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Konflikte in der römischen Kolonie Philippi , Apg 16,16-24

Die Boten des Evangeliums haben die jüdischen Grenzen überschritten und sind in der römischen Kolonie Philippi angekommen (16,11). Hier kommt es an einer Gebetsstelle zur Begegnung mit Lydia (16,11-15.) Daran schließt unser Text (16,16-25) an:

16 Als wir einmal auf dem Weg zur Gebetsstätte waren, begegnete uns eine Magd, die einen Wahrsagegeist hatte und mit der Wahrsagerei ihren Herren großen Gewinn einbrachte. 17 Sie lief Paulus und uns nach und schrie: Diese Menschen sind Knechte des höchsten Gottes; sie verkünden euch den Weg des Heils. 18 Das tat sie viele Tage lang. Da wurde Paulus ärgerlich, wandte sich um und sagte zu dem Geist: Ich befehle dir im Namen Jesu Christi: Fahre aus dieser Frau aus! Und im gleichen Augenblick fuhr er aus. 19 Als aber ihre Herren sahen, dass sie keinen Gewinn mehr erhoffen konnten, ergriffen sie Paulus und Silas, schleppten sie auf den Markt vor die Stadtbehörden, 20 führten sie den obersten Beamten vor und sagten: Diese Männer bringen Unruhe in unsere Stadt. Es sind Juden; 21 sie verkünden Sitten und Bräuche, die wir als Römer weder annehmen können noch ausüben dürfen. 22 Da erhob sich das Volk gegen sie und die obersten Beamten ließen ihnen die Kleider vom Leib reißen und befahlen, sie mit Ruten zu schlagen. 23 Sie ließen ihnen viele Schläge geben und sie ins Gefängnis werfen; dem Gefängniswärter gaben sie Befehl, sie in sicherem Gewahrsam zu halten. 24 Auf diesen Befehl hin warf er sie in das innere Gefängnis und schloss ihre Füße in den Block.

Offensichtlich ist die Gruppe um Paulus am Sabbat immer wieder zu der Gebetsstätte gegangen, an der sie auf Lydia gestoßen waren. Nun begegnet ihnen hier „eine Magd, die einen Wahrsagegeist hatte und mit ihrer Wahrsagerei ihren Herren großen Gewinn einbrachte“ (16,16). Nach dem griechischen Text wird ihr Geist als ‚pythonisch‘ charakterisiert. Das verweist auf das Orakel von Delphi. Python heißt ein Drache. Auf den Kampf mit ihm wird das Orakel von Delphi zurück geführt. Pythia wird nun diejenige genannt, die das Orakel verkündete. Nach einem Orakel wurde gefragt, um eine Entscheidungshilfe zu bekommen. In ähnlicher Weise dürfte die „Wahrsagerin“, von der die Apostelgeschichte erzählt, ihren Befragern orakelhafte Auskünfte erteilt haben. Unser Text beschreibt sie als eine Wahrsagerin, die „ihren Herren großen Gewinn einbrachte“ (ebd.). Dies lässt daran denken, dass sie eine Sklavin mehrerer Herren war, die diese für eine größere Summe auf einem Sklavenmarkt gekauft hatten und nun gewinnbringend einsetzten.

Sie läuft nun der Gruppe um Paulus hinter her. Was sie dabei ‚wahrsagt‘, steht in Übereinstimmung mit dem Evangelium: „Diese Menschen sind Knechte des höchsten Gottes; sie verkünden euch den Weg des Heils“ (16,17). Dennoch „wurde Paulus ärgerlich“ (ebd.). Der Ärger dürfte nicht einfach auf Belästigung zurückzuführen sein, sondern inhaltliche Gründe haben:

  • Nach Dtn 18,10 soll es in Israel niemanden geben, „der Losorakel befragt“. In der griechischen Übersetzung (Septuaginta) der hebräischen Bibel werden die gleichen Begriffe verwendet wie bei Lukas. Demnach tut die Frau etwas, das nach der Tora verboten ist: die Deutung der Zukunft aus magischen Quellen. Wenn es etwas über die Zukunft als Verheißung oder Gericht zu sagen gibt, dann nur ‚aus der Schrift‘, aus der Reflexion der Wege der Befreiung, wie Israels Gott sein Volk führt.

