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Ostern 2022: „Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde…“ (Offb 21,1)

Offb 21,1-22,5

1 Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr. 2 Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat. 3 Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. 4 Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. 5 Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu. Und er sagte: Schreib es auf, denn diese Worte sind zuverlässig und wahr! 6 Er sagte zu mir: Sie sind geschehen. Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende. Wer durstig ist, den werde ich unentgeltlich aus der Quelle trinken lassen, aus der das Wasser des Lebens strömt. 7 Wer siegt, wird dies als Anteil erhalten: Ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein. 8 Aber die Feiglinge und Treulosen, die Befleckten, die Mörder und Unzüchtigen, die Zauberer, Götzendiener und alle Lügner – ihr Los wird der See von brennendem Schwefel sein. Dies ist der zweite Tod.

9 Und es kam einer von den sieben Engeln, welche die sieben Schalen voll mit den sieben letzten Plagen getragen hatten. Er sagte zu mir: Komm, ich will dir die Braut zeigen, die Frau des Lammes. 10 Da entrückte er mich im Geist auf einen großen, hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem, wie sie von Gott her aus dem Himmel herabkam, 11 erfüllt von der Herrlichkeit Gottes. Sie glänzte wie ein kostbarer Edelstein, wie ein kristallklarer Jaspis. 12 Die Stadt hat eine große und hohe Mauer mit zwölf Toren und zwölf Engeln darauf. Auf die Tore sind Namen geschrieben: die Namen der zwölf Stämme der Söhne Israels. 13 Im Osten hat die Stadt drei Tore und im Norden drei Tore und im Süden drei Tore und im Westen drei Tore. 14 Die Mauer der Stadt hat zwölf Grundsteine; auf ihnen stehen die zwölf Namen der zwölf Apostel des Lammes. 15 Und der Engel, der zu mir sprach, hatte einen goldenen Messstab, um die Stadt, ihre Tore und ihre Mauer zu messen. 16 Die Stadt war viereckig angelegt und ebenso lang wie breit. Er maß die Stadt mit dem Messstab; ihre Länge, Breite und Höhe sind gleich: zwölftausend Stadien. 17 Und er maß ihre Mauer; sie ist hundertvierundvierzig Ellen hoch nach Menschenmaß, das der Engel benutzt hatte. 18 Ihre Mauer ist aus Jaspis gebaut und die Stadt ist aus reinem Gold, wie aus reinem Glas. 19 Die Grundsteine der Stadtmauer sind mit edlen Steinen aller Art geschmückt; der erste Grundstein ist ein Jaspis, der zweite ein Saphir, der dritte ein Chalzedon, der vierte ein Smaragd, 20 der fünfte ein Sardonyx, der sechste ein Sardion, der siebte ein Chrysolith, der achte ein Beryll, der neunte ein Topas, der zehnte ein Chrysopras, der elfte ein Hyazinth, der zwölfte ein Amethyst. 21 Die zwölf Tore sind zwölf Perlen; jedes der Tore besteht aus einer einzigen Perle. Die Straße der Stadt ist aus reinem Gold, wie aus klarem Glas. 22 Einen Tempel sah ich nicht in der Stadt. Denn der Herr, ihr Gott, der Herrscher über die ganze Schöpfung, ist ihr Tempel, er und das Lamm. 23 Die Stadt braucht weder Sonne noch Mond, die ihr leuchten. Denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie und ihre Leuchte ist das Lamm. 24 Die Völker werden in diesem Licht einhergehen und die Könige der Erde werden ihre Pracht in die Stadt bringen. 25 Ihre Tore werden den ganzen Tag nicht geschlossen – Nacht wird es dort nicht mehr geben. 26 Und man wird die Pracht und die Kostbarkeiten der Völker in die Stadt bringen. 27 Aber nichts Unreines wird hineinkommen, keiner, der Gräuel verübt und lügt. Nur die im Lebensbuch des Lammes eingetragen sind, werden eingelassen.

1 Und er zeigte mir einen Strom, das Wasser des Lebens, klar wie Kristall; er geht vom Thron Gottes und des Lammes aus. 2 Zwischen der Straße der Stadt und dem Strom, hüben und drüben, steht ein Baum des Lebens. Zwölfmal trägt er Früchte, jeden Monat gibt er seine Frucht; und die Blätter des Baumes dienen zur Heilung der Völker. 3 Es wird nichts mehr geben, was der Fluch Gottes trifft. Der Thron Gottes und des Lammes wird in der Stadt stehen und seine Knechte werden ihm dienen. 4 Sie werden sein Angesicht schauen und sein Name ist auf ihre Stirn geschrieben. 5 Es wird keine Nacht mehr geben und sie brauchen weder das Licht einer Lampe noch das Licht der Sonne. Denn der Herr, ihr Gott, wird über ihnen leuchten und sie werden herrschen in alle Ewigkeit.

Das neue Jerusalem – Hoffnung gegen die Herrschaft Roms

„Die heilige Stadt, das neue Jerusalem“ (V. 2) ist das Gegenbild zu Rom, das im Bild der Hure Babylon dargestellt wurde (17,1ff). Entsprechend parallel sind die Einleitungen zu den Visionen (21,9.10a und 17,1-3a) gestaltet. In beiden Fällen eröffnet „einer der sieben Engel, welche die sieben Schalen trugen“ (17,1; 21,9) dem Seher den Blick auf die Visionen. Was der Engel jeweils zu sehen gibt, steht sich gegenüber: „die große Hure“ (17,1) und das „das neue Jerusalem“ (21,2). Die „große Hure“ ist mit dem Tier verbunden (17,3), das aus dem Meer aufgestiegen war (13,1ff) und dem „Macht gegeben“ (13,5) wurde. Im Zentrum des neuen Jerusalem stehen Gott und das „Lamm“ (V. 22ff) als Gegensymbol zu dem „Tier“. Das „neue Jerusalem“ wird als „Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat“ (21,2), dargestellt. Mit dem Bild der „Braut“ kommt die Gemeinde in den Blick. Sie verkauft sich nicht an Rom, sondern ist mit Gott und dem Lamm ‚verheiratet‘ und hält ihnen die Treue. So finden Gott und sein Volk in der „Wohnung Gottes unter den Menschen“ (V. 3) zusammen. Damit wird die Gemeinde zu einem widerständigen Gegenentwurf zu Rom.

