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„Wen sucht ihr?“ (Joh 18,4)

Joh 18,1-14

1 Nach diesen Worten ging Jesus mit seinen Jüngern hinaus, auf die andere Seite des Baches Kidron. Dort war ein Garten; in den ging er mit seinen Jüngern hinein. 2 Auch Judas, der ihn auslieferte, kannte den Ort, weil Jesus dort oft mit seinen Jüngern zusammengekommen war. 3 Judas holte die Soldaten und die Gerichtsdiener der Hohepriester und der Pharisäer und kam dorthin mit Fackeln, Laternen und Waffen. 4 Jesus, der alles wusste, was mit ihm geschehen sollte, ging hinaus und fragte sie: Wen sucht ihr? 5 Sie antworteten ihm: Jesus von Nazaret. Er sagte zu ihnen: Ich bin es. Auch Judas, der ihn auslieferte, stand bei ihnen. 6 Als er zu ihnen sagte: Ich bin es!, wichen sie zurück und stürzten zu Boden. 7 Er fragte sie noch einmal: Wen sucht ihr? Sie sagten: Jesus von Nazaret. 8 Jesus antwortete: Ich habe euch gesagt, dass ich es bin. Wenn ihr also mich sucht, dann lasst diese gehen! 9 So sollte sich das Wort erfüllen, das er gesagt hatte: Ich habe keinen von denen verloren, die du mir gegeben hast. 10 Simon Petrus, der ein Schwert bei sich hatte, zog es, traf damit den Diener des Hohepriesters und hieb ihm das rechte Ohr ab; der Diener aber hieß Malchus. 11 Da sagte Jesus zu Petrus: Steck das Schwert in die Scheide! Der Kelch, den mir der Vater gegeben hat – soll ich ihn nicht trinken? 12 Die Soldaten, der Hauptmann und die Gerichtsdiener der Juden nahmen Jesus fest, fesselten ihn 13 und führten ihn zuerst zu Hannas; er war nämlich der Schwiegervater des Kajaphas, der in jenem Jahr Hohepriester war. 14 Kajaphas aber war es, der den Juden den Rat gegeben hatte: Es ist besser, dass ein einziger Mensch für das Volk stirbt.

Der Tag, an dem Johannes seine Passionsgeschichte erzählt, beginnt mit dem Mahl, an dem Jesus den Seinen die Füße wäscht (13,1ff). Es ist der Tag vor dem Paschafest, der Rüsttag, der zugleich vor einem Sabbat liegt. Nachdem Judas das Mahl verlassen hatte, beginnt Jesus mit seinen Abschiedsreden (13,31-16,33). Sie münden ein in Jesu Gebet für die JüngerInnen (17). „Nach diesen Worten“ beginnt die Passionsgeschichte. Der erste Teil, der sich noch in der Nacht abspielt, erzählt von Jesu Festnahme, seiner Überführung an Hannas, der Jesus verhört und ihn zu Kajaphas schickt (18,12-14.19-24). Die Szene vor Hannas ist eingebunden in die Verleugnung des Petrus (18,15-18.25-27). Mit der Zeitangabe „früh am Morgen“ (18,28) wird der zweite Teil der Passionsgeschichte eingeleitet. Jesus wird zu Pilatus gebracht, von ihm verhört und zum Tod verurteilt (18,28-19,16a). Am Nachmittag – im dritten Teil – wird Jesus hingerichtet und bestattet (19,16b-42).

Nach diesen Worten ging Jesus mit seinen Jüngern hinaus…“ (18,1)

Er ging hinaus aus dem Raum, in dem er mit seinen JüngerInnen das Mahl mit der Fußwaschung gehalten hatte. Sie gehen in einen Garten (18,1), in dem Jesus festgenommen wird. Nachdem der Versuch, Jesus festzunehmen, schon zweimal gescheitert war (7,30ff, 8,20) und er sich auch der Steinigung entziehen konnte (10,31ff), ist „die Stunde“ seiner Festnahme und Hinrichtung jetzt gekommen. Festgenommen wird er in einem „Garten“ (18,1). Er ist zugleich der Ort seiner Bestattung (19,41). In diesem Garten sucht ihn Maria Magdalena und verwechselt ihn mit dem „Gärtner“ (20,15).

