Startseite | Theologie | „Gesegnet sei er …, der König Israels“ (Joh 12,13) – Zum ersten Sonntag in der Österlichen Bußzeit

„Gesegnet sei er …, der König Israels“ (Joh 12,13) – Zum ersten Sonntag in der Österlichen Bußzeit

Joh 12,12-19

12 Am Tag darauf hörte die große Volksmenge, die sich zum Fest eingefunden hatte, Jesus komme nach Jerusalem. 13 Da nahmen sie Palmzweige, zogen hinaus, um ihn zu empfangen, und riefen: Hosanna! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn, der König Israels! 14 Jesus fand einen jungen Esel und setzte sich darauf – wie es in der Schrift heißt: 15 Fürchte dich nicht, Tochter Zion! Siehe, dein König kommt; er sitzt auf dem Fohlen einer Eselin. 16 Das alles verstanden seine Jünger zunächst nicht; als Jesus aber verherrlicht war, da wurde ihnen bewusst, dass es so über ihn geschrieben stand und dass man so an ihm gehandelt hatte. 17 Die Menge, die bei Jesus gewesen war, als er Lazarus aus dem Grab rief und von den Toten auferweckte, legte Zeugnis für ihn ab. 18 Ebendeshalb war die Menge ihm entgegengezogen, weil sie gehört hatte, er habe dieses Zeichen getan. 19 Die Pharisäer aber sagten zueinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; alle Welt läuft ihm nach.

Zum Zusammenhang mit dem Evangelium nach Johannes

Wenn Jesus bei seinem Einzug in Jerusalem im Evangelium nach Johannes – im Unterschied zu den synoptischen Evangelien – als „der König Israels“ (V.13) begrüßt wird, ist dies kein Zufall. Die Thematik von Jesus als „König Israels“ zieht sich durch das gesamte Evangelium. Bereits Natanael, der bei den ersten Jüngern war, die sich um Jesus zusammenfanden, hatte bekannt: „… du bist der König von Israel“ (1,49). Zu einem Missverständnis von Jesu Königtum kommt es im Zusammenhang der Geschichte von der Brotvermehrung (6,1-15). Danach sollte Jesus zum König gemacht werden. Jesus aber entzieht sich diesem Ansinnen (6,15f). Er hätte ein König nach der Art Roms werden sollen – von Königen, die ihre Herrschaft mit ‚Brot und Spielen‘ legitimieren und gegen Gruppen, die um Befreiung kämpfen mit brutaler Gewalt vorgehen – wie Israel ja in dem Krieg Roms gegen die Juden am eigenen Leibe erfahren musste. ‚Brot und Spiele‘ postmodern gesprochen: gelegentliche Spenden und bei Laune haltende (Dauer-)Events ja, Befreiung nein!

Je mehr es zur Konfrontation mit Rom kommt, klärt sich der Inhalt dessen, was gemeint ist, wenn von Jesus als „König Israels“ gesprochen wird. Das beginnt mit der Geschichte vom Einzug in Jerusalem (12,12-19), führt über das Verhör vor Pilatus und Jesu Verurteilung (18,28-19,16) bis zur Inschrift über dem Kreuz: „Jesus von Nazaret, der König der Juden“ (19,19). Was gemeint ist, verdeutlicht Jesus bei der Geschichte vom Einzug in einer Zeichenhandlung. Doch der Reihe nach…

Am Tag darauf… (V. 12)

Gemeint ist der Tag nach Jesu Salbung in Betanien (12,1-10). Diese steht im Zusammenhang mit der Auferweckung des Lazarus (11,1-46) und ihren Folgen, nämlich mit den Überlegungen, gegen Jesus vorzugehen (11,47-57). Der Ort Betanien, wird als der Ort bezeichnet, „wo Lazarus war, den er von den Toten auferweckt hatte“ (12,1). Gesalbt wird Jesus während eines Mahls im Haus des Lazarus (V. 2) von Maria, der Schwester des Lazarus (V. 3ff). Sie gehört zu den Juden, die Jesus vertrauen. Ihre Salbung ist die Salbung eines Königs, der dem Tod ‚geweiht‘ ist. „Eine Königssalbung soll es sein, aber der messianische König wird ein ganz anderer König sein als alle anderen Könige und kein neuer David.“1 Was das genauer heißt, beginnt sich in der Geschichte vom Einzug zu klären.

