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Karfreitag 2022: Die Ankündigungen des Leidens Jesu nach Lukas

Heute hat sich … erfüllt“ (4,21)

In seinem Evangelium erzählt Lukas von Jesus als dem von Gott Gesalbten, dem Messias bzw. Christus. Als der Gesalbte Gottes stellt Jesus sich in der Synagoge von Nazaret zu Beginn seines Wirkens mit Worten des Propheten Jesaja (61,1f) vor (4,16-19). Er kennzeichnet sein Wirken als Messias dadurch gekennzeichnet, dass er „gesalbt“ und „gesandt“ ist, damit er den „Armen eine frohe Botschaft“ (4,18) bringe, „Gefangenen die Entlassung“ verkünde, „Zerschlagene in Freiheit“ setze (4,18) und „ein Gnadenjahr des Herrn“, das Jobeljahr als Jahr der Befreiung für alle Versklavten, ausrufe (4,19). Er betont: „Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt“ (4,21).

Was das beinhaltet hatte Maria im Magnificat besungen: Die Mächtigen werden vom Thron gestürzt und die Erniedrigten erhöht. Die Hungernden werden beschenkt, während die Reichen leer ausgehen. Israel als Knecht Gottes erfährt Gottes Erbarmen, das ihn aufrichtet (1,52ff). Im griechischen Text steht die Zeitform des Aorist, für die es im Deutschen keine Entsprechung gibt. Gewöhnlich wird sie mit dem deutschen Perfekt übersetzt. Dann müsste es heißen: Er hat die Mächtigen vom Thron gestürzt… Was geschieht, ist gegenwärtig, aber noch nicht erfüllt (‚perfekt‘). Jedenfalls dürfte sich in der Wahl des griechischen Aorist der Bezug des Lukas auf das ‚Heute‘ widerspiegeln. Entsprechend taucht der Bezug auf ‚heute‘ in der Weihnachtsgeschichte auf, wenn Lukas betont: „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren“ (2,11). Was diese Geburt beinhaltet, soll sich ähnlich wie die Verheißung des Jesaja in 4,21 ‚heute‘ erfüllen. Also: Heute beginnt es. Heute schon hat Gott die Mächtigen vom Thron gestürzt…., erfüllen sich die Verheißungen der Befreiung, wird es „Friede auf Erden“ (2,14).

„Friede auf Erden“ meint Gottes Schalom auf der Grundlage von Gerechtigkeit und Befreiung, umfassendes Wohl, Heil als Rettung. Wie dies im Handeln und Reden des Messias Wirklichkeit wird, erzählt Lukas – solange der Weg Jesu durch Galiläa führt (4,14-50). Dann geschieht eine Wende: Es beginnen sich die Tage zu erfüllen, „dass er hinweg genommen werden sollte“ (9,51). Lukas spielt auf Jesu Rückkehr zum Vater in der sog. Himmelfahrt (Apg 1,9-11) an. Diese erleben die Jüngerinnen und Jünger als verlassen, als allein gelassen werden – und das in einer Situation, in der keine Befreiung Wirklichkeit geworden ist, die Mächtigen weiter auf ihren Thronen sitzen und statt Friede im Sinne der biblischen Verheißungen die Pax Romana gilt und die damit einhergehende Ausbeutung und Knechtschaft der Unterworfenen ‚sicher‘ ist. Zur Pax gehört eben die Securitas, die Sicherheit der Herrschaftsverhältnisse.

Die Erfüllung steht aus…

Jesu Einzug in Jerusalem (Lk 19,28-44)

Die ausstehende Erfüllung wird besonders deutlich im Zusammenhang von Jesu Einzug in Jerusalem (19,28-44). Jetzt wo Jesu Weg unmittelbar in eine Konfrontation mit den Machtverhältnissen führt, die zunächst einmal am Kreuz der Römer endet, kann keine Rede mehr sein vom „Frieden auf Erden“ (2,14). Jetzt heißt es: „Im Himmel Friede und Ehre in der Höhe!“ (19,28). In dieser Darstellung spiegelt sich die Situation nach dem Sieg der Römer über jüdischen Widerstand, der sich in der Zerstörung Jerusalems manifestiert. Deshalb weint Jesus über Jerusalem und klagt: „Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was den Frieden bringt…“ (19,41). Der gewaltsame Aufstand hat Zerstörung gebracht, aber keinen Frieden. Die Pax Romana ist wieder gefestigt, und die ‚Mächtigen‘ sitzen sicher auf ihren Thronen – wie ja schon in den beiden Geschichten deutlich geworden ist, die Jesu Einzug vorausgehen. Zwar ist Zachäus umgekehrt. Weil Jesus „heute“ (19,5) in seinem Haus zu Gast war, ist „heute … diesem Haus Heil geschenkt worden“ (19,9). Dennoch gehen die Ausbeutung und Gewalt, die mit der römischen Herrschaft verbunden sind, ungebrochen weiter (19,11-27).

