Erster Adventssonntag 2023

Lied

Kyrie: Gl 163,2

Lesung:

Hinführung:

Nach der Zerstörung durch Babylon und der Rückkehr aus dem Exil entwirft der Prophet Jesaja das Bild eines neu errichteten Jerusalem. Die Stadt Jerusalem wird zum Bild für Israels Hoffnungen auf Gerechtigkeit und Frieden. In ihr finden Gott und sein Volk zusammen.

Jes 62,1-6

1 Um Zions willen werde ich nicht schweigen, / um Jerusalems willen nicht still sein, bis hervorbricht wie ein helles Licht seine Gerechtigkeit / und sein Heil wie eine brennende Fackel. 2 Dann sehen die Nationen deine Gerechtigkeit / und alle Könige deine Herrlichkeit. Man ruft dich mit einem neuen Namen, / den der Mund des HERRN für dich bestimmt. 3 Du wirst zu einer prächtigen Krone / in der Hand des HERRN, zu einem königlichen Kopfschmuck / in der Hand deines Gottes. 4 Nicht länger nennt man dich Verlassene / und dein Land nicht mehr Verwüstung, sondern du wirst heißen: Ich habe Gefallen an dir / und dein Land wird Vermählte genannt. Denn der HERR hat an dir Gefallen / und dein Land wird vermählt. 5 Wie ein junger Mann sich mit einer Jungfrau vermählt, / so nehmen dich deine Söhne in Besitz. Wie der Bräutigam sich freut über die Braut, / so freut sich dein Gott über dich. 6 Auf deine Mauern, Jerusalem, habe ich Wächter gestellt. / Den ganzen Tag und die ganze Nacht, niemals sollen sie schweigen. Die ihr den HERRN erinnert, / gönnt euch keine Ruhe!

Zwischengesang: Psalm 147, Gl 78 A

Evangelium: Mk 13,24-37

24 Aber in jenen Tagen, nach jener Drangsal, wird die Sonne verfinstert werden und der Mond wird nicht mehr scheinen; 25 die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. 26 Dann wird man den Menschensohn in Wolken kommen sehen, mit großer Kraft und Herrlichkeit. 27 Und er wird die Engel aussenden und die von ihm Auserwählten aus allen vier Windrichtungen zusammenführen, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels.

28 Lernt etwas aus dem Vergleich mit dem Feigenbaum! Sobald seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, erkennt ihr, dass der Sommer nahe ist. 29 So erkennt auch ihr, wenn ihr das geschehen seht, dass er nahe vor der Tür ist. 30 Amen, ich sage euch: Diese Generation wird nicht vergehen, bis das alles geschieht. 31 Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen. 32 Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater.

33 Gebt Acht und bleibt wach! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist. 34 Es ist wie mit einem Mann, der sein Haus verließ, um auf Reisen zu gehen: Er übertrug die Vollmacht seinen Knechten, jedem eine bestimmte Aufgabe; dem Türhüter befahl er, wachsam zu sein. 35 Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, wann der Hausherr kommt, ob am Abend oder um Mitternacht, ob beim Hahnenschrei oder erst am Morgen. 36 Er soll euch, wenn er plötzlich kommt, nicht schlafend antreffen. 37 Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Seid wachsam!

Predigt (H. Böttcher)

Der Kontrast zwischen der Lesung und unserem Evangelium könnte kaum größer sein. Nach der Zerstörung durch Babylon stellt uns Jesaja ein neu errichtetes Jerusalem vor Augen. Von ihm sagt er: „Nicht länger nennt man dich Verlassene und dein Land nicht mehr Verwüstung“ (Jes 62,4). Im Evangelium begegnet uns ein Ausschnitt aus einer Rede Jesu über das Ende. Sie wird mit einer Szene eingeleitet, in der Jesus nach dem Verlassen des Tempels sagt: „Kein Stein wird hier auf dem anderen bleiben, der nicht niedergerissen wird“ (Mk 13,2). Markus schreibt sein Evangelium nach der Zerstörung des Tempels durch die Römer. Vor diesem Hintergrund hat er die Rede Jesus in den Mund gelegt. Sie setzt sich damit auseinander, dass Jerusalem schon wieder verwüstet ist. Wieder muss Jerusalem eine „Verlassene“ genannt werden. Dabei ist Jerusalem ein Bild für Israel, für seine Katastrophen und seine auch darin lebendige Hoffnung.