hörte die große Volksmenge, die sich zum Fest eingefunden hatte, Jesus komme nach Jerusalem“ (V. 12)

Der Kontext des Evangeliums führt wieder zur Geschichte von der Auferweckung des Lazarus und ihren Folgen. Sie schließt mit der Bemerkung ab: „Viele der Juden, die zu Maria gekommen waren und gesehen hatten, was Jesus getan hatte, kamen zum Glauben an ihn. Aber einige von ihnen gingen zu den Pharisäern und sagten ihnen, was er getan hatte“ (11,45f).

Die einen vertrauen Jesus, während andere ihn bei den Pharisäern2 anzeigen. Dies zeigt die Brisanz, die in der Auferweckung des Lazarus steckt. Dabei geht es nicht einfach um die Rückkehr eines Toten in das irdische Leben. Was erzählt wird, ist ein Zeichen dafür, dass das unter dem Terror Roms erniedrigte und am Boden liegende Israel aufgerichtet, ‚auferweckt‘ werden soll. Das macht dieses Zeichen so gefährlich. Hohepriester und Pharisäer sehen sich gezwungen, gegen Jesus einzuschreiten, denn: „Wenn wir ihn gewähren lassen, werden alle an ihn glauben. Dann werden die Römer kommen und uns die „heilige(n) Stätte(n) und das Volk nehmen“ (11,48). Die führenden Gruppen wollen dem vorbeugen und deutlich machen, „dass sie selbst schon messianische Bewegungen unterdrücken“3.

Weil die Lage gefährlich wird, vermuten Pilger, die „schon vor dem Paschafest … nach Jerusalem“ (11,55) gezogen waren, dass Jesus „wohl kaum zum Fest kommen“ (11,56) werde. Schließlich war er ‚zur Fahndung ausgeschrieben‘. Es war „angeordnet, wenn jemand wisse, wo er sich aufhält, solle er es melden, damit sie ihn festnehmen könnten“ (11,57). Und nun „hörte die große Volksmenge“ doch, „Jesus komme…“

Da nahmen sie Palmzweige… (V. 13)

Bei Matthäus nehmen die Leute „Zweige von den Bäumen“ (Mt 21,8), bei Markus „Büschel, die sie von den Feldern abgerissen hatten“ (Mk 11,8). Johannes spricht von „Palmzweigen“. Dies dürfte nicht zufällig sein. Sie erinnern an die Befreiung von griechischer Herrschaft. Nach der Vertreibung der seleukidischen Besatzung aus der Tempelburg 142 v. Chr. „zogen die Israeliten mit Palmzweigen … unter Hymnen und Lobliedern dort ein. Denn ein gefährlicher Feind in Israel war vernichtet worden“ (1 Makk 13,51). Bei der der Weihe des Tempels (165 v. Chr.) nach der Befreiung von der griechischen Herrschaft nahmen sie „schöne Laubzweige – auch Palmzweige – und ließen Loblieder zu dem hinaufsteigen, der den Weg zur Reinigung des Ortes bereitet hatte, der sein Eigentum ist“ (2 Makk 10,7). Wenn die Leute Jesus mit Palmzweigen als den „König Israels“ empfangen, „ist dies ein eindeutiger politischer Akt. Ihre Königsakklamation meint einen Messias, der mit Hilfe einer jüdischen Truppe als Gottes Arm die Römer für immer aus dem Lande verjagt“4.

zogen hinaus, um ihn zu empfangen, und riefen: Hosianna! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn, der König Israels!“ (V. 13)

