Startseite | Theologie | 1. Adventssonntag 2021: Der Advent hält dem Leid stand

1. Adventssonntag 2021: Der Advent hält dem Leid stand

Lk 21,25-28.34-36

25 Es werden Zeichen sichtbar werden an Sonne, Mond und Sternen und auf der Erde werden die Völker bestürzt und ratlos sein über das Toben und Donnern des Meeres. 26 Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die über den Erdkreis kommen; denn die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. 27 Dann wird man den Menschensohn in einer Wolke kommen sehen, mit großer Kraft und Herrlichkeit. 28 Wenn dies beginnt, dann richtet euch auf und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe.

34 Nehmt euch in Acht, dass Rausch und Trunkenheit und die Sorgen des Alltags euer Herz nicht beschweren und dass jener Tag euch nicht plötzlich überrascht 35 wie eine Falle; denn er wird über alle Bewohner der ganzen Erde hereinbrechen. 36 Wacht und betet allezeit, damit ihr allem, was geschehen wird, entrinnen und vor den Menschensohn hintreten könnt!

 

Es gab Zeiten, da dachten die Menschen hier im Evangelium werde beschrieben, wie es am Ende der Welt zugehen werde. Heute lassen sich Menschen kaum noch von solchen Texten ängstigen. Viele meinen durchschaut zu haben, dass sich in unserem Evangelium ein altes von Mythen geprägtes Weltbild widerspiegelt. Damit aber ist die Zuspitzung unseres Evangeliums verfehlt. In seinen Bildern drückt sich die Angst nicht vor mythischen Mächten aus, sie beziehen sich auf die reale Geschichte. Es geht um sehr irdische Mächte, die Menschen in eine ausweglose Katastrophe treiben. Für die Menschen damals war es der Krieg der Römer gegen die Juden, der viele in Flucht und Verzweiflung trieb. Durch die Zerstörung des Tempels brach ihre ganze Welt zusammen. Christen erhofften das Reich Gottes und mit ihm die Wiederkunft Christi. Das Gegenteil geschah! Statt Befreiung aus Unrecht und Gewalt erlebten sie eine Katastrophe. Die Herrschaft des Todes ist nicht überwunden.

Es könnte sein, dass – so gelesen – das Evangelium in unsere zeitgeschichtliche Situation passt. Überall auf dem Globus breitet sich Zerstörung und Tod aus: Zerstörung der Lebensgrundlagen, zerfallende Staaten, Plünderungskriege, in vielen Teilen der Welt ein Kampf aller gegen alle um das nackte Überleben, die Corona-Pandemie. Menschen können Geschichte machen. Das war die große Entdeckung der Neuzeit. Heute könnte es heißen: Menschen können der Geschichte ein Ende machen. Sie haben ein System geschaffen, das alles dem – wie Papst Franziskus sagt – Fetischismus des Geldes unterwirft. Dem Götzen grenzenloser Geldvermehrung droht alles Leben geopfert zu werden. Es scheint nur noch möglich, den Dingen alternativlos ihren katastrophalen Lauf zu lassen.

Der Advent flieht nicht aus der Welt, sondern hält der Wirklichkeit, die Menschen erleiden, stand. In sie hinein buchstabiert er die große biblische Erzählung von Gottes Geschichte mit seinem Volk und darin mit der ganzen Menschheit. Vom Gott der Bibel kann nicht ohne sein Volk, nicht ohne ein Leben in Gerechtigkeit und Solidarität gesprochen werden.

Die Politik der Könige und die Interessen der Reichen im Volk führten zu Spaltungen, in Arme und Reiche, in Mächtige und Ohnmächtige, und schließlich in die babylonische Gefangenschaft, weg von der Berufung Israels als Volk Gottes in Freiheit zu leben. Durch alle Enttäuschungen und Katastrophen hindurch hat sich immer wieder neu die Hoffnung auf Gott und einen neuen Anfang jenseits der Erfahrung von Ausbeutung und Gewalt durchgesetzt. „Ich werde für David einen neuen gerechten Spross aufsprießen lassen, spricht Gott der Herr“.

