Startseite | Theologie | Weihnachten/Christmette 2022

Weihnachten/Christmette 2022

„In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen“ (Lk 2,1). Das Weihnachtsevangelium beginnt mit einer Zeitansage. Es buchstabiert die Botschaft von der Geburt des Messias hinein in die Zeit, in der Israel unter der römischen Gewaltherrschaft zu leiden hatte.

Heute hören wir das Weihnachtsevangelium in einer Zeit, in der sich die Krisen zuspitzen. In der Ukraine wird Krieg geführt. Er lässt die Ukraine zu einem Schlachtfeld werden, auf dem die westliche Lebensweise verteidigt wird und das zu einem Atomkrieg eskalieren kann. Die Klimakatastrophe wird auch im Westen spürbar. Sie droht die globalen Lebensgrundlagen zu zerstören – vor allem in armen Ländern des globalen Südens. Überschwemmungen und Trockenheit gehen ineinander über. Armut und Hunger breiten sich aus. Gewalt eskaliert auch in zwischenmenschlichen Beziehungen. Junge Menschen haben Angst vor der Zukunft: vor Inflation und Krieg in Europa, vor Klimawandel und Wirtschaftskrise, vor Energieknappheit und Altersarmut.

Liedruf: Gl 158 – Tau aus Himmelshöhn

Heute hören wir das Weihnachtsevangelium in einer Zeit, in der sich Menschen nach Entlastung sehnen. „Die Probleme … vergessen und Spaß … haben“ – so hatte Fifa-Chef Infantino das Fußballangebot der WM in Katar angepriesen, das die Leichen beim Bau der Stadien vergessen machen sollt. Andere ziehen sich auf sich selbst wie in ein Schneckenhaus zurück. Wenn die Verhältnisse schon so viele erfrieren lassen, soll es wenigstens in den Herzen warm werden. Menschen sehnen sich nach Normalität. Aber die Normalität, die gewohnte Art zu leben, produziert Armut und Hunger, zerstört die Grundlagen des Lebens, treibt Menschen in die Flucht. Sie produziert all die Krisen, vor denen viele dann in ihr Schneckenhaus fliehen. Der Täufer Johannes, der zur Umkehr von der Normalität und zur Orientierung auf Gottes Reich und seine Gerechtigkeit ruft, droht auf taube Ohren und in sich selbst verschlossene Herzen zu stoßen.

Liedruf: Gl 158

Heute hören wir das Weihnachtsevangelium in einer Zeit, in der auch die Kirche mit sich selbst beschäftigt ist. Sie sucht nach Reformen, um besser anzukommen und als Institution wieder wichtig zu werden. Dabei bleibt auch die Kirche in sich selbst verschlossen, wenn es ihr nicht gelingt, ihren Blick zu weiten hin auf die Opfer des sexuellen Missbrauchs in ihren Reihen – und darüber hinaus auf all diejenigen, der der gesellschaftlichen Normalität von Unrecht und Gewalt zum Opfer fallen.

Liedruf: Gl 158

Lk 2,1-14

1 Es geschah aber in jenen Tagen, dass Kaiser Augustus den Befehl erließ, den ganzen Erdkreis in Steuerlisten einzutragen. 2 Diese Aufzeichnung war die erste; damals war Quirinius Statthalter von Syrien. 3 Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen. 4 So zog auch Josef von der Stadt Nazaret in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Betlehem heißt; denn er war aus dem Haus und Geschlecht Davids. 5 Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete. 6 Es geschah, als sie dort waren, da erfüllten sich die Tage, dass sie gebären sollte, 7 und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war. 8 In dieser Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde. 9 Da trat ein Engel des Herrn zu ihnen und die Herrlichkeit des Herrn umstrahlte sie und sie fürchteten sich sehr. 10Der Engel sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll: 11 Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Christus, der Herr. 12 Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt. 13 Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer, das Gott lobte und sprach: 14 Ehre sei Gott in der Höhe / und Friede auf Erden / den Menschen seines Wohlgefallens.

