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„Schafft das hier weg, macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!“ (Joh 2,16). Zu Johannes 2,13-25

Der Abschnitt Joh 2,1-12 (Teil 5 der ‚Johannes-Reihe’ des Dekanats Andernach-Bassenheim) handelt von Jesu erstem, seinem prinzipiellen Zeichen. Das Messianische Hochzeitsmahl, in dem Israel und sein Gott zusammenkommen. Doch dies war nur ein Vorgriff, denn die Stunde ist noch nicht gekommen. Der Messias muss zunächst durch den Konflikt mit Rom hindurch. Der Vers 12 endete mit dem Hinweis, dass sie einige Zeit in Kafarnaum blieben. Von dem, was Jesus und seine Freunde dort getan haben, erfahren wir nichts. Jetzt in Vers 13 macht sich Jesus auf nach Jerusalem, da das Pessachfest nahe war. Diese Zeitangabe begegnet noch zweimal in nahezu gleicher Formulierung in Vers 6,4 bzw. 11,55. Johannes lässt Jesus dreimal Pessach feiern, anders als die synoptischen Evangelien, die nur das eine Pessachfest kennen. Bei Johannes klingt jedoch auch bei den beiden ersten Besuchen Jesu in Jerusalem seine Passion an. In jedem Fall ist es für den johanneischen Jesus selbstverständlich zum Pessachfest nach Jerusalem zu pilgern, „wozu das Gebot jeden Juden über 20 auffordert.“[1]

Auch der direkte Weg zum Tempel entspricht dem Vorgegebenen, doch dann kommt das Außergewöhnliche. Hören wir dazu den Evangelisten selbst:

13 Das Paschafest der Juden war nahe und Jesus zog nach Jerusalem hinauf. 14 Im Tempel fand er die Verkäufer von Rindern, Schafen und Tauben und die Geldwechsler, die dort saßen. 15 Er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle aus dem Tempel hinaus samt den Schafen und Rindern; das Geld der Wechsler schüttete er aus, ihre Tische stieß er um 16 und zu den Taubenhändlern sagte er: Schafft das hier weg, macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle! 17 Seine Jünger erinnerten sich, dass geschrieben steht: Der Eifer für dein Haus wird mich verzehren. 18 Da ergriffen die Juden das Wort und sagten zu ihm: Welches Zeichen lässt du uns sehen, dass du dies tun darfst? 19 Jesus antwortete ihnen: Reißt diesen Tempel nieder und in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten. 20 Da sagten die Juden: Sechsundvierzig Jahre wurde an diesem Tempel gebaut und du willst ihn in drei Tagen wieder aufrichten? 21 Er aber meinte den Tempel seines Leibes. 22 Als er von den Toten auferweckt war, erinnerten sich seine Jünger, dass er dies gesagt hatte, und sie glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesprochen hatte. 23 Während er zum Paschafest in Jerusalem war, kamen viele zum Glauben an seinen Namen, da sie die Zeichen sahen, die er tat. 24 Jesus selbst aber vertraute sich ihnen nicht an, denn er kannte sie alle 25 und brauchte von keinem ein Zeugnis über den Menschen; denn er wusste, was im Menschen war.

 Das Paschafest der Juden war nahe (Joh 2,13)

Ohne große Vorrede kommt Johannes gleich zum Wesentlichen dieses Abschnittes. Es ist Pessach. Als Jude zieht Jesus nach Jerusalem um im Tempel seinem Gott die Ehre zu geben.

