Startseite | Theologie | Zum Advent 2021: „Wir erwarten einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen die Gerechtigkeit wohnt…“ (2 Petr 3,13)

Zum Advent 2021: „Wir erwarten einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen die Gerechtigkeit wohnt…“ (2 Petr 3,13)

Diese adventliche Erwartung will angesichts der gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen nicht so recht in einen Text fließen oder über die Lippen kommen. Die Krisen um Flucht und Migration, die sich gerade an der Grenze zu Polen zuspitzt, während die Fliehenden in Mittelamerika, Syrien und Jemen schon gar nicht mehr im Bewusstsein sind, die Klimakrise und nicht zuletzt die Coronakrise halten die Öffentlichkeit in Atem. Alle Krisen sind dadurch verbunden, dass Menschen elend zugrunde gehen. Wirtschaft und Politik gehen ihren tödlichen Gang über Leichen. Die Politik offenbart dabei ihre Ignoranz und Unfähigkeit zum Handeln. In ihren Reden – zwischen Blasen, Phrasen, Lügen und objektivem Zynismus – wird deutlich, dass ihr das Objekt immer mehr abhanden kommt. Politiker wissen nicht mehr wovon sie reden und noch weniger was sie tun ist.

Letzteres wird im Blick auf die Corona-Krise besonders drastisch deutlich. Die liberalen Parolen von Freiheit und Eigenverantwortung, von Demokratie und Recht werden durch die Realität vermeidbaren Sterbens und vermeidbarer Krankheiten dementiert, in ihrem sozialdarwinistischen Gehalt entlarvt. Freiheit für die Leistungsträger, die Gesunden und biologisch Starken… Wer will, der kann auch und braucht freie Fahrt. Als ob individuelle Freiheit nicht an soziale Voraussetzungen geknüpft wäre, als ob sie sich nur gegen andere als individuelle Selbstbehauptung im ‚Kampf ums Dasein‘ verwirklichen ließe und nicht in Solidarität mit anderen, vor allem mit denen, deren Leben bedroht ist.

Es ist kein Zufall, dass in der gegenwärtigen Krise der politische Liberalismus – gegenwärtig in einer unheimlichen Geistesverwandtschaft von AFD, FDP und Grünen samt sozialdemokratischem wie zuvor christdemokratischem Kuschen davor – politisch zum Zug kommt. Seinen Ort hat er in der Etablierung des Kapitalismus. Seine Aufgabe war es, einer kapitalistischen Gesellschaft den Weg zu bahnen, den Erfolgreichen Freiheit zu versprechen und die Leichen als Preis des Fortschritts zu rechtfertigen. Auf eine kurze westliche Phase eines sozial temperierten Kapitalismus folgte mit der sich zuspitzenden Krise des Kapitalismus – als einer Krise der Verwertung von Arbeit – der neoliberale Kapitalismus. Er propagiert die Wende von sozialer Verantwortung zu Eigenverantwortung. Diese Propaganda ist die Begleitmusik zu immer schärferer Anpassung an die vom Kapital diktierten und in der Krise enger werdenden Verwertungsbedingungen und die damit einhergehenden Zerstörungen in sozialen und ökologischen Bereichen. Wer in der sich zuspitzenden Konkurrenz nicht an sich zuerst oder allein denkt, droht aus dem Rennen geworfen, sprich sozialdarwinistisch selektiert zu werden… Der Liberalismus verspricht Freiheit durch Unterwerfung unter die Zwänge kapitalistischer Verhältnisse für diejenigen, die es schaffen, darin erfolgreich zu sein.

Freiheit durch Unterwerfung! In diesem Zusammenhang zeigt sich bereits, dass Freiheit und Repression im Liberalismus zusammen gehören wie zwei Seiten derselben Medaille. Die angesichts von Corona propagierte Freiheit hat ihre Kehrseite im Sterben derer, die sich nicht ausrechend schützen können ebenso wie in den Belastungen für das medizinische Personal. Wie die Freiheit mit Mitteln der Repression zusammen geht, ist an der europäischen Grenze von Polen zu besichtigen.

Wo von Freiheit die Rede ist, ist die Rede vom Recht nicht weit. Gleichheit vor dem Gesetz und Rechtssicherheit ist hier das Versprechen. Aber auch dem Recht fehlt das Objekt. Es gilt als formales Recht unabhängig von seinem inhaltlichen Objekt. So wird Recht zum Unrecht. Die Ampelkoalition rühmt sich die Maßnahmen gegen das Corona-Virus ‚rechtssicher‘ zu machen. Herzlichen Glückwunsch, nun kann sich das Virus ‚rechtssicher‘ ausbreiten, Menschen können ‚rechtssicher‘ schwer erkranken und auf den Intensivstationen ‚rechtssicher‘ sterben.

Der Kapitalismus läuft in der Krise wie ein Film rückwärts – nur schneller, hat Robert Kurz einmal angemerkt. In diesem Sinne gehörte der politische Liberalismus zum Start des Kapitalismus und wohl auch zu seinem Endspiel. In der sich zuspitzenden Krise des Kapitalismus kann er immer weniger seine Versprechen einlösen und löst sich – wie in der Corona-Krise anschaulich wird – in hohle, d.h. objektlose Phrasen auf, und begleitet als ‚letzter Schrei‘ eine gesellschaftliche Verwilderung, in der sich auch das Recht auflöst.

Der Satz „Wir erwarten gemäß seiner Verheißung einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen die Gerechtigkeit wohnt“ (2 Petr 3,16) ist nur dann keine hohle und zugleich zynische Formel, wenn er nicht zeitlos abstrakt bleibt, sondern sich auf einen Gegenstand bezieht. Da ist zuerst die gesellschaftliche Krisensituation mit all ihren Katastrophen und Toten. Die kapitalistische Gesellschaft muss als Herrschaftszusammenhang begriffen und negiert werden. Wenn sie negierend transzendiert wird, kann sich am Horizont etwas abzeichnen, das mit der biblischen Rede von einem neuen Himmel und einer neuen Erde gemeint sein kann.

