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„Jetzt ist meine Seele erschüttert“ (Joh 12,27)

Joh 12, 20-33

20 Unter den Pilgern, die beim Fest Gott anbeten wollten, gab es auch einige Griechen. 21 Diese traten an Philippus heran, der aus Betsaida in Galiläa stammte, und baten ihn: Herr, wir möchten Jesus sehen. 22 Philippus ging und sagte es Andreas; Andreas und Philippus gingen und sagten es Jesus. 23 Jesus aber antwortete ihnen: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht wird. 24 Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht. 25 Wer sein Leben liebt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben. 26 Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach; und wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein. Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren.

27 Jetzt ist meine Seele erschüttert. Was soll ich sagen: Vater, rette mich aus dieser Stunde? Aber deshalb bin ich in diese Stunde gekommen. 28 Vater, verherrliche deinen Namen! Da kam eine Stimme vom Himmel: Ich habe ihn schon verherrlicht und werde ihn wieder verherrlichen. 29 Die Menge, die dabeistand und das hörte, sagte: Es hat gedonnert. Andere sagten: Ein Engel hat zu ihm geredet. 30 Jesus antwortete und sagte: Nicht mir galt diese Stimme, sondern euch. 31 Jetzt wird Gericht gehalten über diese Welt; jetzt wird der Herrscher dieser Welt hinausgeworfen werden. 32 Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen. 33 Das sagte er, um anzudeuten, auf welche Weise er sterben werde.

Zur Einführung

Mit Jesu Gebet (12,2ff) greift Johannes das aus den synoptischen Evangelien bekannte Beten Jesu am Ölberg kurz vor seiner Festnahme auf (Mt 26,36-46; Mk 14,32-42; Lk 22,39-46). Im Zusammenhang seiner Passionsgeschichte erwähnt Johannes diese Szene nicht, sondern stellt Jesu Beten in den Zusammenhang „der Stunde“, die jetzt gekommen ist (12,23). Von ihrem Verlauf erzählt er beginnend mit dem Mahl (13,1ff) bis zu Jesu Begräbnis (19,42). Das Beten Jesu verbindet er mit einer Deutung dieser „Stunde“. Es ist eingebettet in einen Rahmen, in dem „einige Griechen“ Jesus sehen wollen und Philippus um Vermittlung bitten (12,20-22). Dabei fällt auf, dass Jesus darauf überhaupt nicht reagiert, sondern unvermittelt von der Stunde redet, die jetzt gekommen ist (12,23ff).

Einige Griechen … traten an Philippus heran… (12,20f)

Es sind Griechen, die zu den Pilgern gehören, die zum Fest nach Jerusalem strömen. Zum einen ist es für sie gar nicht so leicht zu erfassen, was es mit diesem jüdischen Messias auf sich hat. „Die Griechen suchen Weisheit. Wir dagegen verkünden Christus als den Gekreuzigten“, hatte Paulus an die Korinther geschrieben (1 Kor 1,22f). Im griechischen Denken ist Gott das höchste und zugleich vollkommene Wesen. Das lässt sich schwer in einem Gekreuzigten ‚sehen‘. Genau darauf aber konzentriert sich jetzt die Erzählung des Johannes. Erst von Ostern her kann Jesus neu, und zwar als der von Gott auferweckte Gekreuzigte ‚gesehen‘ werden. Vor diesem Hintergrund lässt Johannes Jesus den beiden Jüngern ‚antworten‘:

Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht wird… (12,23)

Die ‚Stunde’ der Hinrichtung sieht Johannes als Stunde der Verherrlichung des Menschensohns. Wenn sich Gott in Jesu Auferweckung zu diesem Gekreuzigten bekennt, zeigt sich Gottes Herrlichkeit in der Verherrlichung dieses hingerichteten Menschensohns. Der ‚griechische‘ Blick nach oben wird nach unten umgebogen. Gottes Verherrlichung ist die Verherrlichung des Gekreuzigten. Wer Gott die Ehre geben will, kann dies nur mit Blick auf die gequälten Menschenkinder. Eines von ihnen ‚sieht‘ Johannes als den Menschensohn, der nach dem Buch Daniel den durch Bestien symbolisierten Systemen geschichtlicher Herrschaft entgegentritt und dem statt ihrer „Herrschaft, Würde und Königtum gegeben“ (Dan 7,14) wird.

Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach…“ (12,26)

Mit der Verherrlichung des Menschensohns ist die Nachfolge verbunden. Jetzt kommt es darauf an, den Weg des Messias zu gehen, den Weg an der Seite der Opfer von Herrschaft und Macht. Dieser Weg – so versichert Johannes im Bild des Weizenkorns, das in die Erde fällt – ist nicht ‚umsonst’. Er bringt Frucht. Das Sterben des Weizenkorns und seine Frucht sind nicht einfach ein natürlicher Vorgang. Sie stehen für die Nachfolge des hingerichteten Messias. Die Konsequenz benennt Johannes: „Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben.“ Mit „dieser Welt“ ist „diese Weltordnung“ gemeint, nämlich die des römischen Imperiums. Wer sein Leben – seine Seele – an diese Weltordnung des Todes hängt, verliert das, was sein Leben ausmacht, seine Seele. Ein an diese Weltordnung angepasstes Leben ist denen, die den Weg Jesu gehen, geradezu verhasst, weil es den Tod bringt. In modernen, d.h. bürgerlich angepassten Übersetzungen wird – so auch in der neuen Einheitsübersetzung – abgeschwächt mit „sein Leben in dieser Welt gering achten“ übersetzt. Genauer und dem Zusammenhang entsprechender müsste es heißen: „Wer sein Leben in dieser Welt(ordnung) hasst…“1

Ohne die Negation dieser Weltordnung kann es die Position der Nachfolge nicht geben, ohne die Negation des Todes kein Leben. Wer es aber wagt, „dieser Weltordnung“ zu widerstehen, wird Frucht bringen. Er bleibt nicht allein, sondern wird sich mit anderen zusammenschließen, um dem Tod zu widerstehen und in diesem Widerstand Spuren eines anderen Lebens zu erfahren, das Bestand hat. Das ist für Johannes erst mit der Verherrlichung des Gekreuzigten und mit der Sendung des Geistes an Ostern möglich (20,19ff). Davon ist jetzt noch nichts ‚zu sehen‘, sondern erst nach ‚der Stunde‘, mit der Gott in der Verherrlichung des Gekreuzigten mit der Welt(ordnung) abgerechnet, über sie Gericht gehalten hat. Nach dieser Stunde kann Jesus in einem neuen Licht, dem Licht der Verherrlichung des Gekreuzigten, gesehen werden. Bis dahin müssen sich die Griechen einstweilen gedulden. Dann findet der Auferstandene über die Sendung der Jüngerinnen und Jünger einen Weg zu ihnen; dann läuft der ‚Film‘ gleichsam rückwärts: von dem auferweckten Gekreuzigten zu Andreas und über Philippus zurück zu „den Griechen“. Eine ähnliche Reihung findet sich da, wo Johannes am Beginn seines Evangeliums davon erzählt, wie ein ungenannter Jünger und Andreas den Messias Jesus ‚gefunden‘ haben, Andreas seinen Bruder Petrus zu Jesus führt und Philippus den Nathanael findet (1,34ff). Diese Begegnungen münden ein in Jesu Hinweis auf den Menschensohn, über dem sie – so kündigt Jesus an – „die Engel Gottes auf und niedersteigen sehen“ werden (1,51). Jetzt ist die Stunde des Menschensohns und seiner Verherrlichung am Kreuz der Römer gekommen. Und so betet Jesus:

Jetzt ist meine Seele erschüttert… (12,27)

Jesus greift Worte aus Psalm 6 auf. Da heißt es: „Meine Seele ist tief erschrocken. Du aber Herr, wie lange noch?“ (V. 4). Laut dem Evangelium des Johannes war Jesus „im Innersten erregt und erschüttert“, als er sah, wie Maria, die Schwester des Lazarus angesichts des Todes ihres Bruders „weinte und wie auch die Juden, die mit ihr gekommen waren, weinten“ (11,33). Der Tod des Lazarus und die Trauer über diesen Tod stehen dafür, dass Israel in Trümmern liegt, tot ist – wie Lazarus von seinen „Binden“ (11,44) – von der Herrschaft Roms gefesselt. Jesus weiß, dass sein Weg der Solidarität dazu führt, dass er ‚gefesselt‘ (18,12) wird zur Verurteilung und Hinrichtung und sodann – ‚fest eingewickelt‘ in „Leinenbinden“ (19, 40) – ins Grab gelegt wird. Die Versuchung, dem auszuweichen, ist groß.

