Startseite | Theologie | „Ich sah, dass der Geist vom Himmel herab kam wie eine Taube und auf ihm blieb“ (Joh 1,32). Die Taufe Jesu

„Ich sah, dass der Geist vom Himmel herab kam wie eine Taube und auf ihm blieb“ (Joh 1,32). Die Taufe Jesu

Joh 1,29-34

29 Am Tag darauf sah er Jesus auf sich zukommen und sagte: Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt! 30 Er ist es, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der mir voraus ist, weil er vor mir war. 31 Auch ich kannte ihn nicht; aber ich bin gekommen und taufe mit Wasser, damit er Israel offenbart wird. 32 Und Johannes bezeugte: Ich sah, dass der Geist vom Himmel herabkam wie eine Taube und auf ihm blieb. 33 Auch ich kannte ihn nicht; aber er, der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, er hat mir gesagt: Auf wen du den Geist herabkommen und auf ihm bleiben siehst, der ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft. 34 Und ich habe es gesehen und bezeugt: Dieser ist der Sohn Gottes.

Eine kleine Vorbemerkung zur Leseordnung

Mit dem Fest der Taufe Jesu schließt die Weihnachtszeit und es beginnt zugleich der Zyklus der Sonntage im Jahreskreis. Das Evangelium in den Gottesdiensten zum Fest der Taufe Jesu ist – je nach Lesejahr – den synoptischen Evangelien entnommen. Johannes kommt dann an den jeweils 2. Sonntagen im Jahreskreis noch einmal zu Wort mit Texten aus Joh 1 und 2, die dann auf drei Lesejahre verteilt sind, so dass ein Zusammenhang mit dem gesamten Text seines Evangeliums nicht erkennbar wird. Wir werden in den Auslegungen zu diesem und den kommenden Sonntagen – im Unterschied zur Leseordnung – dem Zusammenhang des Beginns des Evangeliums nach Johannes (1,19-2,12) folgen und dabei an den Prolog (1,1-17) und den Beginn der Erzählung (1,19-28), die in diesem Lesejahr (B) als Evangelium zum dritten Adventssonntag vorgetragen wurde, anknüpfen.

Zum Zusammenhang von Joh 1,29-34 mit dem Gesamttext des Evangeliums nach Johannes

Nach vorne hin ist – wie gesagt – unsere Perikope mit dem Prolog (1,1-18) und dem Beginn des Erzählfadens (1,19-28) verbunden. Johannes der Täufer tritt als Zeuge des Messias auf und wird von den amtlichen Behörden befragt. Was in dem nun folgenden Abschnitt (1,29-2,12) erzählt wird, spielt sich nach dem Tag der Befragung an weiteren aufeinander folgenden Tagen ab: Offenbarung und Taufe Jesu (1,29-34), das Hinzukommen der ersten Jünger: Andreas und Johannes (1,35-39) und Petrus (1,40-41) sowie Philippus und Natanael (1,43-51). Das Geschehen mündet ein in die Hochzeit zu Kana (2,1-12) als dem ersten Zeichen, in dem sich Jesu Herrlichkeit offenbart und das die Jünger zum Glauben kommen lässt (2,12).

Seht das Lamm Gottes…“ (Joh 1,29)

Unsere Perikope erzählt von dem ausdrücklichen Zeugnis, das der Täufer über Jesus ablegt: „Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt!“ (1,29). Das Bild vom Lamm Gottes stellt zwei Bezüge zum Ersten Testament her. Zum einen heißt es bei Jesaja über den Gottesknecht:

Er wurde bedrängt und misshandelt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf vor seinen Scherern verstummt, so tat auch er seinen Mund nicht auf.“ (Jes 53,7)

Und:

Er hob die Sünden der Vielen auf und trat für die Abtrünnigen ein.“ (Jes 53,12b)

Zum zweiten kommt Lev 16,21f zur Geltung:

