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„Wir haben den Messias gefunden…“ (Joh 1,41)

Joh 1,40-42

40 Andreas, der Bruder des Simon Petrus, war einer der beiden, die das Wort des Johannes gehört hatten und Jesus gefolgt waren. 41 Dieser traf zuerst seinen Bruder Simon und sagte zu ihm: Wir haben den Messias gefunden – das heißt übersetzt: Christus. 42 Er führte ihn zu Jesus. Jesus blickte ihn an und sagte: Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst Kephas heißen, das bedeutet: Petrus, Fels.

Andreas, der Bruder des Simon Petrus…“ (Joh 1,40)

Der eine von den beiden zunächst anonym bleibenden Jünger ist Andreas. Er wird als Bruder des Petrus vorgestellt und war einer der Jünger des Täufers Johannes, die auf dessen Zeugnis hin Jesus gefolgt waren. Von Andreas heißt es nun: „Dieser traf zuerst seinen Bruder…“ (Joh 1,41), wörtlich: er ‚findet‘ seinen Bruder. Am nächsten Tag wird Jesus Philippus ‚finden‘ (Joh 1,42), und Philippus findet Natanael (Joh 1,45). Im Unterschied zu den synoptischen Evangelien fällt auf: In letzteren werden die Jünger berufen. Petrus und Andreas sind gerade beim Fischen. Mit der Berufung verbindet sich der Auftrag, Menschenfischer zu werden, also in den Dienst der Sammlung Israels für das Reich Gottes zu treten (vgl. Mk 1,16-18; Mt 4,18-22). Bei Johannes gibt es weder eine ausdrückliche Berufung noch – vor der Auferstehung – einen Auftrag, zu dem die Jünger gesandt sind. Stattdessen: Die Jünger werden gefunden und finden zusammen, indem sie Jesus ‚sehen‘ und bei ihm ‚bleiben‘ bis zum Ende. Erst daraus kann eine Sendung und ein Auftrag erwachsen. Gegenüber seinem Bruder Petrus bezeugt Andreas Jesus als den Messias. Dabei spricht er in der ersten Person Plural.

Wir haben den Messias gefunden…“ (Joh 1,41)

Diese Aussage des Andreas gegenüber seinem Bruder Petrus bietet die Antwort auf Jesu Frage an die beiden Jünger des Johannes: „Was sucht ihr?“ (Joh 1,38). Sein Sprechen in der Wir-Form dürfte darauf hindeuten, dass er als einer aus der Gruppe der Jünger des Johannes spricht. Dessen Zeugnis über den Messias Jesus zieht weitere Kreise.

Im Unterschied zum Evangelium nach Matthäus ist Andreas dem Petrus vorangestellt, während Matthäus zuerst Petrus und dann Andreas nennt. Bei Matthäus tritt Petrus als Sprecher der Jüngerinnen und Jünger auf und bekennt Jesus als den Messias: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ (Mt 16,16). Nach Johannes führt Andreas seinen Bruder Petrus zu Jesus und bezeugt ihm Jesus als Messias. Petrus wird zwar – ebenso wie bei Matthäus (16,18) – Kephas, also Fels genannt. Johannes legt aber Wert darauf, Petrus in die Gemeinschaft der Jüngerinnen und Jünger zu integrieren. Eine Vorrangstellung eines der Jüngerinnen und Jünger würde seinen Vorstellungen von messianischer Gemeinde als solidarischer Gemeinde ohne Über- und Unterordnungen widersprechen. Und dennoch soll Simon…

„… Kephas heißen, das bedeutet Petrus, Fels“ (Joh 1,42).

Johannes tut sich offensichtlich schwer mit Petrus und kommt doch nicht an ihm vorbei. Er ist als Fels, d.h. als tragende Basis der messianischen Gemeinde zwar anerkannt, wird aber dennoch relativiert. Das wird besonders im Unterschied zu dem Täufer Johannes deutlich. Von ihm heißt es an der Stelle, an der die ‚Inquisitoren‘ von Jerusalem anreisen, um ihn zu befragen (Joh 1,19-28): „Er bekannte und leugnete nicht…“ (Joh 1,20). Demgegenüber bekennt Petrus nicht, sondern „leugnet“ drei mal, als er in der Stunde der Verhaftung mit Jesus hätte solidarisch sein sollen. Auch bei der Erzählung vom leeren Grab (Joh 20,1-10) ist „der andere Jünger“ (Joh 20,3) vor Petrus am Grab (Joh 20,4). Petrus war ihm gefolgt, geht aber als erster ins Grab. Dann erst ging „der andere Jünger, der als Erster an das Grab gekommen war, hinein.“ Von ihm heißt es nun: „Er sah und glaubte“ (Joh 20,8). Petrus geht zwar als erster ins Grab. Der „Erste“, vom dem gesagt wird: „Er sah und glaubte“, ist der „andere Jünger“. Die Bedeutung des Petrus als „Fels“ wird zwar ‚irgendwie‘ respektiert, aber zugleich auch dadurch relativiert, dass sein Glaube eingebunden ist, in das Zeugnis und den Glauben der anderen. Auf sie ist er angewiesen, wenn er der „Fels“ sein soll.

Liebst du mich mehr als diese?“ (Joh 21,15)

Die Tradition des Johannes dürfte erst im Nachtrag zum Text des Evangeliums (Joh 21) ihren Frieden mit Petrus gemacht und ihn endgültig als ‚Fels‘ anerkannt haben. Durch den Auferstandenen wird er mit drei recht peinlichen Fragen konfrontiert. Dabei entspricht die Zahl drei seinem dreimaligen Verleugnen. Wie er dreimal verleugnet hatte, so wird er nun dreimal gefragt, ob er Jesus ‚liebt‘. Leider trägt die Übersetzung den unterschiedlichen Verben für ‚lieben‘, die sich im griechischen Text finden, nicht Rechnung. Einmal ist von ‚lieben‘ im Sinne von ‚solidarisch sein‘ (agapä) und einmal von ‚lieben‘ im Sinne von ‚Freund sein‘ (phileo) die Rede. Also: In den beiden ersten Fragen müsste es dann heißen: „Bist du solidarischer mit mir als diese?“ Petrus antwortet: „Du weißt doch, ich bin dein Freund.“ Beim dritten Mal fragt auch Jesus: „Bist du mein Freund?“ Darauf heißt es von Petrus – wohl analog zu den Traditionen um seine Verleugnung Jesu – : „Da wurde Petrus traurig“ und antwortete: „Du weißt alles, du weißt auch, dass ich dein Freund bin.“ (vgl. Joh 20,17).

Solidarisch sein, den Weg Jesu zu Ende gehen, und Jesu Freund sein gehören zusammen. Dies wird deutlich, wenn es im Evangelium nach Johannes heißt: „Es gibt keine größere Liebe (Solidarität), als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage“ (Joh 15,13f). Solidarisch zu sein bis zur letzten Konsequenz, das hat Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern mit auf den Weg gegeben. Das ist der ‚Fels‘ ihrer messianischen Gemeinschaft. Indem Petrus das bezeugt und nicht leugnet, kann er als ‚Fels‘ die ihm anvertraute Herde weiden (Joh 20,17).