Erzählt wird in Analogie zum Einzug eines Königs, der beim Besuch einer Stadt von den führenden Leuten und vom Volk abgeholt wurde. So berichtet Flavius Josephus vom Empfang des Titus in Antiochia nach dem Ende des Krieges gegen die Juden: „Als aber die Einwohner von Antiochien erfuhren, dass Titus in der Nähe sei, hielt es sie vor Freude nicht mehr hinter den Mauern und sie eilten ihm mehr als 30 Stadien entgegen…“5

Die Begrüßungsrufe greifen Ps 118,25f auf: „Ach, Herr, bring doch Rettung! Ach, Herr, gib Gelingen! Gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn!“

Sie stammen aus einem Wechselgesang zwischen PilgerInnen und BewohnerInnen, mit dem die PilgerInnen in Jerusalem begrüßt wurden. Das „Herr, bring doch Hilfe“ wird mit ‚Hosanna!‘ aus der hebräischen Bibel übernommen. Im Zusammenhang der Erzählung bekommt es die Konnotation: „Herr, befreie uns!“ Johannes fügt am Schluss der Akklamation das betonte „der König Israels“ hinzu.

Jesus fand einen jungen Esel und setzte sich darauf… “ (V. 14)

Auffällig ist der Unterschied zu den synoptischen Evangelien. Nach ihrer Erzählung (Mt 21,1-11; Mk 11,1-11; Lk 19,28-40) geht dem Einzug die ‚Inbesitznahme‘ eines Esels nach Art einer Beschlagnahmung von Material für das römische Militär voraus. Bei Johannes findet Jesus einen „jungen Esel“, wörtlich ein ‚Eselchen‘. Er zieht nicht ‚von langer Hand‘ geplant mit einem Esel ein, sondern ‚findet‘ ein ‚Eselchen‘ „und setzte sich darauf“. Er tut dies in einer Situation, in der die Begrüßungsrufe dahin gehend missverstanden werden können, als werde ein Herrscher empfangen. So macht er in einer Zeichenhandlung klar, wie sein Königtum zu verstehen ist. Es ist nicht der Einzug eines Herrschers. Mit ihm kommt das Gegenteil eines ‚hohen Herrn‘, nämlich ein königlicher Messias an der Seite der von der Herrschaft Gedemütigten, der mit ihnen solidarisch ist und selbst zum Opfer erniedrigt wird. Dem entspricht genau das, was in der Schrift steht:

Fürchte dich nicht, Tochter Zion! Siehe, dein König kommt; er sitzt auf dem Fohlen einer Eselin“ (V. 15)

Zitiert wird aus dem Propheten Sacharja. Dort heißt es 9,9f: „Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, ein König kommt zu dir. Gerecht ist er und Rettung wurde ihm zuteil, demütig ist er und reitet auf einem Esel, ja auf einem Esel, dem Jungen einer Eselin. Ausmerzen wird er die Streitwagen aus Ephraim und die Rosse aus Jerusalem, ausgemerzt wird der Kriegsbogen. Er wird den Nationen Frieden verkünden…“

Es ist ein König, der den Kriegen ein Ende setzt, mit dem Israels Verheißungen von Gerechtigkeit und Frieden in Erfüllung gehen. Von einem davidischen Königtum ist bei Johannes überhaupt keine Rede. Der Messias kommt aus der Niedrigkeit. Er stammt aus Nazaret und ist „Sohn Josefs“ (1,45). Und auch über dem Kreuz wird es heißen: „Jesus von Nazaret, König der Juden!“ (19,19).

In der Formulierung „Fürchte dich nicht, Tochter Zion!“ klingt der Prophet Zefanja durch. Dort heißt es im Zusammenhang von Zef 3,14-17: „Der König Israels, der HERR, ist in deiner Mitte; du hast kein Unheil mehr zu fürchten … An jenem Tag wird man in Jerusalem sagen: Fürchte dich nicht, Zion! (Zef 3,15f).