Bevor die Vision des ‚neuen Jerusalem‘ als Gegenperspektive gegenüber Rom geschildert wird (21,9-22,5), wird sie bereits in einer umfassenden Einleitung skizziert (21,1-8).

Eine Skizze der neuen Stadt (21,1-8)

Wie die Bilder des Gerichts über Rom (Offb 17 und 18) den Blick frei geben für das, was Menschen unter der Herrschaft Roms in der Gegenwart erleiden, so drückt sich auch in den Bildern der Hoffnung, die um das neue Jerusalem kreisen, die gegenwärtige geschichtliche Wirklichkeit aus. In diesem Sinne gibt es eine Kontinuität in der Darstellung der Herrschaft Roms. Die Hoffnungsbilder jedoch legen den Akzent auf den Abbruch der geschichtlichen Verläufe. Sie symbolisieren den Bruch mit der Herrschaft Roms und das Ende seiner Herrschaft. In den Versen 1-4 wird die neue Schöpfung skizziert. Mit der Stimme dessen, „der auf dem Thron saß“ (V. 5), wird dargestellt, was sie für das Leben von Menschen bedeutet, für diejenigen, die sich ihr öffnen (V. 6f) und für diejenigen, die sich ihr verschließen (V. 8).

Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde…“ (V. 1)

Die Vision, die Johannes skizziert, greift auf die Verheißung eines ‚neuen Himmels und einer neuen Erde‘ beim Propheten Jesaja (65,17ff) zurück. Auch Jesaja verbindet diese Vision mit der Vorstellung eines neuen Jerusalem. Darin wird sich „lautes Weinen und Klagegeschrei“ (V. 19) über die Zerstörung in Jubel (V. 18) verwandeln. Die Bilder, in denen Jesaja die neue Stadt schildert, entwickelt er aus dem Leben des alten Jerusalem. „Dort, in Jes 65, entsteht das Neue aus dem Alten, hier in Apk 21 (Offb 21, H.B.) dagegen wird das Alte durch das Neue ersetzt. Das Alte ist nicht Ursprung, sondern Kontrast.“1 Im Unterschied zu Jesaja betont Johannes den Bruch mit Rom, der mit der Schöpfung eines ‚neuen Himmels und einer neuen Erde‘ verbunden ist. In der Schöpfung „im Anfang“ (Gen 1,1), also im Ursprung der Schöpfung, wird die Erde vor der „Urflut“ (1,1) und dem „Wasser“ (1,6) durch das Gewölbe des Himmels (die ‚Feste‘ des Himmels bzw. das Firmament) gesichert. Bei Johannes heißt es nun: „auch das Meer ist nicht mehr“ (V. 1). Das Chaos der Urflut, die das Meer symbolisiert, alles, was an „wüst und wirr“ (Gen 1,1) denken lässt, wird die neue Schöpfung hinter sich lassen. Welche Bedeutung das Meer als Ort des Chaotischen bei Johannes hat, wird darin deutlich, dass das Tier (der Drache), das Rom „seinen Thron und seine große Macht“ (13,2) übergeben hat, „aus dem Meer“ (13,1) aufgestiegen war. Von Rom wird das Meer „mare nostrum“ („unser Meer“) genannt. Aus der Perspektive einer unterworfenen Provinz, in der und aus der Johannes schreibt, heißt das: „Übers Meer kamen und kommen die römischen Legionen, die den Sieg erkämpften und behaupten; übers Meer fahren die Frachtschiffe, die die Früchte der Arbeit aus den Provinzen nach Rom bringen.“2

Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen…“ (V. 2)

Es fällt auf, dass die „heilige Stadt“ vom Himmel auf die Erde kommt, also nicht vom Erde in den Himmel aufsteigt. Der Aufstieg von der Erde zum Himmel wurde beim Bau des Turms von Babel (Gen 11,1- 9) versucht. Dabei wollten sich Menschen „einen Namen machen“ (V. 4), also sein „wie Gott“ (Gen 3,4) bzw. „wie Götter“ – so die griechische Übersetzung (LXX) des hebräischen Textes. Der Mythos will über die Erde hinaus, Esoterik den Himmel in uns. Fetischismus verklärt die Verhältnisse als ‚Himmel auf Erden‘, als vergöttlicht und alternativlos. Die „heilige Stadt“ kommt in einer entfetischisierenden Bewegung vom Himmel auf die Erde. Wie Gott in der Geschichte vom Turmbau herab stieg (Gen 11,5), um dem vergötzten Treiben ein Ende zu setzen, so markiert „die von Gott her aus dem Himmel“ (V. 2) herab kommende Stadt das Ende des Fetischzusammenhangs der Herrschaft Roms. Theologisch gesprochen: Transzendenz bedeutet nicht Überhöhung der irdischen Verhältnisse, ihre Verhimmlichung, sondern deren Kritik, Bruch mit ihren, also den real-existierenden Herrschaftsverhältnissen.

