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12. Sonntag im Jahreskreis – Auslegung des Evangeliums

Evangelium: Mt 10,26-33

26 Darum fürchtet euch nicht vor ihnen! Denn nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird. 27 Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet im Licht, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet auf den Dächern! 28 Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch eher vor dem, der Seele und Leib in der Hölle verderben kann! 29 Verkauft man nicht zwei Spatzen für einen Pfennig? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen eures Vaters. 30 Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. 31 Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen. 32 Jeder, der sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. 33 Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen.

1938 schrieb Dietrich Bonhoeffer in der Zeit und im Kampf der „Bekennenden Kirche“: „Billige Gnade ist der Todfeind unserer Kirche. Billige Gnade ist Gnade ohne Nachfolge, Gnade ohne Kreuz, Gnade ohne Christus. Teure Gnade ist dagegen ‚Gnade, die in die Nachfolge ruft’, teuer ist sie, weil sie den Menschen das Leben kosten kann. Gnade ist sie, weil sie ihn ins wahre Leben führt.“

Nachfolge fordert heraus. Wer wirklich die Nachfolge Christi antritt, der sieht auf den, der mit ihm geht und ihm vorangeht. Er sieht auf die Verheißung und die Zukunft der Nachfolge.

„Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können. Verkauft man nicht zwei Spatzen für ein paar Pfennig? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen eures Vaters. Bei Euch aber sind die Haare auf dem Kopf alle gezählt.“

Das heißt: Gott kennt die Seinen und vergisst sie nicht. Diese Gewissheit ist die Verheißung der Nachfolge. Ich bin in Gott geborgen. Ich werde nicht fallen. Gott behält die Seinen im Auge, Gott ist bei ihnen. Was ihnen geschieht, das geschieht ihm. Er geht mit ihnen ins Gefängnis. Der in solchem Vertrauen geborgene Mensch ist ein zutiefst getragener Mensch. Was immer ihn bedrängt, das trifft ihn im Letzten nicht. Er ist so an einem Punkt in seinem Herrn unangreifbar und allem überlegen. Er ist souverän.

Nachfolge ist das Bekenntnis zu Jesus Christus. „Wer sich nun vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde ich mich auch vor meinem Vater im Himmel bekennen.“

Nachfolge heißt Bekennen und Bekennen heißt Nachfolge. Daher bedeutet die Nichtnachfolge Verleugnen und Verleugnen Nichtnachfolge. Beides hat Konsequenzen für das zukünftige Leben und das zukünftige Leben bei Gott hat Konsequenzen für unser jetziges Leben. Ich finde es befreiend, dass hier zuerst Christus das Subjekt des Bekenntnisses ist: er bekennt uns vor Gott. Er ist unser Zeuge im Gericht. Er tritt für uns ein mit Wort und Tat, mit seiner Treue bis zum Tod.

Zeugnis und Nachfolge der Glaubenden richten sich am Zeugnis und an der Hingabe Christi aus. Wie sein Zeugnis öffentlich ist, so ist auch das Bekenntnis der Christen öffentlich und nicht privat. Die Sache Christi, Befreiung und Gerechtigkeit, ist keine Privatsache, wie viele ihre Religion verstehen.

Wie Jesu Zeugnis ungeteilt und ganz ist, so ist auch das Zeugnis der Christen ungeteilt. Die Begrenzung auf den Bereich der Innerlichkeit oder des Religiösen, die Ausklammerung des Politischen und Ökonomischen zerteilt Christus und führt zur Verleugnung. Das christliche Zeugnis ist immer mit der Frage nach Gerechtigkeit und die Infragestellung von Macht verbunden, wenn es ungeteilt christlich sein will.

Das Zeugnis der Christen ist Lebenszeugnis der Nachfolge. Kein bekennender Glaube ohne Nachfolge, keine reale Nachfolge ohne deutliches Bekenntnis. Wie wird Christus heute bekannt und wie folgt man ihm nach? Wo ist Christus heute gegenwärtig? Christus ist gegenwärtig und erwartet unser Bekenntnis zu ihm:

  • Im Wort der Heiligen Schrift,
  • in der Kirche,
  • in den Ausgegrenzten und Unterdrückten.

Man kann an ihm vorübergehen, wenn man sich nicht mit dem Wort der Heiligen Schrift konfrontieren lässt, sich mit ihr nicht auseinandersetzt, sie nicht immer wieder in die Hand nimmt und liest.

Man kann an ihm vorübergehen, wenn man die Kirche links liegen lässt. Sie nicht immer wieder dazu zwingt, sich an ihren Wurzeln – dem Judentum und der Urgemeinde, der Messias-Gemeinde – messen zu lassen.

Man geht an ihm vorüber, wenn man an den Hungrigen, Durstigen, Kranken, Gefangenen vorübergeht. „Was ihr einem unter diesen meinen geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“, heißt es in Mt 25 im großen Weltgericht des Menschensohns.

In unserer heutigen Welt mit seinen als unverrückbar erscheinenden Ungleichheiten müssen wir versuchen, die ‚Vision’ einer anderen Gesellschaft aufrecht zu erhalten, einer humanen wirtschaftlichen Ordnung, in welcher kein Mensch mehr ein „verachtetes, geknechtetes, verlassenes und verächtliches Wesen ist“, so wie der junge Karl Marx seine ‚Vision’ im Geiste seiner jüdisch-prophetischen Tradition umschrieb.

Gott bewahre uns auf dem Weg der Nachfolge. Christus halte unseren Glauben am Leben. Der Geist offenbare uns, was wir sagen und tun sollen. Amen.