„Über dir, Jerusalem, erstrahlt der Herr.“ So lässt sich die adventliche Botschaft der Propheten zusammenfassen. Das Jerusalem, über dem der Herr erstrahlt, ist das zerstörte Jerusalem. Das Jerusalem, aus dem viele Bewohner und Bewohnerinnen geflohen sind. Andere wurden unter Zwang und Gewalt umgesiedelt. Die Existenz des Volkes Israel ist bedroht. Die frohe Botschaft der Bibel kehrt den Katastrophen und dem, was Menschen zu erleiden haben, nicht den Rücken zu, sondern hält ihnen Stand. Der Herr, der über Jerusalem erstrahlen soll, ist kein normaler Gott, kein Gott, der die Normalität überhöht und verklärt, kein Gott, der sich in die Nische eines warmen Herzens inmitten der Katastrophen einschließen ließe. Er unterbricht die Normalität. Er will, dass Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige rein werden, Tote aufstehen und Armen dies als frohe Botschaft verkündet wird. Genau das hatte Jesus dem Täufer Johannes geantwortet, als er über seine Jünger Jesus fragen ließ, ob er der Messias sei (vgl. 11,2ff.). Es ist kein Zufall, dass Johannes diese Frage stellen ließ, als er „im Gefängnis“ (11,2) saß. Die frohe Botschaft der Bibel ist keine seichte erbauliche Botschaft, die es für ein paar Augenblicke warm ums Herz werden lässt, damit alles so weiter gehen kann. Sie ist eine Botschaft, die aufrichtet und befreit. Das kann sie nur sein, wenn sie blinde Augen für die Wirklichkeit öffnet, vor Resignation und Verzweiflung Gelähmten wieder auf die Füße hilft und gehen lässt, diejenigen aufnehmt, die in der sozialdarwinistischen Normalität ‚Aussätzige‘ sind, für die Schreie der Opfer taube Ohren öffnet. Dann kann Befreiung Wirklichkeit werden und über Jerusalem der Herr, der Befreier Israels und aller Menschengeschwister, erstrahlen.

Die Evangelien sind in einer Zeit geschrieben, in der Jerusalem am Boden lag wie in der Zeit der babylonischen Zwangsumsiedlung. Es liegt am Boden, weil Rom es in Schutt und Asche gelegt hat und viele seine Bewohner geflohen sind. Israel ist wieder in einer Situation, in der sein Überleben als Volk Gottes vor dem Aus steht. In dieser Situation verkünden unsere Evangelien: Gott führt die Geschichte der Befreiung auch in dieser ausweglosen Situation weiter. Es gilt, was die Propheten verkündet haben: Über dir, Jerusalem, erstrahlt der Herr.

Er erstrahlt aber nicht im vermeintlichen Glanz der Normalität, sondern als deren Umkehrung. „Die Herrlichkeit des Herrn“ erscheint den Hirten, die von der normalen Gesellschaft verachtet werden, weil sie im Verdacht stehen zu rauben und zu betrügen. Ihnen wird die Geburt eines Kindes verkündet, „das in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt“. Das „in Windeln gewickelte Kind“ spielt auf Jerusalem an. Das von Babylon zerstörte Jerusalem – so hatte es der Prophet Ezechiel gesagt – war „nicht in Windeln gewickelt“ (Ez 16,4), sondern lag in seinem Blut. Das soll jetzt anders werden. Dafür steht das neugeborene Kind. Es ist „in Windeln gewickelt“, aber in einem Stall geboren und liegt in einer Krippe. Die Krippe als Geburtsort gibt die Stellung des Kindes an. Es gehört an die Seite der Armen, der Opfer der normalen Verhältnisse. Von diesem Kind wird den Hirten verkündet, es sei als „Retter geboren“, es sei „Christus, der Herr“.