Auch Judas, der ihn auslieferte, kannte den Ort…“ (18,2)

Es war nämlich ein Ort, an dem Jesus „oft mit seinen Schülern zusammengekommen war“ (18,2). Judas wird gekennzeichnet als derjenige, der Jesus „auslieferte“. Dieses Verb findet sich auch an den anderen Stellen, an denen Judas im Evangelium erwähnt wird (6,71; 12,4; 13,2.21-30). Das Wort ‚ausliefern‘ verwendet Johannes auch, wenn er vom Sterben Jesu erzählt. Hier wird übersetzt: „… er übergab seinen Geist“ (19,30). Johannes macht damit deutlich, dass der von Judas Ausgelieferte sich selbst dem Vater ‚ausgeliefert‘, ‚übergeben‘ hat. Mit der Rede von ‚verherrlichen‘, ‚erhöhen‘, zum ‚Vater gehen‘ hatte Jesus in den Abschiedsreden seine JüngerInnen auf Jesu Weg in den Tod vorbereitet. In der Erzählung von Jesu Leiden und Sterben tauchen diese Begriffe zwar nicht mehr auf. Aber in der Art, wie Johannes erzählt, wird deutlich, dass „diese Stunde“ jene „Stunde“ ist, in der sich in Jesu Sterben das ganze Gewicht Gottes zeigt und Jesus der Weg ist, auf dem er sich dem Vater ganz übergibt, ‚ausliefert‘.

Judas holte die Soldaten und die Gerichtsdiener der Hohepriester und der Pharisäer(18,3)

Die synoptischen Evangelien sprechen eher unbestimmt von einer „Schar Männer“ (Lk 22,47), „die mit Schwertern und Knüppeln bewaffnet waren“ (Mk 15,43) und „von den Hohepriestern und Ältesten geschickt worden“ (Mt 26,47) waren. Johannes stellt Jesu Festnahme in einem betont römischen Szenario dar. Er stellt „die Soldaten“ an die erste Stelle bzw. spricht – was in der Übersetzung leider untergeht – von römischen Kohorten. Gemeint sind also römische Soldaten. Eine Kohorte konnte – ja nachdem um welche es sich handelte – aus 1.000 oder 600 Fußsoldaten und 120 Reitern bestehen. Und selbst wenn man statt an eine Kohorte an ein Manipel denkt, kämen 200 Soldaten zusammen1. Neben sie stellt Johannes „die Gerichtsdiener der Hohepriester und der Pharisäer“. In dieser Konstellation kommt zum Ausdruck, dass römische Besatzung und einheimische Oberschicht kooperierten, wenn es darum ging, die ‚öffentliche Ordnung‘ bzw. die römischen Herrschaftsverhältnisse gegen Oppositionelle oder potentielle Aufständische zu sichern. In diesem Konglomerat agiert Judas als „V-Mann der römischen Behörde“2. In diesem Sinne ist er „ein Teufel“ (6,71), handelt er als einer, in den der Satan gefahren ist (13,27).

„ … mit Fackeln, Laternen und Waffen“ (V. 3)

Weil „seine Stunde“ noch nicht gekommen war, hatte sich Jesus immer wieder verborgen. Zum Laubhüttenfest war er „nicht öffentlich, sondern im Verborgenen“ (7,10) nach Jerusalem hinauf gezogen. Er wollte sich dem Hass der Weltordnung entziehen (7,7). Sein messianisches Licht hatte die Finsternis der Welt ausgeleuchtet und ihre bösen Taten (7,7) ins Licht gerückt. Nachdem er der Menge gesagt hatte: „Solange ihr das Licht habt, glaubt an das Licht, damit ihr Söhne des Lichts werdet“, ging er „fort und verbarg sich vor ihnen“ (12,36). Nun ist „seine Stunde“ gekommen. Er wird an dem Ort aufgespürt, an dem er sich verborgen hielt. „Mit Fackeln, Laternen und Waffen“ rückt die von Judas geholte Weltordnung an, um das sich verbergende Licht des Messias aufzuspüren, es auszulöschen und die Finsternis ihrer Herrschaft zu sichern. Ihre „Fackeln und Laternen“ leuchten den „Waffen“ den Weg aus, damit sie jenen Messias finden, der gesagt hatte: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben“ (8,12).

