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Teil 11 der Johannes-Reihe aus dem Dekanat Andernach-Bassenheim

Auslegung zu Joh 4,43-54

Die ersten Verse unserer Perikope erzählen von Jesu Rückkehr nach Galiläa und seiner freundlichen Aufnahme durch die Galiläer (V. 43f). Die folgenden Verse rücken in „Kana in Gäliläa“ (V. 46) ein weiteres Zeichen Jesu, die Heilung des Sohnes eines königlichen Beamten in den Mittelpunkt (VV. 46-54).

43 Nach diesen beiden Tagen ging er von dort nach Galiläa. 44 Jesus selbst hatte nämlich bezeugt: Ein Prophet wird in seiner eigenen Heimat nicht geehrt. 45 Als er nun nach Galiläa kam, nahmen ihn die Galiläer auf, weil sie alles gesehen hatten, was er in Jerusalem auf dem Fest getan hatte; denn auch sie waren zum Fest gekommen. 46 Jesus kam wieder nach Kana in Galiläa, wo er das Wasser in Wein verwandelt hatte. In Kafarnaum lebte ein königlicher Beamter; dessen Sohn war krank. 47 Als er hörte, dass Jesus von Judäa nach Galiläa gekommen war, suchte er ihn auf und bat ihn, herabzukommen und seinen Sohn zu heilen; denn er lag im Sterben. 48 Da sagte Jesus zu ihm: Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, glaubt ihr nicht. 49 Der Beamte bat ihn: Herr, komm herab, ehe mein Kind stirbt! 50 Jesus erwiderte ihm: Geh, dein Sohn lebt! Der Mann glaubte dem Wort, das Jesus zu ihm gesagt hatte, und machte sich auf den Weg. 51 Noch während er hinabging, kamen ihm seine Diener entgegen und sagten: Dein Junge lebt. 52 Da fragte er sie genau nach der Stunde, in der die Besserung eingetreten war. Sie antworteten: Gestern in der siebten Stunde ist das Fieber von ihm gewichen. 53 Da erkannte der Vater, dass es genau zu der Stunde war, als Jesus zu ihm gesagt hatte: Dein Sohn lebt. Und er wurde gläubig mit seinem ganzen Haus. 54 So tat Jesus sein zweites Zeichen, nachdem er von Judäa nach Galiläa gekommen war.

Nach diesen beiden Tagen ging er von dort nach Galiläa. Jesus selbst hatte nämlich bezeugt: Ein Prophet wird in seiner eigenen Heimat nicht geehrt. 45 Als er nun nach Galiläa kam, nahmen ihn die Galiläer auf, weil sie alles gesehen hatten, was er in Jerusalem auf dem Fest getan hatte; denn auch sie waren zum Fest gekommen. (4,43ff)

Nachdem Jesus zwei Tage bei den Menschen in Samarien geblieben, sie gelehrt und zum Glauben geführt hatte, „ging er von dort nach Galiläa“. Irritierend wirkt die Begründung, Jesus habe bezeugt, ein Prophet werde „in seiner Heimatstadt nicht geehrt“. Vielen ist dieser Satz aus den Zusammenhängen der synoptischen Evangelien vertraut. Dort stößt Jesus in seiner Heimatstadt Nazareth in Galiläa auf Ablehnung (Mt 13,54-58, Mk 6,1-5, Lk 4,24-30). Johannes aber erzählt das Gegenteil: Jesus wird in Galiläa aufgenommen (V. 45). Der scheinbare Gegensatz klärt sich, wenn wir – entsprechend der Erzählung des Johannes – davon ausgehen, dass im Evangelium des Johannes nicht Nazareth, sondern Jerusalem die ‚Heimat‘ Jesu ist. Dort steht „das Haus meines Vaters“ (2,16). Nach Jerusalem pilgert Jesus immer wieder zu den Festtagen. So war er nach der Hochzeit zu „Kana in Galiläa“ (2,1-12) zum „Paschafest der Juden … nach Jerusalem“ hinaufgezogen (2,1ff). Dort hatte er den Tempel gereinigt mit der Begründung: „… macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle“ (2,16). Jerusalem – das macht bereits der erste Weg Jesu nach Jerusalem – deutlich ist der Ort, wo er „in sein Eigentum“ kommt, aber die „Seinen nahmen ihn nicht auf“ (1,11). Vielmehr betrieben die Hohepriester in Kooperation mit Rom seine Hinrichtung.In Jerusalem wird Jesus nicht geehrt, in Galiläa hingegen aufgenommen – und zwar weil Galiläer, die auch zum Paschafest gekommen waren, gesehen hatten, „was er in Jerusalem und auf dem Fest getan hatte“ (V. 44). Jesus ehren bedeutet, ihn als den aufnehmen, in dessen Worten und Taten geschieht, was der Name von Israels Gott beinhaltet. In diesem Sinn wird er in Galiläa aufgenommen, in seiner ‚Heimat‘ Jerusalem aber abgelehnt und hingerichtet.