Zum „Retter“ werden kann dieses Kind, weil es die Normalität nicht überhöht, sondern sie durchbricht. Der Begriff Retter ist bereits ein Begriff, der gegen die Normalität des römischen Imperiums gerichtet ist, gegen den Kaiser gerichtet, der sich als ‚Retter‘ und Heilsbringer für alle Welt verehren lässt. In diesem rettenden Kind ist Israels Gott der Befreiung gegenwärtig. Dieser Gott ist nicht normal – weder nach den Vorstellungen der griechisch-römischen Welt noch nach heutigen Phantasien von einem ‚höheren‘ Wesen. Er schwebt nicht über den Verhältnissen; er bleibt gerade nicht bei sich selbst, in sich verschlossen, sondern geht aus sich heraus und genau an die Orte, die als nicht göttlich erscheinen und von denen kein Glanz, kein Gloria und keine Herrlichkeit zu erwarten ist. Er will da sein, wo Menschen leiden, von der herrschenden Normalität getötet, erniedrigt und beleidigt werden – nicht um die Normalität zu überhöhen, sondern um den Ort anzuzeigen, von dem her Rettung und Befreiung möglich werden können.

Eine rettende und befreiende Perspektive kann nur Wirklichkeit werden, wenn auch Menschen aus sich selbst herausgehen, wenn ihr Blick sich auf die Opfer hin öffnet, statt sich vor ihnen zu verschließen. Dann kann sich die Wahrnehmung, die unter dem Bann der Normalität steht und von ihr geblendet wird, verändern. Wenn Menschen beginnen, die Welt von dem Ort her, den Gott mit Krippe und Kreuz als ‚seinen‘ Ort in der Nähe der Opfer kenntlich gemacht hat, kritisch über die herrschende Normalität nachzudenken und mit ihr zu brechen, können sich Perspektiven und Wege der Befreiung auftun.

Das geht nicht ohne Zumutungen und Konflikte. „Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt“ hatte Jesus gesagt, nachdem er auf die Frage des Täufers geantwortet hatte, ob er der Messias sei (Mt 11,9). Diese Anstößigkeit ist in unserem Weihnachtsevangelium schon erkennbar. Die Krippe macht die Armut des Messias sichtbar und verweist auf das Kreuz. „Der Stall“ am Anfang, „der Galgen am Ende, das ist aus geschichtlichem Stoff, nicht aus dem goldenen den die Sage liebt“, hatte Ernst Bloch geschrieben1. Sagen lieben Helden, die über der Wirklichkeit schweben oder zu Helden im Krieg werden. Heute so gefragte Mythen setzen auf das, was immer wiederkehrt und Stabilität verspricht, auf Rituale, die Sicherheit geben. Auch wir folgen einem Ritus, wenn wir an Weihnachten Eucharistie feiern. Dieser Ritus aber hat die Geschichte zum Inhalt. Er unterbricht ihre Normalität, weil er an das erinnert, was Menschen in Geschichte und Gegenwart zu erleiden haben, eben Stall und Galgen, Armut und Tod. Wir lassen die Geschichte des im Stall geborenen und am Kreuz hingerichteten Messias Jesus unter uns lebendig werden. Wir tun es im Vertrauen darauf, dass sein Galgen nicht das Ende ist, sondern Israels Gott den Gekreuzigten auferweckt und aufgerichtet hat zu einem anstößigen Zeichen des Widerspruchs gegen Unrecht und Gewalt. Dieses Vertrauen ist Wurzel für die Kraft, gegen Verhältnisse aufzustehen, die Menschen töten, und die den gewaltsamen Tod durch Hunger und Verfolgung für normal zu halten. Es ist die Wurzel unserer Hoffnung, dass auch über die Toten das ‚letzte Wort‘ noch nicht gesprochen ist.

Immer wieder haben wir uns in der Adventszeit mit dem Weg der Kirche beschäftigt. Sie sucht verzweifelt danach, in der Normalität anzukommen. Weil die biblischen Traditionen dieser Normalität fremd sind, setzt sie oft auf Sagen und Mythen, auf Geschichten, die verklären, sucht Anleihen bei esoterischer Innerlichkeit, die von der Normalität zu entlasten scheint. Entscheidend aber ist es, danach zu fragen, wie wir als Kirche anschlussfähig werden können an die biblische Botschaft vom Kommen Gottes in das Elend unsere Geschichte, nicht um es zu überhöhen und zu beschwichtigen, sondern um es zu wenden und von einer tödlichen Normalität zu befreien.

Herbert Böttcher

1Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung, Band 3, Frankfurt am Main 1959, 1482.