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„Was er sagt ist unerträglich“ (Joh 6,60) – Gedanken zu Fronleichnam

Evangelium: Joh 6,51-58

51 Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt. 52 Da stritten sich die Juden und sagten: Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben? 53 Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch. 54 Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag. 55 Denn mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise und mein Blut ist wahrhaft ein Trank. 56 Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm. 57 Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und wie ich durch den Vater lebe, so wird jeder, der mich isst, durch mich leben. 58 Dies ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Es ist nicht wie das Brot, das die Väter gegessen haben, sie sind gestorben. Wer aber dieses Brot isst, wird leben in Ewigkeit.

 

„Was er sagt ist unerträglich“ (Joh 6,60). So fasst Johannes die Reaktion vieler Jünger auf die Brotrede in Kafarnaum zusammen.

Mit dieser Rede, die Johannes Jesus in den Mund legt, wird deutlich: In Jesus – lebend unter der real herrschenden römischen Weltordnung – wird eine neue Weltordnung, nämlich Gottes Lebensordnung sichtbar. Im Leben Jesu wird die Leben spendende Weltordnung Gottes deutlich, denn in, durch und mit dem Menschen aus Nazaret wirkt Gott, so dass Leben in Fülle Wirklichkeit wird.

„Er ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist.“ Seine Solidarität mit den von Rom Erniedrigten bringt Jesus ans Kreuz, das all denen droht, die sich der Herrschaft Roms widersetzen. Johannes geht es um das am Kreuz gequälte und gefolterte Fleisch des Menschen aus Nazaret. In diesem gefolterten Leib wohnt das Wort der Befreiung, in diesem Fleisch geschieht Israels Gott als Retter und Befreier. Wie er beim Auszug aus Ägypten sein Volk in seinem heiligen Zelt begleitet hat, zeltet er jetzt in dem gefolterten Fleisch des Menschen Jesu aus Nazaret. Das Kreuz der Römer wird zu einem Ort, an dem die Herrlichkeit des Gottessohnes zu sehen ist. Im Leben dieses Menschen geschieht Gottes Solidarität mit denen, die aus den Sklavenhäusern und Vernichtungslagern der Geschichte nach Rettung und Befreiung schreien. Israels Gott hält ihnen in dem gefolterten Fleisch des Messias die Treue. Wie er am Anfang die Schöpfung ins Leben ruft, spricht er in der Auferweckung des Gekreuzigten sein schöpferisches Wort neu. Es ist ein Wort der Befreiung für die Opfer und zugleich des Gerichts über die Verhältnisse von Herrschaft und Gewalt.

Im konkreten Leben seines Messias hat Gott alles gesagt und getan. Er hat alles geschehen lassen, was sein Wort versprochen hat. Mehr geht nicht. Jedoch müssen wir hinzufügen: Was an dem einen bereits geschehen ist, muss für alle noch Wirklichkeit werden. Deshalb hoffen wir, dass Gott für alle wahr machen wird, was er an diesem einen bereits wahr gemacht hat: Rettung und Befreiung aus Unrecht und Gewalt, aus Leid und Tod.

Die Botschaft von Christus als dem Gekreuzigten ist für „Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit“ (1 Kor 1,23f.). Die Identifikation mit dem gekreuzigten Messias, kauen seines Fleisches und trinken seines Blutes als Ausdruck dafür, ganz in seiner Spur zu sein, das ist, so sagt Johannes, das einzige, was das Leben erneuern kann.

Diese Erwartung wird zur Quelle widerständigen Handelns und einer unangepassten Hoffnung, die sich nicht mit dem Naheliegenden und Machbaren zufrieden gibt. Sie besteht darauf, dass alle Gewaltherrschaft überwunden werden muss, dass der Mensch kein erniedrigtes und beleidigtes Wesen sein darf, ja, dass auch der Tod als der letzte Feind des Lebens vor dem alles neu schaffenden Wort Gottes kapitulieren muss.

In einem Gekreuzigten Gottes Weg der Befreiung zu sehen, das war für viele Jünger  unerträglich. Ich denke, es war die große Schwierigkeit der Jünger damals, und es ist die große Schwierigkeit der Christen bis auf den heutigen Tag: wir können mit unserem Gott keinen Staat machen. Wir können nicht auf eine glanzvolle Gestalt zeigen, nicht auf einen mächtigen König, nicht auf ein höchstes Wesen. Christen blicken auf einen Gekreuzigten, man könnte auch sagen auf einen Flüchtling im Boot auf dem Mittelmeer, auf einen Flüchtigen an den Grenzen Europas.

