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Die Charismen und der Körper des Messias als ‚Sozialraum‘ – auch Leib Christi genannt (1 Kor 12,12-27)

Die Trierer Bistumssynode hat es mit den Charismen. Sie denkt sie „vom Einzelnen“ her und auf eine (irgendwie) zu erneuernde Kirche hin. Der Perspektivwechsel „Charismen vor Aufgaben in den Blick nehmen“[1] will die „gewohnten Strukturen des kirchlichen Lebens“, die „manches Charisma behindern und verhindern“[2], durch Orientierung an den Charismen der Einzelnen aufbrechen. Gründlich verfehlt wird aber ausgerechnet die Perspektive, die Paulus bei seinen Reflexionen über Charismen wichtig ist und die auch für die Erneuerung der Kirche von entscheidender Bedeutung wäre: die Einsicht, dass es nicht einfach um die Kirche ‚an sich‘, sondern um ihre Aufgabe im Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse geht.

„Erhöhung der Erniedrigten“

Den gesellschaftlichen Ort und den damit verbundenen Konflikt hatte Paulus ja bereits in den ersten Versen seines Charismenkapitels deutlich gemacht: der Gegensatz zwischen der Anpassung an die gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse, an die „Gewalt“ der „stummen Götzen“, und dem Bekenntnis: „Jesus ist der Herr!“ (1 Kor 12,1-3). Dieser Konflikt ist auch da gegenwärtig, wo Paulus die messianische Gemeinde „als Spiegel der Weisheit Gottes“[3] beschreibt: Sie wird sichtbar in der Torheit des Kreuzes des Messias, das wiederum die „Weisheit der Welt“ des römischen Imperiums (1 Kor 1,20) als eine Torheit erweist, die sich in der Herrschaft der „stummen Götzen“ (1 Kor 12,2) zeigt[4]. Der Gegensatz zwischen Gottes Weisheit, die in der Torheit des Kreuzes sichtbar wird, und und den Herrschaftsweisheiten Roms wird deutlich in der Gemeinde von Korinth, die Paulus in seinem Kapitel über die Charismen als „Leib Christi“ beschreiben wird: In der Gemeinde von Korinth werden die Verhältnisse ‚umgestürzt‘: Die ‚Niedrigen‘ und ‚Verachteten‘, die nach den Weisheiten Roms nichts gelten, werden von Gott erwählt, „um das, was etwas ist, zu vernichten“ (1 Kor 1,28). Entsprechend sind Paulus Reflexionen über den Leib des Messias (1 Kor 12,12-27) als „Erhöhung der Erniedrigten“[5] zu verstehen.

1 Kor 12,12-27

12 Denn wie der Leib einer ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden: So ist es auch mit Christus. 13 Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt. 14 Auch der Leib besteht nicht nur aus einem Glied, sondern aus vielen Gliedern. 15 Wenn der Fuß sagt: Ich bin keine Hand, ich gehöre nicht zum Leib!, so gehört er doch zum Leib. 16 Und wenn das Ohr sagt: Ich bin kein Auge, ich gehöre nicht zum Leib!, so gehört es doch zum Leib. 17 Wenn der ganze Leib nur Auge wäre, wo bliebe dann das Gehör? Wenn er nur Gehör wäre, wo bliebe dann der Geruchssinn? 18 Nun aber hat Gott jedes einzelne Glied so in den Leib eingefügt, wie es seiner Absicht entsprach. 19 Wären alle zusammen nur ein Glied, wo bliebe dann der Leib? 20 So aber gibt es viele Glieder und doch nur einen Leib. 21 Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich brauche dich nicht. Der Kopf wiederum kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht. 22 Im Gegenteil, gerade die schwächer scheinenden Glieder des Leibes sind unentbehrlich. 23 Denen, die wir für weniger edel ansehen, erweisen wir umso mehr Ehre und unseren weniger anständigen Gliedern begegnen wir mit umso mehr Anstand, 24 während die anständigen das nicht nötig haben. Gott aber hat den Leib so zusammengefügt, dass er dem benachteiligten Glied umso mehr Ehre zukommen ließ, 25 damit im Leib kein Zwiespalt entstehe, sondern alle Glieder einträchtig füreinander sorgen. 26 Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle Glieder mit. 27 Ihr aber seid der Leib Christi und jeder Einzelne ist ein Glied an ihm.

