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Bei Israel bleiben und zu den Völkern gehen (Apg 18,4-11)

Apg 18,4-11

4 An jedem Sabbat redete er in der Synagoge und suchte Juden und Griechen zu überzeugen. 5 Als aber Silas und Timotheus aus Mazedonien eingetroffen waren, widmete sich Paulus ganz dem Wort und bezeugte den Juden, dass Jesus der Christus sei. 6 Als sie sich dagegen auflehnten und Lästerungen ausstießen, schüttelte er seine Kleider aus und sagte zu ihnen: Euer Blut komme über euer Haupt! Ich bin daran unschuldig. Von jetzt an werde ich zu den Heiden gehen. 7 Und er ging von da in das Haus eines gewissen Titius Justus hinüber, eines Gottesfürchtigen, dessen Haus an die Synagoge grenzte. 8 Krispus aber, der Synagogenvorsteher, kam mit seinem ganzen Haus zum Glauben an den Herrn; und viele Korinther, die davon hörten, wurden gläubig und ließen sich taufen. 9 Der Herr aber sagte nachts in einer Vision zu Paulus: Fürchte dich nicht! Rede nur, schweige nicht! 10 Denn ich bin mit dir, niemand wird dir etwas antun. Viel Volk nämlich gehört mir in dieser Stadt. 11 So blieb Paulus ein Jahr und sechs Monate und lehrte bei ihnen das Wort Gottes.

Von Athen war Paulus nach Korinth gegangen. Dort war er als Zeltmacher tätig (18,3). Am Sabbat sucht er entsprechend der jüdischen Tradition die Synagoge auf. Im Gottesdienst wird über die Bibel Tora, Propheten und Schriften gesprochen. Paulus beteiligte sich an diesen Gesprächen. Dabei legt er die Bibel von dem her aus, was die messianischen Gemeinden von Jesus her als Rettung und Befreiung erfahren haben. Juden wie Griechen suchte er davon zu überzeugen und ihnen den Zugang zu der Erfahrung der Befreiung im Messias Jesus zu eröffnen (V. 4).

Erst nachdem Silas und Timotheus wieder zu ihm gestoßen waren, nimmt Paulus seine Aufgabe als messianischer Lehrer wieder auf (V. 5). In seinem Dienst am Wort der Schrift sucht er deutlich zu machen, dass von der Schrift her Jesus als Messias zu verstehen sei. Genau das löst wieder Streit aus. Paulus vertritt ein Verständnis des Messianismus, das andere Juden für falsch und gefährlich halten. Am Beispiel von Aquila und Priscilla war ja deutlich geworden, dass das das Bekenntnis zum Messias Jesus Verfolgung nach sich ziehen konnte (V. 2).

Der Streit endet mit dem Abbruch der Diskussion (V.6). Die Formulierung „Euer Blut komme über Euer Haupt“ ist immer wieder antijudaistisch ausgelegt worden. Aufgrund der Ablehnung des Messias seien die Juden selbst schuld an all den Katastrophen, die sie zu erleiden hatten. Paulus geht es nicht um eine ewige Schuld, die Juden samt ihrer Konsequenzen auf sich geladen hätten, sondern um eine konkrete Situation: den Abbruch des Gesprächs. Für diesen Abbruch – so Paulus – tragen seine innerjüdischen Gegner die Schuld. Im griechischen Text steht zudem nur der Nominalsatz: „Euer Blut über euer Haupt!“ Er ist kein Wunschsatz, sondern konstatiert: Die Diskussion ist beendet. Dafür tragt Ihr die Verantwortung. ‚Schande über Euer Haupt‘ ließe sich analog dazu sagen. Dass es um die Frage geht, wer die Schuld für den Abbruch der Diskussion trägt, wird bestätigt durch die Formulierung: „Ich bin daran unschuldig“, wörtlich; ‚Ich gehe als Reiner zu den Völkern.‘ Damit dreht Paulus gegenüber seinen Gegnern zugleich die Perspektive um: Sie gehen davon aus, dass Paulus Israel verunreinigt, wenn er zu den Völkern geht, und dabei selbst zu einem Unreinen wird. Dagegen setzt Paulus: Ich gehe als Reiner zu den Völkern, d.h. als einer, der dabei die bestehenden Reinheitsgebote nicht verletzt.

Paulus geht nun „in das Haus eines gewissen Titus“ (V. 7). Seine Nähe zum Judentum wird durch seinen Status als „Gottesfürchtiger“ deutlich gemacht und bekommt durch die Bemerkung, dass sein Haus „an die Synagoge grenzte“ auch noch eine symbolische Bedeutung. Auch „der Synagogenvorsteher“ Krispus vertraute als Jude „mit seinem ganzen Haus“ der messianischen Predigt des Paulus (V. 8). Er steht als Beispiel für das, was bei vielen Leuten in Korinth geschah. Krispus ist ein typischer Name für Sklaven, aber auch Aquila und Priscilla könnten Sklavennamen sein. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass Paulus nicht bei den römischen ‚Eliten‘ verkehrt, sondern sich im Bereich derer bewegt, die ihnen und ihrer Ordnung zum Opfer fallen. Dies würde dem entsprechen, dass Paulus in seinen beiden Briefen an die Korinther seine Nähe zu denen betont, die Opfer römischer Herrschaft sind.

Im Traum hört Paulus die Stimme des Messias. Sie ermutigt ihn „Fürchte dich nicht! … Denn ich bin mit dir“ (V. 9.19). Diese Worte greifen Jes 43,5 auf. Bei Jesaja ist das Volk Israel angesprochen, das Gott gehört, der es „beim Namen gerufen“ hat (Jes 43,1). Bei den in Babylon verbannten Juden wird so die Hoffnung auf Heimkehr und einen neuen Anfang gestärkt. Auf Israel verweist auch die Formulierung „Viel Volk … gehört mir in dieser Stadt“ (V. 10). Des Paulus Weg zu den Völkern ist zwar unter Juden umstritten, aber er steht nicht gegen Israel. Es geht weiter darum, Israel zu sammeln und aufzurichten. Und so „blieb Paulus ein Jahr und sechs Monate und lehrte bei ihnen das Wort Gottes“ (V. 11). Sein Weg, der ihn schließlich zu den Völkern führen wird, steht nicht in Konkurrenz zu Israel. Paulus geht ihn, um sie zusammen mit Israel um Israels Gott und seine Verheißungen zu versammeln.

Herbert Böttcher