Lukas schreibt gegen die drohende Resignation an, die mit dem Triumph Roms über die messianischen Hoffnungen droht. In der Geschichte von Jesu Einzug in Jerusalem wird dies darin deutlich, dass und wie die Jüngerinnen und Jünger „freudig und mit lauter Stimme Gott … loben wegen all der Machttaten, die sie gesehen hatten“ (19,29). Sie tun es mit Worten aus dem Psalm 118,26, wenn sie rufen: „Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn. Im Himmel Friede…“ In der passiven Formulierung „gesegnet“ kommtentsprechend jüdischer Sprechweise – zum Ausdruck, dass Gott diesen König „gesegnet“ hat, dass also in seinem Wirken, aber auch in dem Schicksal, das ihm in Jerusalem droht, Gott ‚am Werk‘ ist. Jesus, der zum Opfer der römischen ‚Pax et Securitas‘ (Friede und Sicherheit) wird, ist in Gottes Hand, in dem Segen, den Gott über ihn spricht ‚sicher‘. Das gilt auch für den Frieden: „Er hat einen sicheren, einen uneinnehmbaren Ort; er hat ihn bei Gott: ‚im Himmel Friede und Glanz in der höchsten Höhe‘. Von dort her wird Jesus aufgeweckt werden. Dort wird er inthronisiert; dort haben diejenigen, die ihn umgebracht haben, keinen Zugriff mehr auf ihn… Von dort her wird er die Seinen inspirieren, weiter Wege des Friedens zu suchen und zu gehen. Die Verortung des Friedens im Himmel bedeutet also weder, dass seine konkreten Inhalte spiritualisiert würden, noch, dass seine Realisierung auf der Erde ausgesetzt und aufgegeben werden sollte. Das entspricht sachlich dem Schluss des jüdischen Kaddischgebetes: ‚Der Frieden schafft in seinen Höhen: Er schafft Frieden über uns und ganz Israel!‘“1

Nicht als Kriegskönig zieht Jesus in Jerusalem ein – nicht triumphal auf einem Pferd, sondern auf einem Esel und ohne Insignien der Macht. In seinem Widerstand gegen Rom bekämpft er Rom nicht auf der Ebene der Macht und militärischer Gewalt. Das hat – wie Lukas aus der Erfahrung mit dem römischen Krieg reflektiert – vor allem Zerstörung und die Zerstreuung des jüdischen Volkes gebracht. Darin sichtbar werdende Reflexionen mögen im Blick auf den Krieg Russlands gegen die Ukraine in den Augen der ‚Realpolitiker‘ und der sie verblüffungsfest akklamierenden ‚Realisten‘ nicht nur illusionär, sondern auch zynisch klingen. Zu hören – auch aus kirchlichen Kreisen – ist, wer hier meine, die ‚andere Wange‘ hinhalten zu müssen, hält nicht die eigene, sondern, die der anderen hin, also die Wange derer, die sich dann Russland unterwerfen sollen. Aber gilt nicht auch umgekehrt: Wer in der Ukraine die westlichen Werte verteidigen lässt, die ja – wenn es um die Akkumulation oder die Abwehr der ‚falschen‘ Geflüchteten geht selbstverständlich außer Kraft gesetzt und dementiert werden. Der Westen schickt die anderen in den Tod und geriert sich damit noch als solidarisch mit ‚Freiheitskämpfern‘.