 Im Tempel fand er die Verkäufer (Joh 2,14)

Der Tempel ist besetzt. Nicht zufällig benutzt Johannes hier das Wort „finden“. Es durchzieht das gesamte Evangelium. Zusammen mit dem Wort „suchen“ gibt es immer wieder Hinweise, worum es geht. Jesus sucht die Nähe zum Gott Israels. Doch er findet einen Fetischort. Die führenden Kräfte kooperieren mit Rom und haben dadurch den Tempel entweiht. Doch Götzen können keinen Bestand haben, daher „räumt“ Jesus auf. Er ist – wie im gesamten Evangelium – aktiver Gestalter der Situation. Er macht eine „Geißel aus Stricken“ und treibt sie alle aus dem Tempel hinaus. Das Geld, Ausdruck der Verbindung zu Rom, schüttet er aus und zu den Taubenhändlern sagt er abschließend: „Schafft das hier weg, macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!“

Dies ist eine Anspielung auf Sacharja 14,21. „Dort wird die künftige Heilszeit verheißen: ‚Und es wird keinen Händler mehr geben im Haus Adonajs Z`vaot an diesem Tag‘. Die Aktion Jesu im Tempel, wie sie im Johannesevangelium erzählt wird, stimmt in ihrer Intention mit diesem Sacharja-Zitat genau überein. Was hier verheißen wird, stellt Jesus jetzt schon her. So ist diese Darstellung zugleich ein Hinweis darauf, dass mit ihm die erwartete Heilszeit bereits angebrochen ist.“[2] Jesus befreit den Tempel vom Missbrauch, so dass Gott wieder in ihm wohnen kann.

Sowohl Klaus Wengst als auch Ton Veerkamp weisen darauf hin, dass es keine Hinweise außerhalb der Evangelien dafür gibt, dass es solche Märkte im Bereich des Hauses Gottes gegeben haben könnte. Innerhalb der Stadt Jerusalem wird es sie jedoch definitiv gegeben haben. Und natürlich hätten weder die Tempelwachen, noch die Händler Jesus einfach so randalieren lassen. Wir haben es hier also wieder einmal mit einer theologischen Erzählung zu tun. Der Evangelist spitzt die Situation bewusst zu, um zu verdeutlichen, wie schnell die Wege der Befreiung verlassen werden, wenn man sich mit der römischen Macht gemein macht.

Seine Jünger erinnerten sich, dass geschrieben steht: Der Eifer für dein Haus wird mich verzehren“ (Joh 2,17)

Johannes stellt Jesu Aktion im Tempel in den Zusammenhang der Kämpfe der Makkabäer um Befreiung von griechischer Herrschaft im zweiten Jahrhundert v. Chr. Der Tempel als Ort der Gegenwart Gottes war dadurch verunreinigt worden, dass in ihm eine Statue des Zeus aufgestellt worden war. Dies war Ausdruck dafür, dass ganz Israel verunreinigt wird, wenn es nicht als von Gott befreites Volk, sondern als fremder Herrschaft unterworfenes Volk leben muss. Und so wurde nach der Befreiung von griechischer Herrschaft der Tempel neu eingeweiht und Chanukka, das Fest der Reinigung des Tempels gefeiert.

An die Stelle der Herrschaft der Griechen war inzwischen die Herrschaft Roms getreten. Was Jesus verzehrt und wovon er sich ‚verzehren‘ lässt, ist sein Eifer für die Befreiung, die mit dem Namen Gottes verbunden ist und im Eifer für sein Haus als Ort seiner Gegenwart zum Ausdruck kommt. Zu der Zeit, als Johannes sein Evangelium schreibt, liegt der Tempel in Schutt und Asche. Rom hatte ihn im Krieg gegen die Juden zerstört, der geführt wurde um Aufstände gegen die römische Herrschaft niederzuschlagen und den Frieden durchzusetzen, „wie die Welt(ordnung) ihn gibt“ (Joh 14,27). Dem steht der Friede entgegen, den Jesus „hinterlässt“ (Joh 14,27) und in dem an Ostern die Jüngerinnen und Jünger gesendet werden (Joh 29,19ff) – ein Friede, der dann Wirklichkeit wird, wenn die Gekreuzigten, die Opfer von Gewaltherrschaft zu ihrem Recht kommen. Gewaltsame messianische Aufstände provozieren nur neuen Krieg. Zudem drohen sie mit neuen Herrschaftsträumen einher zu gehen.