Jesus kam wieder nach Kana in Galiläa, wo er das Wasser in Wein verwandelt hatte. (4,45f)

Johannes ruft mit dem Hinweis auf das Weinwunder Jesu erstes, d.h. sein grundlegendes, sein primäres Zeichen in Erinnerung. Das Hochzeitsfest, auf dem dieses Zeichen geschieht, steht dafür, dass Gott und sein Volk zusammenkommen. Dem dient – so interpretiert es Johannes – die Sendung Jesu, Gottes Volk nach der Zerstörung Jerusalems neu zu sammeln und aufzurichten. Das ist die Hochzeit Gottes mit seinem Volk.

In Kafarnaum lebte ein königlicher Beamter; dessen Sohn krank war. Als er hörte, dass Jesus von Judäa nach Galiläa gekommen war, suchte er ihn auf und bat ihn, herabzukommen und seinen Sohn zu heilen; denn er lag im Sterben. (4,46f)

Nachdem Johannes die prinzipielle Orientierung, auf die alle Zeichen Jesu ausgerichtet sind, deutlich gemacht hat, tritt nun „ein königlicher Beamter“ auf. Er steht im Dienst eines von Rom eingesetzten Königs wie wir ihn als Herodes kennen. Solche ‚Beamte‘ werden aus der Bevölkerung Israels rekrutiert, die sie nun im Dienst ihres Herren bzw. Roms ausbeuten und drangsalieren. Insofern geht es in unserer Erzählung um die Sammlung eines der verlorenen Söhne Israels. Das wird noch einmal dadurch unterstrichen, dass der Kranke, der im Sterben lag, der Sohn des königlichen Beamten ist. Der Akzent den Johannes setzt, wird im Unterschied zu den ähnlichen Geschichten deutlich, die Matthäus (8,5-13) und Lukas (7,1-10) erzählen. Statt um einen Heiden, der sich als „königlicher Beamter“ bei einem römischen Vasallenkönig verdingt, und seinen kranken Diener, geht es bei Johannes um einen verlorenen Juden und seinen Sohn. Der königliche Beamte lässt an Nikodemus denken, der, auch aus dem Kreis der führenden Juden, nachts zu Jesus gekommen war, beeindruckt von seinen Worten und Taten, aber nicht überzeugt genug um sich offen mit Jesus sehen zu lassen und nach seiner nächtlichen Begegnung mit Jesus zunächst einmal spurlos verschwindet.

Da sagte Jesus zu ihm: Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, glaubt ihr nicht. (4,48)

Dieser Satz Jesu wird missverstanden, wenn er nach dem Schema von äußerlich Sichtbarem und dem unsichtbaren Inneren gedeutet wird. Dann bleiben die „Zeichen und Wunder“ äußerlich während der Glaube innerlich und unsichtbar bleibt. Das ‚Eigentliche‘ und ‚Wahre‘ bleibt unsichtbar und verzichtet auf ‚Äußerlichkeiten‘. Diese moderne Sicht einer privatisierten Innerlichkeit ist immer wieder gegen ‚die Juden‘ gewendet worden, die im ‚Äußerlichen‘ stecken bleiben, und die vermeintlich Tiefe Innerlichkeit des Glaubens ignorieren.

Die Stärke jüdischen Denkens liegt aber genau darin, dass es der Wirklichkeit des Lebens und der Geschichte treu bleibt, statt sich in Innerlichkeit und Erbaulichkeit zu flüchten, die von den ‚äußeren‘ Katastrophen unberührt bleiben.

