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Buch-Veröffentlichung: Das ‚Ganze‘ – ganz aus der Zeit gefallen? Kapitalismuskritik und theologische Reflexion in Krisenzeiten

Das ‚Ganze‘ – ganz aus der Zeit gefallen? Kapitalismuskritik und theologische Reflexion in Krisenzeiten – Zum 30. des Ökumenischen Netzes Rhein-Mosel-Saar

Koblenz, 25.11.2022.
Das Ökumenische Netz Rhein-Mosel-Saar wird zwar ‚erst’ 30, scheint aber in diesem jungen Alter schon völlig aus der Zeit gefallen. Es veröffentlicht heute nicht zum ersten Mal ein gedrucktes Buch in Zeiten von Kurznachrichten und Emojis der allgegenwärtigen ‚Sozialen‘ Medien. Die in dem neuen Sammelband veröffentlichten Texte dokumentieren den Weg des Netzes und die sich in den letzten Jahren verschärfenden Krisenentwicklungen, die immer wieder neu auf das ‚Ganze‘ der Gesellschaftsform reflektiert werden. Gesellschaftliche Entwicklungen im Zusammenhang des Ganzen der kapitalistischen Vergesellschaftung zu analysieren hat das ‚Netz‘ seit seiner Gründung geprägt – genau das aber scheint aus der Zeit gefallen.

Dennoch bleibt das ‚Netz‘ bei der Frage nach dem Ganzen. Denn: Das ‚Ganze‘ zu reflektieren macht widerständig gegen regressive Versuche, Krisen auf ‚Einfaches‘ und ‚Handhabbares‘ zu reduzieren: auf personalisierende Identifikation von Opfern und Tätern, auf Interessen als einfaches Erklärungsinstrument bis hin zu Verschwörungshalluzinationen. Das ‚Ganze’ zu thematisieren ist dagegen schwer, komplex, gilt als abstrakt, gar als abgehoben im politisch-ökonomischen und gar noch philosophisch-theologischen Elfenbeinturm, auf jeden Fall ohne praktische Relevanz und mit der Erfahrung von Ohnmacht einhergehend. Aber ohne die Frage nach dem ‚Ganzen‘, also ohne Erkenntnisse darüber, wie die Verhältnisse funktionieren, ist eine emanzipatorische Überwindung des Kapitalismus nicht möglich. Wer meint, auf Staat und Politik, auf Demokratie und Rechtsstaat, auf die Regulierung von Märkten und auf Ethik setzen zu können, verkennt, dass all das sich im Horizont des ‚Ganzen‘ dieser zu kritisierenden Gesellschaftsformation bewegt. Ohne Bruch mit dieser Vergesellschaftung – im Wahrnehmen, Denken und Handeln – bleiben alle vermeintlichen Alternativen in der Realmetaphysik der Verhältnisse stecken. Sie machen das zur Voraussetzung, was Gegenstand der Kritik sein müsste.

Vollends aus der Zeit gefallen ist, dass das ‚Netz‘ es immer noch mit ‚Religion‘ hält – nicht mit Esoterisch-Religiösem, das durchaus gefragt ist, sondern mit den emanzipatorischen Traditionen biblischer ‚Religion‘. Und so werden in den Texten des Buches immer wieder kritische Bezüge zwischen den aktuellen gesellschaftlichen Situationen und biblischen Traditionen reflektiert. „Die biblische Rede von Gott ist ohne die Unterscheidung von Gott und Götzen nicht zu haben“, stellt Vorstandsvorsitzende Barbara Bernhof-Bentley heraus. Die Texte des Buches machen an unterschiedlichen Zusammenhängen deutlich, dass genau diese Unterscheidung theologische Reflexion an die Seite kritischer Gesellschaftstheorie führt. Sie inspiriert zur Kritik des Fetisch-, d.h. Götzencharakters der kapitalistischen Vergesellschaftung.

Die Texte des Buches dokumentieren, dass es kein Makel, sondern eine Stärke des ‚Netzes‘ ist, dass es aus der Zeit gefallen ist. Nur so kann es auf der ‚Höhe der Zeit‘ sein. In diesem Sinn lesen sich die Texte als eine aktuelle Standortbestimmung. Gesammelt sind Texte verschiedener Autor*innen aus den letzten Jahren zur Erläuterung einzelner Kategorien – wie Wert, Arbeit, Abspaltung der Reproduktion und damit einhergehender struktureller Herabsetzung von Frauen, Staat und Staatszerfall, Ideologiekritik, Ökologie bis zur psychosozialen Dimension kapitalistischer Entwicklungen. Aufgenommen sind auch neue Texte, insbesondere zur theologisch-biblischen Reflexion auf die gesellschaftstheoretischen Erkenntnissen der sich vervielfachenden Krise.

Das Buch (240 Seiten) kann im Buchhandel und direkt beim AJZ-Verlag für 14,80 EUR erworben werden, Mitglieder erhalten (Mitlgieder-Bestellungen bitte an info [at] oekumenisches-netz.de).

ISBN: 978-3-86039-058-0

Autor*innen: Herbert Böttcher, Paul Freialdenhoven, Alexander Just, Dominic Kloos, Thomas Mayer, Claus Peter Ortlieb, Fábio Pitta, Günther Salz, Roswitha Scholz, Ingo Schrooten, Leni Wissen, Markus Wissen sowie gemeinsam der erweiterter Vorstand des Ökumenischen Netzes Rhein-Mosel-Saar.

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