Das gedemütigte Israel und sein Gott finden wieder zusammen. Dann wird Israel wieder aufgerichtet. Die „überheblichen Prahler“ (Zef 3,11), die hochmütigen Unterdrücker, werden aus seiner Mitte entfernt. Und mit Gott wird „ein demütiges und armes Volk“ in der Mitte stehen. Die Gedemütigten und die Armen kommen zu ihrem Recht.

Das wird nicht – so verdeutlicht Johannes in seiner Erzählung vom Einzug des Messias in Jerusalem – über den Weg einer neuen Herrschaft führen, sondern über den Weg der Solidarität mit den Erniedrigten – bis an das Kreuz der Römer, an dem sich endgültig zeigen wird, was das heißt: „König Israels“.

Das alles verstanden seine Jünger zunächst nicht…“ (V. 16)

Zu verstehen ist das nach Johannes erst aus der Perspektive von Ostern. Erst aus dieser Perspektive wird erkennbar, dass der Weg ans Kreuz der Erniedrigung der Weg in die Verherrlichung ist. Auf diesem Weg zeigt sich das Schwergewicht (das heißt ja Herrlichkeit) von Israels Gott. In der Auferweckung des Erniedrigten wird der Weg der Solidarität bestätigt. Auf diesem Weg ist Israels Gott zu erkennen. Er behält das ‚letzte Wort‘, gibt seinem Messias recht, setzt Rom ins Unrecht und eröffnet Horizonte messianischer Befreiung.

Die Menge … legte Zeugnis für ihn ab“ (V. 17)

Es ist die Menge, „die bei Jesus gewesen war, als er Lazarus aus dem Grab rief“ (V.17) und ihm ebendeshalb … entgegengezogen“ (V. 18) war. Sie begreift, dass es bei der Auferweckung des Lazarus um die Auferweckung Israels ging. Sie war ein Zeichen des Lebens gegen den Tod – mitten im Leben – gegen den Tod durch Unrecht und Gewalt.

Die Pharisäer aber sagten zueinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet…“ (V. 18)

Johannes greift noch einmal auf die Ratlosigkeit der ‚führenden Leute‘ zurück, die nach der Auferweckung des Lazarus resigniert gefragt hatten: „Was sollen wir tun?“ (11,47). Noch können sie nichts tun. Das aber wird sich ändern. Mit römischen Soldaten und Gerichtsdienern werden „Hohepriester“ und „Pharisäer“ Jesus festnehmen (18,3).

Herbert Böttcher

1Ton Veerkamp, Der Abschied des Messias. Eine Auslegung des Johannesevangeliums, II. Teil: Johannes 10,22-21,25, in: Texte & Kontexte. Exegetische Zeitschrift Nr. 113-115, 30. Jahrgang 1-3, Berlin 2007, 26.

2Mit Pharisäer sind hier nicht die Pharisäer gemeint, mit denen Jesus diskutiert hatte. Johannes erzählt aus seiner Zeit, die er in die Zeit Jesu zurückverlagert. Zur Zeit des Johannes hatten sich die Pharisäer als eine führende Gruppe herauskristallisiert, die versuchte, nach der Zerstörung des Tempels und der Vertreibung die jüdischen Gemeinden zusammen zu halten. Dazu gehörte die Abwehr problematischer Lehren ebenso wie der Schutz vor einem neuen Eingreifen Roms gegen messianische Bewegungen.

3Luise Schottroff, „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“. Der johanneische Messianismus, in: dies., Befreiungserfahrungen. Studien zur Sozialgeschichte des Neuen Testaments, München 1990, 170-183, 177.

4Ebd., 178.

5Otto Michel, Otto Bauernfeind (Hg.), Flavius Josephus, De Bello Judaico. Der Jüdische Krieg. Griechisch und Deutsch, Darmstadt 2013, Buch VII, 100-102.