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Zur Österlichen Bußzeit 2021 … und eine Einladung zum ‚Online-Gottesdienst‘

Ermutigung zum Gebet“ – Eine kleine Erinnerung nach einem Jahr Corona

Eine „Ermutigung zum Gebet“ – ein Text von Johann Baptist Metz – hatten wir zu Beginn der Fastenzeit 2020 verschickt und dabei auf Gedanken von Johann Baptist Metz aufgegriffen1. Es war eine Ermutigung zum Gebet angesichts der Leidensgeschichte der Menschheit und als Ausdruck des Vermissens Gottes. Die Corona-Pandemie und die Bilder von den Toten bestimmten die öffentliche Wahrnehmung und ließen die ‚Theodizee-Frage‘ (als Frage nach Gott angesichts des Leids von Menschen) in den Fokus rücken. Inzwischen geht es nicht mehr um das Leiden und Sterben auf den Intensivstationen, sondern um das Leiden unter den Einschränkungen. Sie werden nicht einmal mehr in eine Beziehung gesetzt zu dem, was nach wie vor auf den Intensivstationen und noch mehr weltweit an Leiden unter der Ausbreitung des Virus in den armen Ländern vor sich geht (vgl. Böttcher 2020, https://www.oekumenisches-netz.de/2020/12/selbstbezueglichkeit-wie-im-kapital-so-auch-in-uns-selbst/; vgl. auch Böttcher/Wissen 2021 im bald erscheinenden Netztelegramm, https://www.oekumenisches-netz.de/veroeffentlichungen/netztelegramm/). Beklagt wird – zu recht der drohende Verlust von Existenzen. Verdrängt wird – und das zu unrecht – der Verlust des Lebens der anderen. Alles dreht sich um die Rückkehr zur kapitalistischen Normalität – auch wenn diese über Leichen führt. Die Corona-Toten sind ebenso wie die Theodizee-Frage aus dem medialen und theologischen Interesse verschwunden.

Damit aber sind die Leiden derer, die der Pandemie zum Opfer fallen, nur unsichtbar geworden, aber nicht verschwunden. Deshalb erinnern wir zu Beginn dieser Fastenzeit an die Leiden derer, die unter der Ausbreitung des Virus nicht nur ihre berufliche Existenz, sondern buchstäblich ihr Leben verlieren. Verdrängung der Corona-Toten, der Bedrohungen, die von dem Virus vor allem für die Alten und Kranken, für Menschen auf der Flucht, für Obdachlose und Arme, die sich kaum schützen können, machen eine wesentliche wesentliche Dimension der Theodizee-Frage deutlich, die vor einem Jahr eher ignoriert wurde. Es geht nicht nur um die Frage nach Gott angesichts des Leidens, sondern zugleich um die Frage nach dem Menschen und seiner Freiheit, nach Verantwortung und Schuld angesichts des Leidens. Diese Fragen sind mit der Frage nach Gott und dem Leid keineswegs erledigt. Vor allem: Sie stellen sich auch ohne Gott. Dies gilt umso mehr als das neuzeitlich-kapitalistische Subjekt und seine Fortschritts- und Freiheitsgeschichte die blutigste Spur in der Geschichte der Menschheit hinter sich her zieht. Verantwortung will dieses seiner selbst bewusste und autonome Subjekt dafür aber keine übernehmen, sondern flüchtet in Entlastungsstrategien. Auf einmal verweist das selbstherrliche Subjekt auf seine Ohnmacht angesichts der Verhältnisse. Im Strukturalismus verschwindet es in Strukturen und lässt sich lieber für ‚tot‘ erklären als darüber zu reflektieren, was die Strukturen des Todes mit dem selbstherrlichen aufgeklärten Subjekt und den mit ihm geschaffenen Verhältnissen zu tun haben. Es ist jenes in der Krise zerfallende Subjekt, das seine Rückkehr zur kapitalistischen Normalität einklagt. Es will – wie gewohnt – von seiner ‚Freiheit‘ Gebrauch machen und dabei über Leichen gehen, ganz nach dem Motto: ‚Freie Fahrt für freie Bürger‘.

Mit der Frage nach ‚dem Menschen‘ angesichts der Katastrophen ist die Frage nach Gott weder vom Tisch noch relativiert, schließlich ist es der von Gott erschaffene und befreite Mensch, der vor der Situation einer Katastrophengeschichte steht – auch ohne Corona als Brandbeschleuniger dieser Katastrophe. Daher bleibt die „Ermutigung zum Gebet“ auch in dieser Fastenzeit von Bedeutung. Gebet im Sinne von Metz ist vor allem Rückfrage nach Gott angesichts individuellen Leidens wie angesichts der Leidens- und Katastrophengeschichte der Menschheit. Im Anschluss an Metz sei auf zwei Aspekte hingewiesen:

Das „Vater unser“ (Mt 6,9-13; Lk 11,1-4), das Jesus gelehrt hat, ist ein reines Bittgebet. Bei Lukas ist es mit der Verheißung verbunden: „Bittet und es wird euch gegeben; sucht und ihr werdet finden; klopft an und es wird euch aufgetan“ (11,9). Am Ende seiner Gebetslehre ermutigt Jesus noch einmal zum Gebet mit dem Hinweis: „Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben, die ihn darum bitten“ (11,13). Metz:

„Gott um Gott zu bitten, Gott um Heiligen Geist zu bitten, Gott also um ihn selbst zu bitten, ist die Auskunft, die Jesus uns über das Gebet gibt und mit der er uns versichert, dass wir betend nicht ins Leere sprechen“2.

