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Zu Apg 2,37-41a

Zu Beginn der Corona-Zeit(en) hatten wir mit einer Lektüre der Apostelgeschichte begonnen, die kontinuierlich dem Text folgte. Aus aktuellen Gründen (Die Synode und ihr Bezug zu den Charismen, die Frage der Leitung als Charisma…) hatten wir die Lektüre der Apostelgeschichte zugunsten des Zusammenhangs unterbrochen, in den Paulus seine Reflexion über die Charismen gestellt hat (1 Kor 12-13). Nun soll versucht werden, den Faden der Apostelgeschichte wieder aufzugreifen:

Sie beginnt mit einer Vorrede, in der die Apg mit dem Evangelium des Lukas verbunden wird (1,1-3). Danach wird die Perspektive vorgestellt, die in der Apostelgeschichte als Weg dargestellt wird: der Weg zur Aufrichtung Israels, der zu den Völkern führt (1,4-8). Diesen Weg müssen die Jüngerinnen und Jünger ohne die leibhaftige Gegenwart des Messias Jesus gehen. Er wird in den Himmel ‚hinweg genommen‘ (1,9-11). Auf ihren bevorstehenden Weg bereiten sich die Jüngerinnen und Jünger durch das Studium der Schriften Israels und im Gebet vor (1,12-14). Zu dieser Vorbereitung gehört auch, dass Israel symbolisch vervollständigt wird. Schließlich geht es um die Aufrichtung ganz Israels, also aller Stämme. Deshalb muss der Kreis der Zwölf, der durch den Verrat des Judas reduziert war, wieder hergestellt und Matthias an seiner statt hinzugefügt werden (1,15-26). So vorbereitet kann bei der Vollendung der 50 Tage der Geist auf Israel gesandt werden (2,1-13). In der Kraft des Geistes hält Petrus seine erste Rede und deutet zunächst Joel 3,1-5 (2,14-21). Die Verheißung des Joel ist in Erfüllung gegangen, weil Gott den gekreuzigten Messias aufgerichtet und zu einem neuen Anfang für Israel gemacht hat (2,22-28). Dies wiederum bringt Petrus mit der Deutung von Ps 16 auf den Messias in Zusammenhang mit der Schrift (2,29-36).

Und genau da geht es weiter mit 2,37-41a:

 37 Als sie das hörten, traf es sie mitten ins Herz und sie sagten zu Petrus und den übrigen Aposteln: Was sollen wir tun, Brüder? 38 Petrus antwortete ihnen: Kehrt um und jeder von euch lasse sich auf den Namen Jesu Christi taufen zur Vergebung eurer Sünden; dann werdet ihr die Gabe des Heiligen Geistes empfangen. 39 Denn euch und euren Kindern gilt die Verheißung und all denen in der Ferne, die der Herr, unser Gott, herbeirufen wird. 40 Mit noch vielen anderen Worten beschwor und ermahnte er sie: Lasst euch retten aus diesem verdorbenen Geschlecht! 41 Die nun, die sein Wort annahmen, ließen sich taufen.

 Die Predigt des Petrus traf die Zuhörerinnen und Zuhörer „mitten ins Herz“ (V. 37) bzw. besser gesagt: Sie gab ihnen einen Stich durch das Herz. Dabei ist ‚Herz‘ im jüdischen Zusammenhang nicht Innerlichkeit, sondern mit dem Verstand und so mit Erkenntnis verbunden. Die mit Erkenntnis verbundene Erschütterung treibt zu der Frage: „Was sollen wir tun?“ (V. 37).

