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Zur Taufe (Apg 2,36-42)

Apg 2,36-42

36 Mit Gewissheit erkenne also das ganze Haus Israel: Gott hat ihn zum Herrn und Christus gemacht, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt. 37 Als sie das hörten, traf es sie mitten ins Herz und sie sagten zu Petrus und den übrigen Aposteln: Was sollen wir tun, Brüder? 38 Petrus antwortete ihnen: Kehrt um und jeder von euch lasse sich auf den Namen Jesu Christi taufen zur Vergebung eurer Sünden; dann werdet ihr die Gabe des Heiligen Geistes empfangen. 39 Denn euch und euren Kindern gilt die Verheißung und all denen in der Ferne, die der Herr, unser Gott, herbeirufen wird. 40 Mit noch vielen anderen Worten beschwor und ermahnte er sie: Lasst euch retten aus diesem verdorbenen Geschlecht! 41 Die nun, die sein Wort annahmen, ließen sich taufen. An diesem Tag wurden ihrer Gemeinschaft etwa dreitausend Menschen hinzugefügt. 42 Sie hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten.

Sakramente sind durch Zeichen und Wort konstituiert. Die Zeichen greifen zurück auf die Schöpfung und die geschichtliche Wirklichkeit des Menschen. So werden Elemente der Natur zu Deutungen einer mit Schöpfung und Geschichte verbundenen, aber nicht in ihr aufgehenden transzendenten Wirklichkeit. Das Wasser steht als natürliches Symbol für Reinigung, aber auch für das Leben insgesamt, auch für seine Bedrohung. In der Heilsgeschichte ist das Wasser ein Zeichen für die Reinigung von Götzen (vgl. Ez 36,22-28). Es ist aber auch ein Bild für Bedrohungen, die Israel als Ganzes (Fluten des roten Meeres) und Einzelne aus dem Volk (Ps 69,1-3) erfahren haben. Aus der Erfahrung der Bedrohung wird eine Erfahrung der Rettung: Gott hat sein Volk aus den Fluten des roten Meeres gerettet (vgl. Ex 14,29, Ps 77,17.20). Diese Erfahrung der Rettung ist der Grund für die Hoffnungen des Volkes und von Einzelnen, aus unterschiedlichen Fluten von Unheilserfahrungen gerettet zu werden (vgl. Jes 43,1ff, Ps 69,34ff). Diese Rettung wird zum Symbol für die Rettung aus Tod und Untergang. Vor diesem Hintergrund werden Christen_innen auf den Tod des Messias getauft (Röm 6,3). Als auf den Tod des Messias Getaufte gehen sie aber auch in den Fluten des Todes nicht unter, sondern „wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben“ (Röm 6,4).

Das Wort, das zusammen mit dem Zeichen das Sakrament konstituiert, ist kein magisches Wort, sondern eine Kurzformel, die an heilsgeschichtliche Zusammenhänge erinnert und so das Zeichen im Kontext der Heilsgeschichte deutet. Sie ist keine Geschichte ‚über‘, sondern eine Geschichte inmitten des Unheils. In ihr wird aber deutlich, dass nach Gottes Willen nicht Unheil, sondern Rettung und Befreiung das ‚letzte Wort‘ haben sollen. Bei der Taufe wird dies an der Deutung des Wassers deutlich. Nicht die Fluten der Zerstörung, sondern das Wasser als Reinigung und Quelle des Lebens soll das ‚letzte Wort‘ haben. Dieses Zeichen des Wassers und seine Deutung wird verbunden mit dem Leben, dem Tod und der Auferweckung des Messias, auf dessen Tod die Messianer_innen nach Paulus getauft sind (Röm 6,3). Wie Gott in der Auferweckung des Gekreuzigten gegenüber seinem Messias sein ‚letztes‘ und endgültiges Wort der Rettung gesprochen hat, so, hoffen wir, wird er es auch gegenüber denen tun, die getauft sind. Die Getauften wiederum sind kein ‚exklusives‘ Völkchen der Geretteten, sondern sind – zur Gemeinschaft der Kirche verbunden – ihrerseits ein Zeichen dafür, dass Gottes Rettung und Befreiung auf alle Menschen und die gesamte Menschheit zielt. Insofern verbindet sich mit der Hoffnung der Getauften die Hoffnung auf die Rettung aller, vor allem und zunächst der Armen und Marginalisierten in der Welt des Reiches Gottes und seiner Gerechtigkeit. Die Getauften sind verbunden mit Israels Gott und seinem Messias. Daraus geht der Geist hervor, der das Leben der Getauften prägt und mit allen Getauften in der Gemeinschaft der Kirche verbindet.