Seht die Wohnung Gottes unter den Menschen!“ (V. 3)

Im griechischen Text ist wörtlich vom Zelt Gottes unter den Menschen die Rede. Von daher wird deutlicher, was mit der Wohnung Gottes bzw. dem Wohnen Gottes unter den Menschen gemeint ist. Unser Text greift nämlich die Vorstellung des Zeltheiligtums auf, das Israel auf dem Weg der Befreiung durch die Wüste begleitete und in dem die Gegenwart Gottes symbolisiert war. Was darin zum Ausdruck gebracht wird, macht Lev 26,12f deutlich: „Ich gehe in eurer Mitte; ich bin euer Gott und ihr seid mein Volk. Ich bin der HERR, euer Gott, der euch aus dem Land der Ägypter herausgeführt hat, sodass ihr nicht mehr seine Sklaven zu sein braucht.“ In seiner Geschichte ist Israel immer wieder seinem Gott untreu geworden und hat seine Befreiung durch Gott in der Unterwerfung unter Götzen und die mit ihnen verbundene Fetischisierung von Herrschaft vertauscht. Das war aber nicht das ‚letzte Wort‘. Die Propheten riefen zur Umkehr und verbanden sie mit der Verheißung, dass Gott wieder neu mit seinem Volk zusammen kommen werde. So heißt es bei Ezechiel im Blick auf die Verheißung der Befreiung aus dem babylonischen Exil: „Ich werde mitten unter ihnen mein Heiligtum errichten und über (andere übersetzen ‚unter‘, H.B.) ihnen wird meine Wohnung sein. Ich werde ihnen Gott und sie werden mein Volk sein“ (Ez 37,26f).

Diese Verheißung geht mit dem Kommen der „heiligen Stadt“ in Erfüllung. Der Begriff des ‚Heiligen‘ unterstreicht die Zusammengehörigkeit von Gott und seinem Volk. Zu dem heiligen Gott, der in der ‚heiligen‘ Stadt wohnt, gehört sein ‚heiliges‘ Volk. Entsprechend hatte der HERR zu Mose gesprochen: „Rede zur ganzen Gemeinde der Israeliten und sag zu ihnen: Seid heilig; denn ich der Herr, euer Gott, bin heilig“ (Lev 19,1f). Mit der Zugehörigkeit Israels zu seinem ‚heiligem‘ Gott der Befreiung ist konstitutiv die Trennung von Götzen und den Herrschaftsverhältnissen, die sie legitimieren, verbuden.

Es fällt auf, dass im griechischen Original in dem, was in der Einheitsübersetzung wieder gegeben wird mit „und sie werden sein Volk sein“ (V. 3), der Plural steht, es also heißen müsste: „und sie werden seine Völker sein“. Nun richtet sich der Plural nicht gegen die Vorstellung Israels als Gottes Volk. Da denkt Johannes strikt von jüdischen Zusammenhängen her. Der Plural „seine Völker“ dürfte vielmehr vor dem Hintergrund verstanden werden, dass Rom die Völker unterwirft, also „ihm auch Macht gegeben war über alle Stämme, Völker, Sprachen und Nationen“ (13,7). Dann würde mit dem Plural angedeutet: Auch die von Rom unterworfenen Völker haben Platz in Gottes befreitem Volk.

Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen…“ (V. 4)

Die geschilderte Vision flüchtet nicht in eine idealistische Idylle, in eine Hoffnung jenseits der erfahrenen Wirklichkeit, sondern ist als Negation dessen zu verstehen, was Menschen unter der realen Herrschaft Roms zu erleiden haben. „Nimmt man aus den Aussagen des Johannes in V. 4 die Verneinungen weg, so ist beschrieben, was die Gemeinde an Wirklichkeit erfährt: Sie hat Grund zum Weinen. Der Tod herrscht und er wirkt sich aus in Leid, Klagegeschrei und Not.“3

Auch an dieser Stelle sind wieder Motive und Zusammenhänge aus dem Ersten Testament aufgegriffen. Jesaja spricht davon, dass „Kummer und Seufzer entfliehen“, wenn die nach Babylon Verschleppten heimkehren (51,11), und als Verheißung für den Zion (35,10). Von dem neuen Jerusalem heißt es: „Nicht mehr hört man dort lautes Weinen und Klagegeschrei“ (65,19). Von Gottes Abwischen der Tränen hatte Johannes schon in 7,17 gesprochen und dabei wie auch in V. 4 Jesajas Vision von einem Festmahl für alle Volker auf dem Berg Zion aufgenommen. Dieses Festmahl wird möglich, nachdem Gott seine Herrschaft im Gericht über die Völker, die andere unterdrücken und drangsalieren (25,6-8), durchgesetzt haben wird. Dann wird auch der „Tod für immer verschlungen“ (25,8) sein. Das „Frühere“, das endgültig „vergangen“ ist, wenn Leid und Tod überwunden sind, ist die Herrschaft Roms.

Er, der auf dem Thron saß, sprach…“ (VV. 5-7)

Von „dem, der auf dem Thron sitzt“ (4,9), war bereits bei der in einem Gegenbild zum Kaiserkult geschilderten Huldigung Gottes in den Kapiteln 4 und 5 mehrfach die Rede (4,2.9; 5,1.7.13). Johannes betont, dass der Thron und damit die Herrschaft einzig Gott gebührt und nicht dem Kaiser, der den Herrschaftsthron beansprucht und davor seine Untertanen niederfallen lässt, die sich dabei – wie es in dem entsprechenden griechischen Wort steckt – ‚zum Hund‘ machen. Zu Gott gehört das „Lamm“ (5,7), das „wie geschlachtet“ (5,6) aussieht. Von Gott empfängt es das versiegelte Buch, in dem Gottes Verheißungen verzeichnet sind. Nur das Lamm „konnte das Buch öffnen und hineinsehen“ (5,3). Das geschlachtete Lamm, der gekreuzigte Messias, repräsentiert Gottes Verheißungen und deren Erfüllung am Kreuz der Römer und durch seine Auferweckung durch Gott. Dass Gott als Ausdruck seiner Königsherrschaft auf dem Thron sitzt, hat Entsprechungen im Ersten Testament. „Gott wurde König über die Völker, Gott hat sich auf seinen heiligen Thron gesetzt“, heißt es in Psalm 45,9 (Vgl. auch 1 Kön 22,19; Jes 6,1; Dan 7,9).

