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„Was sucht ihr?“ (Joh 1,38)

Joh 1,35-39

35 Am Tag darauf stand Johannes wieder dort und zwei seiner Jünger standen bei ihm. 36 Als Jesus vorüberging, richtete Johannes seinen Blick auf ihn und sagte: Seht, das Lamm Gottes! 37 Die beiden Jünger hörten, was er sagte, und folgten Jesus. 38 Jesus aber wandte sich um, und als er sah, dass sie ihm folgten, sagte er zu ihnen: Was sucht ihr? Sie sagten zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister – , wo wohnst du? 39 Er sagte zu ihnen: Kommt und seht! Da kamen sie mit und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm; es war um die zehnte Stunde.

Am Tag darauf…“ (1,35)

Johannes strukturiert seine Erzählung an aufeinander folgenden Tagen. Nachdem an einem Tag die Abgesandten von Jerusalem den Täufer ihrer prüfenden Befragung (also einer ‚Inquisition‘) unterzogen hatten (1,19-27), legte am darauf folgenden Tag der Täufer Johannes sein öffentliches Zeugnis über Jesus ab (1,29-34). An dem Tag, von dem der Evangelist nun erzählt, wird das Zeugnis des Johannes wirksam. Zwei Jünger folgen auf sein Zeugnis hin dem Messias Jesus nach.

Die Szenerie ist ähnlich wie am Vortag. Der Täufer „stand wieder dort“, diesmal jedoch standen zwei seiner Jünger bei ihm. Diese beiden Jünger, die namenlos bleiben, dürften als Repräsentanten Israels zu verstehen sein. Sie stehen für das, was ganz Israel tun soll und wofür der Täufer eintritt: „den HERRN“, seinen „Gott … suchen“ (Dtn 4,29) – und das „mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft“ (Dtn 6,5). Das ist das ‚Gebot der Stunde‘ in einer Situation, in der Gott nach der Zerstörung des Tempels keine „Bleibe“, keine Wohnung mehr in Israel hat und das Volk zerstreut ist.

Als Jesus vorüberging…“ (1,36)

Gemeint ist kein zufälliger Spaziergang. Das griechische Wort, das mit ‚vorübergehen‘ übersetzt wird, meint ‚umhergehen‘, ‚wandeln‘, ‚seinen Weg gehen‘. Es greift die hebräische Tradition der Erzählung vom Lebenswandels Israels auf dem Weg der Tora und der Treue zu den Traditionen der Befreiung, die Halacha, auf. In den Blick gerückt wird also Jesu ‚Lebenswandel‘ in Treue zu Israels Gott und den Wegen der Befreiung, die er weist. Was das genauer bedeutet, wird in dem deutlich, was die Traditionen vom „Lamm Gottes“ beinhalten. Damit knüpft Johannes an das Zeugnis an, das er bereits am Tag vorher (1,29) abgelegt hatte. Das „Lamm Gottes“ steht als Bogen über dem Leben Jesu. Zu Beginn seines Weges bezeugt Johannes den Messias als „Lamm Gottes“. Und dieser Weg mündet in seine Hinrichtung, zu der Stunde, an der die Pessachlämmer geschlachtet werden. In Jesu ‚Lebenswandel‘, in seinem ‚Gang‘ zum Kreuz wird das sichtbar und wirksam, was die Bilder vom geschundenen Gottesknecht (Jes 53) und dem Bock, der mit Israels Schuld in die Wüste geschickt wird (Lev 16), beinhalten. Auf dieses Zeugnis des Täufers hin machen sich die beiden Jünger auf den Weg Jesus nachzufolgen.

Jesus wandte sich um … und sagte zu ihnen: Was sucht ihr?“ (1,38)

Im Unterschied zu den synoptischen Evangelien erzählt Johannes nicht von einer Berufung der Jünger. Sie erhalten auch noch keinen Auftrag, das Evangelium zu verkünden. Von einer ausdrücklichen Sendung der Jüngerinnen und Jünger erzählt Johannes erst am Ende seines Evangeliums, also nach Kreuz und Auferstehung (20,19ff). Am Beginn des Evangeliums folgen die beiden Jünger nicht einem Ruf Jesu, sondern dem Zeugnis des Täufers. Von Jesus heißt es: Er „wandte sich um…“ (1,38), als die beiden ihm folgten. Wenn nach dem Verständnis des Evangelisten in Jesus Israels Gott „wohnt“ und die beiden Jünger für Israel stehen, wendet sich Gott um und seinem Volk wieder zu. Die Bewegung geht von Gott aus: Er sammelt sein Volk auf. Er findet es als in die Irre gegangen und am Boden liegend auf.

Statt des Rufs Jesu in die Nachfolge heißt es beim Evangelisten Johannes: „Was sucht ihr?“ Dass es sich hier nicht um eine beiläufige Frage handeln kann, zeigt bereits ein statistischer Befund. Das Verb ‚suchen‘ taucht im Evangelium des Johannes 34 mal auf. Das Thema des Suchens zieht sich durch das gesamte Evangelium. Jesus sagt von sich selbst: „Ich … suche … den Willen dessen, der mich gesandt hat“ (5,30). Dem stehen diejenigen gegenüber, die ihre „Ehre voneinander“ annehmen, „nicht aber die Ehre“ suchen, „die von dem einen Gott kommt“ (5,44, vgl. auch 7,18). Während es Jesu Lebensziel ist, den Willen Gottes zu ‚suchen‘ und geschehen zu lassen, suchen seine Gegner ihn zu vernichten (vgl. 7). Vor diesem Hintergrund fragt Jesus die Soldaten, die ihn festnehmen wollen: „Wen sucht ihr?“ (18,4). In unserer Szene fragt Jesus die beiden Jünger: „Was sucht ihr?“ Die Frage erhält noch keine Antwort. Stattdessen erfolgt die Gegenfrage.