Ein neuer Anfang – erst recht nach der Zerstörung des Tempels – ist nötig, nicht aber als illusionärer bewaffneter Aufstand. Unverzichtbar und deshalb nicht verhandelbar ist die Befreiung. Ohne sie wäre Israels Gott verraten. Damit bleiben dem Messias wie der messianischen Gemeinde weder der vernichtende „Hass der Weltordnung“ (vgl. Joh 15,18ff) erspart noch der Konflikt mit den ‚führenden Juden‘, die mit der Weltordnung Kompromisse machen wollen, um das Überleben Israels zu sichern.

Wenn Johannes sagt: „Angesichts des Geschehens ‚erinnern‘ sich die SchülerInnen Jesu an eine Schriftstelle, hat er die Hörer- und LeserInnen seines Evangeliums im Blick, die wissen oder beim ersten Hören und Lesen erfahren werden, dass von der Auferweckung des Gekreuzigten her deutlich wird, dass Israels Gott im Handeln Jesu zur Geltung kommt. In ihm ist ‚die Schrift‘ lebendig. ‚Sich erinnern‘ heißt hier also, gegenwärtiges Geschehen in der Schrift zu entdecken und so von Gott her zu begreifen.“[3] Der Satz des Johannes ist ein leicht verändertes Zitat aus Psalm 69,10. Johannes setzt das Verb ins Futur und lenkt dadurch vermutlich den Blick auf die Passion Jesu. Das findet zugleich seine Bestätigung in der Fortführung des Psalmverses mit „die Verhöhnungen derer, die dich verhöhnt haben, sind auf mich gefallen“ (Ps 69,10). Gleichzeitig bindet er Jesu Handeln damit eng an die Schrift.

„Welches Zeichen lässt du uns sehen, dass du dies tun darfst?“ (Joh 2,18)

So fragen gleich darauf „die Juden“. Wie wir gesehen haben benutzt Johannes den Begriff Juden für unterschiedliche Gruppen. So können allgemein die Juden gemeint sein wie in Vers 13 oder aber die führenden Köpfe der Juden, die für sich beanspruchen für alle Juden zu sprechen. Johannes lässt Jesus unterschiedlich reagieren, nur daran können wir erkennen, welche Gruppe er meint. Hier stellen die führenden Juden die Legitimationsfrage. Mit welchem Recht glaubst du dies tun zu können? Sie wissen nicht, dass das prinzipielle Zeichen bereits in Kana geschehen ist. Im messianischen Fest, das dort gefeiert wurde, waren Gott und sein Volk zusammen gekommen. Aber das, was hier gefeiert und in der Feier vorweg genommen wurde, muss noch durch „die Stunde“ von Jesu Hinrichtung hindurch, bevor ‚sichtbar‘ werden kann, dass Israels Gott in seinem Messias gegenwärtig ist, um Israel aufzurichten. Diese „Stunde“ werden die mit Rom kooperierenden ‚führenden Köpfe‘ der Juden mit herbeiführen.

Auf der Erzählebene ist Jesu Antwort eine „unerhörte Provokation“[4]. Johannes lässt Jesus etwas sagen, was seine Gegner, aber auch seine Freunde, notwendigerweise missverstehen müssen:

„Reißt diesen Tempel nieder und in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten“ (Joh 2,19)

