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Zum 1. Advent: Der „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ (Gen 2,17), oder: die Verführung „wie Götter“ zu werden (Gen 3,4)

Gen 2,4-10a.15-17

4 Das ist die Geschichte der Entstehung von Himmel und Erde, als sie erschaffen wurden. Zur Zeit, als Gott, der HERR, Erde und Himmel machte, 5 gab es auf der Erde noch keine Feldsträucher und wuchsen noch keine Feldpflanzen, denn Gott, der HERR, hatte es auf die Erde noch nicht regnen lassen und es gab noch keinen Menschen, der den Erdboden bearbeitete, 6 aber Feuchtigkeit stieg aus der Erde auf und tränkte die ganze Fläche des Erdbodens. 7 Da formte Gott, der HERR, den Menschen, Staub vom Erdboden, und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen. 8 Dann pflanzte Gott, der HERR, in Eden, im Osten, einen Garten und setzte dorthin den Menschen, den er geformt hatte. 9 Gott, der HERR, ließ aus dem Erdboden allerlei Bäume wachsen, begehrenswert anzusehen und köstlich zu essen, in der Mitte des Gartens aber den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. 10 Ein Strom entspringt in Eden, der den Garten bewässert.

15 Gott, der HERR, nahm den Menschen und gab ihm seinen Wohnsitz im Garten von Eden, damit er ihn bearbeite und hüte. 16 Dann gebot Gott, der HERR, dem Menschen: Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen, 17 doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn am Tag, da du davon isst, wirst du sterben.

3,1-13

1 Die Schlange war schlauer als alle Tiere des Feldes, die Gott, der HERR, gemacht hatte. Sie sagte zu der Frau: Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen?[1] 2 Die Frau entgegnete der Schlange: Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen; 3 nur von den Früchten des Baumes, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott gesagt: Davon dürft ihr nicht essen und daran dürft ihr nicht rühren, sonst werdet ihr sterben. 4 Darauf sagte die Schlange zur Frau: Nein, ihr werdet nicht sterben. 5 Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse. 6 Da sah die Frau, dass es köstlich wäre, von dem Baum zu essen, dass der Baum eine Augenweide war und begehrenswert war, um klug zu werden. Sie nahm von seinen Früchten und aß; sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß. 7 Da gingen beiden die Augen auf und sie erkannten, dass sie nackt waren. Sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich einen Schurz. 8 Als sie an den Schritten hörten, dass sich Gott, der HERR, beim Tagwind im Garten erging, versteckten sich der Mensch und seine Frau vor Gott, dem HERRN, inmitten der Bäume des Gartens. 9 Aber Gott, der HERR, rief nach dem Menschen und sprach zu ihm: Wo bist du? 10 Er antwortete: Ich habe deine Schritte gehört im Garten; da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin, und versteckte mich. 11 Darauf fragte er: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem ich dir geboten habe, davon nicht zu essen? 12 Der Mensch antwortete: Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben. So habe ich gegessen. 13 Gott, der HERR, sprach zu der Frau: Was hast du getan? Die Frau antwortete: Die Schlange hat mich verführt. So habe ich gegessen.

„Wir erwarten einen … neuen Himmel und eine neue Erde“ (2 Petr 3,13f) haben wir als Leitgedanken über unsere diesjährigen Vespern im Advent geschrieben. Auf der von Gott erschaffenen und bewässerten alten Erde (Gen 2,4-6) hat Gott einen Garten angelegt und mit einem Strom bewässert (Gen 2,10). Er wird Eden genannt und ist mit Vorstellungen eines Paradieses verbunden. Mit seinem Bild vom Garten Eden dürfte der Text auf prachtvolle und bewässerte Gartenanlagen zurück gegriffen haben, die es in altorientalischen Städten gab, deren Pracht zugleich zur ‚Verherrlichung‘ der jeweiligen Herrscher entfaltet wurde. Nicht einfach ein Nutzgarten, sondern ein solch ‚königlicher Garten‘ wird dem aus der Erde geformten und durch den eingehauchten Atem lebendig gewordenen Menschen als Ort des Lebens geschenkt. Der von Gott erschaffene Mensch und die Erde als sein Garten gehören zusammen. Seine Aufgabe ist es, den Garten zu bebauen, zu hegen und zu pflegen. Der Baum des Lebens in der Mitte des Gartens ist ein im Alten Orient übliches Bild für eine gesegnete Welt voller Leben.

