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Zur Fokussierung theologischer Reflexion – Ein Gegenimpuls in Zeiten unternehmerischer Kirche(n)

1. Die Kirchen und ihr Bekenntnis

Der Reformierte Weltbund und der Ökumenische Rat der Kirchen hatten Mitte der 1990er Jahre einen Processus Confessionis, einen Prozess der Bekennens, angestoßen. Das Glaubensbekenntnis der Kirchen sollte im Kontext der globalen Zerstörungsdynamik des Kapitalismus formuliert werden. Auch Papst Franziskus verbindet seine Auseinandersetzung mit den Überlebensproblemen der Menschheit mit nicht zu überhörender Kapitalismuskritik.

1.1 Auf dem Weg zu ‚unternehmerischen Kirchen‘

Das aber hat den ‚Alltag‘ der kirchlichen Praxis zumindest in Deutschland nicht erreicht. Hier drängt sich der Eindruck auf, dass die Kirchen mit sich selbst beschäftigt sind, mit Struktur- und Reformfragen, die ihnen institutionelles ‚Überleben‘ sichern, ‚Glaubwürdigkeit‘ wiederherstellen und neue Nachfrage von KundInnen bescheren sollen. Kurz gesagt: Sie wollen sich als ‚unternehmerische Kirchen‘ behaupten und damit ihren Verlust an Bedeutung kompensieren.

Dem darf ein Prozess des Bekennens des Glaubens angesichts der kapitalistischen Zerstörungsprozesse nicht im Wege stehen. Die Kirchen wollen schließlich die ‚Höhe der Zeit‘ erklimmen, um für KundInnen attraktiv zu sein. Das aber – so meinen viele – geht nicht mit der Miefigkeit einer nörgelnden antikapitalistischen Positionierung, sondern nur mit einer Kirche, die im Kapitalismus angekommen und sich kulturell auf der Höhe dessen bewegt, was die – inzwischen abstürzende – Postmoderne als Orientierung vorgibt:

  • die Orientierung an den Einzelnen, an ihren Bedürfnissen und Befindlichkeiten ohne umständlich und viel zu theoretisch auf deren gesellschaftliche Vermittlung zu reflektieren,

  • die lustvolle Bejahung kultureller Vielfalt ohne aus der Mode gekommene und irritierende politisch-ökonomische Reflexion, die erkennen ließe, dass sich hinter kultureller Buntheit kapitalistische Uniformierung und Einfalt verbergen,

  • die Esoterisierung von Pastoral und Verkündigung zwecks Konkurrenzfähigkeit auf den bunt blühenden esoterischen Spiritualitäts-, Ratgeber- und Therapiemärkten einhergehend mit Gottesdiensten, die sich als Event- und Erlebnisangebote inszenieren. Das alles soll vom Leistungs-, Optimierungs- und Selbstbehauptungsstress entlasten, Abstiegsängste lindern und im Fall des Absturzes helfen, wieder neu zu beginnen.

1.2 Das Bekenntnis stört

Ein Bekenntnis, wie es Rahmen des Processus Confessionis angedacht war, stört dabei. Es droht die gesuchte Kundschaft, die ja unmittelbar erreichen, sprich da abgeholt werden soll, wo sie in postmoderner Individualisierung steht, zu vergraulen und so das Interesse institutioneller Selbstbehauptung zu konterkarieren. Wieder einmal geht es um Macht und kirchliche Institution – diesmal nicht als in sich geschlossenes kirchliches Machtsystem oder an der Seite politischer Herrschaft, sondern als offene Kirche für den Markt – offen für die Nachfrage nach religiös Tiefsinnigem, nach therapeutisch Entlastendem und unterhaltsam Entspannendem.

Nicht dass die Kirchen auf der ‚Höhe der Zeit‘ sein wollen, ist zu kritisieren, sondern dass sie es blind, angepasst und selbstbezüglich versuchen. Nicht dass die Kirchen Menschen erreichen wollen ist falsch, sondern dass sie es dumpf und reflexionslos wollen und dabei wahrscheinlich nicht einmal merken, dass sie dabei nicht Menschen dienen, sondern analog zu Zeiten unseliger Mission Menschen rekrutieren diesmal nicht für ein Bekenntnis, sondern als Kunden und Kundinnen.

