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Teil 14 der Johannes-Reihe aus dem Dekanat Andernach-Bassenheim – Joh 5,31-47

Das Evangelium nach Johannes – Bibelimpulse im Dekanat Andernach-Bassenheim Teil 14, Johannes 5,31-47

31 Wenn ich über mich selbst Zeugnis ablege, ist mein Zeugnis nicht wahr; 32 ein anderer ist es, der über mich Zeugnis ablegt, und ich weiß: Das Zeugnis, das er über mich ablegt, ist wahr. 33 Ihr habt zu Johannes geschickt und er hat für die Wahrheit Zeugnis abgelegt. 34 Ich aber nehme von keinem Menschen ein Zeugnis an, sondern ich sage dies nur, damit ihr gerettet werdet. 35 Jener war die Lampe, die brennt und leuchtet, doch ihr wolltet euch nur eine Zeit lang an ihrem Licht erfreuen. 36 Ich aber habe ein gewichtigeres Zeugnis als das des Johannes: Die Werke, die mein Vater mir übertragen hat, damit ich sie zu Ende führe, diese Werke, die ich vollbringe, legen Zeugnis dafür ab, dass mich der Vater gesandt hat. 37 Auch der Vater selbst, der mich gesandt hat, hat über mich Zeugnis abgelegt. Ihr habt weder seine Stimme je gehört noch seine Gestalt gesehen 38 und auch sein Wort bleibt nicht in euch, weil ihr dem nicht glaubt, den er gesandt hat. 39 Ihr erforscht die Schriften, weil ihr meint, in ihnen das ewige Leben zu haben; gerade sie legen Zeugnis über mich ab. 40 Und doch wollt ihr nicht zu mir kommen, um das Leben zu haben. 41 Ehre von Menschen nehme ich nicht an. 42 Ich habe euch jedoch erkannt, dass ihr die Liebe zu Gott nicht in euch habt. 43 Ich bin im Namen meines Vaters gekommen und ihr nehmt mich nicht an. Wenn aber ein anderer in seinem eigenen Namen kommt, dann werdet ihr ihn annehmen. 44 Wie könnt ihr zum Glauben kommen, wenn ihr eure Ehre voneinander annehmt, nicht aber die Ehre sucht, die von dem einen Gott kommt? 45 Denkt nicht, dass ich euch beim Vater anklagen werde; Mose klagt euch an, auf den ihr eure Hoffnung gesetzt habt. 46 Wenn ihr Mose glauben würdet, müsstet ihr auch mir glauben; denn über mich hat er geschrieben. 47 Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie könnt ihr dann meinen Worten glauben?

Zur Einordnung

Unser Textzusammenhang beginnt mit der Heilung eines Gelähmten (5,1-8a). Dass diese Heilung an einem Sabbat geschah, löst einen Konflikt mit den führenden Juden aus, der dazu führte, dass sie Jesus verfolgten (5,8b-16). Jesus verweist darauf, dass sein Wirken in Einheit mit dem Vater geschehe. Das aber führt nicht zur Entspannung der Lage, sondern verschärft sie wie in dem Vorwurf zum Ausdruck kommt, Jesus habe nicht nur den Sabbat gebrochen, sondern sich auch noch Gott gleichgemacht (5,17-18). Darauf antwortet Jesus mit einer Rede, in der er sein Wirken in den Zusammenhang des eschatologischen Wirkens Gottes, d.h. in den Zusammenhang von Auferstehung und Gericht stellt (5,19-30). Damit ist nicht weniger behauptet als dass die Frage des Verhältnisses zum Wirken des Messias Jesus entscheidend ist für die Frage nach Rettung oder Untergang.

Dies ist der Hintergrund für die Fortsetzung des Textes in 5,31-47; denn der von Jesus vertretene Anspruch führt zu der Frage, wie er zu begründen bzw. womit er zu legitimieren ist und wer ihn bezeugen kann.

In der Jüdischen Tradition ist die Frage der Zeugenschaft klar geregelt. Man kann nicht für sich selbst Zeugnis ablegen. Entsprechend lautet ein Einwand gegen das, was Jesus von sich selbst sagt, an einer anderer Stelle unseres Evangeliums: „Du legst über dich selbst Zeugnis ab; dein Zeugnis ist nicht wahr“ (8,13). Nach der jüdischen Tradition muss es zwei glaubwürdige Zeugen geben, damit ein Zeugnis als wahr anerkannt werden kann. Vor diesem Hintergrund kommt der Täufer Johannes noch einmal in den Blick. Er hat – wie der Evangelist (Joh 1,19-34) erzählt hat – ein Zeugnis über Jesus abgelegt, von dem unser Text noch einmal betont: „Das Zeugnis, das er über mich gab, ist wahr“ (5,33). Dennoch ist das Zeugnis begrenzt. Es kann nicht das legitimieren, was im aktuellen Streit zur Debatte steht: dass Jesu Wirken eins ist mit dem Wirken Gottes. Das würde voraussetzen als Mensch Gott ‚in die Karten geschaut‘ zu haben. Wenn ein Mensch das versuchte, würde er sich an die Stelle Gottes setzen. Trotz seiner Begrenztheit steht das Zeugnis des Johannes im Dienst der Befreiung Israels. Es bezeugt, dass Gott in der Sendung des Messias seinem Volk die Treue hält. Insofern kann er sagen:

