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Wo bleibst du, Gott?

Etwa vor einer Woche habe ich mit Annemarie S. am Telefon noch einmal intensiv über die – wie es fast zu technisch heißt – Theodizee-Frage gesprochen. Sie treibt uns ja um angesichts von Meldungen wie denen zur bevorstehenden Katastrophe in Lateinamerika (s. adveniat.de). Wir haben Corona nicht gebraucht, um sie zu stellen: Bei all dem, was wir über das Leiden vor allem der Armen im Ausbeutungs- und Krisenkapitalismus bedacht und diskutiert haben, was wir angesichts von Auschwitz und der Vernichtung von Juden als Selbstzweck immer wieder erinnert haben, hat uns die Frage nach Gott angesichts dessen, was Menschen in der Geschichte und in der Schöpfung zu erleiden haben, ständig begleitet. Corona ist um so tödlicher je mehr es mit Situationen zusammen trifft, in denen der Kapitalismus seine Verwüstungen anrichtet. Da ist es auch kein Zufall, dass die Frage nach Gott und dem Leid von Menschen sich noch einmal intensiver ins Bewusstsein drängt.

Da wir das alles ja nicht zusammen besprechen und ins gemeinsame Gebet nehmen können, will ich wenigstens den Versuch machen ein paar Aspekte aus dem Gespräch mit Annemarie wiederzugeben:

  • Die Frage nach Gott und dem Leid lässt sich nicht begrifflich klären. Solche Versuche würden sich begrifflich sowohl über das Leid von Menschen als auch über Gott erheben. Sie würden das reale Leiden von Menschen auf einen Begriff des Leidens herabsetzen und den Anspruch erheben, Gott in die Karten zu schauen. Dann wären das Leid und mit ihm Gott ‚gerechtfertigt‘. Genau das aber wäre zynisch. Was also bleibt denen, die solchem Zynismus entgehen und dennoch auf Gott hoffen wollen?
  • Als erstes wäre die Haltung der Compassion zu nennen, eine Haltung, die sich vom Leid von Menschen nicht abwendet, sondern hinsieht und hinhört. Dabei drängt sich die Erfahrung auf, dass das Leiden von Menschen unter Unrecht und Gewalt nicht sein darf. In dieser Erfahrung gibt das Leid von Menschen ‚zu denken‘. Es stellt die Frage nach seiner Vermittlung mit den Verhältnissen, die Menschen leiden lassen und der Überwindung dieser Verhältnisse. Diese Haltung der Compassion ist nicht ‚vom Himmel gefallen‘. Den meisten von uns hat sie sich uns über das Gottesgedächtnis der jüdisch-christlichen Traditionen mitgeteilt. In ihm impliziert die Liebe zu Gott die Liebe zum Nächsten und tiefer gedacht: Von einem Gott, von dem die Bibel erzählt, er höre die Schreie der Unterdrückten, kann nicht mit dem Rücken zu der Leidensgeschichten, die mit der Geschichte und der Schöpfung verbunden sind, gesprochen werden. Zunächst einmal heißt das: Das durch die Theodizee-Frage angefragte Gottesgedächtnis öffnet für die Leidens- und Katastrophengeschichten, die zugleich zur Anfrage an dieses Gottesgedächtnis werden.
  • Wer angesichts der menschlichen Leidens- und Katastrophengeschichte weiter von Gott spricht, wird es in der Bescheidenheit schmerzlichen Vermissens tun. Je größer die Leidenschaft für Gott und sein Reich, desto größer auch das Vermissen Gottes und dessen, was er versprochen hat. Damit wird zugleich deutlich, dass die Grundlage des Vermissens die Erinnerung an Gottes Verheißungen in der Geschichte Israels und seines Messias ist. Dieses aus der Erinnerung gespeiste Vermissen artikuliert sich nicht zuletzt im Gebet als Schrei nach Gott, im Schrei nach dem Kommen des Menschensohns. Wer Gott und seine Verheißungen vermisst, kann sich mit den gegenwärtig von Theologen immer wieder angepriesenen kleinen Sinnerfahrungen im Privaten weder begnügen noch beruhigen. Es kann um nicht weniger als um alles und das Ganze gehen, um Befreiung und Rettung angesichts erlittenen Unrechts. Das ist der Hintergrund dafür, dass Johann Baptist Metz im Blick auf das Gebet davon gesprochen hat, es gehe darum ‚Gott um Gott zu bitten‘, darum, dass er sich den Opfern als ihr Gott erweise und darin allen. ‚Mein‘ Gott kann nur der Gott sein, der die anderen, die Opfer von Unrecht und Gewalt rettet – bis hin zu all den Opfern in der Geschichte. Angelehnt an Johann Baptist Metz gefragt: Wie sollte das angesichts der Leidens- und Katastrophengeschichte auch anders gehen, unabhängig von der Frage nach der Rettung der Opfer nach privatem Glück und der eigenen privaten Rettung zu fragen?1
  • Philosophische Überlegungen, die das Ganze der unabgegoltenen Geschichte des Leidens im Blick haben, denken bis an die Grenze der Rettung vergangener Leiden heran, ohne sie philosophisch überschreiten zu können. In diesem Sinne sei noch einmal Theodor W. Adorno zitiert, der von der „Erfahrung“ spricht, „dass jeder Gedanke, der sich nicht enthauptet in Transzendenz mündet, bis zur Idee einer Verfassung der Welt, in der nicht nur bestehendes Unrecht abgeschafft, sondern auch das unwiderruflich vergangene widerrufen wäre“2. Auch theologisch kann diese Grenze nicht überschritten werden. Es kann also keine begründete Gottesgewissheit geben, wohl aber gute Gründe, Gott und seinen Verheißungen im Modus von Erinnerung und Klage, von Vertrauen und Vermissen die Treue zu halten.
  • In aller Bescheidenheit dürfen wir die Weigerung, die Frage nach der Rettung für die Opfer zu verabschieden, als Solidarität mit den Opfern verstehen. Sie lässt weder die aktuellen Leiden auf sich beruhen – sondern setzt ihnen die widerständige Haltung der Compassion entgegen – noch findet sie sich mit den vergangenen Leiden und Toten ab. Sie tut dies in der Hoffnung, dass darin eine Inspiration für Menschlichkeit liegt, die auch dann human und gesellschaftskritisch wirksam werden kann, wenn ihre theologischen Implikationen nicht mitgetragen werden.

Die so verstandene Weigerung, sich mit dem Leid von Menschen als endgültigem Faktum abzufinden hält Versuchen stand, den Gedanken an Gott zu widerlegen oder gar mittels des Leidens von Menschen über den Glauben an Gott zu triumphieren und dabei einen perversen christlichen Heilstriumphalismus durch atheistischen oder agnostischen Triumphalismus, Gottesgewissheit durch atheistische oder agnostische Gewissheiten zu ersetzen. Er widersteht nicht zuletzt auch „dem Versuch verzweifelten Bewusstseins, Verzweiflung als Absolutes zu setzen“3.

Herbert Böttcher

1Vgl. Johann Baptist Metz, Theologie als Theodizee? In: Willi Oelmüller (Hrsg.), Theodizee – Gott vor Gericht, München 1990, 103-118, 104.

2Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, Gesammelte Schriften Band 6, Frankfurt am Main 2003, 395.

3Ebd.