Die führenden Juden sind entsetzt, denn schließlich wurde der Tempel über sechsundvierzig Jahre erbaut. Der aufmerksame Leser bzw. die aufmerksame Leserin stolpert jedoch über eine Auffälligkeit. Wenn Jesus im Johannesevangelium vom Tempel spricht, benutzt er das Wort Heiligtum (hieron). Nur hier spricht er vom Tempel als (naos), als einem heidnischen Tempel, der – wie es in Apg 7,48 heißt – „von Menschenhand gemacht ist“. Seine Tempelreinigung ist daher Ausdruck des Protestes dagegen den Tempel als heilige Stätte der Gegenwart Gottes zu einer hellenistischen Götzenstätte zu machen. Die Zerstörung des Tempels durch die Römer ist eine Konsequenz aus dem Fehlverhalten der jüdischen Oberschicht. Die Frage der Wohnung Gottes muss nach der Zerstörung des Tempels neu gestellt und beantwortet werden. Für Johannes ‚wohnt‘ Gott im gekreuzigten auferweckten Messias. Hier ist Gottes Herrlichkeit gegenwärtig. Das darf nicht exklusiv verstanden werden, also im Sinne von: Er ist nur hier gegenwärtig. Das liefe darauf hinaus, dass die messianische Gemeinde bzw. die Kirche an die Stelle Israels getreten sei – wie es lange in antijudaistischen Interpretationen gesehen wurde und immer noch gesehen wird. Johannes will deutlich machen, dass sich das, was über das Verhältnis Gottes zu Israel gesagt werden kann, als auf Jesus konzentriert verstanden werden kann. Das ist ein Verständnis Jesu und der messianischen Gemeinde, das Israels Verhältnis zu Gott nicht aufkündigt, sondern Gottes Bund mit Israel als bleibend voraussetzt. Im Blick auf die messianische Gemeinde wird jedoch beansprucht: Wer auf den Messias Jesus vertraut, ‚glaubt‘ an keinen anderen Gott als an den Gott Israels.

„Als er von den Toten auferweckt war, erinnerten sich seine Jünger, dass er dies gesagt hatte, und sie glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesprochen hatte“ (Joh 2,22)

Auch die Jüngerinnen und Jünger können Jesu Wort noch nicht verstehen, erst nach seiner Auferstehung erinnern sie sich an sein Wort. Sie glauben an die Schrift und an sein Wort. Jesus und die Schrift werden bei Johannes nebeneinander gestellt, gleichsam in einem Atemzug genannt. Darin wird deutlich: Jesus interpretiert nicht nur die Schrift. Er ist ihre Stimme. Sie wird von ihm nicht abgelöst, sondern kommt in seinem Wort zur Sprache. Das ist eine Perspektive, die mit der Auferweckung des Gekreuzigten zur Geltung kommt und erinnert wird. Genau dafür steht bei Johannes der Geist, der in den Abschiedsreden als derjenige verheißen wird, „der … euch alles lehren und euch an alles erinnern“ wird, „was ich euch gesagt habe“ (Joh 14,26). Es ist dieser Geist, den die JüngerInnen an Ostern empfangen (Joh 20,22). Das messianische Zeichen, dass Jesus in Vers 19 anbietet, ist sein Tod und seine Auferstehung. Dass sich Gottes Gegenwart am gekreuzigten Jesus als lebendig machend erweist, legitimiert ihn als Messias. „Nur unter dieser Perspektive gibt Johannes seine Darstellung der Geschichte Jesu.“[5]

Sie ist jedoch zurückgebunden an die Geschichte Gottes mit seinem Volk, wie Johannes immer wieder in seinen Bezügen auf die Schrift deutlich macht. Der in Jesus wirksame Gott ist kein anderer als Israels Gott, der sein Volk befreit und ihm die Treue hält. Nach der Zerstörung des Tempels und der Zerstreuung des Volkes wird der gekreuzigte und auferweckte Leib des Messias zum Tempel, zum Ort der Gegenwart Gottes, nicht statt und schon gar nicht gegen Israel, sondern als Zeichen, das er das am Boden liegende Israel aufrichten will.

