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Kirche in der Krise

„Wenn ein Virus um die Welt geht, müsste doch die Stunde der Kirche sein“, war in der Süddeutschen Zeitung zu lesen. Ob es tatsächlich die großen Erwartungen an ein Wort der Kirchen gab, die manche unterstellen, sei dahin gestellt. „Stunde der Kirche“ hätte es aber sein müssen, sich mit dem auseinanderzusetzen, was das Virus für Menschen bedeutet und welche gesellschaftlichen Probleme mit ihm deutlich werden. Statt dessen erleben wir eine Kirche, die mit sich selbst beschäftigt ist. Zuerst waren es mediale liturgische Inszenierungen, die das Bild bestimmten. Dann ging es um Hygienekonzepte, um wieder in den ‚normalen‘ Gottesdienstbetrieb einsteigen zu können. Und über allem erregte in der katholischen Kirche ein Verdikt aus Rom die Gemüter, nach dem Nicht-Priester keine Leitung übernehmen können. Sie lassen sich von Corona und all den Problemen, die darin zum Ausdruck kommen, kaum irritieren.

Nun kann es nicht darum gehen, die dringenden Fragen nach dem Amt beiseite zu schieben – erst recht nicht angesichts der Missbrauchsskandale. Es käme vielmehr darauf an, das Amt und die gesellschaftliche Dimension kirchlichen Dienstes aufeinander zu beziehen. Wie sähe ein Amt aus, das sich nicht in klerikaler Aura selbst erhöht, sondern sich aus der Erinnerung des Leidens legitimiert, die mit der jüdisch-christlichen Rede von Gott und seinem Messias untrennbar verbunden ist? Wie müsste ein Amt ‚strukturiert‘ sein, das ein Zeichen dafür ist, dass diese Tradition der Kirche inhaltlich vorgegeben‚ gleichsam ‚vorgesetzt‘ ist? Aufgabe der Leitung wäre es, in besonderer Weise Sorge dafür zu tragen, das diese Erinnerung in der Kirche lebendig sein und weitergegeben werden kann. Dafür wäre die Weihe ein Zeichen, ein Sakrament, zu dem der Zugang für alle Glieder der Kirche, für Frauen und Männer, geöffnet werden muss. Dann könnten alle ordiniert werden, denen in diesem Sinne Leitung anvertraut wird.

Herbert Böttcher

Zuerst veröffentlicht in der Rheinzeitung („Fixpunkt“, 11. September 2020)

(Eine ausführlichere Erläuterung zur Thematik des Amtsverständnis ist in Arbeit und wird voraussichtlich noch dieses Jahr veröffentlicht.)