35 Jener war die Lampe, die brennt und leuchtet, doch ihr wolltet euch nur eine Zeit lang an ihrem Licht erfreuen.

Das Zeugnis des Johannes hatte keine nachhaltige Wirkung. Er spielt in allen Evangelien eine wichtige Rolle. In den synoptischen Evangelien liegt der Akzent seines Wirkens auf seinem Ruf zur Umkehr, um dem Messias den Weg zu bereiten. Mit dem Messias Jesus ist ein Weg eingeschlagen, der – wie in an seinem Kreuz und an seiner Auferweckung deutlich wird  – zum Bruch mit den herrschenden Verhältnissen und darin zur Hoffnung – wie Johannes es formuliert auf ‚ewiges Leben‘ als einer neuen Welt führt, die Horizonte für ein messianisches Leben in den Gemeinden eröffnete. Obwohl Johannes ‚nur‘ auf den Messias verweist, ohne den Ruf zur Umkehr mit dem Bruch mit den Verhältnissen zu verbinden, wollten Jesu Gegner – so der Vorwurf – sich „nur eine Zeit lang“ an dem Licht der Lampe erfreuen, die mit Johannes zum Brennen und Leuchten gekommen war.

36 Ich aber habe ein gewichtigeres Zeugnis als das des Johannes: Die Werke, die mein Vater mir übertragen hat, damit ich sie zu Ende führe, diese Werke, die ich vollbringe, legen Zeugnis dafür ab, dass mich der Vater gesandt hat.

Jesus verweist auf ein Zeugnis, das über das hinausgeht, was Johannes bezeugt hatte: die ihm vom Vater übertragenen Werke. Sie legen „Zeugnis dafür ab, dass mich der Vater gesandt hat“ (V. 36). Diese Werke implizieren Auferstehung und Gericht, die Auferweckung des Gekreuzigten Messias und die Auferweckung der Toten als Maßstab (Gericht), an dem alles gemessen wird. Diese Werke kommen bereits in der Heilung des Gelähmten zum Ausdruck. Daher steht sie nicht gegen den Sabbat, sondern bezeugt den Inhalt, um den es mit dem Sabbat geht: die Vollendung der Schöpfung (Gen 2,1f). Sie ist der Brennpunkt all der Werke, die „mein Vater mir übergeben hat, damit ich sie zu Ende führe“ V. 36). Zu diesen Werken gehört die Heilung des unter der Herrschaft Roms gelähmten Israel, damit es im Vertrauen auf die Werke des Messias wieder neu Wege der Befreiung hin auf das Ziel der Vollendung der Schöpfung gehen kann.

Zu diesem Zeugnis in den Werken Gottes und seines Messias kommt ein zweites hinzu:

37 Auch der Vater selbst, der mich gesandt hat, hat über mich Zeugnis abgelegt.

Ihr habt weder seine Stimme je gehört noch seine Gestalt gesehen 38 und auch sein Wort bleibt nicht in euch, weil ihr dem nicht glaubt, den er gesandt hat.

Das zweite Zeugnis ist das der Schrift. Aber auch dieses Zeugnis – so der Vorwurf weiter – habt ihr nicht gehört. Die Formulierung: „Ihr habt weder seine Stimme je gehört noch seine Gestalt gesehen“ (V. 37) greift auf Dtn 4,12 zurück. Kurz vor seinem Tod erinnert Mose das Volk daran wie Gott zu ihm gesprochen hat: „Der HERR sprach zu euch mitten aus dem Feuer. Eine Stimme, Worte habt ihr gehört, eine Gestalt habt ihr nicht gesehen, nur Donnerstimme war da.” Diesen Vers wendet Jesus gegen seine Gegner. So wenig wie sie Gott gesehen haben so wenig haben sie seine Stimme gehört, die doch zu hören war. Sie hätten Gottes Stimme in seinem Messias hören können und damit die Wirksamkeit seines Wortes in seinen Werken erkennen und Wege der Befreiung gehen können.

39 Ihr erforscht die Schriften, weil ihr meint, in ihnen das ewige Leben zu haben; gerade sie legen Zeugnis über mich ab. 40 Und doch wollt ihr nicht zu mir kommen, um das Leben zu haben.