2. Was bestimmt die ‚Höhe der Zeit‘?

Wenn das Bekenntnis des Glaubens und die ‚Höhe der Zeit‘ kritisch korrelieren, also kritisch aufeinander bezogen werden sollen, ist die Zeit von dem her zu bestimmen, worunter Menschen leiden. Die ‚Zeit‘ des Kapitalismus, als Geschichte und aktueller Krise, treibt immer neue Höhepunkte des Leidens und der Katastrophen hervor. Mit dem Rücken dazu lässt sich kein Glaube bekennen. Es gibt keinen ‚reinen‘ von geschichtlichen Kontexten freien Glauben. Er ist immer durch einen ‚Zeitvermerk‘ gekennzeichnet, der sich auf die jeweilige geschichtliche Konstellation wie auch auf die Zeit der Geschichte als ganzer bezieht.

Nicht alles am Glauben ist zu ‚jeder Zeit‘ wichtig. Thomas von Aquin hat angemerkt, bestimmte Leute seien der Meinung, „es komme für die Wahrheit des Glaubens nicht darauf an, was man über die Geschöpfe meine, wenn man nur im Bezug auf Gott die richtige Meinung habe“. Aber – so Thomas – „der Irrtum über die Geschöpfe geht über in eine falsche Meinung von Gott“1. Eine falsche Korrelation von Gott und Geschichte, von Gott und Zeit – so wäre Thomas heute weiter zu führen – lässt den Inhalt des Glaubens nicht unberührt. Die Erkenntnis Gottes ist auf die Erkenntnis zeitlicher gesellschaftlicher Verhältnisse angewiesen. Das verbindet das Bekenntnis des Glaubens heute mit gesellschaftskritischer Reflexion im Blick auf die kapitalistischen Verhältnisse. Diese Korrelation rückt bestimmte Aspekte des Glaubens in den Vordergrund, während andere in den Hintergrund treten.

3. Was in den Vordergrund treten müsste…

Johann Baptist Metz versteht Theologie als Frage nach Gott angesichts der menschlichen Leidens- und Katastrophengeschichte, für die vor allem der Name Auschwitz steht. Die Rede von der Geschichte als Katastrophe knüpft an Walter Benjamin an. Bei ihm steht der Begriff der Geschichte als Katastrophe gegen das Selbstverständnis der Aufklärung, in deren Rahmen Geschichte evolutiv als Fortschrittsgeschichte verstanden wird. Letzteres – so Benjamin – ist aber die Sichtweise der Sieger. In ihr werden die Opfer des Fortschritts als Kollateralschäden ignoriert oder als Preis des Fortschritts in Kauf genommen. Die Geschichte des Fortschritts ist nicht die Geschichte ‚im Allgemeinen‘, sondern die ‚besondere‘ Geschichte des Kapitalismus.

Sie hat heute mit dem nicht mehr zu kompensierenden Schwinden von Arbeit als Substanz für die Akkumulation des Kapitals eine innere Grenze erreicht, die immanent nicht mehr überwunden werden kann. Die ersten Opfer der sich zuspitzenden Krise des Kapitalismus sind immer noch die Armen. Zugleich aber droht sie die Grundlagen allen Lebens zu zerstören. Dabei verliert auch das vermeintlich handlungsfähige und seiner selbst bewusste Subjekt mehr und mehr seine Basis und wird mit ihr in Ausweglosigkeiten gerissen, in denen sich Abgründe auftun.