Mit der Aussage: „Seht, ich mache alles neu“ ist Jes 43,19 aufgenommen. Da heißt es: „Siehe, nun mache ich etwas Neues.“ Das Neue wird beschrieben als Anlegen eines Weges durch die Wüste und von Flüssen im Ödland, „um mein Volk, mein erwähltes, zu tränken“. Wo nichts lebt, soll Leben entstehen. Wo Israel zur Wüste wird, solle es getränkt werden. Dazu ist Wasser nötig, lebendiges, fließendes Wasser. Für Johannes reicht aber nicht „etwas Neues“. Die Herrschaft Roms verstellt alles Leben. Da muss die Änderung radikal sein. Nicht nur „etwas“, sondern „alles“ muss von der Wurzel her neu werden. Deshalb macht er „alles neu“.

Dafür, dass diese Worte wahr werden und in dem von Rom geschlachteten, von Gott aber inthronisierten Lamm schon „geschehen“ sind, bürgt der Gottesname. Bei Johannes wird er umschrieben mit: „Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende“ (V. 6). Ähnlich hatte sich Gott bereits in der Einleitung zur Offenbarung vorgestellt: „Ich bin das Alpha und das Omega … der Herr, der ist und der war und der kommt, der Herrscher über die ganze Schöpfung“ (1,8). In diesen Gottesprädikationen geht es nicht um ein ewig bleibendes metaphysisches Wesen Gottes. Solch griechische Denkweise ist jüdischem Denken fremd. Ihm geht es nicht um die Fundierung in etwas immer Gleichem, sondern um Geschichte, vor allem darum, was Menschen in der Geschichte zu erleiden haben. Von daher ist es nicht unproblematisch davon zu sprechen, Gott sei als Alpha und Omega „der Anfang und das Ende“. Mit dem griechischen Begriff telos, der hier mit „Ende“ übersetzt wird, ist Ende als ein Ziel gemeint. Das Ziel, das Gott intendiert, ist die Befreiung von Unrecht und Gewalt, das durch die Herrschaft Roms konterkariert wird. Dieses von Rom vereitelte Ziel wird nun in den Worten dessen, „der auf dem Thron saß“ (V. 5), bekräftigt und seine Worte als „schon geschehen“ deklariert.

In V. 6 ist die Verheißung im Bild vom „Wasser des Lebens“ noch einmal aufgenommen. Wer durstig ist, soll aus dieser Quelle trinken – und zwar „unentgeltlich“. Damit ist Jesajas Verheißung aus 55,1 ausdrücklich aufgenommen. Da heißt es: „Auf, ihr Durstigen, kommt zum Wasser! Die ihr kein Geld habt, kommt und kauft ohne Geld, kommt kauft Getreide und esst, kommt und kauft ohne Geld und ohne Bezahlung Wein und Milch.“ Der Zugang zu dem, was Menschen zum Leben brauchen, ist nicht mehr über Geld vermittelt. Es tritt nicht mehr als ‚Mittler‘ zwischen die Mittel zum Leben und diejenigen, die sie brauchen.

„Unentgeltlich aus der Quelle trinken“ (V. 6) kann geschehen, wenn Wirklichkeit wird, was Gott Israel versprochen hat, indem er versichert: „Ich werde Gott sein und er wird mein Sohn sein“ (V. 7). Mit „mein Sohn“ ist Israel gemeint. Diese Redeweise geht zurück auf Nathans Verheißung des Königtums an David. Darin spricht Gott im Blick auf David: „Ich werde für ihn Vater sein und er wird für mich Sohn sein“ (2 Sam 7,14). Wenn David Sohn genannt wird, ist er zum Erben der Verheißung eingesetzt. Zugleich ist Israel als ganzes Erbe der mit dem Gottesnamen verbundenen Befreiung samt der damit verbundenen Verheißungen und wird entsprechend Gottes „Sohn“ genannt. Letzteres hat Johannes im Blick. Gott nennt Israel seinen Sohn und schenkt ihm sein Erbe: die Verwirklichung seiner Verheißungen der Rettung und Befreiung als „Anteil“. Wenn es heißt: „wer siegt“ (V. 7), erhalte diesen Anteil, dann sind damit nicht die Sieger in der Geschichte gemeint. Die Sieger, denen das Erbe der Verheißung zugeteilt wird, sind diejenigen, die aus der Perspektive der geschichtlichen Sieger zu den Verlierern, zu deren Opfern gehören, vor allem diejenigen, die wie das „geschlachtete Lamm“ der römischen Herrschaft widerstanden haben. Sie siegen, weil sie wie das „geschlachtete Lamm“ aus dem Tod gerettet werden. Und so kann Johannes in der Botschaft des Engels an die Gemeinde von Laodizea, an die er sich in Offb 3,14-22 wendet, in Jesu Auftrag sagen: „Wer siegt, der darf mit mir auf meinem Thron sitzen, so wie auch ich gesiegt habe und mich auf den Thron meines Vaters gesetzt habe“ (3,21).