Wo wohnst du?“ (1,38)

Dass es nicht um die Frage nach einer Adresse geht, macht eine wörtlichere Übersetzung mit ‚Wo bleibst du?‘ deutlich. Es geht um ‚bleiben‘. Gefragt wird nach Jesu ‚Bleibe‘. Nach der Erzählung des Evangeliums hat Jesus seine ‚Bleibe‘ in Israels Gott, dessen Willen er sucht und den er ‚geschehen‘ lassen will. Und auch umgekehrt gilt: Im Messias „wohnt“ Israels Gott (1,14). In ihm hat er ‚bleibend‘ gezeltet und findet sein Volk, das in die Irre gegangen ist und in der römischen Weltordnung keine ‚Bleibe‘ mehr hat. Deshalb geht der Messias den Weg zum Vater; denn in seinem Haus „gibt es viele Wohnungen“, wörtlich ‚Bleiben‘ (14,2). Er tut dies, um seinen Jüngerinnen und Jüngern „einen Platz … vorzubereiten“ (14,2). Dabei geht es nicht einfach um eine Wohnung im Himmel, sondern um einen „Platz“, einen Ort in und unter der Weltordnung, um den Ort, den der Messias durch seinen ‚Lebenswandel‘ der messianischen Gemeinde bereiten will, an dem und von dem sie unter der und gegen die römische Weltordnung leben kann.

Nicht zufällig taucht im Evangelium nach Johannes immer wieder die Frage auf, ob die Jüngerinnen und Jünger ‚gehen‘ oder ‚bleiben‘ wollen. Angesichts der Gefahren, die vom römischen Imperium ausgehen, sind manche in der Versuchung zu gehen, d.h. die messianische Gemeinde zu verlassen. Ihnen gegenüber drängt der Messias zu ‚bleiben‘. „Bleibt in mir“ mahnt Jesus die Jüngerinnen und Jünger in seinen Abschiedsreden (Joh 15) und verspricht: „Ich bleibe in euch“ (15,4). Auf die Verbundenheit zwischen Messias und messianischer Gemeinde im Angesicht der Gefahr zielt das Bild vom Weinstock und den Reben und die Verheißung, „reiche Frucht“ (15,5) der Rettung und Befreiung zu bringen.

Kommt und seht!“ (1,39)

Das fordert Jesus von den beiden Jüngern. Sie müssen schon kommen, sich auf den Weg machen, um zu sehen. Es reicht keine erklärende Lehre. Ohne dass sie an einen Wandel, an einen Lebenswandel gebunden ist, käme sie über einen Trocken-Ski-Kurs nicht hinaus. Das heißt nun gerade nicht, dass die Lehre des Glaubens gegen die Praxis des Glaubens, Orthodoxie gegen Orthopraxie, ausgespielt würde. Es geht um ‚sehen‘, d.h. um reflektierende Erkenntnis Gottes. Bleibt diese Erkenntnis jedoch in ontologischen Begriffen stecken, also in der Frage nach Gott als dem ewigem Sein jenseits der gesellschaftlichen Verhältnisse, kann nicht das ‚gesehen‘ und bedacht werden, um das es Johannes geht. Ihm geht es um das ‚Sehen‘ und Erkennen Gottes auf dem Weg in die Erniedrigung am Kreuz der Römer. Genau dahin führt der ‚Lebenswandel‘ des Messias. In diesem Zusammenhang entscheidet sich, wem ‚Ehre‘ gebührt: Israels Gott oder den Menschen, die sich verehren lassen. Hinter der Übersetzung mit ‚Ehre‘ steht wieder unser inzwischen schon vertrautes Wort von der ‚Verherrlichung‘ bzw. vom ‚Schwergewicht Gottes‘. Also gefragt ist, worauf das Schwergewicht von Israels Gott der Befreiung liegt: auf der Selbstverherrlichung derer, die Macht haben, bzw. auf der Aura, mit der sich Herrschaft umgibt und verHERRlicht oder auf dem am Kreuz der Römer erniedrigten Messias. In ihm – darauf will Johannes hinaus – liegt die Herrlichkeit Gottes. In ihm hat Israels Gott eine ‚Bleibe‘. Und in und bei ihm sollen auch die Jüngerinnen und Jünger ‚bleiben‘, eine Wohnung und einen Ort in und unter der sowie gegen die Weltordnung finden, einen Ort messianischen Lebens der Befreiung. Auf den Weg dahin machen sich die angesprochenen Jünger. Sie kommen, sehen, wo Jesus wohnt, „und blieben jenen Tag bei ihm“ (1,30). Auf diesem Weg soll sich ganz Israel sammeln, aufrichten und befreien lassen. Erst nachdem die Jüngerinnen und Jünger die Herrlichkeit von Israels Gott in der Verherrlichung des gekreuzigten Menschensohns ‚gesehen‘ haben und von Gottes Geist aufgerichtet wurden, werden sie gesandt, wie der Vater den Messias gesandt hat (20,22).

Herbert Böttcher