Die Antwort des Petrus ist: Umkehr und Taufe „zur Vergebung eurer Sündern“ (V. 38). Mit diesen beiden Stichworten stellt er eine Verbindung zu Johannes dem Täufer her, der eine Taufe zur Umkehr und Vergebung der Sünden propagiert hatte (Lk 3,3). Der Unterschied, den die Apostelgeschichte gegenüber der Taufe des Johannes macht, wird in der Formulierung „auf den Namen Jesu“ (V. 38) deutlich. Wenn wir die mit ‚auf‘ übersetzte griechische Präposition genauer wiedergeben, könnte es auch heißen: „aufgrund des Namens Jesu“. Dies würde dem inhaltlichen Zusammenhang der Apostelgeschichte bzw. dem Zusammenhang von Evangelium und Apostelgeschichte eher gerecht: Es geht um einen Neuanfang „aufgrund des Namens Jesu“. Der Erzählfaden der Apostelgeschichte wird deutlich machen, dass im Messias Jesus (seinem Leben, seinem Tod und seiner Auferstehung) Israels Gott, der Inhalt seines Namens, zu Geltung und Wirksamkeit kommt. Aufgrund dessen ist der neue Anfang, der neue Weg, von dem Lukas erzählt, möglich. Das Ziel des Weges ist die „Vergebung eurer Sünden“ (V.38). Gemeint sind die Abirrungen von den Wegen der Befreiung wie sie zum Beispiel darin zum Ausdruck kamen, dass ein Großreich Israel nach dem Sieg über die Römer restituiert werden sollte. Sünde meint, dass sich Israel von den Wegen der Befreiung und darin von Gott trennt, sich absondert, das Ziel der Befreiung verfehlt. All das wird „aufgrund des Namens Jesu“, d.h. aufgrund dessen, was in seinem Leben sichtbar wurde, vergeben. Wenn sich also Israel von den Wegen seiner Abirrungen trennt, kann es „aufgrund des Namens Jesu“ wieder neu an die Weg der Befreiung anknüpfen.

Der Neuanfang wird ermöglicht in der Kraft des Geistes. In Anlehnung an die Heilung des Gelähmten, die in 3,1ff erzählt wird, ließe sich auch sagen: Durch den Geist werden Menschen aufgerichtet und auf die Füße gestellt. Der Neuanfang ist zugleich verwurzelt ‚im Alten‘, in der „Verheißung“ (V. 39). Sie ist Israels Erbe, die mit dem Gottesnamen verbundene Befreiung. Sie hat ihre Wurzeln in der Befreiung aus Ägypten und der mit ihr verbundenen Offenbarung des Gottesnamens (Ex 3) und reicht zurück bis zur Berufung Abrahams, der aus seinem Vaterhaus heraus gerufen wird, um zum Vater und Segen „aller Sippen der Erde“ zu werden (Gen 12,1-3). Diese Verheißung beginnt mit dem Weg zu den Völkern Wirklichkeit zu werden; denn die Verheißung gilt „euch und euren Kindern … und all denen in der Ferne, die der Herr, unser Gott, herbeirufen wird“ (V. 39). Zugleich klingt Jes 57 an. Wer bei Israels Gott Zuflucht sucht, „der wird das Land erben“ (Jes 57,13). Gott ist „bei dem Zerschlagenen und dem im Geist Niedrigen, um den Geist der Niedrigen wieder aufleben zu lassen und das Herz der Zerschlagenen neu zu beleben“ (Jes 57,15). Der damit verbundene Friede gilt „dem Fernen und dem Nahen, so spricht der Herr, ich werde ihn heilen“ (Jes 57,19). Die fernen Völker werden mit den Nahen, mit Israel, verbunden, d.h. in seine Verheißungen einbezogen.

Die Antwort des Petrus schließt mit der Mahnung: „Lasst euch retten aus diesem verdorbenen Geschlecht“ (V. 40). Interessant ist das mit „verdorbenen“ übersetzte Wort. Es meint im strengen Sinn ‚krumm‘ und im übertragenen Sinn ‚verkehrt‘, ‚falsch‘[1]. Angespielt ist auf die Wüstengeneration, die immer wieder ‚krumme‘ Wege gegangen ist und die in Israel als warnendes Beispiel für ‚verkehrte‘ Wege steht. Ihr Beispiel soll als Mahnung erzählt werden, damit die späteren Generationen „nicht werden wie ihre Väter, ein Geschlecht voll Trotz und Empörung, ein Geschlecht, dessen Herz nicht fest war und dessen Geist nicht treu zu Gott hielt“ (Ps 78,8, vgl. auch Verse 21,31,59, außerdem Dtn 32,19.22).

In der Zeit des Lukas dürften zugleich die römischen Verhältnisse und mit ihnen die Versuchungen zu Anpassung wie es auch in den Versuchungen Jesu zum Ausdruck kommt (Lk 4,1-13) im Blick sein. Die Ermutigung zur Treue gegenüber Israels befreiendem Erbe verbindet die Antwort des Petrus mit der Erinnerung daran, dass die Wege der Befreiung auch scheitern können.

 

[1]     Vgl. Horst Balz, Gerhard Schneider (Hrsg.), Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Band III, Stuttgart Berlin Köln 2/1992, Stichwort skoliós, 606.