 Obgleich viele, ein Leib (1 Kor 12,12)

Paulus beschreibt die Gemeinde in Korinth mit dem Bild des menschlichen Körpers. Er ist ein Leib, bildet eine Einheit, hat aber viele Glieder. Dem entsprechen der eine Geist und die vielen Gaben, der eine Herr und die vielen Dienste (1 Kor 12,4.5). Vom Bild auf die in ihm ausgedrückte Sache übergehend sagt Paulus: „So ist es auch mit Christus“ (1 Kor 12,12). Damit hat Paulus nicht den individuellen Christus, etwa den konkreten Leib des irdischen Jesus im Blick. Dann wäre die Aussage recht banal und besagte: Auch Jesus hatte einen Leib mit vielen Gliedern wie halt jeder menschliche Leib. Mit seiner Rede vom Leib Christi knüpft Paulus an kollektive Vorstellungen an wie sie aus der jüdischen Tradition vertraut sind: Adam als Ausdruck für die Menschheit oder der ‚Gottesknecht‘ als Gestalt des Volkes Israel. Besonders nahe ist die Gestalt des Menschensohns (Dan 7). Er ist eine Gegenfigur zu den verschiedenen Systemen der Herrschaft (so auch zu dem Standbild, das der König zur Verehrung aufstellen ließ, vgl. Dan 3). Zugleich verbindet sich mit  dem Menschensohn das Bild der „Heiligen des Höchsten“ (Dan 7,18). Ihnen wird Gottes Königtum anvertraut, nachdem die Herrschaft vernichtet ist. Mit den „Heiligen des Höchsten“ hat der Menschensohn einen sozialen Ort, eine Verkörperung. In Analogie dazu wäre die messianische Gemeinde als Leib Christi als Körper bzw. Verkörperung oder ‚Körperschaft‘ des Messias zu verstehen.

„Alle in einen einzigen Leib aufgenommen“ (1 Kor 12,13) oder: Der eine Leib und das eine Brot (1 Kor 10,17)

Für die Kirche käme es also nicht darauf an, als ‚unternehmerische Kirche‘ in Sozialräumen nach neuen Absatzmärkten für pastorale und spirituelle Dienstleistungen Ausschau zu halten[6], sondern sich als ‚Sozialraum Christi‘ zu verstehen und das in diesem Raum tradierte herrschaftskritische Gedächtnis des Glaubens angesichts der gegenwärtigen Verhältnisse zur Geltung zu bringen. Der ‚Sozialraum des Messias‘ wäre nicht als gesellschaftliche Nische zu verstehen, sondern als ein Ort der Kritik an den gegenwärtigen kapitalistischen Verhältnissen, in denen Menschen, deren Arbeit nicht verwertbar ist, als ‚Überflüssige‘ zu ‚Müll‘ und ‚Abfall‘ werden[7] und die Verwertbaren zu Anhängseln der Verwertungsmaschinerie des Kapitals.