Was dies heißt, kann aus einem Satz aus dem Brief an die Römer deutlich werden. Paulus schreibt:

„So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheiten an. Denn wir wissen nicht, um was wir in rechter Weise beten sollen; der Geist jedoch selber tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen“ (8,26).

Paulus schreibt das, nachdem er zuvor über die Gefangenschaft in den Verhältnissen des römischen Reiches nachgedacht hatte. Für ihn bedeutet sie die Unterwerfung unter die Herrschaft der Sünde, die zu dem führt, was Paulus so beschreibt: „Ich tue nicht, was ich will, sondern das, was ich hasse“ (Röm 7,15). Darin erkennt er „die in mir wohnende Sünde“ (7,17). Wenn die Sünde in ihm wohnt, ist dies Ausdruck dafür, dass er sich die Verhältnisse der Herrschaft und Zerstörung zu eigen gemacht hat. Dem Gesetz der Sünde stellt er „das Gesetz des Geistes und des Lebens in Christus Jesus“ entgegen, von dem er sagt: Es „hat dich frei gemacht vom Gesetz der Sünde und des Todes“ (8,2). Gottes Geist, nicht die Herrschaft der Verhältnisse soll in den Menschen ‚wohnen‘. Gottes Geist bricht die fetischisierende Macht der Verhältnisse auf. Und selbst da, wo Menschen schwach werden, tritt er „mit unaussprechlichem Seufzen“ (8,26) für sie ein.

Metz sieht darin ein Beispiel dafür, dass „die Gebetssprache der biblischen Traditionen … in besonderer Weise eine Leidens- und Krisensprache der Menschen ist“3. Wo sie gesprochen oder nur nur ‚geseufzt‘ wird, und sich darin als Schrei nach Gott artikuliert, ist dies Ausdruck der Weigerung, sich den Verhältnissen zu übergeben und darauf zu hoffen, dass Gott das ‚letzte Wort‘ spricht. Genau darin sieht Metz den vermissten Gott dem Beter nahe kommen:

„Der Schrei nach Gott drückt eine besondere Weise des Naheseins aus. Er ist Ausdruck dafür, dass Gott mir gerade in seiner Göttlichkeit, d.h. in seiner Unfasslichkeit und Unaussprechlichkeit, so nahe gekommen ist, dass ich dies nur im Schrei ausdrücken kann, dass ich nur nach ihm schreien kann. In diesem Sinn wäre der Schrei selbst das erste Ereignis seiner Erhörung. In diesem Schrei, und gerade in ihm, ist Gott ‚da‘, ereignet sich Da-sein Gottes“4.

Der vermisste Messias im Evangelium nach Johannes

In dieser Fasten- und Osterzeit folgen wir nicht den liturgischen Lesungen nach der katholischen Liturgie wie sonst, sondern orientieren uns am Evangelium nach Johannes, das kein Raum in einem eigenen Lesejahr hat, sondern immer wieder in Einzeltexten in die jeweiligen Lesejahre eingeflochten wird. Dadurch wird ein Zusammenhang dieses Evangeliums kaum erkennbar. Den aber wollen wir etwas deutlicher werden lassen.

Wir knüpfen an den Prolog und die einleitenden Szenen (1,1-2,12) an, mit denen wir uns um die Advents- und Weihnachtszeit beschäftigt haben. Jetzt nehmen wir die letzten Tage Jesu in den Blick, denen Johannes etwa die Hälfte seines Evangeliums widmet (Kapitel 12-20). Dabei konzentrieren wir uns auf den Einzug in Jerusalem (12,12-19), das Mahl mit der Fußwaschung (13,1-19), das letzte Gebet Jesu (17) im Anschluss an die nach dem Mahl gehaltenen Abschiedsreden (14-16) sowie auf die Texte aus der Passionsgeschichte (18-19) und zur Auferstehung (20). Mit dem Anfang der Fastenzeit beginnen wir mit dem Einzug in Jerusalem. Vor allem in den nach dem Mahl folgenden sog. Abschiedsreden bereitet Jesus seine Jüngerinnen und Jünger darauf vor, nach seinem Weg zum Vater ohne seine leibhaftige Gegenwart unter der Herrschaft der römischen Verhältnisse als MessianerInnen zu leben. Um ihnen den Weg dazu zu bereiten, bittet er für sie, bevor seinen Weg an das Kreuz der Römer und darin zum Vater geht. In diesem Weg der Solidarität bis zum Ziel ist Gottes Geist lebendig, der mit Ostern verschlossene Türen öffnet und den Jüngerinnen und Jüngern die Kraft gibt, dem messianischen Weg Jesu treu zu bleiben. Es ist der Geist, den Jesus in den Abschiedsreden als „Beistand“ versprochen und von dem er gesagt hatte: Er „wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe“ (Joh 16,26).

Herbert Böttcher

PS: An den Sonntagen der Fastenzeit sowie den ersten beiden Ostersonntagen laden wir herzlich zum ‚Online-Gottesdienst‘ von KHG und Netz um 18h ein. Wer Interesse hat, erhält den Teilnahmelink nach kurzer Mail an info@oekumenisches-netz.de.

1Vgl. Johann Baptist Metz, Karl Rahner, Ermutigung zum Gebet, Freiburg im Breisgau 1977: Johann Baptist Metz, Versuch zur Gottbegabung des Menschen, in: ders. Memoria passionis. Gesammelte Schriften, Band 4, Freiburg im Breisgau 2017, 95-108; ders., Sis eis Deus: Gott um Gott bitten, in: ders., Gesammelte Schriften, Band 7, Freiburg im Breisgau 2017, 43-52.

2Johann Baptist Metz, Versuch zur Gottbegabung des Menschen, in Memoria passionis, in: a.a.O. (vgl. Anm. 1) 97.

3Ebd., 98.

4Ebd., 101.