Wer könnte angesichts dieses Bildes nicht an den Terror denken, dem Israel heute ausgesetzt ist? Der Anschlag vom 7. Oktober war der schwerste Angriff seit es den Staat Israel gibt. In einer Erklärung des Zentralrates der Juden in Deutschland heißt es:

Der Terrorkrieg der Hamas gegen Israel und vor allem die Brutalität gegen die Zivilbevölkerung übertrifft alles Vorstellbare. Unschuldige Menschen, ob jung oder alt, werden dahin geschlachtet, kaltblütig erschossen, entführt und gedemütigt. … Niemals dürfen wir vergessen, wie dieser Krieg an einem Samstagmorgen begann. An einem Samstag, an dem so viele Juden ermordet wurden, wie an keinem Tag seit der Schoa.“

Obwohl inzwischen eine Anzahl von Geiseln frei wurde, befinden sich viele immer noch in der Gewalt der Hamas. Israel wird mit ihnen erpresst. Die Geiseln werden ebenso wie die Zivilbevölkerung in Gaza als menschliche Schutzschilde missbraucht. Doch das alles löst nicht weltweites Entsetzen und Solidarität aus. Stattdessen ergießt sich eine Welle an Israel- und Judenhass über die Welt. Es gab nicht einmal ein Innehalten. Schnell ist der Terroranschlag in den Nah-Ost-Konflikt eingeordnet. Wenn Israel dabei auch noch für den Terror mitverantwortlich gemacht wird, sind Opfer und Täter vertauscht. Der Zusammenhang, in dem der Anschlag der Hamas steht, ist aber nicht einfach der Nah-Ost-Konflikt, sondern ein Vernichtungswahn, der der auf Israel und alle Juden zielt.

Dieser Antisemitismus speist sich aus Mythen, die von einer jüdischen Weltverschwörung erzählen, von jüdischem Geld, das die Welt regiert, von jüdischem Intellekt, der fähig ist, die Welt den Juden zu unterwerfen. Darauf fließen alle möglichen Mythen von Verschwörung zu – ob sie nun von der Herrschaft der Pharmaindustrie, der Herrschaft der Banker, der Herrschaft Amerikas oder Russlands phantasieren oder von Plänen einer Umvolkung schwadronieren. Sie haben in Krisenzeiten Konjunktur, weil sie Ursachen von Krisen auf vermeintlich Schuldige konkretisieren und sich die theoretische Anstrengung der Analyse der Verhältnisse ersparen. Wer ihnen folgt, braucht sich auch nicht ohnmächtig zu fühlen, sondern scheint handlungsfähig zu sein, weil er einen konkreten Feind hat, gegen den der Kampf des vermeintlich Guten gegen das vermeintlich Böse geführt werden kann.

 

Israel und Juden weltweit fühlen sich verlassen. Sie aber dürfen nicht allein gelassen werden. Es geht darum, an der Seite eines von antisemitischem Vernichtungsterror bedrohten Staates und aller Juden zu stehen. Der Staat Israel wurde gegründet als Rettungsort für von Vernichtung bedrohte Juden, als „Haus gegen den Tod“1. Hier sollten alle Juden endlich sicher sein können. Seit der Zerstörung Jerusalems durch Rom hatten sie keinen Ort mehr, an dem sie gemeinsam sicher leben konnten. Immer hing ihr Leben von dem Schutz nicht-jüdischer Mächte ab, bis sie schließlich schutzlos der Vernichtung durch die Nazis ausgeliefert waren.

Was wird heute aus Israel und den Juden? Wo Vernichtung als Ziel ausgegeben wird, entsteht – so die Schriftstellerin Elfriede Jellineck – „ein saugendes Vakuum“, eine saugende Leere, die alles in den Abgrund zu reißen droht. Statt ‚Tauet Himmel‘ tun sich Abgründe auf. Israels biblische Traditionen zeichnen sich dadurch aus, dass sie den Abgründen der Geschichte stand halten. Israel lässt sich nicht von Mythen beruhigen, die davon erzählen, alles sei eingebettet in die ewigen Kreisläufe der Natur und so werde alles gut. Weil Israel der Geschichte treu bleibt, lässt es sich auch nicht von Mythen verführen, die von einem ewigen Kampf des Guten gegen das Böse erzählen und dazu verleiten, das Böse in Sündenböcken zu konkretisieren.