Diese zweite Erzählung von der Schöpfung dürfte ihren Ursprung in der Zeit haben, in der sich in Israel das Königtum durchsetzt. Von daher könnte der zweite Baum im Garten, der „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ (Gen 2,9), bereits Kritik am Königtum zum Ausdruck bringen. Das Königtum hat die Israel geschenkte Befreiung verspielt, das Land in Arme und Reiche gespalten. Es wollte mit den damaligen Großreichen auf einer Stufe stehen und sich in militärischer Stärke präsentieren. Welche Bedeutung der „Baum der Erkenntnis“ hat, wird verständlich, wenn wir der griechischen Übersetzung des hebräischen Textes, der Septuaginta, folgen. Dann sagt die verführende Schlange nicht einfach: Wenn ihr von diesem Baum esst, werdet ihr „wie Gott“, sondern „wie Götter“ sein. Diese Übersetzung ist möglich, weil das im hebräischen Text verwendete Wort für Gott – elohim – auch in der Mehrzahl, also „wie Götter“ verstanden werden kann. In einem älteren Kommentar zum Buch Genesis hat bereits Gerhard von Rad darauf hingewiesen, dass die Einflüsterung der Schlange „schwerlich“ meint, „dass die Menschen wie Jahwe, sondern dass sie göttlich, göttergleich werden könnten“1. Dass „die Menschen wie Jahwe“ sein sollen, ist „schwerlich“ vorstellbar, weil Jahwe als Gott der Befreiung der Fassbarkeit menschlichen Erkennens entzogen ist und menschlichem Handeln nicht verfügbar gemacht werden kann. Deshalb bleibt auch der dem Mose offenbarte Name Gottes ein geheimnisvoller Name, der Gott zu erkennen gibt als denjenigen, der die Schreie der Versklavten hört und mitgehen will auf dem Weg der Befreiung, sich aber definitiver und verfügender Erkenntnis entzieht (vgl. Ex 3,7ff). Daher lässt sich der Gottesname auch nicht eins zu eins übersetzen, sondern lediglich umschreiben.

Vor dem Hintergrund der Verführung durch das ‚Sein wollen wie Götter‘ kann auch verständlicher werden, was „Erkenntnis von Gut und Böse“ (Gen 2,17) meint. Dabei geht es nicht um eine abstrakt idealistische Erkenntnis ‚des‘ Guten und ‚des‘ Bösen ‚an sich‘. Auch hier kann Gerhard von Rad auf die Spur bringen, wenn er schreibt:

„Das Gute war für die Alten nie etwas nur Ideelles, sondern als gut galt das, was guttut; demnach hätte man das ‚gut und böse‘ in diesem Zusammenhang mehr im Sinn von ‚förderlich‘, ‚heilsam‘ – ‚hinderlich‘, ‚schädlich‘ zu verstehen.“2

Wenn Menschen „wie Götter“ werden, zielen ihre Entscheidungen nicht mehr darauf, was der Befreiung, der Hege und Pflege des Gartens ‚förderlich‘ ist, sondern darauf, was sich den Zwecken von Herrschaft als ‚dienlich‘ erweist. Damit können die Könige Israels gemeint sein, die ja nach der Kritik der Propheten mit den Traditionen und Weisungen der Befreiung gebrochen haben und das von Gott befreite Volk der Herrschaft des Königtums unterworfen haben.

Heute kann es nicht darum gehen, das Verbot des Essens vom Baum der Erkenntnis abstrakt gegen eigenmächtige Erkenntnis ‚als solche‘ zu wenden und sie als Abfall von Gott und seinen Geboten zu interpretieren – mit dem Ergebnis: die Welt muss sich wieder fundamentalistisch verstandenen göttlichen Geboten oder christlicher Bevormundung unterwerfen und alles wird gut. Sehr wohl aber lässt es sich mit einer emanzipatorischen Kritik des Autonomie-Ideals der Aufklärung verbinden. Hinter ihrem Ideal des abstrakten, selbst entscheidenden und sich selbst behauptenden Subjekts verbirgt sich die Unterwerfung unter die Herrschaft des Kapitalismus. Die diese Herrschaft legitimierenden Melodien spielt die Aufklärung. Das Subjekt ist frei, wenn es sich seiner selbst bewusst und aus freien Stücken im Einklang mit der kapitalistischen Gesellschaft bewegt. Freiheit ist Selbstbezüglichkeit des Subjekts, analog zur Selbstbezüglichkeit des Kapitals. Das ist auch ein entscheidender Hintergrund der aktuellen Freiheitsparolen in der Debatte um die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus. Sie führen anschaulich vor Augen wie tödlich diese Freiheit ist – und das nicht nur angesichts des Virus.

