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Verklärung des Herrn und Ukraine-Krieg. Eine Auslegung zum Evangelium nach Lukas (Lk 9,28b-36)

Lk 9,28b-36

Etwa acht Tage nach diesen Worten nahm Jesus Petrus, Johannes und Jakobus mit sich und stieg auf einen Berg, um zu beten. 29 Und während er betete, veränderte sich das Aussehen seines Gesichtes und sein Gewand wurde leuchtend weiß. 30 Und siehe, es redeten zwei Männer mit ihm. Es waren Mose und Elija; 31 sie erschienen in Herrlichkeit und sprachen von seinem Ende, das er in Jerusalem erfüllen sollte. 32 Petrus und seine Begleiter aber waren eingeschlafen, wurden jedoch wach und sahen Jesus in strahlendem Licht und die zwei Männer, die bei ihm standen. 33 Und es geschah, als diese sich von ihm trennen wollten, sagte Petrus zu Jesus: Meister, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija. Er wusste aber nicht, was er sagte. 34 Während er noch redete, kam eine Wolke und überschattete sie. Sie aber fürchteten sich, als sie in die Wolke hineingerieten. 35 Da erscholl eine Stimme aus der Wolke: Dieser ist mein auserwählter Sohn, auf ihn sollt ihr hören. 36 Während die Stimme erscholl, fanden sie Jesus allein. Und sie schwiegen und erzählten in jenen Tagen niemandem von dem, was sie gesehen hatten.

 

Unser Evangelium beginnt mit einer Ortsangabe: Jesus steigt mit den drei Jüngern auf einen Berg, um zu beten. Das erinnert an die Anfänge der Geschichte Israels und damit unserer gesamten Glaubenstradition: Auf einem Berg hatte Mose und damit das ganze Volk von Gott die 10 Gebote erhalten – Anweisungen zum Leben, die die Schwächeren beschützten.

Das war völlig neu und sollte den Lauf der Geschichte verändern. Im Bund mit dem Gott Israels sind die Kleinen und Schwachen die Wichtigsten, sie sind der Maßstab für alles Handeln. Darin erweist sich Gottes Herrlichkeit, dass er die Mächtigen entthront, die Niedrigen erhöht.

Und in dieser Herrlichkeit Gottes erscheinen nun in unserer Geschichte neben Jesus Mose und Elija: Mose, dem Gott seinen Namen offenbart hatte – und in dem Namen sein Versprechen der Solidarität mit den versklavten Israeliten in Ägypten. Gottes Namen als Versprechen, befreiend zu handeln, zu führen in ein Land, wo Milch und Honig fließen. Mose, der den befreienden Bund Israels mit Gott besiegelt hatte durch die Übermittlung der 10 Gebote, der Tora, die Weisungen Gottes, die ins Leben führen.

Neben Mose: Elija, der prophetische Kämpfer gegen den Götzenkult, gegen die Unterwerfung unter die Mächte, die grenzenlose Herrschaft verheißen und in Wahrheit Spaltung, Tod und Verderben hervorbringen. Elija, der in seinem Widerstand bestätigt wurde vom Gott Israels, dessen Weg der einzige ist, der ins Leben führt und in die Befreiung.

Mose und Elija erscheinen bei Jesus in der Herrlichkeit Gottes – eine Vorschau dessen, was laut Lukas-Evangelium am Ende in Jerusalem geschehen wird: als nach Jesu Tod am ersten Tag der Woche die Frauen zum offenen, leeren Grab kommen, treten zwei Männer in leuchtenden Gewändern zu ihnen und fragen sie: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“

So wird deutlich, was das heutige Evangelium meint, wenn die beiden Männer – Mose und Elija – mit Jesus über sein Ende reden, das er in Jerusalem erfüllen soll: Ende, das ist nicht das endgültige Aus und Vorbei ist, das nicht das Scheitern am Kreuz bedeutet – es ist das Ende des Leidens, die endgültige Befreiung.