Aber die Feiglinge und Treulosen…“ (V. 8)

In der neuen Welt Gottes können diejenigen keinen Platz finden, die im Widerspruch zu ihr stehen und so das Leben zerstören wollen. Der hier aufgelistete „Katalog der Unrechttäter … wirft ein Licht auf die verschiedenen Wege der Teilnahme am Verrat gegen Gottes Weltreich: Die Feiglinge verlieren ihren Mut im Kampf mit den widergöttlichen Mächten; die Ungläubigen und Befleckten werden NachfolgerInnen Babylons; die Mörder werden zu Agenten des Tieres, in dem sie die töten, die ihrer Macht widerstehen; die Unzüchtigen, Zauberer und Götzendiener beten die Herrschaft an, die die Erde zerstören; und schließlich verpflichten sich die Lügner der fundamentalen und letzten Falschheit, die Gewalt hervorbringt.“4

Diese Liste ist natürlich nicht als definitive Beschreibung einer kommenden Wirklichkeit zu verstehen, mit der diejenigen identifiziert werden, die von Gottes neuer Welt ausgeschlossen sind. Johannes dürfte es vielmehr darum gehen, auch noch einmal im Blick auf Personengruppen den Bruch zu markieren, den Gottes neue Welt gegenüber Rom, das ‚früher‘ war, bedeutet. Zugleich ist es eine Mahnung, Rom stand zu halten, seiner Herrschaft zu widerstehen.

Und es kam einer von den sieben Engeln, welche die sieben Schalen voll mit den letzten Plagen getragen hatten… (21,9 – 22,5)

Dass das neue Jerusalem als Gegenbild zu Babylon/Rom zu verstehen ist, wird durch die Parallelität zur Einleitung zum Fall Babylons (17) deutlich. Der gleiche Engel, der den Fall Babylons angekündigt hatte (17,1), kündigt nun das neue Jerusalem an (V. 9f). Es wird dem Seher gezeigt als „die Braut, … die Frau des Lammes“. Es gibt jedoch einen Unterschied. Um den Fall Babylon/Roms zu sehen, wird Johannes „in die Wüste“ (17,3) entrückt, während er seinen Blick auf das neue Jerusalem von einem „hohen Berg“, einem Symbol der Nähe Gottes, aus tun kann (V. 10). Als erstes bekommt er zu sehen, was diese Stadt prägt: die „Herrlichkeit Gottes“ (V. 10). Vor dem hebräischen Hintergrund dieses Begriffs ist gemeint: Auf dieser Stadt liegt das ganze Gewicht Gottes. Er wohnt, ‚zeltet‘ ja in ihrer Mitte, so dass Gott und sein Volk hier zusammen wohnen, wie Johannes die Bilder vom Zelten Gottes unter seinem Volk auf dem Weg durch die Wüste aufgegriffen hatte (vgl. V. 3). Die Rede von der „Herrlichkeit Gottes“ knüpft an die Verheißung Jesajas an, nach der „die Herrlichkeit des HERRN … strahlend“ (60,1) über Jerusalem aufgeht. Bei Johannes wird ihr Glanz mit einem „kostbaren Edelstein“ und einem „kristallklaren Jaspis“ (V. 11) verglichen und so noch einmal in Gegensatz zu Babylon/Rom als Behausung für abscheulichen Schmutz und Unrat (18,2f) wie zur trüben Mischung ihres abscheulichen Schmutzes gesetzt, der sich im Inneren ihres außen golden glänzenden Bechers befindet (17,4).

Genauer zu sehen bekommt Johannes die Maße der Stadt und ihre Mauer (VV. 11-17), die Materialien, aus denen die Stadt errichtet ist (VV. 22-27), die Beschreibung ihres Inneren (VV. 22-27) und schließlich ihr paradiesisches Leben (22,1-5).

Die Stadt hat eine große und hohe Mauer…“ (VV. 11-17)

In antiken Städten dient die Mauer dem Schutz derer, die in ihnen leben. Die Ausmaße der Mauern des neuen Jerusalem signalisieren die Unüberwindlichkeit seiner Mauern – im Unterschied zu den Mauern des historischen Jerusalem, welche die Römer überwinden konnten. Die Folge war die Zerstörung Jerusalems (70 u.Z.) und die Vertreibung der Juden, die schließlich mit dem Bar Kochba-Aufstand 132-136 ihren negativen Höhepunkt fand. Die Namen auf den zwölf Toren der Stadt sind die Namen der zwölf Stämme Israels, die durch sie in die Stadt einziehen. Die zwölf Engel auf den Toren dürften aus Jesaja 62,6 übernommen sein. Dann entsprächen sie den Wächtern, die „den ganzen Tag und die ganze Nacht“ an Israels Gott erinnern. Mit dem neuen Jerusalem ist Israel als das Volk der zwölf Stämme wieder hergestellt. Als „Braut des Lammes“ setzt Johannes es in Beziehung zur messianischen Gemeinde. Diese ist nicht ‚zu haben‘, ohne in Israel verwurzelt zu sein. Die Verbindung der messianischen Gemeinde mit Israel wird auch in den „zwölf Grundsteinen“ erkennbar. Sie tragen die „zwölf Namen der Apostel des Lammes“ (V. 14). Über die Zahl zwölf sind die Apostel mit Israel verbunden. Sie stehen dafür, dass Jesus das ganze am Boden liegende Volk Israel neu sammeln wollte. Ihre Kennzeichnung als „Apostel des Lammes“ (V. 14) stellt sie in den Dienst des ‚geschlachteten Lammes‘ und darin in den Dienst der Opfer der römischen Herrschaft. Daraus – und nicht über eine konstruierte formale Einsetzung durch Jesus – gewinnen sie ihre Autorität. Sie ist keine Autorität der Macht, sondern eine Autorität, die sie von den Ohnmächtigen her gewinnen. Das Lamm ist zudem das Gegenbild zu dem Tier bzw. den Tieren, die nach Offb 13 die Macht Roms ausüben. Apostolische Autorität ist von ihrer Verwurzelung im Lamm her eine antifetischistische Autorität. Was das für kirchliche Strukturen zu bedeuten hätte, könnte ja in synodalen Prozessen mal buchstabiert werden. Das wäre zugleich ein Beitrag zur Befreiung von ‚Klerikern‘ wie ‚Laien‘ aus einer ihnen oft gemeinsamen ekklesionarzisstischen Nabelschau.

