Startseite | Theologie | Lieb-lose und unsolidarische Charismen? (1 Kor 13,1-3)

Lieb-lose und unsolidarische Charismen? (1 Kor 13,1-3)

1 Kor 13,1-3

1 Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke. 2 Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts. 3 Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte und wenn ich meinen Leib opferte, um mich zu rühmen, hätte aber die Liebe nicht, nützte es mir nichts.

 Das 13. Kapitel des ersten Briefes des Paulus an die Gemeinde in Korinth wird gerne aus seinem Zusammenhang gerissen. Herauskommt dabei – ganz vom Einzelnen her gedacht – ein Loblied auf die Liebe in persönlich-privaten Beziehungen, vor allem in der Ehe. Bei Paulus aber steht der Text 1 Kor 13 im Zusammenhang mit seinen Überlegungen zu den Charismen. Bereits die Verbindung zu 1 Kor 12,31, dem unmittelbar vorausgehenden Vers, macht deutlich: Paulus will einen Weg zu den „höheren bzw. größeren Gnadengaben“ aufzeigen. Gemeint ist die Liebe – nicht die ‚private‘ Liebe, sondern die Agapä (griech.). Sie ist Ausdruck solidarischer Beziehungen in der messianischen Gemeinde. Sie steht im Gegensatz zu Herrschaftsbeziehungen, die durch Über- und Unterordnung bestimmt sind (vgl. Gal 3,26ff); sie ist auch nicht eine eigene Gabe über den anderen Charismen, sondern kommt in den unterschiedlichen Charismen zur Geltung.

Ohne Solidarität sind die Charismen nichts. Sie können nicht ihre befreiende und schöpferische Kraft entfalten und laufen ins Leere. Dann aber wären auch ihre Träger – wie Paulus sich einbeziehend sagt – nichts. Liebe bzw. Solidarität ist inhaltlich vom Sch‘ma Israel, dem Hören auf Israels Gott der Befreiung, und der Tora zu verstehen (Dtn 6,4): „Höre Israel! Der HERR, unser Gott, der HERR ist einzig. Darum sollst du den HERRN, deinen Gott, lieben (in der griechischen Übersetzung der Tora steht hier für lieben agapao) mit ganzem Herzen und mit ganzer Kraft.“

Der Tora entsprechend wird im griechischen Judentum ebenso wie im Zweiten Testament die Gottes‘liebe‘ mit der Nächsten‘liebe‘ verbunden (vgl. 12, 29-30). Israels Gott kann inhaltlich nicht vom Hören auf die Schreie der Versklavten und von der Suche nach Wegen der Befreiung, und damit von Wegen der Compassion, der Empfindsamkeit für das Leid von Menschen und von Wegen der Solidarität getrennt werden. Wenn Paulus in 1 Kor 13,8-12 von der Erkenntnis Gottes spricht, geht es nicht um die Erkenntnis eines ‚höheren Wesens‘, sondern um die Erkenntnis von Israels Gott. Nach Paulus gibt er sich mitten in der Gewalt, die Menschen im römischen Reich erleiden, zu erkennen (2 Kor 12,7-10). Gegenseitige Solidarität ist das Band, das die Einzelnen und das Volk mit Gott und untereinander verbindet. Außerhalb dieses Bandes ist ‚alles nichts‘: Erbauliche Innerlichkeit, die in den Tiefen des eigenen Selbst Gott zu erfahren meint ebenso wie die scheinbar heilende Selbsterfahrung des vereinzelten bürgerlichen Ichs. Erst vermittelt über Compassion und Solidarität können sich die Charismen als die „höheren bzw. größeren Gaben“ (1Kor 12,31) zum Nutzen aller in der messianischen Gemeinde entfalten.

In 1 Kor 13,1 grenzt Paulus Liebe/Solidarität vom Reden „in den Sprachen der Menschen und Engel“ ab. Ohne Solidarität wäre das alles „dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke“. Solches Reden wäre von der „Weisheit dieser Welt oder der Machthaber dieser Welt“ (1 Kor 2,6) nicht zu unterscheiden. Es stände im Dienst der Inszenierung der Macht, die einhergeht mit der Selbstinszenierung ihrer Träger – bis hin zu den, letztlich eher ohnmächtigen – Inszenierungen eines ‚unternehmerischen Selbst‘ oder den Inszenierungen einer ‚unternehmerischen Kirche‘. Liebe/Solidarität findet ihren Ausdruck in der Tora und in den Wegen des Messias Jesus. „Es ist diese Gottheit, die den von Rom hingerichteten Messias auferweckt hat und ihm den Leib Christi gegeben hat.“[1]