In einer solchen Katastrophe steckte Israel nach der Zerstörung Jerusalems und des Tempels sowie der Zerstreuung über weite Teile des römischen Reiches. Von Befreiung war da nichts mehr zu sehen. Genau dafür aber steht die Formulierung „Zeichen und Wunder“. Gemeint sind die „Zeichen und Wunder“, unter denen Gott sein Volk aus dem Sklavenhaus Ägyptens geführt hat (vgl. Dtn 4,34). Sie stehen dafür, dass Befreiung in der geschichtlichen Wirklichkeit erfahren werden kann.

Die Wirklichkeit, der die Gemeinde des Johannes ausgesetzt war, ist davon weit entfernt. „Zeichen und Wunder“ werden vermisst. Und wo Befreiung nicht real erfahren wird, kann es sie wohl auch nicht geben. Wenn der Glaube an Jesus nicht in Erfahrungen der Befreiung ‚sichtbar‘ werden kann, ist er nichtig. Die Flucht in fromme Innerlichkeit wird zum frommen Selbstbetrug.

Dtn 4,9 mahnt Israel: „Vergiss nicht die Ereignisse, die du mit eigenen Augen gesehen, und die Worte, die du gehört hast! Lass sie dein Leben lang nicht aus dem Sinn! Präge sie deinen Kindern und Kindeskindern ein!“ Es gibt offensichtlich Zeiten, in denen „Zeichen und Wunder“ als Wirklichkeit der Befreiung nicht sichtbar sind. Aber auch dann verschwinden sie nicht in der Innerlichkeit, sondern bleiben als reale Ereignisse im Gedächtnis lebendig. Dann aber kann der Blick für „Zeichen und Wunder“ offen bleiben, die unter anderen Verhältnissen neu gesehen werden können.

Es ist also keine Kritik Jesu, sondern eine nüchterne Feststellung, dass die Menschen ohne Zeichen und Wunder Jesu Wort nicht gläubig annehmen können.

Herr, komm herab, ehe mein Kind stirbt! (4,48)

Obwohl in der scheinbaren Unendlichkeit der römischen Herrschaft kein Zeichen der Befreiung zu sehen ist, setzt der „königliche Beamte“ sein Vertrauen auf den Messias Jesus. Die Erinnerung Israels weiß um Zeiten, in denen Gott und die Wirklichkeit der mit dem Gottesnamen verheißenen Befreiung fern war. „Zeichen für uns sehen wir nicht, es ist kein Prophet mehr da, niemand mehr ist bei uns, der weiß, wie lange noch. Wie lange, Gott, darf der Bedränger noch schmähen, da der Feind für immer deinen Namen lästern?“ heißt es in Psalm 74,9f. Auch in Zeiten, in denen „Zeichen und Wunder“ nicht zu sehen waren, hat Israel nicht von seinem Gott gelassen, sondern mit ihm gerungen, ihn mit seinen Schreien nicht in Ruhe gelassen und „Zeichen und Wunder“ der Befreiung eingefordert. Darin ist das Vertrauen lebendig geblieben, das den „königlichen Beamten“ zu der Bitte veranlasst: „Herr, komm herab, ehe mein Kind stirbt!“

Jesus erwiderte ihm: Geh, dein Sohn lebt! (4,50)

Jesus begibt sich nicht nach Kafarnaum, um den Sohn zu retten. In Jesu Wort ist die schöpferische Macht des Wortes Gottes lebendig. Von ihm sagt Jesaja: „Es kehrt nicht leer zu mir zurück, ohne zu bewirken, was ich will, und das zu erreichen wozu ich es ausgesandt habe“ (Jes 55,11).

Der Mann glaubte dem Wort, das Jesus zu ihm gesagt hatte, und machte sich auf den Weg. Noch während er hinabging, kamen ihm seine Diener entgegen und sagten: Dein Junge lebt. (4,50f)

Der Mensch“, so heißt es griechisch an dieser Stelle, vertraute dem Wort (logos). Er eilt auf Jesu Zusage hin zurück und kann sich auf das Wort verlassen. Dass der Messias vor dem Tod bewahrt, kann er als ein Zeichen verstehen, das dem vom Tod gezeichneten Israel gilt; denn in dem Sohn des königlichen Beamten, ist ganz Israel als Sohn Gottes gegenwärtig. Der Messias Jesus lässt es nicht den Tod unter der Herrschaft Roms sterben, sondern sammelt es neu, richte es auf für die Hochzeit, bei der Israel und sein Gott wieder zusammen finden. Insofern sind das erste und das zweite Zeichen, das Jesus tut, miteinander verbunden.