Das Motiv der Vermessung der Stadt (VV. 15-17) knüpft an Ez 40 an. Hier wird die Stadt nach ihrer Zerstörung durch Babylon neu vermessen. Die Stadt ist quadratisch bzw. als Kubus – Symbol der Vollkommenheit – angelegt. Als ganze entspricht die Stadt dem Allerheiligsten des Tempels als Ort der Gegenwart Gottes. Darin zeigt sich wieder der Gedanke des Wohnens/Zeltens Gottes in der Mitte seines Volkes. Der Vorgang des Messens wird in V. 16-b.17 beschrieben. Er läuft auf unfassbare Dimensionen der Stadt hinaus. Dies könnte auch in Spekulationen zum Ausdruck kommen, die mit der Zahl von „hundertvierundvierzig Ellen“ (V.17) angestellt werden könnten. „Die 144 ist das Quadrat der Zwölf und die 12000 ist ebenfalls die Zwölf, multipliziert mit der 1000 als der Zahl der unübersehbar großen Menge.“5 Auf jeden Fall verweist die Zahl Zwölf auf die für die messianische Gemeinde konstitutive Verbindung mit Israel.

„ … eine Stadt aus reinem Gold, wie aus reinem Glas“ (VV. 18-21)

In den Blick kommt das Material, aus dem die Stadt erbaut ist: die Mauer aus Jaspis „und die Stadt aus reinem Gold, wie aus reinem Glas“ (V. 18). Dann werden die Grundsteine in ihren kostbaren Substanzen einzeln aufgeführt (V. 19f) und die zwölf Tore als zwölf Perlen dargestellt (V. 21). Die Charakterisierung des Materials endet wie sie begonnen hatte mit „reinem Gold, wie aus klarem Glas“. Aus diesem Material ist auch die „Straße der Stadt“ (V. 21), die wohl als eine prachtvolle Allee gedacht ist, die allen zugänglich ist. Das unterscheidet die neue Stadt von der durch die „Dynamik des Luxus“ geprägte Stadt Babylon/Rom (vgl. Kapitel 17 und 18), die ihre Kehrseite in den Opfern hatte, deren Blut zum Himmel schreit (18,24). Mit dem Luxus der neuen Stadt wird kein Handel getrieben. Er wird nicht gekauft und verkauft, was vom Wortlaut pornemi her wörtlich heißt, Hurerei getrieben. Wie das Wasser als Grundbedingung des Lebens, ist auch der Luxus „unentgeltlich“ (V. 6), d.h. allen zugänglich und das „rein“ und „klar“ und ohne Beimischung „von dem abscheulichen Schmutz ihrer Hurerei“, mit dem der „goldene Becher“ der Hure Babylon/Rom gefüllt war (17,4).

Einen Tempel sah ich nicht in der Stadt…“ (V. 22)

Mit dieser Feststellung beginnt die Beschreibung des Inneren der Stadt (VV. 22-27). Sie braucht keinen Tempel als besonderen Ort der Gegenwart Gottes, weil die ganze Stadt von der Gegenwart Gottes erfüllt ist. „Er und das Lamm“ sind „ihr Tempel“ und „Herrscher über die ganze Schöpfung“ (V. 22). Da ist jede Herrschaft am Ende; da bedarf es keiner königlichen und kultischen Vermittlungen mehr. Es gibt weder eine über Könige vermittelte Herrschaft von Menschen über Menschen noch eine priesterliche Vermittlung zwischen Gott und den Menschen. Alle hat Gott „zu einem Königreich und zu Priestern gemacht“ (5,10, vgl. auch 1,6). Auffällig ist, dass die Offenbarung von Priestern als hiereus spricht, einem Begriff, der im Zweiten Testament weitestgehend vermieden wird. Wenn es um die Leitung in Gemeinden geht, werden vor allem Begriffe wie episcopos oder presbyteros, die auch im Profanen Leitungaufgaben bezeichnen, benutzt. Damit wird einem kultisch bestimmten Priestertum, das zwischen Gott und den Menschen vermittelt, ein Riegel vorgeschoben. Die Offenbarung spricht wahrscheinlich von hiereus, um das Ende der Vermittlung zwischen Gott und Priestern zu verdeutlichen, die dadurch gekennzeichnet ist, dass alle Priester sind. Die Gegenwart Gottes, von der die Stadt erfüllt ist, teilt sich allen mit und ‚vermittelt‘ sich über das geschwisterliche Zusammenleben aller ohne Über- und Unterordnungen und nicht durch Sonder‘vermittlungen‘.

Die Stadt braucht weder Sonne noch Licht…“ (V. 23)

Sonne und Mond sind als Quellen des Lichts in der neuen Stadt überflüssig; „denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie und ihre Leuchte ist das Lamm“ (V. 23). Hier wird Jesajas Bild vom Aufgang der Herrlichkeit Gottes über Jerusalem (Jes 61) weiter entfaltet. Schon bei Jesaja hatte es im Blick auf Jerusalem geheißen: „Nicht mehr die Sonne wird dein Licht sein … noch wird dir der Mond als heller Schein leuchten, sondern der HERR wird dir ein ewiges Licht sein … zu Ende sind die Tage deiner Trauer“ (60,19f). Die Gegenwart Gottes erhellt alles. Dieses Licht lässt leben und verwandelt die Wirklichkeit. Es beendet die ‚Tage der Trauer‘. Wenn die „Herrlichkeit Gottes“ die Stadt erleuchtet, ist „ihre Leuchte … das Lamm“. Dann erscheinen die Opfer der römischen Gewaltherrschaft, die wie „das Lamm“ hingeschlachtet worden sind, in einem neuen Licht. Im Licht des Lammes widerfährt ihnen Gerechtigkeit, Auferweckung zum Leben in der neuen Stadt Jerusalem. Ihnen leuchtet das ‚ewige Licht‘.