  • Zum zweiten kommt hier eine ‚Weissagung‘ aus dem Mund einer ‚Besessenen‘. ‚Besessen‘ ist sie in einem doppelten Sinn: Sie ist ‚fremdbestimmt‘ von einem Geist, der sie in Abhängigkeit hält, und sie wird von einem Sklavenhalter ‚besessen‘, der mit ihr seine Geschäfte macht. Das hat auch dann etwas ‚Dämonisches‘, wenn aus dem Dämon die Wahrheit spricht. Den Vorgang aktualisierend ließe sich daran erinnern, dass das Bekenntnis zu Jesu Gott da pervertiert wurde und wird, wo es Herrschaft legitimierte und legitimiert. Ein solches Bekenntnis ist falsch, auch wenn sein Wortlaut ‚dogmatisch korrekt‘ ist.

  • Das Bekenntnis zu Israels Gott ist von den Wegen der Befreiung nicht zu trennen. Das deutet sich auch in dem ‚pervertierten‘ Bekenntnis der Wahrsagerin an, die davon spricht, dass „diese Menschen … euch den Weg des Heils verkünden“. Der Begriff ‚Wege des Heils‘ klingt in vielen Ohren so ‚fromm‘ oder nichtssagend, dass seine politische Bedeutung überhört wird. ‚Wege des Heils‘ sind die Wege, die der Kaiser weist. Interessant ist, dass der griechische Text – im Unterschied zur neuen Einheitsübersetzung – den Artikel weglässt, also nicht von dem, sondern von „einem Weg des Heils“ spricht. Im Zusammenhang mit den römischen Verhältnissen könnte das heißen: Die Gruppe um Paulus verkündet einen ‚anderen‘ Weg des Heils, als ‚den‘ Weg, den alle als den römischen Weg kennen.

Wenn also auch ein im Wortlaut richtiges Bekenntnis dadurch‚pervertiert‘ wird, dass es falsche Verhältnisse rechtfertigt, kann die Antwort nur Befreiung aus dieser Perversität sein. Entsprechend reagiert Paulus. Er wendet sich gegen den dämonischen Geist und sagt: „Ich sage dir im Namen Jesu Christi: Fahre aus dieser Frau aus!“ (16,18). „Im Namen Jesu Christi“, in dem der Name von Israels Gott lebendig ist, kann nur Befreiung geschehen. Deshalb ist das Bekenntnis zu Israels Gott und seinem Messias nur dann ‚richtig‘ und spricht die Wahrheit, wenn es in diesem Zusammenhang steht.

Die Reaktion der Herrschaft folgt auf dem Fuß. Paulus und Silas werden mit Prügeln bestraft, ins Gefängnis geworfen und in ‚Sicherheitshaft‘ genommen, im ‚Inneren‘ des Gefängnisses wie es im griechischen Text heißt. Als Grund wird genannt: „Es sind Juden; sie verkünden Sitten und Bräuche, die wir als Römer weder annehmen noch ausüben dürfen“ (16,21). Aus römischer Perspektive wird nicht zwischen ‚normalen‘ Juden und solchen, die dem Messias Jesus folgen, unterschieden. Entscheidend ist, dass sie gegen die römischen ‚Sitten und Bräuche‘ stehen. Da, wo Religionen sich als nicht konform mit der römischen Herrschaft erweisen, ist es mit der oft beschworenen römischen Religionstoleranz vorbei. ‚Sitten und Bräuche‘ gehören nicht einfach zu einem unverbindlichen Brauchtum, sondern haben die Aufgabe, römische Herrschaft zu inszenieren. Ihre Bewahrung bzw. Wiederherstellung als ‚mores maiorum‘, als Sitten der Vorfahren, war ein zentrales Anliegen des Augustus, der ja bei Philippi gesiegt und dort eine römische Kolonie angesiedelt hatte.

So ist es kein Zufall, dass Paulus und Silas „Unruhe in unsere Stadt bringen“ (16,20). Auf Unruhe reagierten die römischen Behörden ausgesprochen aufgeregt und repressiv. Gefahren für die ‚öffentliche Ordnung‘ sollten im Keim erstickt werden – erst recht in einer Zeit, in der auch nach dem Sieg Roms über den jüdischen Widerstand Unruhen immer wieder neu entfacht wurden. Und so gerät die Botschaft vom Messias Jesus in diesen Strudel. Paulus und Silas lernen, je mehr sie in die römische Welt kommen, die römischen Verhältnisse kennen. „Die Boten der Befreiung werden Gefangene.“1

1Gerhard Jankowski, Und dann auch den Nichtjuden. Die Apostelgeschichte des Lukas. Zweiter Teil (9,32-22,14) – Eine Auslegung. Texte & Kontexte. Exegetische Zeitschrift Nr. 98/99, 26. Jahrgang 2-3/2003, 82.