Vor dieser Situation weder in Leugnen noch in esoterische oder theologische Heilsgewissheiten zu fliehen, sondern ihr standzuhalten, wäre die zentrale Herausforderung für theologische Reflexion, die sich auf ihr Zentrum – die Frage nach Gott – zurückführen lassen müsste. Diese Frage müsste statt im Rahmen griechischer Ontologie als Frage nach einem ‚höchsten Wesen‘ oder als tiefenpsychologische Frage nach heilenden Ursprüngen in den Tiefen der Seele, im Zusammenhang biblischer Erinnerung reflektiert werden. In dieser Erinnerung ist die Frage nach Gott so mit Leidens- und Katastrophenerfahrungen von Menschen verbunden, dass es blasphemisch wird, mit dem Rücken zu geschichtlichem Leid und zu geschichtlichen Katastrophen von Gott zu reden und nach Rettung zu suchen. Die Frage nach Gott artikuliert sich angesichts dessen, was Menschen in der Geschichte erleiden. In der aktuellen Situation des Krisenkapitalismus müssten als Aspekte in den Vordergrund treten:

3.1 Fetischismuskritik vs. Ethik

Der Kapitalismus hat sich als abstrakte Herrschaft konstituiert. Sie bildet einen gesellschaftlichen Zusammenhang, in den das Handeln von wirtschaftlichen und politischen Akteuren eingebunden ist. Mit der Krise des Kapitalismus verschärft sich die Konkurrenz. Damit schwinden die Handlungsspielräume der Akteure. Theologisch wäre zur Kenntnis zu nehmen, dass die prophetische Kritik, sofern sie sich auf das Handeln der sog. ‚Mächtigen‘ und auf das Handeln Einzelner bezieht, ebenso ins Leere geht wie positive ethische Forderungen nach Gerechtigkeit. Kritisiert und gefordert wird etwas, das im Rahmen der sich krisenhaft zuspitzenden abstrakten Herrschaft auf Alternativlosigkeiten stößt. Kapitalismuskritik muss sich vor allem als Kritik von Fetischverhältnissen also als Kritik der Unterwerfung des Ganzen der Verhältnisse unter den abstrakten und vernichtenden Selbstzweck der Vermehrung von Geld ebenso wie als Kritik der Abspaltung und Inferiorisierung der Reproduktion zur Geltung bringen. Erst in diesem Rahmen wäre nach dem Handeln von Bewegungen oder auch Einzelner und seiner Orientierung zu fragen.

Theologisch wäre dabei anzuknüpfen an die biblische und befreiungstheologische Unterscheidung zwischen Gott und Götzen, dem Gott der Befreiung und der Fetischisierung von Wert und Abspaltung. Dann geht es nicht mehr einfach um die metaphysische oder auch existenzialistische Unterscheidung zwischen Sein und Nicht-Sein, Sinn und Unsinn, sondern vor allem um die gesellschaftliche Unterscheidung zwischen Tod und Leben, zwischen Unterwerfung unter tödliche gesellschaftliche Herrschaft und Befreiung von dieser Herrschaft.

3.2 Apokalyptik vs. Reich Gottes als abstraktem Ideal

Apokalyptik hat in der Theologie keinen guten Ruf – schon gar nicht in postmodernen Varianten, in denen die neue politische Theologie zur „kritischen politischen Ethik“ weiterentwickelt werden soll. Dabei müsse sie sich „von einer apokalyptischen Theologie der Endzeit trennen und auf eine transformative Politik in der Geschichte bestehen“2. Hier wird geflissentlich übersehen, dass biblische Apokalyptik sich nicht auf Endzeit reduzieren lässt, sondern ihren Ort „in der Geschichte“ hat – und zwar als Kritik geschichtlicher Herrschaft –, sei es die Kritik der Herrschaft der Griechen im Ersten oder der Roms im Zweiten Testament. Sie speist sich aus der unerträglichen Akkumulation des Leidens unter Herrschaft und schreit nach dem Ende dieser Herrschaft in der Geschichte. Angesichts der Leidens- und Katastrophenerfahrungen darf es nicht mehr so weitergehen. Befreiung ist nur noch als radikaler Bruch mit den Herrschaftsverhältnissen denkbar. Da gibt es nichts mehr zu ‚transformieren‘.

