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Unterbrechung statt Normalität

Dem Gesundheitsminister wird zu teure Maskenbeschaffung vorgeworfen, der EU, bei der Beschaffung von Impfstoffen zu sehr aufs Geld geachtet zu haben. Das wirre ‚Mal so, Mal so‘ scheint ebenso typisch für Diskussionen um die Pandemie wie Erregung und Wut, die sich darin entladen. Detailfragen werden diskutiert als ginge es ‚um das Ganze‘. Gerade das aber gerät dabei aus dem Blick. Das ist nicht neu wie vieles von dem, was in der Pandemie noch sichtbarer wird: schlechte Wohn- und prekäre Beschäftigungsverhältnisse, soziale Spaltung und Benachteiligung bei der Bildung, die steigende Zahl der Fliehenden, die aggressiv abgewehrt werden, die Standortkämpfe, die sich nun um die Verteilung von Impfstoffen drehen…

Die Sehnsucht nach ‚Normalität‘ droht die ‚Normalität‘ der Katastrophen zu einer ‚heilen Welt‘ zu verklären. Statt sich erregt an Details abzuarbeiten, käme es darauf an, nüchtern ‚das Ganze‘ der Verhältnisse und die darin ‚programmierten‘ Katastrophen in den Blick zu nehmen. Dann aber sind Rückkehr zur Normalität und ‚Weiter so!‘ die schlechteste Antwort. Eher angesagt wäre ‚Unterbrechung‘. Walter Benjamin hat im letzten Jahrhundert angesichts des heraufziehenden Faschismus davon gesprochen, der Gang der voranschreitenden Krise müsse unterbrochen werden.

Für ChristInnen könnte der Sonntag eine Unterbrechung gegen ein dumpfes ‚Weiter so!‘ sein. Ihren Brennpunkt findet sie in der Erinnerung an die Passion Jesu, der Kehrseite seiner Leidenschaft für das Leben und die Befreiung aus Unrecht und Gewalt. Sie verbindet sich mit der kritischen Frage nach den Verhältnissen, die heute Menschen leiden lassen, sowie mit der Frage nach Umkehr und Neuorientierung.

Herbert Böttcher, Pastoralreferent i.R. und Vorsitzender des Ök. Netzes

zuerst veröffentlicht in „Am Wochenende“ am 26./27.06.2021