Jesus, der alles wusste… (V. 4)

Der Messias wusste um die Finsternis der Weltordnung. Er wusste aber auch, „was mit ihm geschehen sollte“ (V. 4). Beim Mahl hatte Johannes gesagt: Jesus „wusste, dass ihm der Vater alles in die Hand gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu ihm zurück kehrte“ (13,3). Das setzt Johannes nun ‚in Szene‘. Er stellt Jesus so dar, dass er auch da, wo er zum Opfer der Weltordnung wird, das Gesetz des Handelns in der Hand behält. So wird deutlich: Jesus ist „alles in die Hand gegeben“. Er ist vom Vater ausgegangen und kehrt zu ihm zurück. Die Weltordnung kann ihn zwar aufspüren und beseitigen, aber nicht sein Leben und damit das messianische Licht der Befreiung auslöschen. Auch als der ‚Ausgelieferte‘ bleibt er ‚souverän‘ gegenüber der Weltordnung: Er liefert sich selbst aus, übergibt sich der Weltordnung und darin dem Vater (19,30). Deshalb bedarf es bei Johannes auch nicht des berühmten ‚Judaskusses‘ als Erkennungs- und Begrüßungszeichen.

Wen sucht ihr?“ (V. 5)

Jesus ergreift die Initiative und fragt: „Wen sucht ihr?“ Er tritt aus der Verborgenheit heraus; er weiß, dass er ‚in dieser Stunde‘ nicht so gesucht wird, wie die JüngerInnen ihn als Befreier gesucht und gefunden hatten (Joh 1,29ff). Gesucht wird er jetzt unter dem ‚Steckbrief: Jesus von Nazaret‘. Mit dem Wort „Ich bin es“ identifiziert sich Jesus selbst. Judas ist aus der Rolle des Anführers (V. 2f) ganz an den Rand gedrängt. Als statistische ‚Randfigur‘ steht er nur noch dabei.

Als er zu ihnen sagte: ‚Ich bin es‘ … (V. 6)

In der ‚steckbrieflichen‘ Identifikationsformel steckt mehr; denn – so erzählt Johannes – die Vertreter des Imperiums „wischen … zurück und fielen zu Boden“. In Jesu „Ich bin es“ sieht Johannes den Gottesnamen am Werk. Das, was dieser Name an Versprechen der Befreiung beinhaltet, ‚geschieht‘ und wird ‚geschehen‘. So wie die militärische Macht des Imperiums in Gestalt der angerückten Kohorten schon einmal vor ihrem Opfer ‚in die Knie geht‘, so wird Israels Gott sein ‚letztes Wort‘ angesichts des von der Macht Roms Hingerichteten sprechen und darin sich und seinen Messias ‚verherrlichen‘. Er wird zeigen, dass er auf ihn alles Gewicht der Befreiung gelegt hat und legen wird, die er mit seinem Namen versprochen ist. Damit spricht er zugleich das Urteil über die Weltordnung und richtet die Macht Roms.

Wenn ihr aber mich sucht, dann lasst diese gehen!“ (V. 8)

Jesus verschafft den JüngerInnen ‚freien Abzug‘. Johannes deutet dies mit einem Wort, nicht der Schrift, sondern mit einem Wort Jesu: „Ich habe keinen von denen verloren, die du mir gegeben hast“ (V. 8). Worte Jesu werden schon behandelt wie Zitate aus dem Ersten Testament. Das entspricht der ‚Logik‘ des Evangelisten, nach dem in Jesus „das Wort … Fleisch geworden“ ist (1,14). Im Reden Jesu ist die Stimme dessen zu hören, der sein Wort der Befreiung in der Tora gesprochen hat. Inhaltlich dürfte Johannes Jesu Worte im Blick haben, in denen es heißt, dass es Gottes Wille sei, dass er „keinen von denen, die er (Gott, H.B.) ihm gegeben hat, zugrunde gehen lasse“ (6,39). Oder Jesus werde als der „gute Hirt“ seine Schafe „niemals zugrunde gehen“ lassen; niemand werde sie seiner Hand „entreißen“ (10,29). Die Schafe sind die Schafe Israels. Sie verteidigt der Messias vor dem römischen „Wolf“, der die Schafe „reißt“ und sie „zerstreut“ (10,12). Er flieht nicht vor dem Wolf und lässt seine Schafe nicht im Stich, sondern gibt sein Leben „hin für die Schafe“ (10,15) – auch für „andere Schafe, die nicht aus diesem Schafstall sind“ (10,16). Auch sie sind in die Solidarität des Vaters mit dem Messias, in ihr Eins-Sein (10,30) im Geschehen der Befreiung einbezogen.