Da fragte er sie genau nach der Stunde, in der die Besserung eingetreten war. Sie antworteten: Gestern in der siebten Stunde ist das Fieber von ihm gewichen. Da erkannte der Vater, dass es genau zu der Stunde war, als Jesus zu ihm gesagt hatte: Dein Sohn lebt. Und er wurde gläubig mit seinem ganzen Haus. (4,52f)

Die „Stunde“ ist die Stunde der Rettung und Befreiung. Jesu Stunde ist jene Stunde, in der sein Leben der Solidarität bis zur letzten Konsequenz vollendet ist und er seinen Geist seinem Vater übergibt (19,30). Es ist der Geist, den die JüngerInnen an Ostern empfangen und in dessen Kraft sie gesandt werden. In der Kraft des von Gott aus dem Tod aufgerichteten sollen sie in der Nachfolge Jesu Israel sammeln und aufrichten. Sie können darauf vertrauen, dass Israels Gott in der Auferweckung des Gekreuzigten der Macht Roms widersprochen und sie wenigstens in diesem einen gebrochen hat.

In diesem Vertrauen eröffnet sich ein neuer Blick auf „Zeichen und Wunder“ der Befreiung, die in und um den Messias Jesus überall da neu geschehen, wo das am Boden liegende und vom Tod bedrohte Israel gesammelt und als Gottes Volk aufgerichtet wird. Solche „Zeichen und Wunder“ können gesehen werden, weil der Geist Gottes als Beistand die Worte und Taten Jesu in Erinnerung ruft. Jesus hatte ihn versprochen „als Beistand …, den der Vater in meinem Namen senden wird, der euch an alles erinnern wird, was ich euch gesagt habe“ (14,26).

Der „königliche Beamte“ hatte gleichsam auf „Vorschuss“ vertraut1. Aus der Perspektive von Ostern und in der erinnernden Kraft des Geistes, lässt sich in der Befreiung, die er erfahren hat, eines der „Zeichen und Wunder“ erkennen, die mit dem Messias Jesus Wirklichkeit werden.

Er und sein ganzes Haus, Frau, Kinder, Gesinde, vertrauen, weil alle gesehen haben, dass das Wort geschieht.“2 Der Glaube ist nicht innerlich. Er wird wirklich, verändert die Wirklichkeit. Und das kann gesehen werden. Zeichen und Wunder sind dem Glauben nicht äußerlich. Er wird nur dann wirklich, wenn er auch in der ‚äußeren‘ Wirklichkeit als „Zeichen und Wunder“ sichtbar wird.

So tat Jesus sein zweites Zeichen, nachdem er von Judäa nach Galiläa gekommen war. (4,54)

Dieser kurze Abschlusssatz bündelt das Geschehen noch einmal. Jesu erstes und zweites Zeichen sind untrennbar miteinander verbunden. Das Fest der messianischen Hochzeit Gottes mit seinem Volk ist damit verbunden, dass das Volk aus dem drohenden Tod aufgerichtet wird. „Alle Zeichen, die in Israel, Jehuda, Jeruschalajim und im Galil geschehen, können und müssen auf die zwei Zeichen 2,1ff und 4,46ff zurückgeführt werden.

Mit diesen zwei Zeichen, der messianischen Hochzeit und der Belebung des Sohnes, ist das Fundament für das Kommende gelegt. Hier – und so – wurde der Messias ‚offenbar‘“.3

Alexander Just

 

1 Ton Veerkamp, Der Abschied des Messias. Eine Auslegung des Johannesevangeliums I. Teil: Johannes 1,1-10,21, in: Texte & Kontexte. Exegetische Zeitschrift Nr. 109-111, 29. Jahrgang 1-3/2006, 93. [Veerkamp, Abschied]

2 Veerkamp, Abschied 93.

3 Veerkamp, Abschied 93.