„Uns ist inzwischen bewusst geworden, dass diese Geschichte weder mit Jesu Tod und Auferweckung noch mit der Tempelzerstörung beendet worden, sondern weitergegangen ist und weitergeht. Wenn daher wir Menschen aus den Völkern in dieser Geschichte des Johannesevangeliums Gottes lebendige Gegenwart in Jesu bezeugt finden und uns in der darauf bezogenen Verkündigung Gottes Mitsein und seine vergebende Zuwendung zugesagt sein lassen, verstehen wir den ‚Tempel seines Leibes‘ nicht als Ablösung des dann später zerstörten Tempels, sondern nehmen zugleich wahr, dass noch und wieder Jüdinnen und Juden an der Westmauer des Tempelberges in Jerusalem beten und Gottesdienst feiern und dass Israel es gelernt hat, auch ohne den Tempel in der Gegenwart Gottes zu leben.“[6]

 Während er zum Paschafest in Jerusalem war, kamen viele zum Glauben an seinen Namen, da sie die Zeichen sahen, die er tat. Jesus selbst aber vertraute sich ihnen nicht an, denn er kannte sie alle und brauchte von keinem ein Zeugnis über den Menschen; denn er wusste, was im Menschen war  (Joh 2,23-25)

Diese Verse haben eine doppelte Funktion. Sie schließen die vorhergehende Erzählung ab und leiten gleichzeitig die Begegnung Jesu mit Nikodemus ein. Gottes Name, so unterstreicht es Johannes in Vers 23, ist präsent im Messias Jesus. Viele Menschen vertrauen ihm, da sie seine Zeichen gesehen haben. Welche das sind, ergibt sich aus der bisherigen Erzählung nicht. Jesus hat ja bisher nur in Kana sein erstes Zeichen gewirkt. Gemeint sind vermutlich all die Zeichen, die noch erzählt werden. Johannes spricht also hier seine das Evangelium wiederholt hörende und lesende Gemeinde an.

Doch die messianische Freude, das messianische Fest (Joh 2,1-12), hängt an der Stunde des Todes Jesu, in der sein Leben der Treue zu Gott und der Solidarität mit den von Herrschaft und Gewalt gequälten „vollbracht“ ist und er Gott seinen Geist „übergab“ (Joh 19,30), damit Gott sein letztes Wort der Befreiung sprechen und seine Präsenz in dem gekreuzigten Messias offenbar werden lassen konnte (Joh 20).

Je mehr „zum Glauben an seinen Namen kamen“, desto mehr scheint Jesu Skepsis zu wachsen; denn der Glaube führt in die Konfrontation mit Rom und wird auf die Probe der „Bedrängnis“ (Joh 16,33) durch die Macht Roms gestellt. „Das ist die Stunde, in der ihr versprengt sein werdet, jeder in sein Haus, und mich allein lassen werdet“ (Joh 16,32).

Das Jesu Skepsis berechtigt ist, wird der nächste Abschnitt in der Begegnung mit Nikodemus, einem führenden Mann unter den Juden (Joh 3,1) verdeutlichen. So weisen die Verse 24 und 25 schon auf das nun folgende Geschehen hin. Gleichzeitig macht Johannes deutlich, dass Jesus durch Israels Gott selbst bezeugt wird und nicht durch Zeugnisse von Menschen. Gottes Herrlichkeit, sein Schwergewicht ist im gekreuzigten Messias zu erkennen. Wenn dies nicht erkannt wird, sind alle Zeichen nutzlos. Die Zeichen können nicht in falscher Unmittelbarkeit erkannt werden, sondern nur wenn sie im Ganzen des Schwergewichts Gottes, das im gekreuzigten Messias liegt, gesehen und im Horizont der Schrift verstanden werden.

Der abschließende Hinweis, „denn er wusste, was im Menschen war“ (Joh 2,25), unterstreicht Jesu Nähe zu Gott. Denn nur Gott weiß, was im Menschen ist. Zugleich drückt sich darin auch die Kritik an den Menschen aus, die angesichts der ‚Bedrängnis‘ dem Messias den Rücken kehren oder gar mit Rom kooperieren und – wie Judas – Menschen aus den messianischen Gemeinden an Rom verraten. Die Erfahrung von Unzuverlässigkeit, Abfall und Verrat dürften sehr einschneidend für Johannes gewesen sein und haben sein Vertrauen in die Mitmenschen stark erschüttert.

