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„Es fand ein Mahl statt…“ (Joh 13,2) – mit einem ‚Nachschlag‘

Joh 13,1-19

1 Es war vor dem Paschafest. Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen. Da er die Seinen liebte, die in der Welt waren, liebte er sie bis zur Vollendung. 2 Es fand ein Mahl statt und der Teufel hatte Judas, dem Sohn des Simon Iskariot, schon ins Herz gegeben, ihn auszuliefern. 3 Jesus, der wusste, dass ihm der Vater alles in die Hand gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott zurückkehrte, 4 stand vom Mahl auf, legte sein Gewand ab und umgürtete sich mit einem Leinentuch. 5 Dann goss er Wasser in eine Schüssel und begann, den Jüngern die Füße zu waschen und mit dem Leinentuch abzutrocknen, mit dem er umgürtet war. 6 Als er zu Simon Petrus kam, sagte dieser zu ihm: Du, Herr, willst mir die Füße waschen? 7 Jesus sagte zu ihm: Was ich tue, verstehst du jetzt noch nicht; doch später wirst du es begreifen. 8 Petrus entgegnete ihm: Niemals sollst du mir die Füße waschen! Jesus erwiderte ihm: Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir. 9 Da sagte Simon Petrus zu ihm: Herr, dann nicht nur meine Füße, sondern auch die Hände und das Haupt. 10 Jesus sagte zu ihm: Wer vom Bad kommt, ist ganz rein und braucht sich nur noch die Füße zu waschen. Auch ihr seid rein, aber nicht alle. 11 Er wusste nämlich, wer ihn ausliefern würde; darum sagte er: Ihr seid nicht alle rein. 12 Als er ihnen die Füße gewaschen, sein Gewand wieder angelegt und Platz genommen hatte, sagte er zu ihnen: Begreift ihr, was ich an euch getan habe? 13 Ihr sagt zu mir Meister und Herr und ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es. 14 Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen. 15 Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe. 16 Amen, amen, ich sage euch: Der Sklave ist nicht größer als sein Herr und der Abgesandte ist nicht größer als der, der ihn gesandt hat. 17 Wenn ihr das wisst – selig seid ihr, wenn ihr danach handelt. 18 Ich sage das nicht von euch allen. Ich weiß wohl, welche ich erwählt habe, aber das Schriftwort muss sich erfüllen: Der mein Brot isst, hat seine Ferse gegen mich erhoben. 19 Ich sage es euch schon jetzt, ehe es geschieht, damit ihr, wenn es geschehen ist, glaubt: Ich bin es.

Zum Erzählzusammenhang des Evangeliums

Mit 13,1 beginnt der zweite Teil des Evangeliums nach Johannes. Er erzählt von Jesu letztem Lebenstag, seinem Weg in den Tod am Kreuz der Römer (Kapitel 13 – 19). Auf diesen Tag und auf die Auferweckung als Gottes Antwort konzentriert sich fast die Hälfte des Evangeliums. Es ist die „Stunde“, von der in der Erzählung des Evangeliums immer wieder die Rede war. Dieser letzte Tag beginnt mit einem Mahl, bei dem Jesus seinen JüngerInnen die Füße wäscht (13,1-20). Kurz danach sagt er den Verrat an. Johannes verbindet diese Ankündigung mit dem Essen des Brotes (13,21-30). Mit der Bemerkung „Als Judas hinausgegangen war…“ beginnt die erste Abschiedsrede (13,31-14,31). Sie endet mit der Aufforderung: „Steht auf, wir wollen von hier weggehen!“ (13,31). Es folgt eine weitere durch Bemerkungen von Jüngern unterbrochene Abschiedsrede (15,1-16,33). Das alles findet in der letzten Nacht vor Jesu Hinrichtung statt. Jesu Reden zielen darauf, die Jüngerinnen und Jünger auf ein messianisches Leben vorzubereiten, dass sie unter römischer Herrschaft führen müssen, aber ohne die leibhaftige Gegenwart des Messias. Der Pax Romana ausgesetzt sollen sie im Frieden des Messias leben, der zum Vater zurückgekehrt ist. Was der Messias ihnen in der letzten Nacht gesagt hat, das hat er – so schließen die Abschiedsreden – „ihnen gesagt, damit ihr in mir Frieden habt“ (16,33). Der Friede Christi setzt die messianische Gemeinde aber in der Welt des Imperiums Verfolgung und dem Tod aus. Dennoch gilt: „In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt“ (16,33). Er hat sie besiegt, weil Gott gegen das Imperium und seine Exekution des Todes sein ‚letztes Wort‘ durchgesetzt und den Messias ‚verherrlicht‘ hat. So folgt auf die Abschiedsreden Jesu Abschiedsgebet (17,1-26). Darin bittet er darum, dass der Vater ihn ‚verherrliche‘ und die Seinen, die unter der Weltordnung leben müssen, „eins“, also solidarisch bleiben wie der Vater mit dem Sohn und der Sohn mit dem Vater (17,21). „Nach diesen Worten ging Jesus mit seinen Jüngern hinaus“ in den Garten, in dem er festgenommen wird (18,1ff).