Der Blick des Johannes ist nicht exklusiv verengt – weder auf Israel noch auf seine messianische Gemeinde. Er ist ‚inklusiv‘: In der Rettung Israels ist die Rettung der Welt als Gottes Schöpfung ‚zu sehen‘; die messianische Gemeinde steht für die Rettung Israels und darin für die Rettung nicht der Weltordnung, sondern der Welt als Gottes Schöpfung. Darauf verweist bereits der Beginn des Evangeliums, wenn es heißt: „Im Anfang war das Wort“ (1,1). Dem entspricht der Beginn der Genesis: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde… (Gen 1,1ff) – und zwar durch sein Wort: Gott spricht und es geschieht. Auf sein Wort hin werden Himmel und Erde erschaffen. Auf die Rettung ‚des Ganzen‘ zielt das Wirken des Messias. Deshalb ist er für Johannes „wirklich der Retter der Welt“ (4,42). Er gibt sein Leben, „damit die Welt durch ihn gerettet wird“ (3,17). Diese Hoffnung ist nach Johannes darin begründet, dass Israels Gott in der Auferweckung des Gekreuzigten sein Wort vom Anfang hat Wirklichkeit werden lassen. In seiner Auferweckung hat er Wirklichkeit werden lassen, was allen versprochen ist: ‚ewiges Leben‘, mitten im Leben Aufstehen gegen eine Weltherrschaft, die mit dem Tod regiert, und eine Hoffnung auf Rettung, die auch an die vergangenen Opfer rührt, so dass auch sie „nicht verloren gehen“ auf dem Müllhaufen der Weltgeschichte, sondern an dem verheißenen ‚Leben in Fülle‘ (10,10) teilhaben.

Damit diese Hoffnung bezeugt werden kann, befiehlt Jesus der Kohorte, die JüngerInnen gehen zu lassen. An ihrer Sendung hängt das messianische Leben nach Jesu Hinrichtung, nach seinem Weggang zum Vater. Deshalb hatte er sie – wie es in Jesu letztem Gebet hieß – solange er bei ihnen war, bewahrt „in deinem Namen, den du mir gegeben hast“ und „sie behütet und keiner ging verloren“ (17,12). Und angesichts „der Stunde“ seines Weggangs in die Verborgenheit des Vaters hatte er gebetet, der Vater solle sie nicht „aus der Welt“ nehmen, sie aber „vor dem Bösen“, vor der Macht der Weltordnung bewahren (17,15). „An der Rettung der Schüler hängt die Zukunft der messianischen Bewegung“3, das Zeugnis davon, dass Roms Macht nicht das ‚letzte Wort‘ ist, sondern Befreiung, Zukunft hat. Dazu ist der Messias „gekommen, dass sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (10,10).

Steck das Schwert in die Scheide!“ (V. 11)

Offensichtlich hat Petrus immer noch nicht verstanden, was Jesus mit dem Zeichen der Fußwaschung gemeint hat. Er setzt auf bewaffneten Widerstand. Aus der Sicht des Johannes ist dies zum einen ein Projekt, das mit der Zerstörung Jerusalems und der Zerstreuung Israels gescheitert ist. „Auf diesem Feld kann nur einer gewinnen, Rom.“4 Zudem gilt es, sich davon zu verabschieden, messianische Traditionen mit den Träumen von Herrschaft zu verbinden. Das Schwert gehört in die Scheide. Der Weg zum ‚Sieg‘ über die Weltordnung (16,33) führt über die Solidarität mit Israels Gott und darin über die Solidarität mit den von der Weltordnung Erniedrigten bis zur letzten Konsequenz. Nicht in einer neuen Herrschaft nach Art der Weltordnung zeigt sich Jesu Königtum (19,36), sondern am Kreuz, über dem Jesu ‚Steckbrief‘ – in den bedeutendsten Sprachen der damaligen Welt – angeheftet ist: „Jesus von Nazaret, der König der Juden“ (19,19). In diesem „König der Juden“ wird Israel Rettung und Befreiung finden und darin die Welt. Dies zu bezeugen – nicht zum Kampf um Herrschaft mit Kreuz und Schwert – ist die messianische Gemeinde gesandt. Deshalb muss der Messias den „Kelch“ trinken, „den mir der Vater gegeben hat“ (18,11). Er ist der Preis für den Verzicht auf Strategien der Gewaltherrschaft.