Neben den Werken ist auch die Schrift ein Zeugnis für den Messias. Das hätten sie erkennen können, wo sie doch die Schriften erforschen, um in ihnen „das ewige Leben“, das Leben einer befreiten Welt, „zu haben“ (V. 39).  Für Johannes gilt: Wer auf Mose vertraut, kommt zum Glauben an den Messias Jesus. Natürlich ist die Erkenntnis Jesu aus den Schriften alles andere als zwingend. Es gibt gute jüdische Gründe, die Schriften so nicht zu lesen und gute ‚christliche‘ Gründe Johannes in dieser Absolutheit nicht zu folgen. Zu verstehen ist jedoch, worauf Johannes hinaus will: die Befreiung Israels hängt an dem Bruch mit Rom, den der Messias verkörpert. Daher läuft sein Vorwurf darauf hinaus zu sagen: Ihr verratet die Befreiung, weil ihr keinen Bruch mit Rom wagt. Ihr wollt zwar ewiges Leben, aber ihr sucht es ohne den Bruch, der mit dem Messias verbunden ist und so kommt ihr nicht zur Befreiung Israels.

41 Ehre von Menschen nehme ich nicht an. 42 Ich habe euch jedoch erkannt, dass ihr die Liebe zu Gott nicht in euch habt. 43 Ich bin im Namen meines Vaters gekommen und ihr nehmt mich nicht an. Wenn aber ein anderer in seinem eigenen Namen kommt, dann werdet ihr ihn annehmen.

Der Bruch kommt auch darin zum Ausdruck, dass Jesus keine Ehre von Menschen annimmt. Dem entspricht, dass er „von keinem Menschen ein Zeugnis“ annimmt (V. 34). Er gibt allein Gott die Ehre und nimmt allein von ihm ein Zeugnis an. Aus dieser Perspektive erkennt er, „dass ihr die Liebe Gottes nicht in euch habt“ (V. 42). Nach Dtn 6,5 soll Israel den Herrn, seinen Gott „lieben mit ganzem Herzen mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft“. Israel soll mit Gott solidarisch sein, der mit seinem Volk solidarisch ist und ihm die Treue hält. Genau darum geht es Johannes in seinem Verständnis des Messias Jesus. Genau das aber impliziert den Bruch mit der „Ehre“ von Menschen, mit der „Ehre“ und den Ehrungen, die das römische Imperium denen verspricht, die ihm ‚die Ehre geben‘. Daher die Versuchung, einen anderen, der „in seinem eigenen Namen kommt“ (V. 43) anzunehmen.

44 Wie könnt ihr zum Glauben kommen, wenn ihr eure Ehre voneinander annehmt, nicht aber die Ehre sucht, die von dem einen Gott kommt?

Wie konfliktreich die Frage der Ehre ist macht ein Blick auf 12,42f deutlich. Im Rückblick auf Jesu Wirken und im Vorgriff auf die Passion reflektiert Johannes noch einmal auf die Rolle von „führenden Männern“. Unter ihnen gab es solche, die mit Jesus sympathisierten, aber nicht offen, weil sie fürchteten, „aus der Synagoge ausgestoßen zu werden“ (12,42). Hier artikuliert sich der zentrale Konflikt vor dem die Anhänger des Messias Jesus stehen. Sie riskieren aus der Synagoge ausgestoßen zu werden, weil die Leitung der Synagoge nach dem Krieg der Römer gegen die Juden neuen Konflikte mit Rom vermeiden wollen, die messianische Bewegung aber für den Bruch mit Rom steht. Vor diesem Hintergrund ist dann auch der Vorwurf zu verstehen, sie nähmen „Ehre voneinander“ an, suchten aber nicht „die Ehre … die von dem einen Gott kommt“ (V. 44). Einander geben sie sich in ihrer Loyalität gegenüber Rom die Ehre. Damit aber verweigern sie Gott und seinem Messias die Ehre, die ihnen allein gebührt.

 45 Denkt nicht, dass ich euch beim Vater anklagen werde; Mose klagt euch an, auf den ihr eure Hoffnung gesetzt habt. 46 Wenn ihr Mose glauben würdet, müsstet ihr auch mir glauben; denn über mich hat er geschrieben. 47 Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie könnt ihr dann meinen Worten glauben?

Indem Jesu Rede noch einmal zu den Schriften zurückkehrt, stellt er seine Verwurzelung in Israel noch einmal heraus. Für Johannes liegt das Problem darin, dass seine jüdischen Zeitgenossen nicht bereit sind, die Schrift so zu lesen, dass die Befreiung die darin verheißen ist, zu dem Bruch führt, der mit dem Messias Jesus, seinem Wirken, seinem Kreuz und seiner Auferweckung verbunden ist. Weil sie nicht davon lassen können, Rom und darin sich untereinander die Ehre zu geben, glauben sie den Schriften nicht und können auch nicht den Worten des Messias glauben. Denn ein gelebter Glaube aus der Schrift führt in die Solidarität mit Gott und so an die Seite der Schwachen und Ausgegrenzten und so an die Seite der Opfer von Herrschaft und zum Bruch mit ihr. Das wäre – so Johannes – von Mose zu lernen und das genau das drückt sich in Leben und Wirken des Messias Jesu aus.

Zusammengestellt von Alexander Just