Zu den Ankündigungen von Jesu Leiden

Die Ankündigungen von Jesu Leiden und Sterben kommen in den Blick, je mehr sich Jesus Jerusalem nähert. Die beiden ersten Ankündigungen finden sich gegen Ende von Jesu Wirken in Galiläa (9,20-22 und 43b-45), die beiden weiteren auf dem direkten Weg nach Jerusalem (17,22-25 und 18,31-34). Sie stehen im Zusammenhang damit, dass Jesu Anspruch, der Gesalbte Gottes zu sein, mit dem das Reich Gottes Wirklichkeit wird und sich Israels Verheißungen erfüllen, durch seinen Tod am Kreuz der Römer widerlegt zu sein scheinen. Die Szenen von Jesu Verspottung am Kreuz laufen darauf hinaus, dass da am Kreuz der Römer ein hilfloser Messias hängt, der sich in seiner Hilflosigkeit selbst widerlegt (23,35-39): Das Volk und die führenden Männer verweisen darauf, dass er zwar anderen geholfen habe, aber sich selbst nicht helfen, also seine messianische Macht nicht beweisen könne (V. 35). Auch die Soldaten machen ihren Spott an dem Widerspruch fest, dass entsprechend der Aufschrift über dem Kreuz „Das ist der König der Juden“ da ein König hänge, der sich selbst nicht retten kann (V. 36f). Und einer der mit Jesus Gekreuzigten stößt in das gleiche Horn des Widerspruchs zwischen Jesu Kreuzestod und seinem Anspruch als Gottes Gesalbter die Königsherrschaft Gottes zu repräsentieren: „Bist du denn nicht der Christus? Dann rette dich selbst und auch uns!“ (V. 39).

Mit den Ankündigungen von Jesu Leiden sollen solche Widersprüche und Zweifel, die es auch in den Gemeinden gegeben haben dürfte, in das Licht gerückt werden, in dem Lukas die Passion Jesu verstanden wissen will: das Zeugnis seiner Auferweckung. „Und so versteht … er den Gang Jesu in Leiden und Tod als einen Weg, auf dem Gott mitgeht und aufgrund dieses Mitgehens mit Hinrichtung und Begräbnis Jesu nicht zu Ende ist, sondern in anderer Weise weitergeht.“2

Die erste Leidensankündigung (9,20-22) ist aufs engste mit dem Bekenntnis des Petrus verbunden, das festhält, dass Jesus der „Christus Gottes“ (V. 20), der Messias ist. Es formuliert gleichsam das Fazit von Jesu Wirken in Galiläa. Dieses Bekenntnis soll aber „niemandem“ (V. 21) weitergesagt werden. Ohne seine Verbindung mit Kreuz und Auferstehung droht es, falsche Erwartungen zu wecken und missverstanden zu werden. Deshalb verweist Jesus auf das, was kommen ‚muss‘. „Der Menschensohn muss vieles erleiden … und verworfen werden; er muss getötet und am dritten Tag auferweckt werden“ (V. 22). Mit dem ‚Muss‘ ist ein apokalyptisches Motiv aufgenommen, das uns aus der Offenbarung des Johannes bekannt ist. Darin heißt es dem Tier, das für Rom steht, sei „Macht gegeben“ (Offb 13,5). Das Passiv ‚ist gegeben‘ bringt zum Ausdruck, dass sie von Gott ‚gegeben‘ ist. Weil sie von Gott gegeben ist, kann sie auch von Gott durchbrochen und genommen werden. Ähnlich ist das ‚Muss‘ bei Lukas zu verstehen. Wenn er das ‚Muss‘ betont‚ geht es nicht darum, dass die Geschichte im voraus festgelegt, ‚determiniert‘ ist, sondern darum deutlich zu machen, dass Gott auf diesem Weg neues Leben schaffen wird: Auferweckung vom Tod, Gemeinde als Gemeinschaft der Jesus neu Nachfolgenden, eine neue Welt ‚jenseits‘ von Geist und Logik des römischen Imperiums. Diese Sicht wendet sich dagegen, das Wirken des Messias aus der Perspektive geschichtlicher Immanenz als gescheitert anzusehen. Es entfaltet seine ‚Wirksamkeit‘ gerade dadurch, dass Gott es über den Weg von Kreuz und Auferstehung führt.