Es war vor dem Paschafest“ (13,1)

An diesem Tag „vor dem Paschafest“, der mit Jesu Beisetzung (19,42) endet, wird sich alles ereignen, was Johannes jetzt erzählen wird: Mahl, Fußwaschung, Ansage des Verrats, Abschiedsreden und Jesu Gebet, Festnahme, Verhör vor Pilatus, Verurteilung, Kreuzigung und Grablegung. Nach der jüdischen Tradition dauert ein Tag vom Abend bis zum nächsten Abend. Für den zeitlichen Ablauf der Ereignisse nach Johannes heißt das: Jesus wird am Rüsttag des Paschafestes, an dem die Lämmer für das Paschamahl geschlachtet werden, hingerichtet. Ausdrücklich erzählt Johannes: „Es war Rüsttag des Paschafestes…“ (19,14), als Pilatus Jesus zur Kreuzigung auslieferte. Für den Evangelisten ist Jesus das geschlachtete Lamm, „das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt“ (1,29). So hatte es der Täufer gesagt, als er Jesus auf sich zukommen sah.

Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war…“ (13,1)

Bei der Hochzeit zu Kana war seine „Stunde … noch nicht gekommen“ (2,4). Die ersten Versuche, Jesus festzunehmen, scheitern; denn – so Johannes – „seine Stunde war noch nicht gekommen“ (7,30; 8,20). In 12,33 hatte Jesus nach dem Einzug in Jerusalem zu Philippus und Andreas gesagt: „Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht wird“ (12,23). Die Stunde Jesu ist mit dem Motiv des Menschensohns, seinem Kommen vom Vater und seine Rückkehr zum Vater verbunden. Der Menschensohn ist „vom Himmel herabgestiegen“ (3,13) und „muss erhöht werden“ (3,14). Nach dem Buch Daniel tritt der Menschensohn den bestialischen Weltreichen entgegen und zeigt den Weg dazu, dass Gottes Königtum Wirklichkeit werden kann. Der Weg des Menschensohns Jesus von Nazaret führt über die Erniedrigung am Kreuz der Römer zur Erhöhung. Die Stunde, in der das geschieht, ist nun gekommen.

Johannes betont, dass Jesus „wusste“, dass diese Stunde nun gekommen war. Mit dem Motiv der Stunde, um die Jesus wusste, macht Johannes deutlich: Jesus ist nicht einem blinden Schicksal unterworfen, sondern handelt im Einklang mit Israels Gott als seinem Vater. Bei der Vermehrung der Brote, „wusste er, was er tun wollte“ (6,6). Er wusste, dass seine Jünger über seine Deutung der Brote „murrten“ (6,61); er „wusste … von Anfang an, welche es waren, die nicht glaubten, und wer ihn ausliefern würde“ (6,64). Auch bei seiner Festnahme „wusste“ er „alles, … was mit ihm geschehen sollte“ (18,4). Und am Ende „wusste“ er, „dass nun alles vollbracht war“ (19,28).

Das Motiv von Jesu Wissen konzentriert sich in der „Stunde“, die jetzt beginnt. Jesus ist sich dessen bewusst, was er tut und was jetzt geschieht. Er weiß, dass jetzt „seine Stunde gekommen ist, aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen“ (13,1). Sein Weg unter der Weltordnung ist nicht ein Weg, auf dem die Weltordnung ihn besiegt, sondern ein Weg, der zum Vater führt. Jesus weiß, dass seine Solidarität mit den Seinen auf diesem Weg ihr Ziel erreicht: „Da er die seinen liebte, die in der Welt waren, liebte er sie bis zur Vollendung“ (13,2). Er weiß, dass der Vater auf diesem Weg „ihm alles in die Hand gegeben hatte“ (13,3). Ihm, dem gekreuzigten Menschensohn, sind Gottes „Herrschaft, Würde und Königtum gegeben“ (Dan 7,14). Sein ganzes Leben ist ein Weg, der „von Gott gekommen war und zu Gott zurückkehrte“ (13,3). Jesus weiß um „die Stunde, das Ziel, die Macht und den ‚Weg‘… Aus diesem Wissen heraus handelt Jeschua“1.