Mit den Worten des Psalms spricht Jesus vor Gott seine Erschütterung aus. Der Psalm fährt mit der Bitte fort: „Herr, wende dich mir zu und errette mich…“ (6,5). Genau darum aber bittet Jesus nicht. Er kann nicht beten: „Vater, rette mich aus dieser Stunde“; denn: um diese Stunde auf mich zu nehmen und den bitteren Weg bis zum Ende und zur Voll-Endung zu gehen, „bin ich in diese Stunde gekommen“ (Joh 12,27). Er kann nur beten:

Vater, verherrliche deinen Namen…“ (12,28)

Jesus gibt Israels Gott der Befreiung die Ehre bis zuletzt. Er setzt sich ein für die Befreiung Israels, in der Gottes Name zu Ehren kommt. Sein Leben ist darauf ausgerichtet, das in Trümmern liegende und in Ruinen zerstreute Israel zu sammeln und aufzurichten. Dann kann Gott ihn verherrlichen und als Zeichen dafür aufrichten, dass Gott zu seinem Namen und den mit ihm gegebenen Verheißungen steht. Was die Heiligung des Namens beinhaltet, beschreibt das Buch Levitikus:

Ihr sollt meine Gebote bewahren und sie befolgen; ich bin der HERR. Ihr sollt meinen heiligen Namen nicht entweihen, damit ich inmitten der Israeliten geheiligt werde; ich bin der HERR, der euch heiligt. Ich, der ich euch aus Ägypten herausgeführt habe, um euer Gott zu sein, ich bin der HERR“ (Lev 22,31-33).

Dem will Jesus mit dem Einsatz seines Lebens den Weg bereiten. Das bringt aber in Konflikt mit denen, die Gottes „heiligen Namen“ dadurch entweihen, dass sie Rom die Ehre geben und von Rom geehrt werden wollen, weil sie sich gegenüber der Weltordnung als loyal erweisen und mit Rom kooperieren. Weil Jesus aber den Namen dadurch ehrt, dass er sein Leben für die mit diesem Namen verbundene Befreiung einsetzt, wird er in der Auferweckung durch den Namen geehrt und verherrlicht. An ihm wird als Zeichen der Hoffnung für Israel und die Schöpfung Wirklichkeit, was der Gottesname beinhaltet.

Da kam eine Stimme vom Himmel: Ich habe ihn verherrlicht und werde ihn wieder verherrlichen“ (12,29)

Das ist Gottes Antwort auf Jesu Bitte an den Vater, seinen Namen zu verherrlichen. Jesus hat in seinem Leben Gott die ‚Ehre gegeben‘, ihn ‚verherrlicht‘. Auf diesem Weg hat Gott Jesus bisher die Treue gehalten, das ganze Gewicht seines Namens auf diesen Weg gelegt. Und das wird er auch angesichts von Jesu Hinrichtung tun. Hier wird deutlich, dass der Gottesname einen Verweis auf die Gegenwart und zugleich auf die Zukunft enthält. Gott ist da, um als Befreiung zu ‚geschehen‘, das wird er auch in Zukunft tun. Und so gilt: So wie Gott in Jesu Leben als Befreier präsent war, so wird er es auch in seinem Tod sein, der scheinbar alle Hoffnung auf Befreiung zu widerlegen scheint.

Nicht mir galt diese Stimme, sondern euch…“ (12,30)

Die Menge deutet die Stimme unterschiedlich: die einen als Donner, andere als die Stimme eines Engels, eines Boten Gottes. Sie kann die Stimme aber nicht deuten – weder wem sie gilt noch ihren Inhalt. Gott ist in Israel Stimme. Er ist keine Gestalt, die zu sehen ist (vgl. Dtn 4,11f). Bei Johannes wird Jesus zur Stimme, in der Israels Gott zu seinem Volk spricht. Deshalb kann Jesus Gottes Stimme verstehen und deuten. Sie – sagt Jesus – gilt „euch“ (V. 30), also der „Menge, die dabei stand und das hörte“ (V. 29). Dann spricht Jesus über ihren Inhalt.