Exodus, das war einst – unter Mose – das Ende der gewaltsamen Unterdrückung Israels in Ägypten. Jetzt soll dieser Exodus durch Jesus in Jerusalem Israel und die Völker in die endgültige Befreiung führen. Sein Weg ist nicht der, den viele zu seiner Zeit erwartet und erhofft hatten: dass nämlich das römische Imperium ersetzt werde durch ein neues machtvolles Königreich Israel – wie es 1000 Jahre zuvor unter David bestand. Wozu ein solcher Aufstand führt, das hatten die Hörer des Lukas-Evangeliums gerade erst erlebt: Jerusalem am Boden zerstört, die Menschen auf der Flucht. Zu Staub zertreten von der Übermacht Roms. Jerusalem war Sinnbild des Scheiterns.

In Jesus wird Jerusalem zum Zeichen der Hoffnung, sein Ende ist der neue Exodus in eine Freiheit, deren Grundlagen Gerechtigkeit und Solidarität sind. Solche Freiheit kann es nicht geben, indem man Herrschaftsverhältnisse nur darin verändert, dass andere Herren an die Macht kommen, die Strukturen des Unrechts und der Spaltung aber unangetastet bleiben. Hin zu solcher Freiheit wollen Gottes Wege der Befreiung führen, zu einer Welt, in der nur Gott, nur sein Wort gilt, in der es unter den Menschen keinerlei Herrschaft gibt, weil die Menschen auf Gottes Wort hören.

Und das heißt nach dem heutigen Evangelium auch: weil sie auf Gottes auserwählten Sohn hören, Jesus, das fleischgewordene Wort Gottes, in dem geschieht, was der Name Gottes beinhaltet und verspricht: Erlösung aus Sklaverei und Tod. „Dieser ist mein geliebter Sohn, auf den sollt ihr hören. Wer auf ihn hört, dem ist heilig, was ihm heilig ist. Dann werden die Letzten zu den Ersten und die Geringsten zu den Wichtigsten.

Wer auf ihn hört, dem kann es nicht egal sein, dass unsere Welt von einer Ordnung beherrscht wird, in der nur wert zu leben ist, wer Kaufkraft hat, wo um der Geldvermehrung willen das Leben gleichgültig wird, wo folglich unzählige Menschen am Leben gehindert und weggeworfen werden wie Müll. Um diese Ordnung aufrechtzuerhalten sind Kriege notwendig. Um den Geldhahn laufen zu lassen, müssen die Absatzgebiete erweitert werden bzw. im Zerfall dieser Ordnung, in der wir uns seit Jahrzehnten befinden, noch bestehende Produktionszentren und Absatzmärkte abgeriegelt, gesichert werden. Im Niedergang gilt die Konkurrenz wie zuvor, nur dass jetzt andere Konkurrenten nicht einfach auf dem Markt oder als Standortkonkurrent verdrängt werden, sondern kriegerisch Auseinandersetzungen geführt werden: ein globaler Zerfallsbürgerkrieg, der immer mehr Erdteile erfasst.

Der zynische Angriff Russlands auf die Ukraine ist ohne Wenn und Aber zu verurteilen und durch nichts zu rechtfertigen. Er hinterlässt Tote und Verwundete, vertreibt die Menschen in die Flucht und zerstört lebenswichtige Infrastrukturen. Er ist einzuordnen in den Kampf um Einflussgebiete und Absatzmärkte. Er wird sinnlos geführt, weil nicht begriffen wird, dass eine Gesellschaft am Ende ist, die von einer Grundlage leben soll, die immer mehr einbricht: die Arbeit. Wer Gewinne machen will, ist gezwungen sie durch Technologie zu ersetzen. Wo dann aber die Arbeit einbricht, kommen auch die Möglichkeiten Geld bzw. Kapital zu vermehren an ihre Grenzen. Auch Staaten und Blöcke werden instabil, brechen ein. Was scheinbar bleibt, ist militärische Stärke, die Illusionen eines Großreichs und die Illusionen einer Freiheit, die auf Unrecht und Gewalt, auf der Zerstörung des Globus gegründet ist.