Wer heute theologisch den Bruch mit dem Kapitalismus vermeiden will, kann es sich in der Ethik gemütlich machen und ‚bis zum Ende‘ über Transformationen räsonieren. Das reale Scheitern angesichts der sich zuspitzenden Katastrophen muss dann nicht weiter irritieren, ist doch der Prozess der Transformation einer, der immer wieder neu nach einer Vermittlung mit der Normalität kapitalistischer Verhältnissen sucht – ohne diese in ihren kategorialen Formen anzutasten. In diesen Prozessen schlechter bzw. falscher Unendlichkeit kann sogar noch das um jede Apokalyptik bereinigte Ideal des Reiches Gottes untergebracht werden. Dieses Ideal ist ja nie erreicht, wird aber in einem asymptotischen Prozess immer wieder neu angestrebt. So lassen sich die angesichts der sich zuspitzenden Katastrophen immer dringlichere Kritik an der abstrakten Herrschaft des Kapitalismus und die Notwenigkeit des kategorialen Bruchs gut ausblenden – bis die vernichtenden Realitäten der Katastrophen ethische und idealistische Illusionen dann widerlegen, wenn es zu spät ist.

Mit diesen Zuspitzungen ist nicht dem Abschied vom Reich Gottes das Wort geredet, sondern dafür plädiert, es im Zusammenhang der Apokalyptik zu verstehen – nicht zuletzt um dessen abstrakter Idealisierung zu entgehen. Das entspricht ebenso biblischen Traditionen wie Jon Sobrinos Unterscheidung zwischen geschichtlichen Anti-Reichen des Todes und der Widerständigkeit des Reiches Gottes, das nicht in Transformationsprozessen idealistisch angestrebt, sondern in Widerspruch und Widerstand gegen zu begreifende geschichtliche Herrschaftsverhältnisse zur Geltung gebracht werden muss.

3.3 Gott als Befristung der Zeit, aber auch von Herrschaft in der Zeit

Im Zusammenhang mit der biblischen Apokalyptik hat J.B. Metz darauf aufmerksam gemacht, dass die Rede von Gott als dem Schöpfer impliziert, dass er der Zeit ein Ende setzt und sie damit befristet. In den biblischen Texten geht es jedoch nicht allein um eine eschatologische Befristung der Zeit ohne Blick auf die Frage nach dem Ende von Herrschaft in der Zeit, also in der Geschichte. In der biblischen Apokalyptik artikulieren sich zugleich der Schrei und die Hoffnung auf ein Ende der aktuellen Herrschaftsgeschichte. Das Ende von Herrschaft in der Zeit wäre also mit dem Ende der Herrschaft der Zeit zusammen zu denken. Auf die Herrschaft des Kapitalismus hin formuliert: Widerstand gegen den Kapitalismus und Hoffnung auf seine Überwindung in der Zeit sind zusammen zu denken mit der Hoffnung auf das Ende der Zeit und so mit der Hoffnung auch auf Rettung für die Opfer vergangener geschichtlicher Herrschaftssysteme, auf die Befreiung von allem Leid und jedem Tod wie sie in der Offenbarung des Johannes im Bild des neuen Himmels und der neuen Erde zum Ausdruck kommt.

4. Ein kurzes Fazit: Einspruch gegen geschlossene Immanenz und ‚doppeltes Transzendieren‘

In den genannten Akzentuierungen artikuliert sich die Rede von Gott als Einspruch gegen ‚geschlossene Immanenz‘. Sie stellt Systeme der Herrschaft unter den Vorbehalt ihrer Überwindung. Insofern beinhaltet die apokalyptisch verwurzelte Hoffnung auf die Auferweckung der Toten die Öffnung der Gräber geschlossener Immanenz, in die Menschen eingeschlossen sind, heute in die geschlossenen Immanenz abstrakter kapitalistischer Herrschaft. Wie das Kapital sich in seiner Akkumulation nur auf sich selbst beziehen kann, werden in der Krise des Kapitalismus auch die Individuen mehr und mehr auf sich Selbst zurückgeworfen. Sie sollen sich ‚eigenverantwortlich‘ der abstrakten und in der Krise einbrechenden Herrschaft des Kapitalismus unterwerfen und sich als ‚unternehmerisches Selbst‘ optimieren und krisentauglich machen.