Jetzt wird Gericht gehalten über diese Welt; jetzt wird der Herrscher dieser Welt hinausgeworfen werden“ (V. 31)

Jesu Hinrichtung ist Gericht über die Weltordnung. Der von ihr Hingerichtete wird aufgerichtet. Dem von ihr Verworfenen gibt Gott die Ehre. Der von ihr Verurteilte bekommt Recht. Damit wird die Weltordnung ins Unrecht gesetzt. Auf dem von ihrGekreuzigten liegt das ganze Gewicht des Namens Gottes. Im Hintergrund steht wieder die Vision aus dem Buch Daniel. In einer Gerichtsszene werden die Bestien als Repräsentanten der damaligen Weltreiche, unter denen Israel zu leiden hatte, entmachtet, und statt dessen „Herrschaft“, „Würde“ und „Königtum“ einem Menschensohn anvertraut (Dan 7,14.27). Von ihm erhalten die „Heiligen des Höchsten“ (Dan 7,18) das Königtum. Es gehört denen, die getrennt von den Terrorsystemen zu Israels Gott der Befreiung gehören und ihm ‚die Ehre geben‘.

Mit der Verherrlichung des Messias durch Gott „wird der Herrscher dieser Welt hinausgeworfen werden“ (V. 31). Das Urteil über die Weltordnung ist gesprochen und ihre Macht gebrochen. Bei der Rede vom „Herrscher dieser Welt“ ist in der Bildersprache der Apokalyptik durchaus an den „Teufel“ gedacht. In der Offenbarung des Johannes wird geschildert, wie er in Gestalt eines Drachens von Michael aus dem Himmel vertrieben und auf die Erde gestürzt wird (Offb 12,7ff). Dann ertönt im Himmel eine „laute Stimme“, die als Lobgesang anstimmt: „Jetzt ist er da, der rettende Sieg, die Macht und die Königsherrschaft Gottes und die Vollmacht seines Gesalbten…“ (12,10ff). Der Drache, der nun auf der Erde sein Unwesen treibt, übergibt seine Macht an Rom (Offb 13). Die Rede vom „Herrscher dieser Welt“ zielt, auch wenn sie mit dem mythologischen Bild des Teufels verbunden ist, auf reale Herrschaft, über die „Gericht gehalten“ (Joh 12,31) wird. Und so wird auch in der Offenbarung des Johannes (17 und 18) Gericht über die Herrschaft Roms gehalten und seiner Macht ein Ende gesetzt. Das löst im Himmel einen großen Jubelgesang aus (Offb 19), in dem es heißt: „König geworden ist der Herr, unser Gott, der Herrscher über die ganze Schöpfung…“ (Offb 19,6).

Repräsentant von Gottes Königtum ist im Evangelium des Johannes der gekreuzigte Messias. Mit seiner Verherrlichung, deren Stunde „jetzt“ beginnt, wird das Gericht über die Weltordnung gehalten und der Herrschaft und dem „Herrscher dieser Welt“ ein Ende gesetzt. Es fällt auf, dass sich das „Jetzt“ mit einer Verbform verbindet, die in die Zukunft weist. ‚Jetzt‘ ist das Gericht. Seine Konsequenzen weisen in die Zukunft. Die Befreiung, die ‚jetzt‘ für den Messias Wirklichkeit wird, wird sich in der Zukunft als Befreiung für alle erweisen. Das gibt die Kraft ‚jetzt‘ schon der Weltordnung die Stirn zu bieten.

Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle an mich ziehen“ (V. 32)

Der Erhöhung des Messias am Kreuz der Römer ist mit der Rettung aller verbunden. Sie ist die Kehrseite zum Gericht über die Weltordnung. Der Messias zieht die von der Weltordnung Erniedrigten mit hinein in seine Erhöhung. Niemand soll zugrunde gehen und seiner Hand entrissen werden; denn „mein Vater, der sie mir gab, ist größer als alle und niemand kann sie der Hand meines Vaters entreißen. Ich und der Vater sind eins“ (10,28).

Herbert Böttcher

 

1So heißt es auch in der Pattloch-Bibel (1965) und in der Züricher Bibel (1966).