Aaron soll seine beiden Hände auf den Kopf des lebenden Bockes legen und über ihm alle Schuld der Israeliten und all ihre Frevel mitsamt all ihren Sünden bekennen. Nachdem er sie auf den Kopf des Bockes geladen hat, soll er ihn durch einen bereitstehenden Mann in die Wüste schicken und der Bock soll all ihre Sünden mit sich in die Einöde tragen…“

Das griechische Wort im Evangelium nach Johannes, das mit ‚Sünde‘ übersetzt wird, meint Verirrung im Sinne des Verfehlens eines Zieles bzw. einen Fehler machen. Das gilt für Israel wie für die Welt. Israel hat das Ziel der Befreiung verfehlt, auf Macht gesetzt, und Könige über sich zugelassen. Das hat Israel gespalten und zerstört. Die Folge war das babylonische Exil. Bei dem Begriff ‚Welt‘ geht es nicht abstrakt um die immer irgendwie schlechte Welt als solche, sondern um die römische Welt, den Kosmos – wie es im griechischen Text heißt – die Welt(ordnung) Roms, deren Opfer auch Israel, vor allem im römischen Krieg gegen Israel geworden ist.

Gibt es aus diesen Verirrungszusammenhängen einen Ausweg? Der Tempel als Wohnort Gottes in seinem Volk ist zerstört, das Volk wird über das römische Reich verstreut. Der Evangelist Johannes sieht in dem Messias Jesus einen Weg, diese Verirrungen aufzuheben. Dies findet seinen Ausdruck im Zeugnis des Täufers: „Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt!“ (1,29). Hinweg genommen, aufgehoben werden sollen die Verirrungen Israels und der Weltordnung, genauer die Verstrickungen Israels in die Verirrungen der Weltordnung Roms, die in ihrer Herrschaft über die ‚Welt‘ zum Ausdruck kommt. Sie sollen wie der Bock aus Lev 16,21f in die Wüste geschickt werden. Der Weg, aus den Verirrungen herauszukommen, istzudem – das macht die Anspielung auf den Gottesknecht (Jes 53) deutlich – nicht der Kampf darum, die Herrschaft Roms mittels der Überlegenheit eigener Macht und Stärke durch eine neue Herrschaft zu ersetzen, sondern jegliche Herrschaft zu überwinden. Von einem solchen Weg erzählt der Evangelist, wenn er von dem Weg erzählt, den der Messias geht. Seine Solidarität mit denen, die unter der Weltherrschaft zu leiden haben, führt ihn an das Kreuz der Römer. Hier wird er zum von Rom geschlachteten Pessachlamm, zum ‚Lamm Gottes‘, in dem die Traditionen vom Sündenbock und vom Gottesknecht zusammen kommen. Dass der Evangelist Jesus als ‚Lamm Gottes‘ versteht, wird auch darin deutlich, dass Johannes die Hinrichtung Jesu auf den Tag vor Pessach fallen lässt, also auf Tag und Zeit, an dem die Pessachlämmer geschlachtet werden (Joh 19,33.36). Hier offenbart sich Jesus als ‚Lamm Gottes‘, als Misshandelter, der verstummt, als Bock, der als Opfer römischer Herrschaft die Verirrungen Israels und der Weltordnung (weg)trägt. Der Evangelist spannt also einen Bogen vom Zeugnis des Täufers bis hin zur Kreuzigung des Messias. Darauf läuft das, was er zu erzählen hat, hinaus.