Es fand ein Mahl statt…“ (13,2)

Das Mahl ist bei Johannes kein Paschamahl. Es wird auch nicht weiter geschildert. Wörtlich heißt es: Nachdem ein Mahl geschehen war… Dieses Mahl steht unter dem Vorzeichen des Verrats und und Jesu Auslieferung. Der Verräter kommt aus dem innersten Kreis der Jüngerinnen und Jünger. Darin dürfte sich die Situation der Gemeinde des Johannes widerspiegeln. Sie ist der Verfolgung durch das Imperium ausgesetzt. Dies führt dazu, dass ‚Messianer‘ aus Angst die Gemeinde verlassen. Einige dürften dabei Messianer, die in der Gemeinde geblieben sind, den römischen Behörden verraten haben. Insofern war der Verrat ein Thema der messianischen Gemeinde. Er kam ‚von innen‘, gleichsam von Menschen, die einmal zur messianischen Gemeinde gehört hatten.

„Der Teufel hatte“ – so Johannes – dem Verräter „ins Herz gegeben“, Jesus den Römern „auszuliefern“ (13,2). Er ist ein ‚Teufel‘, weil er als Handlanger Roms handelt. Nach dem Mahl und Jesu Ankündigung des Verrats geht er „hinaus“ (13,33) in die Nacht und er wird mit den Dienern der jüdischen und römischen Obrigkeit wiederkommen, um Jesus festzunehmen (18,3). Das griechische Wort, das in Vers 2 mit ‚ausliefern‘ übersetzt wird, verwendet Johannes auch bei seiner Schilderung des Todes Jesu. In unserer Übersetzung heißt es dann: Jesus „übergab den Geist“ (19,30). Der Verräter hatte Jesus an Rom ‚übergeben‘. So macht Johannes deutlich: Der an Rom ‚Ausgelieferte‘ behält die letzte Initiative: Er „übergab den Geist“, lieferte sein Leben dem Vater aus. So hat Rom am Ende keine Macht über ihn. Jesus kehrt zurück zu dem, von dem er ausgegangen war.

Auch das Stichwort „Vollendung“ (13,1) verbindet unsere Szene mit der Szene, die Johannes von Jesu Tod schildert. Er legt dem sterbenden Jesus als letztes Worte in den Mund: „Es ist vollbracht!“ (19,30). Wörtlich: Es ist alles ‚vollendet‘. Jesu Weg der Solidarität hat sein Ziel erreicht. Er war mit den Seinen, die unter der Weltordnung zu leben hatten, solidarisch, bis er das Ziel seinen Lebens erreicht und seinen Geist, sein ganzes Leben, dem Vater ‚übergeben‘, ‚ausliefern‘ konnte. So „liebte“ er „die Seinen … bis zur Vollendung“ (13,1).

Jesus „stand vom Mahl auf…“ (13,4ff)

Nachdem ‚das Mahl geschehen war‘, stand Jesus auf. Er begibt sich in die Rolle von Sklaven, deren Aufgabe es war, den ‚Herren‘ die Füße zu waschen. In der Fußwaschung bringt Jesus all das zum Ausdruck, was sein Leben prägt – bis hin zur Vollendung. Er unterstreicht, was in seiner Proklamation zum „König Israels“ beim Einzug in Jerusalem deutlich geworden war: In seiner Niedrigkeit an der Seite der Niedrigen ist er Israels König. Die Fußwaschung unterstreicht: „Nur als Sklave ist der Messias König“2. In der Zeichenhandlung der Fußwaschung steckt das, was am Kreuz vollends sichtbar werden wird und was Pilatus in der Inschrift über dem Kreuz proklamiert: „Jesus von Nazaret, König der Juden“ (19,19).