Israel bleibt der Geschichte treu, weil es in der Geschichte seinen Gott als Befreier erfahren hat. Statt Trost in Mythen zu suchen, hat es nach Gott geschrien – gerade da, wo es sich von Gott verlassen fühlte. Der Schrei nach Gott speist sich aus der Erinnerung an die Geschichte. Die Vorfahren haben doch davon erzählt, dass sie dem Gott vertraut haben, der sie aus Ägypten befreit hat. Und – so heißt es in den Psalmen – sie „wurden nicht zuschanden“.

Die Erinnerung an die Befreiung hat Israel so geprägt, dass es sich kritisch und selbstkritisch mit geschichtlichen Verhältnissen der Herrschaft auseinandergesetzt hat. Diese Erinnerung ist etwas anderes als das, was uns oft bei offiziellen Gedenktagen angesichts des Terrors der Nazis begegnet. Da soll das Gedenken die Normalität der Verhältnisse festigen. Ausgeblendet ist die Kritik der Verhältnisse, aus denen sich Antisemitismus speist. Bereits 1939 hatte der Philosoph Max Horkheimer gemahnt: „Wer … vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen“2. Es ging ihm darum, mit Verhältnissen zu brechen, die Nährboden für Antisemitismus sind. Weil im Kapitalismus Herrschaft nicht greifbar, sondern hinter der Produktion versteckt ist, entsteht in Krisenzeiten das Bedürfnis, Herrschaft greifbar und vor allem in den Juden dingfest zu machen.

Im Unterschied zur dem bei uns oft üblichen Gedenken stellt Israels Gedächtnis die Normalität der Verhältnisse in Frage. Es ist gleichsam ein An-Denken gegen die herrschenden Verhältnisse – sowohl des eigenen Königtums wie die Unterwerfung unter Babylon und Rom. In ihm steckt die Kraft selbstkritischen Nachdenkens ebenso wie die Weigerung, sich mit den herrschenden Verhältnissen abzufinden. Davon geprägt erinnert angesichts der Zerstörung Jerusalems durch Rom unser Evangelium an Israels Traditionen vom Menschensohn. Er erscheint „auf den Wolken“, d.h. aus der Welt Gottes und ist zugleich mit der Geschichte verbunden. Israel erkennt ihn inmitten der erlittenen Katastrophen zur Zeit der griechischen Herrschaft. Markus greift dies auf, als Israel wieder am Boden lag. Mit der Erinnerung an den Menschensohn denkt er gegen die römische Herrschaft an, dagegen, dass sie endgültig sein soll.

Das Zweite Testament hat Israels Schrei nach Gott in dem Schrei nach dem Menschensohn aufgenommen, in den Ruf „Komm, Herr Jesus!“ (Offb 22,20). Es erkennt den Menschensohn in dem von Rom gekreuzigten, von Gott aber auferweckten Messias. Er ist mit den Katastrophen der Geschichte verbundenen und darin Gottes Einspruch gegen Tod und Vernichtung. Darin wurzelt die Hoffnung auf eine neue, eine menschliche Welt. Das Bild dafür ist auch im Zweiten Testament Jerusalem, Gottes neue Stadt, in der Gott in der Mitte seines Volkes wohnt. Wenn beim Kommen des Menschensohns Sonne, Mond und Sterne einstürzen, ist das ein Zeichen der Hoffnung. Denn das neue Jerusalem „braucht weder Sonne noch Mond, die ihr leuchten. Denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie und ihre Leuchte ist das Lamm“ (Offb 21,23) – so heißt es in der Offenbarung des Johannes.

Die Hoffnung auf den Menschensohn verbindet Markus mit der Aufforderung: „Seid wachsam!“ Sie schlägt eine Brücke vom Advent zu den Sonntagen des ausgehenden Kirchenjahres. Für Matthäus – so haben wir an den letzten Sonntagen gehört –beinhaltet Wachsamkeit die Herausforderung, die Botschaft von Gottes Reich nüchtern mit dem zu ‚vergleichen‘, was in der Geschichte geschieht. Für heute kann das heißen: Lässt euch nicht von antisemtischen Mythen betören! Sucht nicht nach vermeintlich Schuldigen, sondern seht euch die Logik des Kapitalismus an, dessen Herrschaft den Globus in Abgründe treibt. Seht auf der Geschichte. Hier soll Gottes Einspruch gegen Verhältnisse zur Geltung kommen, unter denen Menschen der Vernichtung preis gegeben werden. Deshalb: Öffnet eure Herzen, schaltet das Hirn ein und macht den Mund auf! Darin ist die Hoffnung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde lebendig. Damit sie Wirklichkeit werden kann, muss Gott uns entgegen kommen. Deshalb wagen wir es, auch Gott zu sagen, er solle endlich aufwachen. Und so singen wir – zuweilen zwischen Verzweiflung und Vertrauen hin und her gerissen – „Tauet Himmel!“ und rufen „Komm, Herr Jesus“ und mit Dir endlich eine menschliche Welt!