Die zweite Leidensankündigung (9,43b-45) folgt wie bei Matthäus (17,22f) und Markus (9,30-32) auf die Geschichte von der Heilung eines besessenen Jungen. Nachdem die JüngerInnen ihn nicht heilen konnten, beklagt Jesus „diese ungläubige und verkehrte Generation“ (9,41) und heilt den Jungen. Die Geschichte endet mit der Feststellung: „Und alle waren außer sich vor Staunen über die Größe Gottes“ (9,43). Daran knüpft Lukas an, wenn er Jesu Ankündigung seines Leidens mit der Bemerkung einleitet: „Alle Leute staunten über das, was Jesus tat…“ (V. 43b). Das Staunen der Leute steht in Kontrast zur Begriffsstutzigkeit der JüngerInnen, die Jesus mit dem Wort zurechtweist: „Behaltet diese Worte in euren Ohren…“ Darauf folgt die zweite Ankündigung des Leidens. Darin fällt auf, dass sie nicht mit einer Ankündigung der Auferstehung verbunden ist. Statt dessen heißt es nur: „Der Menschensohn wird nämlich in die Hände der Sünder ausgeliefert werden…“ (V. 44). Der Menschensohn wird in der jüdischen Tradition als endzeitlicher Richter erwartet – wie sie in dem bekannten Gerichtsgleichnis bei Matthäus (25,31ff) aufgenommen ist. Bei Lukas nun kündigt Jesus das genaue Gegenteil an: Der endzeitliche Richter wird „in die Hände der Sünder ausgeliefert“ (V. 44). Sie werden zum Richter und zu Hin-Richtern für den Menschensohn. Das ist nicht oder nur schwer zu begreifen. Und so „verstanden“ die JüngerInnen „den Sinn seiner Worte nicht; er blieb ihnen verborgen, sodass sie nicht begriffen“ wie Lukas in sich wiederholenden Worten die Begriffsstutzigkeit der JüngerInnen einschärft (V. 45). Diesen Widersinn, dass der Richter von den ‚Sündern‘ gerichtet wird, dass auch er ein Opfer der ‚Macht der Sünde‘ wird, sollen sich die JüngerInnen ‚hinter die Ohren schreiben‘. Nur wenn sie begreifen, dass dies Gottes Weg zur Entmachtung der ‚Macht der Sünde‘ ist, dass dieser Weg gerade nicht darin besteht, gefangen in der Logik der Sünde sie mit noch größerer Macht und Stärke entmachten zu wollen, können sie ‚begreifen‘ und so gegen die dämonische ‚Macht der Sünde‘, vor der sie ja angesichts des besessenen Jungen kapitulieren mussten, ‚denk- und handlungsfähig‘ werden.

Die dritte Leidensankündigung (17,22-25)3 schließt Lukas an die Frage der Pharisäer an, „wann das Reich Gottes komme“ (17,20). Jesus gibt die Frage an die Pharisäer zurück, wenn er sagt: „Das Reich Gottes ist mitten unter euch“ (V. 21). D.h. Es wird lebendig, wenn sie sich dem Reich Gottes öffnen und es kommen lassen. Diese Feststellung wird zum Anlass dafür, die JüngerInnen auf eine Zeit vorzubereiten, die für sie kommen wird. Es sind Tage, an denen sie sich danach sehnen werden, „auch nur einen von den Tagen des Menschensohns zu sehen“ (V. 22). Es sind die Tage, in denen sich die JüngerInnen vom Menschensohn verlassen fühlen, weil er von der Erde in den Himmel „hinweggenommen“ (9,51) worden ist. In diesen Tagen wird es die Versuchung geben, Jesus zu ‚identifizieren‘ und zu ‚konkretisieren‘, also Ausschau zu halten nach machtvollen Personen und Bewegungen, in denen die Macht des Menschensohns scheinbar zu bewundern ist, nach Wegen durch Identifikation mit machtvollen Strategien dem ohnmächtig machenden Gefühl, von Jesus verlassen zu sein, entkommen zu können. Gegen solche Versuche des Identifizierens und Konkretisierens vergleicht Jesus das Erscheinen des Menschensohns mit einem unberechenbaren „Blitz von einem Ende des Himmels bis zum anderen“. Sein Erscheinen ist nicht vorauszuberechnen. Er wird „an seinem Tag erscheinen“ (V. 25). „Vorher aber muss er vieles erleiden und von dieser Generation verworfen werden“ (V. 26). Erfahrungen, abgelehnt und verworfen zu werden, waren die Jüngerinnen und Jünger in der Zeit ausgesetzt, in der Lukas sein Evangelium schreibt. Sie erfahren Ablehnung, weil ihr Messias angesichts der realen Machtverhältnisse lächerlich wirkt. Sie werden verworfen‘, weil anderen dieser gekreuzigte Messias gefährlich und subversiv erscheint. Mit seinem Insistieren auf dem ‚Muss‘ will ´Lukas das Vertrauen darauf stärken, dass in Jesu Schicksal Gott selbst am Werk ist und er es auf eine nicht berechenbare Weise zu einem guten Ende bzw. auf ein gutes Ziel hin führen wird.