Einspruch anzumelden ist zugleich gegen die geschlossene Immanenz der Geschichte als Ganzer. In ihr wird Zeit zur ‚ewigen Wiederkehr‘ des Gleichen, zur Herrschaft einer zeitlosen, endlosen sowie verheißungslos leeren und überraschungsfreien Zeit3. Das „Immergleiche“ – so hat Adorno angemerkt – ist „mythisch“. Es hat sich „zur formalen Denkgesetzlichkeit verdünnt“4. Erkenntnis aber will Inhalt. Er entzündet sich negativ, an dem, was Menschen in ihrer materiellen und somatischen Existenz zu erleiden haben. In diesem Sinn reicht Denken ans „Nichtseiende“ heran und dient ihm. „Allein erst äußerste Ferne wäre die Nähe“5.

Das hat Konsequenzen auch für theologische Erkenntnis. Nicht Gott, der immer schon da und nahe und darin immer schon ‚gewusst‘ ist, ist ‚Gegenstand‘ der Erinnerung und theologischen Nachdenkens, sondern Gott, der als ferner Gott vermisst wird und an den sich aus der Negativität des Leidens der apokalyptische Schrei nach Rettung richtet. Er ist mit Inhalten verbunden, die im Widerspruch zu geschlossener Immanenz geschichtliche Herrschaft ebenso transzendieren wie die unter der Herrschaft der Zeit geschlossene Geschichte als Ganze. Auch die Geschichte als Ganze kann bei Gott kein geschlossenes Grab bleiben. Wenn wahr werden soll, was wir unter dem Namen Gottes erinnern und vermissen, kann er auch die Leiden der Vergangenheit nicht auf sich beruhen lassen. Mit der Inhaltlichkeit seines Namens verbindet sich die Hoffnung, dass sein ‚letztes‘ Wort der Befreiung auch die geschlossenen Gräber der Toten öffnet und sie einbezogen sind in die widerständige Hoffnung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde. Mit dem Namen Gottes eröffnet sich so ein doppelter Weg des Transzendierens, also des Überschreitens von Grenzen. Überschreiten werden die Grenzen von Herrschaftssystemen in der Geschichte wie die der Geschichte als Ganzer. Dieses gleichsam doppelte Transzendieren ist so miteinander verbunden, dass die Hoffnung auf das endgültige Überschreiten der Grenzen der Geschichte und des Todes nicht ‚zu denken‘ ist ohne das Überschreiten tödlicher Grenzen in der Geschichte.

5. Kirche als Ort eines ‚subversiven Gedächtnisses‘ der Befreiung

Die befreiende Rede von Gott und die Kraft ihrer Widerständigkeit verdanken wir nicht uns selbst, auch nicht der Kraft theoretischer Reflexion. Wir verdanken sie der Menschheits- und Religionsgeschichte, in der sie sich artikuliert. Die jüdisch-christliche Überlieferung, in der die Frage nach Gott sich im Leben seines Messias, seinem gewaltsamen Tod und seiner Auferweckung durch Gott buchstabiert, haben wir im Raum der Kirche in Empfang genommen: in der Überlieferung biblischer Erinnerung, in Gebet und Liturgie und dann auch im kritischen theologischen Nachdenken. So sehr sich die Kirche auch in der Geschichte mit Herrschaft korrumpiert hat und sich in der Gegenwart kapitalismuskonform als ‚unternehmerische Kirche‘ korrumpiert, verdanken wir das ‚subversive Gedächtnis‘ der Befreiung ihrer Überlieferung. Wenn dieses Gedächtnis lebendig bleiben und es seinen Ausdruck im Bekennen finden soll, muss es verwurzelt bleiben im Hören des Wortes, in Gebet und Gottesdienst, vor allem in der Feier von Abendmahl und Eucharistie. Im Bund mit dem Messias aus Israel begegnet uns hier Gottes Bund mit Israel und darin mit der nach Befreiung schreienden Menschheit.

Herbert Böttcher

1Summa contra gentiles, III.

2Hille Haker, Von der Neuen Politischen Theologie zur Kritischen politischen Ethik, in: Concilium 2020, Heft 3, 56. Jahrgang, 276 – 285, 280.

3Vgl. JBMGS 5, 71.

4Adorno, Negative Dialektik, 66.

5Ebd, 66.