Was eine von sozialen Rahmenbedingungen abstrahierende Freiheit impliziert, führt in der CoronaKrise gegenwärtig die von der FDP am Ring durch die Manege geführte Ampelkoalition vor Augen. Ihr banaler und einfältiger Begriff von Freiheit ist tödlich und bereitet wie in den Frühzeiten des Liberalismus dem Sozialdarwinismus den Weg. Die Schwachen werden im ‚Kampf ums Dasein‘ eliminiert und die Starken immunisieren sich gegen schwächelnde Anfälligkeiten. Freiheit ohne solidarischen Bezug zu Mitmenschen, vor allem zu den Schwachen und ohne ökologischen Bezug zur Erde als zu kultivierendem ‚Paradies‘, lässt Menschen zu Nummern werden und verdinglicht die Schöpfung zum Gegenstand der Verfügung durch diejenigen, die sich als die ökonomisch und politisch Stärkeren erweisen.

‚Am Ende‘ ist die Beziehung zu Mitmenschen und Schöpfung durch Herrschaft zerstört. Die Menschen haben ihren Platz in Gottes Garten verloren und der Weg „zum Baum des Lebens“ (Gen 2,24) ist versperrt, heute durch die abstrakte Herrschaft des Kapitals, das sich im Rahmen der Gesetzte seiner Verwertung nur auf sich selbst und auf nichts sonst beziehen kann – analog zu den gesellschaftlich individualisierten Einzelnen, die sich auf nichts anderes mehr beziehen können als auf ‚sich selbst‘, auf ihre banale Freiheit, die kapitalistische Normalität zulässt, voraus gesetzt, es gelingt, durch permanente Selbstoptimierung noch einen Platz in der Verwertungsmaschinerie des Kapitals und seiner nicht-wertproduzierenden Abfallprodukte zu finden. Nicht weniger zerstört ist die Beziehung zur Schöpfung. Sie wird den Zwängen zu kapitalistischem Wachstum geopfert. Den Preis solcher Freiheit bezahlen zuerst diejenigen, die an den sog. Rändern der einzelnen Gesellschaften und der globalen Welt zu Opfern der zerstörerischen kapitalistischen Freiheit werden.

„Da gingen ihnen die Augen auf und sie erkannten, dass sie nackt waren“, konstatiert unsere Geschichte, nachdem die Menschen vom „Baum der Erkenntnis“ gegessen hatten. „Nackt“ stehen sie da. Das aber ist nicht auszuhalten. Deshalb „hefteten“ sie sich „Feigenblätter zusammen und machten sich einen Schurz“ (Gen 3,7). Und los geht ein Versteckspiel und die Flucht aus der Verantwortung für das Desaster (Gen 3,8ff).

Eine Alternative wäre, sich der Nacktheit zu stellen, der Leere des Kapitals, das sich angesichts des Schwindens verwertbarer Arbeit nicht mehr durch Mehr-Ausbeutung und ‚Mehr-Wert‘ selbst erlösen kann, der Nacktheit der Banalität der ‚Ich selber‘- und ‚Ich will aber‘-Rhetorik, die Kinder im Lernen von sozialem Verhalten überwinden müssen. Die Gesellschaft scheint inzwischen zu einer ‚Ich will aber-Gesellschaft‘ mutiert, beim Verhalten wütender ‚Ich will aber‘-Kinder angekommen. Und wenn ‚ich‘ meinen Willen nicht bekommen kann, wird eben geschrien und randaliert. Der große Unterschied: Bei Kindern handelt es sich um eine Lernphase, bei manchen gesellschaftlichen Schreihälsen um einen Ausdruck von Regression.