Du, Herr, willst mir die Füße waschen?“ (V. 6)

Mit diesem Satz wehrt sich Petrus dagegen, dass sich Jesus ihm gegenüber zum Sklaven macht. Jesu Antwort verweist darauf, dass er das jetzt noch nicht versteht, später aber „begreifen“ (13,7) wird. Zu begreifen ist das erst vor dem Hintergrund von Jesu Kreuz und Auferstehung. Erst von der Vollendung seines Weges her wird klar, dass ohne die Erniedrigung der Weg zur Vollendung nicht gegangen werden kann. Ohne Solidarität an der Seite der Letzten kann es keine messianische Welt geben. Das muss Petrus noch ‚begreifen‘. Nur so kann er Hirte der messianischen Gemeinde sein (Joh 21). Petrus bleibt hartnäckig: „Niemals sollst du mir die Füße waschen!“ (13,8). Dann aber – so erklärt Jesus ihm „hast du keinen Anteil an mir“ (13,8). Er kann nur dann zu Jesus gehören, einen Platz bei ihm haben, wenn er sich Jesu Solidarität, d.h. seinen Weg in die Erniedrigung des Kreuzes ‚gefallen‘ lässt und einen Erniedrigten als ‚König Israels‘ akzeptiert. Dann aber – so Petrus – wasche „nicht nur meine Füße, sondern auch die Hände und das Haupt“ (13,9). Offensichtlich kommt er nicht los von seinem Drang, eine Sonderstellung einzunehmen. Auch das bedarf wieder der Korrektur. Zunächst einmal heißt es lapidar: „Wer vom Bad kommt, ist ganz rein…“ (13,10). Reiner als rein geht nicht. Jesu Weg der Solidarität bis ans Kreuz beseitigt die Unreinheit Israels, seine Trennung von Israels Gott, die ‚Sünde‘, und eröffnet Wege zu einer messianischen Welt. Damit ist alles getan und alles am Ziel. Was soll es noch mehr geben?

Begreift ihr, was ich getan habe?“ (13,12)

Zum Abschluss der Fußwaschung verdeutlicht Jesus noch einmal, um was es ging: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe“ (13,15). Es geht um den Dienst gegenseitiger Solidarität. Die Jüngerinnen und Jünger sollen in Gegenseitigkeit so handeln, wie Jesus es an ihnen getan hat. Nur dann können die Verhältnisse von Herren und Sklaven überwunden werden. Im gegenseitigen Dienst der Solidarität kann es keine Vorrangstellungen geben. Wenn Jesus sich zum Sklaven aller macht, dann müssen alle füreinander diesen Sklavendienst tun. Dem widerspricht auch, dass sich einer zum ‚Oberknecht‘, zum ‚servus servorum dei‘ aufschwingt und so die Solidarität der Knechte unterläuft und konterkariert. Wenn alle solidarisch miteinander sind, wie Jesus es in seinem Sklavendienst gezeigt hat, gibt es keine Sklaven mehr. Entsprechend wird ein ‚Obersklave‘ überflüssig. So wie Gott in seinem Messias solidarisch mit den Versklavten ist, so sollen es die MessianerInnen untereinander sein. Wenn sie danach handeln, sind sie rein von den Verstrickungen mit der Weltordnung und ihren Verhältnissen der Über- und Unterordnung, dann können sie „selig“ (13,17) genannt werden. Aber nicht alle – wie auch „nicht alle“ rein sind (13,10). Der Riss des Verrats durch die Kollaboration und Kumpanei mit Rom steht nicht außerhalb der messianische Gemeinde; er geht durch sie hindurch. Hier gilt das Schriftwort: „Der mein Brot isst, hat seine Ferse gegen mich erhoben“ (13,18). Zitiert wird aus einem David zugeschriebenen Psalm . Darin heißt es: „Auch mein Freund, dem ich vertraute, der mein Brot aß, hat die Ferse gegen mich erhoben“ (Ps 41,10). Feindschaft kann aus dem innersten eines königlich-messianischen Zusammenhangs kommen. Das widerlegt weder die messianische Verheißung noch den Messias. Wenn die messianische Gemeinde Verrat und Verfolgung erlebt, soll sie wissen: „Ich bin es“ (13,19). Was sie erlebt, ist das Schicksal des Messias – ein Schicksal, das ihn nicht widerlegt. Für sie kommt es darauf an, den Messias auf- und anzunehmen und damit den, „der mich gesandt hat“ (13,19). Im gegenseitigen solidarischen Dienen in der messianischen Gemeinde als Alternative zur Weltordnung wird der Messias aufgenommen und mit ihm Israels Gott, der ihn gesandt hat.