Und so erzählt die große Erzählung der Bibel davon, wie Menschen sich geweigert haben, verschlossene Welten als endgültig verschlossen hinzunehmen. Sie tun es aus der Kraft der Verheißung, die in Gottes Wort steckt. Wenn die Befreiung gilt, die mit dem Namen Gottes versprochen ist, dann können geschichtliche Fakten nicht das letzte Wort haben. Das endgültige und letzte Wort bleibt Gott selbst vorbehalten.

Im Evangelium des heutigen Sonntags erscheint es im Bild des Menschensohnes. Aus der Welt Gottes tritt er einer scheinbar in sich verschlossenen katastrophalen Geschichte entgegen. Wer seine Hoffnung auf Gott und seinen Menschensohn setzt, kann sich mit all den Katastrophen nicht abfinden. Er weigert sich, sie als endgültig hinzunehmen, und sucht nach Öffnungen und Auswegen hin auf eine Perspektive menschlichen Lebens. Er passt sich nicht an, sondern richtet auf. Er steckt den Kopf nicht resigniert in den Sand, sondern erhebt das Haupt, weil er nicht davon lassen kann, dass Gott das letzte Wort der Erlösung spricht.

Solche Haltungen sind bedroht. Deshalb warnt das Evangelium, sich angesichts der Katastrophen, die Menschen erleiden, in Rausch und Trunkenheit zu flüchten. Heute bieten Event- und Esoterikmärkte Glück und Betäubungsmittel an. Sie versprechen, das Leben zu erleichtern. Aber die Mechanismen der Zerstörung bleiben und mit ihnen das Gefängnis, in dem sie geschehen. Menschen richten sich in der Verschlossenheit ihrer kleinen Welt ein und meinen, sich damit vor drohenden Katastrophen abschotten zu können.

Und sie übersehen, dass ihre kleine Welt eingebettet ist in eine größere Sicht auf die Welt, die die Strukturen vorgibt und den Menschen damit einengt. Das große Wort der Freiheit ist auch ein entscheidender Hintergrund der aktuellen Freiheitsparolen in der Debatte um die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus. Aber es ist eine von sozialen Rahmenbedingungen abstrahierende Freiheit. Ihr banaler und einfältiger Begriff von Freiheit ist tödlich und bereitet dem Sozialdarwinismus den Weg; die Schwachen werden im Kampf um das Dasein den Kürzeren ziehen und die Starken werden immunisiert.

Vielleicht tun sich die Menschen mit Gott so schwer, weil es ihnen schwerfällt über sich selbst, über die Grenzen der eigenen Welt hinauszublicken auf das Ganze der Welt und der Geschichte, auf die Solidarität aller Menschen und darin auf Gott. Im Blick über die eigenen Verschlossenheiten könnten sie jenen Gott erahnen, von dem die Bibel erzählt: er überschreite alle Grenzen, die Grenzen all der Sklavenhäuser in der Geschichte, auch die Grenzen unseres heutigen Sklavenhauses.

Entsprechend mahnt unser Evangelium zu Wachsamkeit und Gebet. Wachsamkeit meint den nüchternen Blick auf die Wirklichkeit, die nüchterne Analyse, das kritische Wort und die Suche nach einer neuen Gesellschaft. Beten ist nicht frommes Einverständnis mit der Welt, wie sie ist. Es bringt die Sehnsucht zum Ausdruck, dass es bei all den Katastrophen in der Geschichte nicht bleibe, dass Unrecht und Gewalt nicht über ihre Opfer triumphieren mögen. Es hat Platz für Klagen und Zweifel bis hin zur Furcht, dass es diesen Gott nicht geben könnte und damit das Unrecht, das Menschen erleiden, die Vernichtung des Lebens das letzte Wort bleibe. Solange wir beten, haben wir uns mit der Welt, wie sie ist nicht abgefunden. Im Gebet bewahren wir unsere Wachsamkeit und Widerstandskraft gegen alle zerstörende Gewalt. Der Kern aller Gebete ist der Schrei nach dem Kommen des Menschensohnes „Komm, Herr Jesus, komm“. Amen.

Paul Freialdenhoven