Eine Alternative wäre, sich der Feigenblätter zu entledigen, mit den Illusionen zu brechen, Feigenblätter könnten auf Dauer die Nacktheit verbergen. Die elendigliche Blöße einer Politik, die blind und/oder auf dem größenwahnsinnigen Ross der Ignoranz die Gesellschaft in die vermeidbare vierte Corona-Welle geritten hat, treibt inzwischen wieder täglich über 200 Menschen in den Tod. Statt Irrtümer einzugestehen, werden die Feigenblätter enger geschnürt. Die anderen sind schuld und haben versagt. Erzählt wird die Mär von rechtssicheren und effektiven Instrumenten im Kampf gegen Krankheit und Sterben, obwohl es keinen Bedarf an mehr Rechtssicherheit gibt und der Instrumentenkasten zur Eindämmung des Virus entkernt wird. Angesichts von Corona sind Katastrophe, Nacktheit und Feigenblätter am offensichtlichsten. Noch schwerwiegendere Folgen an Leugnung und Verwilderung dürften weltweite soziale, ökologische und politische Krisen nach sich ziehen, in denen nicht einmal mehr ein kapitalistischer Instrumentenkasten zu ihrer Bewältigung zur Verfügung steht.

Und wo bleiben der neue Himmel und die neue Erde?

Diese Verheißung ist kein Feigenblatt einer beruhigenden und beschwichtigenden Hoffnung. Erst wo die Nacktheit der kapitalistischen Vergesellschaftung nicht mehr mit Feigenblätter zugekleistert wird, kann sich ein neuer Himmel und eine neue Erde am Horizont zeigen. Wo Israel das Scheitern der Befreiung nicht mehr verdeckt hat, taten sich neue Wege der Befreiung auf. Wo das Vertrauen auf die Auferweckung des Gekreuzigten sich durchzusetzen begann, dämmerte es, dass sich im Aufstehen gegen das Unrecht gesellschaftlicher Herrschaft der Horizont eines neuen Himmels und einer neuen Erde zeigen kann.

Solche Horizonte wachsen nicht aus den Illusionen des eigenen Selbst und seiner vermeintlichen Verankerung in kosmischen Welten. Die biblischen Traditionen verweisen auf Quellen lebendigen Wassers, die dürres Land und ausgetrocknete Individuen wieder bewässern können. Wer „nicht nach dem Rat der Frevler geht, nicht auf dem Weg der Sünder steht, nicht im Kreis der Spötter sitzt, sondern sein Gefallen hat an der Weisung des Herrn, bei Tag und Nacht über seine Weisung nachsinnt, er ist wie ein Baum gepflanzt an Bächen von Wassern, der zur rechten Zeit seine Frucht bringt…“ (Ps 1,1ff). Ähnlich heißt es bei Jeremia: Wer „auf den HERRN vertraut und dessen Hoffnung der HERR ist, er ist wie ein Baum, der am Wasser gepflanzt ist und zum Bach seine Wurzeln ausstreckt“ (Jer 17,7f).

Das sind keine Anweisungen, die Welt zu verchristlichen – nach dem Motto ‚Am christlichen Wesen soll die Welt genesen‘. Nicht Vollmundigkeit, sondern jene Bescheidenheit ist angesagt, zu der Paulus rät, wenn er davon spricht, dass wir den Schatz des Glaubens „in zerbrechlichen Gefäßen tragen“ (2 Kor 4,7). Zerbrechlich ist der Glaube, weil er mit Jesu Tod verbunden ist. Weil er darauf vertraut, dass in dieser Schwachheit das Leben verborgen liegt, kann er dem Tod standhalten statt in Hoffnungen zu fliehen, die sich in ihren Illusionen an Katastrophen und Tod vorbei mogeln und so selbst Bestandteil der Katastrophe werden. Die Hoffnung auf einen „neuen Himmel und eine neue Erde“ ist nicht ohne den Blick auf eine verwüstete Erde ‚zu haben‘. Das ‚Paradies‘ eines neuen Himmels und einer neuen Erde kann erst in den Blick kommen, wenn die Zerstörung des ersten Paradieses nicht mehr illusionär durch Feigenblätter verdeckt wird, sondern erkannt werden kann, was es heißt „wie Götter sein zu wollen“ und den Globus dem irrationalen Zweck der Vermehrung von Kapital/Geld um seiner selbst willen zu unterwerfen.

Herbert Böttcher

1Gerhard von Rad, Das 1. Buch Mose. Genesis, Das Alte Testament Deutsch 2-4, Göttingen und Zürich 1987, 63.

2Ebd.