Nach mir kommt ein Mann, der mir voraus ist…“ (1,30)

Der Täufer spricht von Jesus als einem „Mann“, der zeitlich nach ihm kommt, ihm aber dennoch „voraus ist“. Er ist ihm deshalb voraus, weil er – wie es wörtlich bereits in 1,15 heißt – „der erste“ ist. Für den Evangelisten ist der Messias deshalb der „erste“, weil er den Weg der Solidarität bis ans Kreuz der Römer gegangen ist und auf diesem Weg Gott selbst als das fleischgewordene Wort (1,14) ‚geschieht‘. Er kommt zur Geltung als Gott derer, deren Fleisch gefoltert wird und verblutet. So wird sichtbar, dass Befreiung nicht auf dem Weg der Herrschaft, sondern auf den Wegen der Solidarität mit ihren Opfern möglich werden kann. Daraus einen Kult der Ohnmacht Gottes oder einen Sinn der Opfer aufgrund der Nähe Gottes zu ihnen ableiten zu wollen, wäre verfehlt. Zur Geltung kommen muss die Macht und Stärke Gottes, die sich in der Ohnmacht zeigt. Sie wird in der Auferweckung des Gekreuzigten sichtbar, in der Roms Macht negiert wird. Gottes schöpferisches Wort im Anfang (Joh 1,1) ist auch sein ‚letztes Wort‘, das Wort, das er in der Auferweckung des Gekreuzigten als Anfang eines neuen Himmels und einer neuen Erde neu spricht. Nur wenn das gilt und zur Geltung kommt, verkommt die Rede von der Nähe Gottes im Leiden nicht zu einer überhöhenden, beschwichtigenden und leeren Vertröstung. Nur dann kann Gottes Wort neu aufrichten für Wege der Befreiung, nur dann hat die Hoffnung einen Grund, dass niemand verloren ist. Dies ist freilich eine Hoffnung, die zu groß erscheint. Deshalb bescheiden sich manche lieber mit kleineren Hoffnungen, die ‚realistischer‘ erscheinen. Zu deren Realismusgehört dann aber auch, dass es keine Rettung für die Opfer gibt, dass ‚letztlich‘ alle verloren sind. Die große und unbescheidene Hoffnung auf Rettung aller, die für den Evangelisten Johannes aus Jesu Solidarität mit den Opfern der Gewaltherrschaft erwächst, kommt nicht aus uns selbst, sondern ist uns von Generationen vor uns ‚überliefert‘. In dieser Überlieferung ist uns ihre Weigerung anvertraut, sich mit nicht weniger als der Rettung der Opfer und damit aller zufrieden zu geben. Genau dafür steht der Name Gottes. Solch unbescheidene Hoffnung kann nur lebendig bleiben, wenn sie immer neu erinnert und buchstabiert wird aus den biblischen Überlieferungen und als Widerspruch zu den Strukturen der Herrschaft, die als real und alternativlos gelten. Diese Hoffnung ist keine ‚Idee‘, sondern ist im Leben des Messias Fleischgeworden. Fleisch und anschauliche Gestalt bekommt sie auch im Leben der messianischen Gemeinde, in dem schon vorweg genommen wird, was für alle erhofft wird.

Und Johannes bezeugte, dass der Geist vom Himmel herabkam wie eine Taube und auf ihm blieb“ (1,32)

In dem Messias Jesus kommt Israels Gott zur Geltung, weil er ganz aus dem Geist des Gottes der Befreiung lebt. Nicht die römische Herrschaft prägt ihn, bestimmt seinen Charakter, die Form seines Lebens, sondern der Geist Gottes, der weder aus uns selbst noch aus der Immanenz der Geschichte abgeleitet werden kann, aber in der Geschichte seine Spuren hinterlassen hat. Auch hier schlägt der Evangelist wieder einen Bogen zum Ende seines Evangeliums. In der Stunde des Todes, nachdem alles „vollbracht“, der Weg der Solidarität an sein Ziel gekommen ist, neigte Jesus „das Haupt und übergab den Geist“ (19,30). Für Johannes ist dies die Stunde der Verherrlichung Gottes und des Messias, die Stunde, auf der das ganze Schwergesicht Gottes und des Weges liegt, den der Messias gegangen ist. Der Rom übergebene (ausgelieferte) Messias übergibt seinen Geist seinem Gott der Befreiung. Johannes benutzt für beide Zusammenhänge das gleiche griechische Wort. Hier wird bereits deutlich, dass der Messias nicht nur passives Opfer römischer Macht ist, sondern der letzte Akt ihm gehört: die Übergabe seines Geistes an Israels Gott, bei dem der Unterschied zwischen Lebenden und Toten aufgehoben ist.