Ein kleiner ‚Nachschlag‘:

Ermutigung zum Gebet“

Karl Rahner scheint in der Kirche der Gegenwart vergessen – sowohl in der Theologie aus auch in der Pastoral. ‚Überlebt‘ hat, was vermeintlich zur Rechtfertigung einer ‚unternehmerischen‘ Pastoral und ihrer esoterischen Vorlieben geeignet erscheint. Dazu gehört neben der zumeist missverstandenen sog. ‚anthropologischen Wende‘ auch Rahners gerne genommenes Diktum, der Christ von morgen werde „ein ‚Mystiker‘ sein, einer der etwas ‚erfahren‘ hat“3. Willkommen ist ‚Erfahrung‘ und dazu noch ‚Mystik‘ als Innerlichkeit.

Erinnert sei an den Zusammenhang, in dem jenes Diktum bei Rahner steht. Ihm geht es um die Suche nach einer neuen Weise der Frömmigkeit „ohne den frommen Luxus in Kopf und Herz früherer Zeiten, die – dem Anschein nach – erst religiös lebendig wurden, wenn es nicht um Gottes Unbegreiflichkeit und sein Da-Sein im Gekreuzigten, dem Gottverlassenen, ging, sondern um den besonders ausgebauten Kult des Altarsakramentes, um die Verehrung des kostbaren Blutes, der Unbefleckten Empfängnis, der Gewinnung der Ablasse usw.“4

Demgegenüber sucht Rahner nach einer „kargen Frömmigkeit“, die konzentriert ist auf den „unsagbaren Gott“ und die geprägt ist von dem „Mut, dessen schweigende Selbstmitteilung als das Geheimnis des eigenen Daseins anzunehmen“5. Wenn er von Erfahrung spricht, geht es um die Ahnung von einem Mysterium, das nicht in Begriffen zu definieren und das der Verfügbarkeit – auch der durch Übungen der Frömmigkeit – entzogen bleibt. Eine solche Erfahrung liegt jeder Theologie und jeder Liturgie voraus. Mystagogie als Hinführung zu einer solchen Erfahrung „muss von der angenommenen Erfahrung der Verwiesenheit des Menschen auf Gott hin das richtige ‚Gottesbild‘ vermitteln, die Erfahrung, dass des Menschen Grund der Abgrund ist: dass Gott wesentlich der Unbegreifliche ist; dass seine Unbegreiflichkeit wächst und nicht abnimmt, je richtiger Gott verstanden wird, je näher uns seine ihn selbst mitteilende Liebe kommt…“6

Gott um Gott bitten“

Wenn wir „Gott um Gott bitten“7, beten wir um diese Erfahrung. Betend müssen wir – so Metz im Anschluss an Rahner – Gott „Gott sein lassen, wir dürfen ihn nicht betend seiner Göttlichkeit berauben wollen, indem wir ihn vorweg unseren Interessen und Wünschen unterordnen. … Den Gott, der umstandslos zu unseren Wünschen passt, der uns das Leiden an seiner Transzendenz erspart, gibt es nicht. … Es ist allemal, wenn überhaupt, mit einem nicht passenden Gott zu rechnen, mit einem Gott, der weder zu theologischen Allmachtsphantasien noch zu psychologischen Selbstverwirklichungsträumen passt, mit einem Gott, der uns nicht einfach ein Innewerden unserer selbst ohne jegliches Erschrecken und Aufbegehren vergönnt, der uns nicht nur jubeln, sondern auch schreien und schließlich verstummen lässt.“8

1Ton Veerkamp, Der Abschied des Messias. Eine Auslegung des Johannesevangeliums, II. Teil: Johannes 10,22-21,25, in: Texte & Kontexte Nr. 113-115, 30. Jahrgang 1-3, Berlin 2007, 40.

2Ebd., 39.

3Karl Rahner, Frömmigkeit früher und heute, in: ders., Schriften zur Theologie, Band 7, Einsiedeln Zürich Köln 2/1971, 11-31. 22.

4Ebd., 21f.

5Ebd.

6Ebd, 23.

7Johann Baptist Metz, Versuch zur Gottbegabung des Menschen: der Schrei, in: ders. Memoria passionis, Gesammelte Schriften, Band 4, Freiburg 2017, 95-107, 98ff.

8Ebd., 103f.