Was für die messianische Gemeinde bleibt, ist, sich der Normalität der Verhältnisse nicht anzupassen. Nach der Leidensankündigung beschreibt Lukas diese Normalität als Wiederkehr des Gleichen von Essen, Trinken und Heiraten, die sich von den Leiden, die mit der ‚Macht der Sünde‘ einhergehen, nicht unterbrechen, irritieren und warnen lässt (V. 26ff). Wer so „sein Leben zu bewahren sucht, wird es verlieren; wer es dagegen verliert wird es erhalten“ (V. 33).

Die vierte Leidensankündigung (18,31-34)4 erfolgt kurz vor dem Einzug in Jerusalem. Danach folgen die Heilung eines Blinden (VV. 35-43), die Umkehr des Zachäus (19,1-10) und das sog. Minengleichnis (19,11-27), in dem die römischen Herrschaftsverhältnisse offen gelegt werden. So vorbereitet erzählt Lukas schließlich von Jesu Einzug in Jerusalem (19,28-39).

In dieser letzten Leidensankündigung kurz vor dem Einzug in Jerusalem („Siehe, wir gehen nach Jerusalem hinauf …“) betont Lukas den Bezug auf die Schrift: „… es wird sich erfüllen, was bei den Propheten über den Menschensohn geschrieben steht“ (V. 31). Es folgt, was geschehen steht: ausliefern, verspotten, misshandeln, anspucken, geißeln, töten „und am dritten Tag wird er auferstehen“ (V. 32). Das ‚Muss‘ und der Hinweis auf die Schrift sind die Brücke zur Auferweckung des Gekreuzigten. Darin zeigt sich, dass Gott selbst in diesem scheinbar widersprüchlichen Geschehen sein Werk der Befreiung vorantreibt. Die Frauen am Grab, die „den Lebenden bei den Toten“ (24,5) suchen, sollen sich daran erinnern, dass er ihnen gesagt hat: „Der Menschensohn muss in die Hände der Sünder ausgeliefert und gekreuzigt werden und am dritten Tag auferstehen“ (24,7). Auferstehung kann nicht an den Opfern der Machtverhältnisse vorbei oder über sie hinweg geschehen. Darin wird zugleich deutlich: Mit Mitteln der Sünde, mit Instrumenten der Herrschaft kann die ‚Macht der Sünde‘ offenbar nicht gebrochen werden. Nur eine andere Logik, ein anderer Geist kann sie durchbrechen. Diesen Geist bezeugen die Propheten in der Schrift: Israels Gott richtet die Gebeugten auf. Er erweist seine rettende Macht anders als in der Logik der Herrschaft, in der sich die ‚Macht der Sünde‘ zeigt. Den sog. Emmausjüngern, die gehofft hatten, „dass er Israel erlösen werde“ (24,21), deutet der noch nicht erkannte Auferstandene die Schrift. Er redet sie an als „Ihr Unverständigen“ (24,25) und frage: „Musste nicht der Christus das erleiden und so in seine Herrlichkeit eingehen? Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht“ (24,26f).

Das Nichtverstehen der Zwölf, das auch nach der letzten Leidensankündigung konstatiert wird (V. 34), kann nur überwunden werden, wenn der Gekreuzigte und seine Auferweckung im Licht der Schrift verstanden werden, im Licht von Gottes Wegen der Befreiung wie sie in der Schrift bezeugt werden. Dann kommt eine Perspektive in den Blick, in der mit der ‚Macht der Sünde‘, mit der Macht von Fetischverhältnissen gebrochen werden kann. Im Namen des von Gott auferweckten Gekreuzigten „wird man allen Völkern Umkehr verkünden, damit ihre Sünden vergeben werden“ (24,47). Dass der Weg des Messias als Weg der Befreiung von der ‚Macht der Sünde‘ über das Kreuz der Römer und der Auferweckung durch Israels Gott führt, müssen die „Zwölf“, die an der Schwelle des Weges „nach Jerusalem hinauf“ (V. 31) stehen, noch begreifen. Sie können es nur, indem sie hinter Jesus hergehen und solche Nachfolge aus der Schrift deuten.

Herbert Böttcher

1 Klaus Wengst, Mirjams Sohn – Gottes Gesalbter. Mit den Evangelien Jesus entdecken, Gütersloh 2016, 438.

2 Ebd., 444.

3 In der Neuen Einheitsübersetzung wird sie nicht mitgezählt.

4 In der Neuen Einheitsübersetzung wird sie als dritte gezählt.