In 1 Kor 13,2 spricht Paulus von Prophetie, dem Wissen um „alle Geheimnisse“, von umfassender „Erkenntnis“ und „aller Glaubenskraft“. Er überbietet sich geradezu in Formulierungen, die auf die Fülle all dieser Gaben hinauslaufen. Das alles aber – selbst die Gabe der Gotteserkenntnis – ist Spuk und Spektakel, Lug und Trug, wenn es nicht gespeist ist von einer Solidarität, die empfindsam ist für das Leiden von Menschen unter Unrecht und Gewalt ebenso wie dafür, dass Gott nicht ‚jenseits‘ davon in leidfernen mystischen Erfahrungen zu erkennen ist. Das spricht nicht gegen Mystik als Ausdruck der Sensibilität für das nicht zu definierende und unverfügbare Geheimnis Gottes. Solche Mystik aber kann – wie Johann Baptist Metz eingeschärft hat – keine Mystik der geschlossenen Augen sein. Sie zeigt sich als für die menschlichen Leidensgeschichten empfindsame „Mystik der offenen Augen“[2]. Darum könnte auch Dorothee Sölle zu kurz greifen, wenn sie die mystische Erfahrung unter der  Überschrift „Wir sind alle Mystiker“[3] gleichsam ‚demokratisieren‘ will. Entscheidend ist die inhaltliche Frage nach der Mystik. Ähnliches gilt für die Rede von Israels Gott als Gott aller Menschen. Soll diese Rede nicht in der Unverbindlichkeit eines ‚höheren Wesens‘ aufgehen, bleibt die Frage entscheidend, was denn inhaltlich über diesen Gott zu erzählen und zu sagen ist. Selbst wenn Paulus „alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht“, müsste er von sich sagen: Ich wäre nichts. Auch die Glaubenskraft ist nichts, wenn sie – wie in den Versuchungsgeschichten der Evangelien (vgl. Mt 4,1-11; Lk 4,1-13) deutlich wird – auf Events und Spektakel zielt, mit denen sich die Inszenierer ins Blickfeld rücken, statt die Glaubenskraft  im solidarischen Dienst an der Befreiung wirksam werden zu lassen.

In 1 Kor 13,3 unterstreicht Paulus noch einmal: Ohne Solidarität ist alles nutzlos. Auch hier bezieht sich Paulus wieder selbst ein: Auch „wenn ich meine ganze Habe verkaufte und wenn ich meinen Leib opferte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts“. Selbst die Hingabe von Besitz und Leben ist sinn- und wertlos, wenn sie nicht im Dienst der Solidarität und Befreiung geschieht. Es ist pervers, Caritas zu betreiben, um glaubwürdig zu sein, und noch perverser, das Martyrium um des Martyriums willen zu suchen. Das könnte im Interesse der Selbstbeweihräucherung stehen oder als Weg verstanden sein, unmittelbar ins Paradies zu kommen und da zu den ‚Größten‘ zu gehören. Hingabe von Besitz und Leben werden pervertiert, wenn sie losgelöst vom Inhalt als Selbstzweck gesucht werden. Und auch Inhalte können pervers sein, wenn z.B. die Hingabe des Lebens von Soldaten im Krieg eingefordert wird. Inhaltlich entscheidend bleibt für Paulus der von Liebe/Solidarität untrennbare Gottesgedanke und die mit ihm verbundene solidarische Hoffnung auf die Rettung und Befreiung aller.

Nachschlag:

 Weil ich mich noch einmal neu mit der ‚Unternehmerischen Kirche‘ beschäftige und mir heute – allerdings ‚zufällig‘ oder vielleicht doch ‚providenziell‘? – ein alter Text von Karl Rahner unter dem Titel „Der Mensch von heute und die Religion“[4] vor die Augen gefallen ist, kann ich der Versuchung nicht widerstehen, eine kleine Passage anzuhängen:

 „Wenn wir genau zusehen, dann ist der Manager in einem existentialontologischen und wirklich ethischen Sinn dort gegeben, wo jemand alles in seinem Leben nur noch als abgeleitete Funktion seines Unternehmertums betrachten kann, wo er sein Leben und sein Unternehmen einfach identifiziert. Das aber muss zu einer Pervertierung der übrigen Vollzüge des Lebens führen, selbst wenn sie materiell noch vorhanden sind, selbst wenn scheinbar noch alles da ist, was zu einem Menschenleben gehört. Wenn also zum Beispiel Ehe, Kunst, sogar Religion, Freundschaft und alles andere in einem Menschenleben Mittel oder Formen der Repräsentation des Unternehmerdaseins werden, wenn sie bewusst oder unbewusst als Fortsetzung des Unternehmerlebens als eines solchen gelebt werden, wenn eine Sinnblindheit gegenüber diesen anderen Wirklichkeiten des menschlichen Lebens eintritt und all diese Vollzüge nichts mehr an tragendem und rechtfertigendem Sinn in sich tragen als das, was sie für das Unternehmertum und das Unternehmen bedeuten; wenn es wirklich wahr ist, was als dummer Spruch, der oft in irgendeiner Form in den Todesanzeigen steht: ‚Er lebte ganz für sein Unternehmen‘: dann tritt eine Verkürzung, ein Sinnschwund des menschlichen Lebens ein, der dem Menschen verhängnisvoll wird.“[5]

 Preisfrage:

Was kommt heraus, wenn wir statt von ‚Unternehmern‘ und ‚Unternehmen‘ zu reden, im Text an den entsprechenden Stellen ‚unternehmerische Kirche‘ einsetzen und an das Verhältnis einer ‚unternehmerischen Kirche‘ zu ihren Grund- und anderen Vollzügen denken?

 

[1]     Luise Schottroff, Der erste Brief an die Gemeinde in Korinth, Stuttgart 2013, 257.

[2]     Johann Baptist Metz, Mystik der offenen Augen. Wenn Spiritualität aufbricht, Freiburg im Breisgau 2013.

[3]     Dorothee Sölle, Mystik und Widerstand. „Du stilles Geschrei“, Hamburg 1997, 25ff.

[4]     Karl Rahner, Der Mensch von heute und die Religion, in: ders. Schriften zur Theologie, Band VI, Zürich Einsiedeln Köln 2/1968, 13 – 33.

[5]     Ebd., 13f.