Für Paulus ist der ‚Sozialraum‘ des ‚Leibes Christi‘ auf das Engste mit dem Herrenmahl verknüpft: „Ein Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot“ (1 Kor 10,17) – ebenso wie „der Kelch des Segens, über den wir den Segen sprechen, … Teilhabe am Blut Christi“ (1 Kor 10,16) ist. Im Herrenmahl bzw. in Abendmahl und Eucharistie wird in der Erinnerung an das Leben, den Tod und Auferweckung des Messias die „Erhöhung der Erniedrigten“ gefeiert – bis er kommt in Herrlichkeit. Die hier gefeierte Erinnerung kann nicht in einer gesellschaftlichen Nische, etwa der Feiernden, bleiben. In ihr steckt ja die Hoffnung auf eine Welt, in der die Herrschaft der einen über die anderen überwunden ist. „Wenn wir Eucharistie feiern, dann wächst in uns der Widerstand gegen jede Herrschaft; denn das Brot der Eucharistie ist ein Zeichen für die messianische Welt, die nicht mehr von Herrschaft und Untergang bedroht ist.“[8] Der Leib Christi ist ‚verkörpert‘ in Brot und Wein ebenso wie in der messianischen Gemeinde. In beiden ist die „Erhöhung der Erniedrigten“ lebendig. Für diejenigen, die mit der Taufe in diesen Leib aufgenommen sind, kann es keine Trennung mehr in „Juden und Griechen, Sklave und Freie“  geben; „denn alle wurden mit dem einen Geist getränkt“ (1 Kor 12,13). In dem einen Geist Gottes, der in seinem Messias lebendig ist, hat die Vielzahl der Charismen ihre Wurzel und ihre Quelle. Erst  in diesem Sinne ‚radikal‘, weil inhaltlich von dieser ‚Wurzel‘ (lateinisch radix) her bestimmt können Charismen die „gewohnten Strukturen des kirchlichen Lebens“[9] durchbrechen. Nur so sind sie davor gefeit, mit ‚Kompetenzen‘ verwechselt zu werden, mit deren Hilfe die Kirche als ‚unternehmerische Kirche‘ auf die vermeintliche ‚Höhe der Zeit‘ gebracht werden soll – und das noch ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, zu dem sich die (Post-)Moderne im Sturzflug befindet.

Der eine Leib „aus vielen Gliedern“ (1 Kor 12,14-20)

Mit dem Bild von dem Leib, „der nicht nur aus einem, sondern aus vielen Gliedern“ (1 Kor 12,14) besteht, greift Paulus ein Bild auf, das in der römischen Herrschaftswelt vertraut ist. In der Darstellung des römischen Geschichtsschreibers Livius spielt es in einer Rede des Menenius Agrippa eine wichtige Rolle[10]. In dieser Rede geht es um einen Konflikt zwischen Plebejern und Patriziern. Die ersteren weigerten sich, zugunsten der Patrizier, der gesellschaftlichen Elite, zu arbeiten. Damit aber ist das Gefüge der hierarchischen Ordnung gefährdet. Menenius verweist darauf, dass der (Staats-)Körper nur lebendig sein kann, wenn alle seine Glieder so zusammenwirken, dass der Gesamtkörper leben kann. „Das Gleichnis soll den Plebejern plausibel machen, dass sie arbeiten müssen, die gesellschaftliche Elite aber nicht, weil doch das Gemeinwesen insgesamt ‚ein Körper‘ ist.“[11]

