist seines Lohnes wert. 11 Wenn ihr in eine Stadt oder in ein Dorf kommt, erkundigt euch, wer es wert ist, euch aufzunehmen; bei ihm bleibt, bis ihr den Ort wieder verlasst. 12 Wenn ihr in ein Haus kommt, dann entbietet ihm den Gruß. 13 Wenn das Haus es wert ist, soll euer Friede bei ihm einkehren. Wenn das Haus es aber nicht wert ist, dann soll euer Friede zu euch zurückkehren. 14 Und wenn man euch nicht aufnimmt und eure Worte nicht hören will, geht weg aus jenem Haus oder aus jener Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen! 15 Amen, ich sage euch: Dem Gebiet von Sodom und Gomorra wird es am Tag des Gerichts erträglicher ergehen als dieser Stadt. 16 Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe; seid daher klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben! 17 Nehmt euch aber vor den Menschen in Acht! Denn sie werden euch an die Gerichte ausliefern und in ihren Synagogen auspeitschen. 18 Ihr werdet um meinetwillen vor Statthalter und Könige geführt werden, ihnen und den Heiden zum Zeugnis.

 

Nach der ersten großen Rede im Evangelium des Matthäus, der sog. Bergpredigt (Mt 5 – 7), begegnet uns im Evangelium des Sonntags die Einleitung und der Beginn von Jesu zweiter großer Rede im Evangelium nach Matthäus, der sog. Aussendungsrede (9,35-10,42). Sie wird ähnlich eingeleitet wie die Bergpredigt: „Als er die vielen Menschen sah… (9,36 – 5,1). Den vielen Menschen war Jesus begegnet, als er durch „alle Städte und Dörfer“ zog, um zu lehren und das Evangelium zu verkünden (vgl. 9,35 – einen Vers, den die Leseordnung ausgelassen hat). Dabei ist er einem Volk begegnet, das – so wörtlich „geschunden“ (das griechische Verb kommt von ‚die Haut abziehen‘) und ‚niedergeworfen‘ ist (das griechische Verb wird von einer Leiche gebraucht, die zur  Erde hinabgesunken ist). Im Blick ist das „geschundene“ und wie eine Leiche „zu Boden geworfene“ Israel nach dem Krieg der Römer gegen die Juden. Als Jesus „diese vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen (wörtlich: schlug es ihm in die Eingeweide). Matthäus beschreibt die Situation mit einem aus dem Ersten Testament vertrauten Bild: sie waren „wie Schafe, die keinen Hirten haben“ (9,36).

In diese Situation werden die zwölf Jünger „zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“ (10,8) gesandt. Ihr Auftrag ist es, die zerstreuten Schafe zu sammeln und das geschundene und niedergeworfene Israel neu aufzurichten. Weil die Not so groß ist, wird auch die Ernte, das aufgerichtete Israel, groß sein. Deshalb werden viele Ernte‘arbeiter‘ gebraucht. Dem Auftrag, Israel zu sammeln und aufzurichten, entspricht die Zahlt der „zwölf Jünger“. Sie sind Repräsentanten des gesamten Israel, das gesammelt und aufgerichtet werden soll. Es fällt auf, dass Matthäus nicht von zwölf Aposteln, sondern von zwölf Jüngern spricht. Gemeint sind Jünger als Schüler eines Lehrers. In diesem Sinne sind die Jünger Schüler Jesu, der die Tora lehrt wie er es beispielhaft in der Lehre auf dem Berg, der sog. Bergpredigt, und dann umherziehend immer wieder getan hatte. In diese Fußstapfen sollen die „12 Jünger“, als Gesandte – und in diesem Sinne als Apostel – für ganz Israel treten.

Für Matthäus verbindet sich die „Lehre“ – wie ja auch der Abschluss der Bergpredigt (Mt 7,21ff) zeigt – mit dem Tun. Es geht darum, dass die Lehre, der Wille Gottes geschieht, das Reich Gottes Wirklichkeit wird. Im Text des Evangeliums wird das deutlich in dem Auftrag, Kranke zu heilen, Tote aufzuwecken, Aussätzige rein zu machen und Dämonen auszutreiben. In diesen Tätigkeiten geschieht der Wille Gottes, bricht das Reich Gottes mitten hinein in die Katastrophe. Es wäre verfehlt, diese Tätigkeiten als spektakuläre Wunder zu interpretieren, obwohl es angesichts der Katastrophe ein ‚Wunder‘ ist, dass sie geschehen. Beim Heilen der Kranken geht es um Pflege und Versorgen der vom Krieg Verwundeten und – nicht zuletzt infolge mangelnder Nahrung – krank Gewordenen. Tote auferwecken heißt, das gleichsam als Leiche am Boden liegende Israel aufzurichten. Beim ‚Rein-machen‘ der Aussätzigen geht es um die Überwindung der Grenzen gegenüber den Ausgegrenzten und beim Austreiben der Dämonen darum, sich nicht von der dämonischen Macht der Herrschaft Roms bestimmen und besetzt halten zu lassen.

Dazu gibt Jesus den „zwölf Schülern“ Vollmacht. Dieser Begriff verbindet die Sendung der zwölf Schüler mit der Sendung der „elf Jünger“/Schüler am Ende des Evangeliums nach Matthäus (28,16-20). Hier sendet sie der Auferstandene in der Vollmacht, die ihm im Himmel und auf der Erde gegeben ist. Der Begriff Vollmacht (lat. potestas) bezeichnet die Macht des Kaisers in Rom (vgl.  den Impuls zum Evangelium zu Christi Himmelfahrt). An die Stelle seiner Macht tritt nun der Auferstandene. Er sendet die „elf Schüler“, die als „die Zwölf“ zu Israel gesandt waren, nun zu den Völkern mit dem Auftrag, sie zu lehren, „alles zu befolgen, was ich euch geboten habe“ (28,20). Aus Schülern der Tora, der Befreiungsgeschichte Gottes mit seinem Volk, sollen nun Lehrer der Tora, der Wege von Gottes Befreiung werden. Sie sollen die Völker teilhaben lassen an den Verheißungen der Rettung und Befreiung, die Israels Gott Israel geschenkt hat und die mit dem gekreuzigten und auferstandenen Messias den Weg zu den Völkern finden sollen. Aber zuerst und zunächst geht es um die Aufrichtung des geschundenen und zu Boden geworfenen Israel wie unser Evangelium deutlich macht.