Die Völker werden in diesem Licht einhergehen…“ (V. 24)

Auch bei diesem Bild ist Jesaja 60 wieder präsent. „Nationen wandern zu deinem Licht und Könige zu deinem Glanz.“ So schildert Jesaja (60,3) die Reaktion der Völker und Könige auf das Aufstrahlen der „Herrlichkeit des HERRN“ über Jerusalem. Völker, die nach der Offenbarung zuvor mit Rom verbunden waren, die vom verzaubernden Glanz Roms gebannt vor ihm in die Knie gegangen (13,3) sind oder vom Wein seiner „Hurerei“ tunken waren (17,3), lassen sich vom Licht, das von der Stadt ausgeht, orientieren und anziehen. Die Könige, die im Dienst der Ausbeutung der Provinzen standen, stellen ihren Reichtum der neuen Stadt zur Verfügung, so dass alle daran Anteil haben. Sie stehen nicht mehr im Dienst des Tieres, sondern stellen sich in den Dienst Gottes und des Lammes.

Ihre Tore werden den ganzen Tag nicht geschlossen…“ (V. 26f)

Die Tore der Stadt werden nicht geschlossen, damit alle „Pracht“ und „alle Kostbarkeiten“ in die Stadt eingebracht werden können. Sie stehen nicht mehr einzelnen Völkern, Gruppen und Menschen zur Verfügung, sondern sind Teil einer Stadt, in der sie allen offen stehen.

Aber nichts Unreines wird hineinkommen…“ (V.27)

Ausgeschlossen sind die „Greuel“, die in Babylon/Rom das Blut derer angesammelt haben, „die auf der Erde hingeschlachtet worden sind“ (18,24). Mit „Unreinem“ ist all das gemeint, das im Widerspruch steht zur Heiligkeit Gottes (Lev 19). Es ist das, was dem mit seinem Namen gegebenen Versprechen der Befreiung widerstrebt, vor allem der Götzendienst, als ein Dienst, der sich an Herrschaft und Versklavung verkauft und deshalb ‚Hurendienst‘ ist. Eingelassen werden nur diejenigen, „die im Lebensbuch des Lammes eingetragen sind“. Es sind diejenigen, die dem Lamm und darin den Opfern der Gewaltherrschaft die Treue gehalten haben und „alle, die sonst keinen Namen haben, die in keiner Bürgerliste verzeichnet sind“6.

Das Paradies am Anfang und die Stadt am Ende (22,1-5)

Und er zeigte mir einen Strom, das Wasser des Lebens…“ (V. 1)

Am Ende der Schilderung der neuen Stadt greift Johannes auf das Paradies am Anfang (Gen 2,4ff) zurück. Im Paradies entspringt der Strom „in Eden“ und bewässert das Paradies, das als Garten dargestellt wird (Gen 2,10). Bei Ezechiel „strömte“ Wasser „unter der Tempelschwelle hevor“ (47,1). Im neuen Jerusalem, in dem es ja keinen Tempel mehr gibt, geht das „Wasser des Lebens“ direkt „vom Thron Gottes und des Lammes“ aus. Dieser Thron, die Herrschaft Gottes und des Lammes, ist die Quelle allen Lebens. Sie prägt die Stadt durch und durch, so dass auch der Tempel als Quelle des Wassers überflüssig geworden ist. Dass die Rede von dem vom Thron Gottes und des Lammes ausgehenden „Wasser des Lebens“ keine abstrakt-allgemeine Redeweise ist, macht die Verbindung zu Offb 7,15ff deutlich. Wenn das „Wasser des Lebens“ fließt, ist all dem das ‚Wasser abgegraben‘, was das Leben der Menschen unter der Herrschaft des römischen Reiches zerstört. Wenn Gott, „der auf dem Thron sitzt“ (7,15), „sein Zelt“ über den Menschen „aufschlagen wird“, gilt: „Sie werden keinen Hunger und keinen Durst mehr leiden und weder Sonnenglut noch eine sengende Hitze wird auf ihnen lasten. Denn das Lamm in der Mitte vor dem Thron wird sie weiden und zu den Quellen führen, aus denen das Wasser des Lebens strömt…“ (7,16f).

Zwischen der Straße und der Stadt und dem Strom … steht ein Baum des Lebens…“ (V. 2)

Der „Baum des Lebens“ aus dem Paradies (Gen 3,9) steht auch in der neuen Stadt. Er dürfte kollektiv zu verstehen sein7. Er wird von den Bäumen repräsentiert, die als Allee auf beiden Seiten des Flusses stehen, der als „Wasser des Lebens“ durch die Stadt strömt. Der „Baum des Lebens“ trägt jeden Monat Früchte, und seine Blätter „dienen zur Heilung der Völker“. Diese Aussage steht in Spannung zu der Vorstellung des Gerichts in Offb 20,11ff. Dort wird alles, was das Leben zerstört, in den Feuersee geworfen. Dazu gehören auch die Menschen, die „nicht im Buch des Lebens verzeichnet“ (20,15) waren, also im Dienst des Tieres, der römischen Herrschaft gestanden haben. Nach Offb 22,2 dienen die Blätter des Baumes jedoch „zur Heilung der Völker“. Diese ‚Ungereimtheit‘ erinnert daran, dass die Bilder aus der Offenbarung nicht in ‚definierende‘ dogmatische Begrifflichkeiten gepresst werden können, sondern bei allem Insistieren auf dem Bruch mit Rom doch darauf hin offen sind, dass Gott das ‚letzte Wort‘ sprechen wird und dies nicht ‚definierend‘ und ‚identifizierend‘ vorweg genommen werden kann. Die Hoffnung auf Gottes ‚letztes Wort‘ hält die Möglichkeit der „Heilung der Völker“ offen. Demgegenüber machen die harten Gerichtsbilder des Johannes deutlich, dass es unter der Herrschaft Roms keine Rettung geben kann. Damit aber ist jedoch noch nicht alles gesagt.