Und wenn die Entscheidungsträger vollends durchdrehen – das gilt nicht nur für Putin, sondern auch für westliche PolitikerInnen – droht sogar ein atomarer Schlag. In der sich zuspitzenden Krise der Warenproduktion stehen sich im Zerfall ihrer Blöcke und Staaten keineswegs Gut und Böse, Rationalität und Irrationalität gegenüber, sondern Menschen gefangen in den Strukturen einer Ordnung, wo die Vermehrung des Geldes um ihrer selbst willen alles ist. Auch oder gerade im Zerbrechen drohen immer mehr Menschen dieser Ordnung und ihrem Zerfall geopfert zu werden.

Was ist zu tun? Eine Kirche, die auf Jesus hört – so der Anspruch unseres Evangeliums – wird versuchen, die Krisensituation in Zusammenhängen zu sehen. Sie wird den schwarzen Peter nicht auf einer Seite suchen, sondern beide Seiten befragen und hinterfragen. Nur auf der Grundlage einer Selbstkritik, die zugleich zu verstehen sucht, was die andere Seite zur Gewalt treibt, besteht die Chance, die Kreisläufe von Gewalt und Gegengewalt, die Eskalation des Krieges zu unterbrechen. Waffenlieferungen, Wirtschaftssanktionen, Aufrüstung – das alles liegt in der blinden Logik dessen, was zu der aktuellen Eskalation beigetragen hat: verschärfte Konkurrenz um Macht und Einfluss statt Kooperation.

Gebrochen werden muss dabei mit den Mythen und Lebenslügen vom freien Westen ebenso wie mit denen eines Sendungsauftrages für ein russisches Großreich aufgrund christlicher Berufung.

Die Kirche wird die Frage nach der Verantwortung für die Krisensituation an den Menschen stellen. Mensch, wo stehst du? Woher lebst du? Wenn wir auf heute blicken, dann sind Menschen genau dazu in der Lage, das zu tun, was Gott versprochen hat, nicht zu tun: die Erde zu vernichten. Es sind ausgerechnet die aufgeklärten Freiheitssubjekte und ihre autoritären Gegner, die damit einer Blutspur der Gewalt folgen, wo das aufgeklärte Subjekt sich als Krone der Evolution wähnt und gleichzeitig bereits zwei Weltkriege und die Vernichtung der Juden zu verantworten hat. Hier muss die Kirche, die auf Jesus hört, sich mit denen anlegen, die zu den Markt- und Machtverherrlichern gehören. Und erst recht wird sie für die da sein, die unter die Räder dieser Baalspropheten gekommen sind.

Die Frage nach der Verantwortung Gottes entzündet sich daran, dass unschuldige Menschen zu Opfern der Gewalt eines kapitalistischen Systems werden. Die Frage nach Gottes Treue wird vor allem in den apokalyptischen Texten der Bibel durchbuchstabiert. Angesichts des Leidens artikulieren sie den Schrei nach Gott als Retter und Befreier. Christen verbinden die Verheißungen Gottes mit dem gekreuzigten und von Gott auferweckten Messias. Sein Schrei am Kreuz verbindet ihn mit der Leidensgeschichte der Menschheit. In seiner Auferweckung hat Gott – so vertrauen wir – seine Verheißungen wahrgemacht, ihn ins Recht gesetzt.

Lassen wir uns dabei leiten von der Hoffnung, die uns geschenkt ist durch Jesu Exodus in Jerusalem und seinem Auszug aus dem Tod zum Leben.

Paul Freialdenhoven (Predigt zum 2. Fastensonntag, 12./13.03.2022)