Lied

Fürbitten

Gott, du hast versprochen, deinem Volk und allen Menschen als Retter und Befreier entgegen zu kommen. Wir bitten Dich

– für den Staat Israel, der einem Terror ausgesetzt ist, der auf die Vernichtung aller Juden zielt, für Juden überall auf der Welt, die allen gelassen und dabei antisemitischem Hass ausgesetzt sind:

Wir beten um Solidarität mit Israel, um das Ende des Terrors, um ein ‚Haus des Lebens gegen den Tod‘, um Gesellschaften, in denen Juden ohne Hass und Feindschaft leben können.

Gebetsruf: Gl 234

– für die Bürger Israels, die von der Hamas in Geiselhaft genommen sind, für Palästinenser, die als als lebendige Schutzschilde im Kampf gegen Israel dem Tod ausgesetzt sind:

Wir beten um Befreiung der Geiseln und um Rettung der Palästinenser, die dem Terror geopfert werden, um weltweite Ächtung des Terrors der Hamas und ihrer Sympathisanten.

Gebetsruf: Gl 234

Für die Opfer in der Zivilbevölkerung, für die Kranken in den Krankenhäusern, für alle, die fliehen müssen:

Wir beten um Schutz und Sicherheit, darum, dass Israel in seiner Verteidigung Spielräume des Schutzes für die Bevölkerung in Palästina erkennt und nutzt, um Wege zu einem Frieden, in dem die Drohung, Israel und alle Juden zu vernichten, aufgegeben ist.

Gebetsruf: Gl 234

– für alle, die unter den Krisen des Kapitalismus zu leiden haben, für diejenigen, die zu Armut und Hunger verurteilt sind, für die Opfer der Klimakatastrophe, für Menschen auf der Flucht:

Wir beten um Wege zum Ausstieg aus den Zwängen des Kapitalismus, um offene Ohren und Herzen für die Opfer, um kritisches Nachdenken und den Mut zur Kritik.

Gebetsruf: Gl 234

für alle, die sich den Prozessen der Zerstörung entgegensetzen, für diejenigen, die trotz Entzug der materiellen Mittel und Kriminalisierung nicht aufhören, Fliehende vor dem Ertrinken zu retten, für alle, die deutlich machen, dass Armen das Leben und gesellschaftliche Teilhabe immer schwerer gemacht wird:

Wir beten um die Kraft durchzuhalten und Anfeindungen zu widerstehen, um Unterstützung aus der Gesellschaft, um Empfindsamkeit statt „roher Bürgerlichkeit“.

Gebetsruf: Gl 234

– für die Kirchen und alle Christen, die Advent feiern und sich auf Weihnachten vorbereiten:

Wir beten um Wachsamkeit, um leidenschaftliche Erwartung des Menschensohns und seiner menschlichen Welt, um Verwurzelung in den Traditionen Israels, um Treue zu Gott und seinem Messias.

Gebetsruf: Gl 234

– für die Toten, für die Opfer des Terrors, für alle, die Opfer von Strukturen des Unrechts und der Gewalt geworden sind, für diejenigen, die ihr Leben im Widerstand dagegen eingesetzt haben, für Menschen, die anonym und einsam bestattet wurden und für alle unsere Toten:

Wir beten um die Begegnung mit dem Menschensohn, um Auferstehung, um Leben im neuen Jerusalem.

Gebetsruf: Gl 234

Gabenbereitung

Sanctus

Nach der Kommunion: Gl 479

Predigt/Fürbitten: Herbert Böttcher

1Johann Baptist Metz, Christen und Juden nach Auschwitz. Auch eine Betrachtung über das Ende bürgerlicher Religion, in: ders. Mit dem Gesicht zur Welt. Gesammelte Schriften, Band 1, 167 -181, 180.

2Max Horkheimer, Die Juden und Europa, in: ders., Gesammelte Schriften Band 4: Schriften 1936 – 1941, Frankfurt am Main 22009, 308 – 331, 308f.