Wenn wir miteinander Eucharistie feiern, dann gilt es, seinen am Kreuz geschundenen Leib in den Gesichtern und in den Leibern der geschundenen Menschen heute wahr und ernst zu nehmen. Und es gilt, entsprechend zu handeln: „Willst du den Leib des Herrn ehren“, so der Kirchenlehrer Johannes Chrysostomos im 4. Jahrhundert, „dann vernachlässige ihn nicht, wenn er unbekleidet ist. Ehre ihn nicht im Heiligtum mit Seidenstoffen, um ihn dann draußen zu vernachlässigen, wo er Kälte und Nacktheit erleidet. Jener, der gesagt hat: das ist mein Leib, ist der gleiche, der gesagt hat, ihr habt mich hungrig gesehen und mir nichts zu essen gegeben. Und was ihr dem geringsten meiner Geschwister angetan habt, habt ihr mir getan. Was nutzt es, wenn der eucharistische Tisch überreich mit goldenen Kelchen bedeckt ist, während jemand Hunger leidet. Beginne damit, den Hungrigen zu sättigen, dann verziere den Altar mit dem, was übrig bleibt.“ Not sehen und handeln, das ist der Auftrag des Herrn, den er uns in jeder Eucharistie mit auf den Weg gibt.

Als Papst Paul VI. 1968 auf dem Weg zum Eucharistischen Weltkongress nach Bogota war, traf er sich auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin in einer entlegenen Gegend mit Campesinos, um mit ihnen Eucharistie zu feiern. Er sagte damals zu diesen Menschen: „Ihr seid ein Zeichen, ein Mysterium der Präsenz Christi. Das Sakrament der Eucharistie bietet uns seine verborgene Gegenwart an, lebendig und real. Ihr seid auch ein Sakrament, ein Abbild des Herrn in der Welt, eine Widerspiegelung, die nicht sein humanes und göttliches Gesicht verbirgt. Die gesamte Tradition der Kirche erkennt in den Armen den gekreuzigten Jesus Christus.“ Paul IV. wollte den Campesinos und der gesamten Kirche damit zu verstehen geben, dass er in Bogota nicht einen glanzvollen Eucharistischen Kongress hätte feiern können, wenn er zuvor diese ausgebeuteten Landarbeiter übersehen hätte, wenn er nicht zuerst gefragt hätte: „Was braucht ihr, was kann ich für euch tun“, wenn er nicht zuvor in diesen Armen das Sakrament Christi, sein Antlitz, seinen geschundenen Leib erkannt hätte. Wir können also nur Eucharistie feiern, wenn wir um das Elend und das Leid dieser Welt wissen, Ungerechtigkeiten beim Namen nennen und sie bekämpfen. So bezeugen wir dann, dass der gekreuzigte Messias der Weg zum Leben ist.

Wenn wir miteinander Eucharistie feiern, dann wird das Leben des Messias Jesus in den Zeichen von Brot und Wein real gegenwärtig, das heißt all das, wofür er aufgestanden ist: sein Kampf für eine neue Welt, seine Hoffnung auf den Gott des Lebens. Die Welt verliert ihren Warencharakter und soll verwandelt werden in einen Ort neuen Lebens.

Wenn wir miteinander Eucharistie feiern, dann fordert uns die Gerechtigkeit der Tora heraus. Das geteilte Brot wird zum Zeichen für den Messias und für die kommende messianische Welt in Gerechtigkeit und Frieden.

Wenn wir miteinander Eucharistie feiern, dann wächst in uns der Widerstand gegen jede Herrschaft, denn das Brot der Eucharistie ist ein Zeichen für die messianische Welt, die nicht mehr von Herrschaft und Untergang bedroht ist.

Wenn wir miteinander Eucharistie feiern, also das Brot des Lebens essen, dann ist das ein Zeichen des Bleibens beim Messias, beim Vater und der verheißenden messianischen Welt. Es stärkt uns gegen die Versuchung, mit dem Messias zu brechen.

Wenn wir Eucharistie feiern, dann geht es darum, sich den Weg Jesu zu eigen zu machen und zu gehen.