Die Soldaten, der Hauptmann und die Gerichtsdiener der Juden nahmen Jesus fest…“ (V. 12)

Das römische Militärkommando unter Führung eines Hauptmanns nimmt Jesus fest. Es ist begleitet von „Gerichtsdienern der Juden“. Hier sind die Zusammenhänge wieder genau beschrieben: Die führende Rolle kommt Rom zu. Mit ihr kooperieren Wachmannschaften „der Juden“. Wenn Johannes an weiteren Stellen seiner Passionsgeschichte von ‚den Juden‘ spricht, bezieht er sich auf die mit Rom kooperierenden Juden wie an dieser Stelle. Vom jüdischem Volk kann allein schon deshalb keine Rede sein, weil es in der Passionsgeschichte des Johannes überhaupt nicht auftaucht. Auch diejenigen, die schreien werden „Kreuzige ihn…“, sind bestimmte Juden, nämlich „die Hohepriester und die Diener“, die mit Rom gemeinsame Sache machen. Zudem ignorieren diejenigen, die Jesus gegen ‚die‘ Juden stellen, dass Jesus ebenso wie seine JüngerInnen selbst Juden sind.

„ … fesselten ihn und führten ihn zuerst zu Hannas…“ (V. 12f)

Johannes betont, dass Jesus gefesselt abgeführt wird. Die Befreiung von Fesseln hat bei der Auferweckung des Lazarus bereits eine wichtige Rolle gespielt (11,44) und wird es auch bei der Erzählung vom leeren Grab tun (20,6f). Der gefesselte Jesus wird zuerst zu Hannas, dem Schwiegervater des amtierenden Hohepriester Kajaphas geführt. Das Amt des Hohepriesters wurde nach Absetzung des Herodianers Archälaus von Rom besetzt. Es war ein Spielball römischer Herrschaft, die über die Kooperation mit gefügigen einheimischen Familien gesichert werden sollte, die ihrerseits von der Gunst Roms profitierten, aber auch nach Belieben wieder abgesetzt werden konnten. Von daher bildeten sich einheimische ‚Dynastien‘, Familien, die das Amt des Hohepriesters beanspruchten. So spielt Hannas als „Schwiegervater des Kajaphas“ immer noch eine einflussreiche Rolle. Ihm wird Jesus zuerst vorgeführt, bevor er vor den amtierenden Hohepriester Kajaphas kommt (18,19ff). Im Blick auf Kajaphas fügt Johannes die Bemerkung an: Er „war es, der den Juden den Rat gegeben hatte: Es ist besser, dass ein einziger Mensch für das Volk stirbt“ (V. 14). Aus der Perspektive der einheimischen Oberschicht hat er das Interesse an der Verurteilung Jesu am deutlichsten formuliert. Jesus muss beseitigt werden, weil, wenn „alle an ihn glauben“, so befürchtet Kajaphas, „die Römer kommen und uns die heilige Stätte und das Volk nehmen“ (11,48). An der Gunst der Römer hängt die eigene Macht.

Trotz der Befragung durch Kajaphas (18,19ff) lässt Johannes „von einem offiziellen jüdischen Verfahren gegen Jesus … nichts erkennen. Das von ihm dargestellte Handeln der jüdischen Autoritäten kann allenfalls als offiziös bezeichnet werden“5. Es wäre durchaus denkbar, dass Jesus ohne Beteiligung jüdischer Instanzen hingerichtet wurde. Aber auch dann, wenn es eine solche Beteiligung gegeben hat, muss die Hinrichtung Jesu „aus dem ordnungspolitischen Regime der römischen Besatzungsmacht in Judäa erklärt werden“6. Der von Johannes erzählte Rat des Kajaphas ist historisch vorstellbar wie auch das Verfahren, nach dem Jesus „zuerst zu Hannas“ (18,13), von Hannas zu Kajaphas (18,24) und von Kajaphas zu Pilatus (18,26) als alles entscheidender Instanz geführt wurde.

Herbert Böttcher

 

1Klaus Wengst, Das Johannesevangelium. Neuausgabe, Stuttgart 2019, 484.

2Ton Veerkamp, Der Abschied des Messias. Eine Auslegung des Johannesevangeliums, II. Teil: Johannes 10,22-21,25, Texte & Kontexte. Exegetische Zeitschrift Nr. 113-115, Berlin 2007, 81.

3Ebd., 82.

4Ebd.

5Wengst (Anm. 1), 491,

6Vgl. Wolfgang Stegemann, Gab es eine jüdische Beteiligung an der Kreuzigung Jesu, in: Kirche und Israel, Neukirchener Theologische Zeitschrift 13, 1998, 3-24, 20.