Für uns heute kann der ganze Abschnitt auf vielfältige Weise Hinweise geben. Hat doch gerade unsere Kirche nicht nur mit den Römern, sondern auch mit vielen folgenden Herrschaftssystemen gemeinsame Sache gemacht, oder sich zumindest mit ihren Vorstellungen gemein gemacht, anstatt die Botschaft der Befreiung durch Israels Gott und seinen Messias in Widerspruch und Widerstand gegenüber Systemen von Herrschaft zur Geltung zu bringen. Dabei ging es der Kirche mehr um sich selbst und das Leben als Institution, als um das Leben der Gekreuzigten.

 Auch in der aktuellen Corona-Pandemie müssen wir das beobachten. Die Aufrufe zu Solidarität und Menschlichkeit, die immerhin an den Ostertagen zu hören waren, gelten offenbar nicht, wenn es darum geht den ‚Kult’ aufrechtzuerhalten. Die messianische Botschaft der Solidarität, die über den Tod hinaus, aber eben auch im Leben gilt, hätte sich durchaus in Aufrufen zuhause zu bleiben ausdrücken können, um die zu schützen, deren Leben durch das Virus bedroht wird. Solidarität heißt eben nicht auf sein eigenes Recht zu beharren, sondern Leben zu schützen, selbst wenn Hygienekonzepte vermeintlich Schutz bieten. Deshalb hätte die Kirche Einspruch erheben müssen gegen das Drängen, trotz der rasant um sich greifenden Pandemie möglichst schnell zur kapitalistischen Krisennormalität zurückzukehren.

Der Abschnitt hilft aber auch noch einmal uns zu vergewissern, auf wen oder was wir unser Vertrauen setzen. Zeichen allein bringen keine Rettung. Erst wenn wir die Zeichen im Horizont von Exodus und Auferweckung nicht von den Einzelnen her denkend begreifen, sondern aus der Perspektive der Gekreuzigten das ‚Ganze‘ der Gesellschaft und der Geschichte in den Blick nehmen, wird der Horizont für jene Befreiung frei, die mit dem Namen Gottes verbunden ist, der im gekreuzigten Messias lebendig ist.

Nur wenn wir die Zusammenhänge unserer Wirklichkeit zu begreifen suchen, können wir Wege zur Überwindung von Unrecht und Gewalt finden. Wie solche Wege damals nicht möglich waren, ohne mit der Herrschaft Roms zu brechen, so sind sie es heute nicht ohne Bruch mit der Herrschaft des Kapitalismus. Wer das am meisten in der Kirche begriffen zu haben scheint, ist Papst Franziskus. Es wäre zu hoffen, dass davon auch ein Funke auf die KirchenreformerInnen überspringen würde. Dann könnte es eine Kirchenreform geben, in der Befreiung nach innen sich mit dem Einsatz der Kirche für die Befreiung der unter der Herrschaft des Kapitalismus leidenden Menschen verbindet. In diesem Sinne gilt: „Schafft das hier weg, macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!“

Alexander Just

[1] Wengst, Klaus, Das Johannesevangelium. 1. Teilband: Kapitel 1-10, Stuttgart 2000 (Theologischer Kommentar zum Neuen Testament Bd. 4), 107. [Wengst, Johannesevangelium]

[2] Wengst, Johannesevangelium, 111.

[3] Wengst, Johannesevangelium, 111.

[4] Ton Veerkamp, Der Abschied des Messias. Eine Auslegung des Johannesevangeliums I. Teil: Johannes 1,1-10,21, in: Texte & Kontexte. Exegetische Zeitschrift Nr. 109-111, 29. Jahrgang 1-3/2006, 52.

[5] Wengst, Johannesevangelium, 113.

[6] Wengst, Johannesevangelium, 113f.