Dieses Bild dürfte Paulus aufgegriffen haben, um Konflikte in der römischen Gesellschaft, die  auf die Gemeinde in Korinth ausgestrahlt haben, zu bearbeiten. Dass es um Konflikte geht, wird bereits dadurch deutlich, dass Paulus von „schwächer scheinenden“, „für weniger edel“ angesehenen (1 Kor 12,22) und „weniger anständigen“ (1 Kor 12,23) Gliedern spricht. Gemeint sind wohl die Genitalien, „die auch bei der härtesten Körperarbeit mit irgendeinem Lendenschurz oder Kittel bedeckt wurden“[12]. Die Begriffe ‚schwächer‘, ‚weniger edel‘ (wörtlich ‚weniger geehrt‘) und ‚weniger anständig‘ erinnern an die Charakterisierung der Gemeinde von Korinth durch „das Törichte“, „das Schwache“, „das Niedrige“, „das Verachtete“, „das, was nichts ist“ zu Beginn des Briefes (1 Kor 1,26ff.). Die gesellschaftlichen Spaltungen drohen auf die Gemeinde überzugreifen, wenn sich in der Gemeinde der Gegensatz zwischen ‚Starken‘ und ‚Schwachen‘, ‚Geehrten‘ und ‚Verachteten‘ verfestigt. „Damit im Leib kein Zwiespalt (griechisch: Schisma) entstehe, sondern alle Glieder einträchtig füreinander sorgen“ (1 Kor 12,25), muss es im ‚Leib Christi‘ anders bzw. umgekehrt zugehen als im ‚Leib‘ der römischen Gesellschaft. Den „für weniger edel“ angesehenen Gliedern ist „um so mehr Ehre“ und den „weniger anständigen“ … um so mehr Anstand“ (1 Kor 12,23) zu erweisen. Paulus benutzt das Bild vom Leib „genau mit umgekehrter Zielrichtung“ als es in römischen Zusammenhängen als Legitimation einer hierarchischen Gesellschaft auftaucht, nämlich dazu, „die gesellschaftlichen Unterschiede zwischen Besitzenden und Besitzlosen in der Gemeinde zu verändern“[13]. Im Blick ist dabei die „Erhöhung der Erniedrigten“. Sie zielt darauf, die Spaltungen endgültig dadurch zu überwinden, dass „das Starke“ und „das, was etwas ist“ in seiner Macht zuschanden und vernichtet wird (1 Kor 1,27f).

Statt „Zwiespalt“ die solidarische Einheit des ‚Leibes Christi‘  (1 Kor 24b-27)

Das Bild von dem einen Leib und den vielen Gliedern zielt auf eine Welt in Gerechtigkeit und Solidarität. Dieses Bild soll die messianische Gemeinde prägen. Dann sind die Spaltungen in Herren und Sklaven überwunden. An ihre Stelle tritt eine Gegenseitigkeit, die sich im Mitleiden am Leid der anderen und in der Mitfreude an der Freude der Geehrten zeigt. Dann ist die Gemeinde „Leib Christi und jeder einzelne ist ein Glied an ihm“ (1 Kor 12,27). In einer Theologie, die Christus als Ur- und die Kirche als Grundsakrament versteht, heißt das: „Die Kirche ist … in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der gesamten Menschheit.“[14]        

 

[1]     Abschlussdokument der Synode im Bistum Trier heraus gerufen. Schritte in die Zukunft wagen, Trier 2016, 18f.

[2]     Ebd., 18.

[3]     So die Überschrift über 1 Kor 1,26 – 2,5 in der neuen Einheitsübersetzung.

[4]     Ähnlich sagt Paulus in Röm 1,23 auf den Kaiserkult anspielend: Die Menschen (unter der Herrschaft Roms) „vertauschten die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes mit Bildern, die einen vergänglichen Menschen … darstellen“.

[5]     Luise Schottroff, Der erste Brief an die Gemeinde in Korinth, Stuttgart 2013, 251.

[6] Vgl. Herbert Böttcher, Auf dem Weg zu einer ‚unternehmerischen Kirche‘ im Anschluss an die abstürzende (Post-) Moderne, in exit! Krise und Kritik der Warengesellschaft, Heft 17 (2020), 179-238, 196ff.

[7] Vgl. Papst Franziskus, Evangelii gaudium. Apostolisches Schreiben über die Verkündigung des Evangeliums in der Welt von heute, Nr. 53.

[8] Paul Freialdenhoven, „Was er sagt, ist unerträglich“ (Joh 6,60): Am gekreuzigten Messias scheiden sich die Geister. Predigt zu Joh 6,60-69, in: Ökumenisches Netz Rhein Mosel Saar (Hrsg.), „Brot, das vom Himmel herab gekommen ist“, Koblenz 2018, 40-44, 43.

[9] Abschlussdokument der Trierer Bistumssynode, 18.

[10]   Zum Zusammenhang vgl. Schottroff, 252f.

[11]   Ebd., 253.

[12]   Ebd., 250.

[13]   Ebd., 253

[14]   II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche, Nr. 1.