Auch wenn das in den oft kontextlos gelesenen biblischen Texten der Adventszeit und in den oft ebenso kontextlos gesungenen Adventsliedern weitgehend unsichtbar bleibt: In den biblischen Texten und ihren Zusammenhängen lassen sich die Situationen, auf die sie sich beziehen, erkennen. Der Zweite Petrusbrief greift die Tradition des dritten Jesaja auf. Jesaja (65,16b-25) bezieht es auf die hoffnungslose Lage Israels nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil. Die Hoffnungen auf einen glanzvollen Neuanfang hatten sich nicht erfüllt. In der Tradition Jesajas ist dies der fehlenden ‚Gerechtigkeit‘ geschuldet. Sie wird sichtbar im fehlenden Land für Arme, das Reiche oft über Verschuldung von Armen an sich gerissen haben und jene als Sklaven für sich schuften lassen, ebenso wie im vorzeitigen Tod von Säuglingen und Greisen. Die Vision des Jesaja zielt darauf ab, sich mit diesen Verhältnissen nicht abzufinden. Deshalb formuliert er einen Horizont, in dem im Kontrast zu den herrschenden Verhältnissen ein befreites Zusammenleben sichtbar und erahnbar wird: ein Zusammenleben, in dem die Häuser auch von denen bewohnt werden, die sie bauen und Wein von denen genossen wird, die ihn anbauen. Gebaut und angepflanzt wird für eine Welt, in der Säuglinge nicht mehr nur wenige Tage leben und Greise als Hundertjährige sterben. Einen neuen Himmel kann es nicht ohne eine neue Erde geben, auf der Menschen als befreite Menschen glücklich, also ‚selig‘ werden können.

Die Offenbarung des Johannes verbindet das an Jesaja anknüpfende Bild des neuen Himmels und der neuen Erde mit dem Bild von der neuen Stadt Jerusalem (Offb 21,1ff.). Dieses Bild steht gegen das von Rom zerstörte Jerusalem und die Vertreibung der Juden aus ihrer Stadt. Johannes will sich nicht damit abfinden, dass Jerusalem zur Wüste geworden ist. Er ermutigt seine Gemeinde, der römischen Herrschaft zu widerstehen und statt auf Rom auf den Messias, das von Rom geschlachtete Lamm, zu vertrauen. In diesem Opfer römischer Herrschaft offenbart sich Gottes Treue gegenüber den Opfern der Sklavenhäuser in der Geschichte. Was er mit der Auferweckung an diesem einen wahr gemacht hat, wird er – so hofft Johannes – an allen wahr machen: Rettung und Befreiung.

Diese Hoffnung des Johannes unterscheidet sich, von Vorstellungen, die von der neuplatonischen Philosophie her das Christentum geprägt haben: die Vorstellung einer individuellen – gleichsam liberalen – Auferweckung, die mit dem individuellen Glück der beseligenden Gottesschau verbunden ist. Johannes buchstabiert seine Hoffnung in einen herrschaftskritischen und sozialen Zusammenhang. Einen „neuen Himmel und eine neue Erde“ kann es nur geben, wenn die Macht Roms gebrochen wird. Das Gericht über Rom, die Negation seiner Herrschaft ist die Voraussetzung dafür, dass „ein neuer Himmel und eine neue Erde“ Wirklichkeit werden. Dabei ist die Hoffnung der Einzelnen eingebunden in einen sozialen Zusammenhang: die neue Stadt Jerusalem, die aus den Trümmern römischer Herrschaft aufgerichtet wird. In ihr wird für alle Wirklichkeit, was für den gekreuzigten und auferweckten Messias – das geschlachtete Lamm – als schon ‚Geschehen‘ geglaubt wird. In dieser Stadt wird Gott „alle Tränen … abwischen“ und „Der Tod wird nicht mehr sein, keine Tauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war“, die Herrschaft Roms, „ist vergangen“ (Offb 21,4).

Wie gegen die Hoffnungslosigkeit nach der Befreiung aus dem Exil, wie gegen Resignation und Verzweiflung nach der Zerstörung Jerusalems müssten die Bilder vom „neuen Himmel und der neuen Erde“ gegenwärtig gegen die zerstörende Macht des Kapitalismus und die damit einhergehende Zerstörung der Wahrnehmung, des Denkens und der Sprache buchstabiert werden. Nur dann hat die Hoffnung ein Objekt, auf das sie ihre Erinnerung bezieht. Dann kann sie eine Kraft von Differenz und Negation freisetzen, die sich den herrschenden Verhältnissen nicht fügt, sondern sie überschreitet hin auf jene Verhältnisse, die mit dem biblischen Gottesnamen verbunden sind.

Hoffnung muss angesichts der gegenwärtigen Herrschaftsverhältnisse zudem in ihren biblischen Zusammenhängen erinnert, buchstabiert und imaginiert werden. Nicht abstrakte Hoffnungsparolen ohne Objekt lassen aufrecht und widerständig gehen, sondern das durchaus auch zeitintensive ‚Eintauchen‘ in diese Hoffnung und ihre Geschichte(n). Nur wenn wir sie erinnern und buchstabieren, wenn wir sie lebendig werden lassen in Gebet und Gottesdienst, gibt es eine Chance, dass wir in und mit den biblischen Hoffnungen lebendig und stark werden in widerständigem Denken und Handeln und dabei dazu beitragen, dass auch nach uns kommende Menschen von diesen Hoffnungen zehren können.

Herbert Böttcher