Den Geist, der am Kreuz des Messias lebendig ist und zur Geltung kommt, macht die hinter verschlossenen Türen versammelten JüngerInnen am Ostertag wieder lebendig. Der Messias haucht sie an und sagt: „Empfangt den Heiligen Geist!“ (Joh 20,22). Als neue Schöpfung einer messianischen Gemeinde werden sie gesandt, „die Sünden“ zu erlassen, neu aufzubrechen und sich nicht von der Angst vor herrschaftlichen Gewalten und Strukturen bannen zu lassen. Wer jedoch weiter auf die Macht Roms setzen will, kann durch Gottes Geist auch nicht lebendig werden, folglich behält er seine Sünde (Joh 20,23).

Da es um neues Leben, um eine neue Schöpfung geht, ist es kein Zufall, dass der Täufer den Geist „wie eine Taube“ auf den Messias herabkommen sieht. Das Bild der Taube taucht in der Genesis (8,6-12) auf. Die Erde versinkt in den Fluten der Gewalt, die im Bilddes steigenden Wassers symbolisiert werden. Aus der vor den Fluten rettenden Arche schickt Noah eine Taube aus, um zu erkunden, ob die Erde wieder bewohnbar ist. Sie ist ein Zeichen für die Bewohnbarkeit der Erde. Wenn Johannes dieses Bild aufgreift, wird deutlich: Mit dem Messias Jesus will Israels Gott die Erde wieder zu einem bewohnbaren Ort des Lebens machen.

Auf wen du den Geist herabkommen und auf ihm bleiben siehst, der ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft“ (1,33)

Darin, dass der Geist auf hin herabkommt und auf ihm bleibt, ist der Messias gegenüber Johannes „der erste“. Der Unterschied zwischen Johannes und dem Messias kommt auch darin zum Ausdruck, dass Johannes mit Wasser tauft, um auf den Messias hinzuweisen und ihm den Weg zu bereiten. Der Messias selbst wird mit Heiligem Geist taufen. Er wird Gott und sein Volk wieder zusammenführen, den heiligen Gott und sein heiliges Volk. Dass sie zusammengehören, ist in der Tora mit dem Gebot formuliert: „Seid heilig; denn ich, der HERR, euer Gott, bin heilig“ (Lev 19,2). Gottes Heiligkeit ist die Trennung von Ägypten. Das beinhaltet sein Name, der befreit und mit der Versklavung bricht. Deshalb soll sich auch Israel als heiliges Volk seines heiligen Gottes von Mächten fern halten, die unterdrücken und versklaven. Vor diesem Hintergrund beinhaltet die Taufe mit dem Heiligen Geist die Trennung von Rom und die Zugehörigkeit zu Israels Gott der Befreiung wie sie im Weg des Messias zum Ausdruck kommt.

Dieser ist der Sohn Gottes“ (1,34)

‚Söhne Gottes‘ sind nicht mehr die Könige aus Israel, die bei ihrer Inthronisation als von Israels Gott adoptierte Söhne proklamiert wurden (vgl. Ps 2,7) und schon gar nicht die römischen Kaiser, die sich mit diesem Titel schmücken ließen. ‚Sohn Gottes‘ ist jener Messias, der sich Verhältnissen der Macht widersetzt und deren Opfern die Treue hält. Und auch hier begegnen wir wieder einer ‚Klammer‘ um das gesamte Evangelium des Johannes: Von dem vom Täufer bezeugten „Sohn Gottes“ heißt es am Ende des Evangeliums: Es ist „aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist (d.h. der Messias), der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben Leben habt in seinem Namen“ (Joh 20,31).

Herbert Böttcher