Es wird nichts mehr geben, was der Fluch Gottes trifft…“ (V. 3f)

Wenn die Völker Heilung gefunden haben, kann es „nichts mehr geben, was der Fluch Gottes“ treffen könnte. Vielmehr werden alle als „Knechte“ in den Dienst Gottes treten. Wer zum Knecht Gottes geworden ist, steht im Dienst der Befreiung, wie Israel als „Knecht Gottes“ der Befreiung von Unrecht und Gewalt den Weg bereiten soll. Als Verb für ‚dienen‘ steht nicht das z.B. in den Evangelien übliche Wort diakonein, woher unser Wort Diakonie kommt, sondern latreuein, ein Wort, das den liturgischen Dienst meint. Das ganze Leben soll also zum Gottesdienst werden, zum Dienst gegenüber Gott in einem geschwisterlichen von Herrschaft befreiten Miteinander, in dem alle den priesterlichen Dienst in einem von Herrschaft befreiten Leben verrichten, also Gottes Dienst aneinander tun. Dem entspricht, dass „alle sein Angesicht schauen, sein Name … auf ihrer Stirn“ geschrieben ist (V. 3). Sie tragen nicht mehr den Namen des Tieres, sondern den Namen Gottes. Von diesem Namen sind sie ganz und gar geprägt, so dass sie Gottes „Angesicht schauen“ und dabei sehen und erleben können, was der Name Gottes beinhaltet.

„… und sie werden herrschen in alle Ewigkeit“ (V. 5)

Der letzte Vers unseres Textzusammenhangs fasst das bisher Dargestellte noch einmal rekapitulierend zusammen. Gott ist über alle Herrschaft und Gewalt ‚Herr‘ geworden. Das Licht seiner befreienden Herrschaft hat alle Finsternis beseitigt und erstrahlt als Licht für alle von Systemen des Unrechts und der Gewalt Befreiten. Mit ihm werden sie „herrschen in alle Ewigkeit“. Zum einen ist in dieser Formulierung auf Dan 7,18 angespielt. Wenn mit der Herrschaft des Menschensohns, der aus dem Himmel, also von Gott kommt, die Macht aller Gewaltherrschaften, die auch bei Daniel als Tiere, genauer als Bestien dargestellt sind, zu Ende ist, dann werden das Königtum „die Heiligen des Höchsten erhalten und sie werden es behalten für immer und ewig“. Es sind diejenigen, die zu Israels Gott der Befreiung gehören, die nach Offb 22,4 den Namen Gottes als Ausdruck ihrer Zugehörigkeit „auf ihre Stirn geschrieben haben“. Es ist eine ‚geteilte Herrschaft‘. Zum anderen ist Herrschaft in der neuen Stadt gegenstandslos geworden. Das Reden in den Begriffen von Herrschaft hat „nur in der Bestreitung anderweitiger Herrschaft, die es ja zur Zeit, da Johannes schreibt, immer noch gibt und unter der er und die Seinen zu leiden haben“8, Sinn.

Vor diesem Hintergrund bietet die in Bildern entworfene Skizze des neuen Jerusalem „keine Bauanleitung“ für den Aufbau einer historischen Alternative. Johannes will nicht bauen, „sondern erbauen – zum Widerspruch und Widerstand gegen eine verkehrte Welt. Er erbaut, indem er diese verkehrte Welt visionär umkehrt, aber gerade damit auf die Wirklichkeit bezogen bleibt, auf das tatsächliche Rom und das tatsächliche Jerusalem. In der Zeit, da Johannes sein Werk schreibt, liegt Jerusalem zerstört da, während die Metropole Rom prachtvoll glänzt und sich pulsierenden Lebens erfreut… Es ist der Versuch eines Ohnmächtigen, anzuschreiben gegen den Triumph der Gewalt, die über Leichen gegangen ist und weiterhin Opfer produziert. Es ist der Versuch, nicht dieser gewaltigen Weltmacht das letzte Wort zu lassen, sondern die Geschichte offen zu halten für den kommenden Gott.“9

Dem entspricht der Anfang und das Ende der Offenbarung. Am Anfang wir Gott vorgestellt als der, „der ist und der war und der kommt“ (1,4.8) und Jesus als „der treue Zeuge, der Erstgeborene der Toten“ (1,5), der „kommt mit den Wolken…“ (1,7). Am Ende der Offenbarung und damit am Ende der christlichen Bibel steht der Ruf: „Komm, Herr Jesus!“ (22,20).

1 Klaus Wengst, „Wie lange noch?“ Schreien nach Gerechtigkeit und Recht – eine Deutung der Apokalypse des Johannes, Stuttgart, 2010, 218.

2 Ebd.

3 Ebd., 221.

4 Elisabeth Schüssler Fiorenza, Das Buch der Offenbarung. Vision einer gerechten Welt, Stuttgart/Berlin/Köln 1994, 134.

5 Wengst (Anm. 1), 226.

6 Ebd., 231.

7 Vgl. Hermann Lichtenberger, Die Apokalypse, Theologischer Kommentar zum Neuen Testament, Band 23, hg. von Ekkehard W. Stegemann, Luise Schottroff, Angelika Strotmann, Klaus Wengst, Stuttgart 2014, 270.

8 Wengst (Anm. 1), 235.

9 Ebd., 326.