Da Getaufte aus einem neuen Geist und so als ‚neue Menschen‘ leben, verbindet sich mit der Taufe der Gedanke der Umkehr. Dies kommt besonders deutlich in der Predigt des Petrus nach dem Pfingstereignis zum Ausdruck. Auf die Frage derer, die das Pfingstereignis erlebt haben:  „Was sollen wir tun, Brüder?“ antwortet Petrus: „Kehrt um und jeder lasse sich auf den Namen Jesu Christi  taufen…“ (Apg 2,38). Mit Umkehr ist die Abkehr von den Wegen gemeint, für die Ägypten und in der Gegenwart der Apostelgeschichte (Apg 2,36-42) das römische Reich stehen: Ausgrenzung der Armen, Herrschaft von oben nach unten bis hinein in die Familien. Die Abkehr von Herrschaftssystemen verbindet sich mit der Hinwendung zu Gottes Wegen, wie sie in der Tradition Israels im Messias Jesus sichtbar werden. Wer umkehrt und neu beginnt, dem sind die Sünden vergeben (V. 38). Sünde ist die Absonderung von Israels Gott der Befreiung und die Hinwendung zu Götzen vermeintlicher Befreiung, z.B. in der Anpassung an Rom oder heute an die mannigfaltigen Versuchungen eines globalen Kapitalismus. Die Taufe markiert den Bruch mit der Welt der Götzen und der mit ihnen verbundenen Dämonen (Nein! Ich widersage!) und das Bekenntnis zu den Wegen von Israels Gott und seinem Messias (Ja! Ich glaube!). Wer so umkehrt, dem schenkt Israels Gott „die Gabe des Heiligen Geistes“ (V. 38). In seiner Kraft hat Israels Gott die Welt ins Leben gerufen, in seiner Kraft haben die Propheten Kritik an Unrecht und Gewalt geübt, in seiner Kraft lassen sich die Anhänger_innen des Messias neu sammeln, um auch nach seiner Himmelfahrt seine Wege zu gehen – was bis heute und damit für alle Getauften gilt.

Als „neue Menschen leben“ bedeutet geprägt/geformt sein vom Messias Jesus, von seinem Leben, seinem Tod und seiner Auferstehung, neu in der Gesellschaft leben und der Herrschaft der Sünde und des Todes (den strukturellen, das Leben vernichtenden Gewalten und Gesetzen), den Götzen widerstehen. Diese Prägung kommt in der klassischen Formulierung vom ‚unauslöschlichen Merkmal‘, das den Getauften ‚eingeprägt‘ ist. Die lateinische Formulierung ‚character indelebilis‘ greift mit ‚character‘ einen griechischen Begriff auf, der mit ‚Prägung‘ oder auch Siegel bzw. Stempel übersetzt werden kann und sich im Deutschen in der Rede vom Charakter als der Prägung eines Menschen widerspiegelt. Die Prägung durch Jesu Leben und Tod kann – wie den Messias – so auch diejenigen, die auf seinen Tod getauft sind, in tödliche Konflikte führen. Aber auch hier gilt die Hoffnung: Wer mit Christus stirbt, wird auch mit ihm auferstehen. Für ihn soll das neue Leben in einem „neuen Himmel und einer neuen Erde“ (Offb 21) Wirklichkeit werden. Getaufte vertrauen darauf, dass Gott seine Verheißungen auch an ihnen wahr macht. Sie sind ein Zeichen dafür, dass Gottes Verheißungen nicht nur den Getauften, sondern allen Menschen gelten. In der Gemeinschaft der Kirche sind sie „Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der Menschheit“ (Lumen Gentium 1).

Welche existenzielle Bedeutung dies heute hat bzw. haben müsste, kann erahnt werden, wenn man bedenkt, wie stark alle Menschen in die kapitalistische Produktion und Konsumtion involviert sind, wie alle Menschen von (Lohn-)Arbeit und Geld abhängen und damit alle in struktureller Sünde leben – eine Umkehr kann im Fragment in ‚gerechterem’ Handeln und in einem sich von diesem Kosmos, dieser Weltordnung, distanzierendem und intervenierendem Denken geschehen. Darin könnten die Inhalte von Taufe und Glauben an den einen Gott seinen Messias und den Geist, der von ihnen ausgeht, wenigstens im Fragment schon Wirklichkeit werden.