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‚Pfingsten und das Sprachenwunder‘ (Apg 2,1-13)

Apg 2,1-13

1 Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort. 2 Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. 3 Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. 4 Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab. 5 In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. 6 Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden. 7 Sie waren fassungslos vor Staunen und sagten: Seht! Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? 8 Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören: 9 Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadokien, von Pontus und der Provinz Asien, 10 von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Kyrene hin, auch die Römer, die sich hier aufhalten, 11 Juden und Proselyten, Kreter und Araber – wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden. 12 Alle gerieten außer sich und waren ratlos. Die einen sagten zueinander: Was hat das zu bedeuten? 13 Andere aber spotteten: Sie sind vom süßen Wein betrunken.

„Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war…“ (Apg 2,1), so beginnt nach der Einheitsübersetzung die sog. Pfingstgeschichte. In welchen Zusammenhang die Geschichte gestellt wird, macht eine wörtlichere Übersetzung eher deutlich, etwa:

Als sich der Tag der fünfzig erfüllt hatte…“

Damit sind zwei Zusammenhänge hergestellt:

Zum einen wird auf das Lukasevangelium zurückgegriffen. „Als sich die Tage erfüllten, dass er hinweggenommen werden sollte, fasste Jesus den festen Beschluss, nach Jerusalem zu gehen“, heißt es bei Lukas an der Stelle, mit der er Jesu Weg von Galiläa nach Jerusalem (Lk 9,51) zu erzählen beginnt. Jerusalem ist das Ziel seines Weges. Dort wird sich dieser Weg erfüllen. Genauer spielt Lukas auf die Himmelfahrt an. Sie verbindet sich mit der Erfahrung der Jüngerinnen und Jünger, von Jesus verlassen zu sein und ihren Weg ohne den sie begleitenden Messias gehen zu müssen. Ganz erfüllen sich die Tage aber erst, wenn der Tag der fünfzig erreicht ist, also jener Tage, an dem den sich verlassen fühlenden Jüngerinnen und Jüngern die Erfahrung des Heiligen Geistes als „Verheißung des Vaters“ (Apg 1,4) zuteil wird. In seiner Kraft können sie den Weg Jesu gehen als seine „Zeugen … in ganz Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde“ (Apg 1,8). Der Begriff Zeuge kommt aus der Gerichtssprache. Wenn die Jüngerinnen und Jünger Zeugen sind, steht das im Zusammenhang damit, dass nach Jesu Verurteilung ein neuer ‚Prozess‘ aufgerollt wird. Mit der Auferweckung des Gekreuzigten hat Gott diesem Verurteilten Recht gegeben. Dafür sind die Jüngerinnen und Jünger „Zeugen“. Dieses Zeugnis legen sie ab in den Auseinandersetzungen um den Messias Jesus, die sie führen werden.

Zum zweiten spielt der „Tag der fünfzig“ auf ein jüdisches Fest an, das sog. Wochenfest. Es wird fünfzig Tage nach dem Passahfest – der Erinnerung an die Befreiung aus Ägypten – gefeiert und ist ein Erntedankfest, an dem für die Ernte gedankt wird, die im gelobten Land – gleichsam in Erfüllung der Befreiung – eingebracht wird. Später wird es zum Gedenktag für das Geschenk der Tora am Sinai. Damit wird die Tora in den Zusammenhang der Früchte gestellt, die Israel auf dem Weg der Befreiung ‚erntet‘ und die nach dem Einzug in das verheißene Land als Grundlage des Lebens und als Orientierung für ganz Israel wirksam werden kann.

waren alle zusammen am selben Ort“ (Apg 2,1)

Wörtlicher ließe sich auch übersetzen: „waren alle auf dasselbe ausgerichtet“. Das war möglich geworden durch die Zeit der Auseinandersetzung mit der Schrift, der Tora, und des Gebets nach Jesu Himmelfahrt. Dass sie sich dem zentralen Gebot des „Höre Israel!“ (Dtn 6,4) gestellt und Israels Gott im Gebet angesprochen hatten, hatte sie dadurch zusammen geführt, dass sie alle „auf dasselbe ausgerichtet“ waren.

Mit den „schon auf dasselbe ausgerichteten“ Jüngerinnen und Jüngern kommen nun „andere Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel“ (Apg 2,5) zusammen. An Pfingsten geht es noch nicht um die Kirche als Kirche aus Juden und Heiden – wie gerne interpretiert wird. Das Geschehen richtet sich an jüdische Menschen. „Das Jerusalemer Publikum wird eindeutig als jüdisch eingeführt. Damit ist ausgeschlossen, dass Lukas einen Bezug zur Weltmission im Sinn hat.“1 Bestätigt bzw. verschärft wird diese Sicht, wenn bedacht wird, dass der griechische Text mit der wörtlicheren Formulierung „anwohnend auf Jerusalem hin“ (Apg 2,5) einen Begriff aus der römischen Verwaltungssprache aufgreift. Damit wird deutlich, dass die nun in Jerusalem versammelten Menschen Juden aus der Diaspora sind, die in ihrer Haltung auf Jerusalem ausgerichtet sind. Dass der Geist zunächst einmal über jüdische Menschen kommt, wird auch dadurch bestätigt, dass Lukas den Weg der Messianer als einen Weg beschreibt, der in Jerusalem unter Juden beginnt und über Judäa und Samaria sich zu den Völkern ausweitet. Und wenn Menschen aus den Völkern hinzukommen, erzählt Lukas, dass sie den Heiligen Geist empfangen.

Was geschieht in Jerusalem?

Was die Kraft des Geistes geschehen lässt, wird in Bildern ausgesagt, die vor dem Hintergrund der jüdischen Tradition erschlossen werden können: „Ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt“ (Apg 2,2)

Die Übersetzung spricht von einem „Brausen“ (Apg 2,2). Der griechische Begriff, der mit ‚Getöse‘ zu übersetzen wäre, ruft den Ansturm der Völker, die Israel bedrohen, in Erinnerung (Ps 64) – ein ‚Getöse‘ „wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt“, fügt der Text hinzu (Apg 2,2). Eine wörtlichere Übersetzung legt nahe, dass zudem auf Israels Weg durch das rote Meer angespielt ist. Dabei wurde das Meer „durch einen starken Ostwind“ fort getrieben. In der griechischen Übersetzung des Ersten Testaments, der Septuaginta, findet sich hier der gleiche Begriff wie in Apg 2,2, der mit ‚heftiger Sturm‘ übersetzt wird. Eine Verbindung der griechischen Begriffe für Getöse und Atem – griechisch gehören sie zum gleichen Wortstamm – findet sich im Zusammenhang von Jes 42,5-9. Hier ist von Gott die Rede, der dem Volk ‚Brausen/Getöse‘ – in der neuen Einheitsübesetzung mit ‚Atem‘ wiedergeben (Jes 42,5) – und ‚Geist‘ gibt. Diese Gaben machen Israel in Gestalt des Gottesknechts „zum Licht der Nationen, um blinde Augen zu öffnen, Gefangene aus dem Kerker zu holen und die im Dunkel sitzen aus der Haft“ (Jes 42,6f). Diese Sendung macht Gott Israel „bekannt“ oder anders übersetzt: Das lässt Gott Israel „erhorchen“2.

Zungen wie von Feuer, die sich verteilten…“ (Apg 2,3)

Das Bild des Feuers spielt eine Rolle bei der Übergabe der Tora an Mose. Während Mose auf den Berg steigt, um die Tora in Empfang zu nehmen, steht das Volk „unten am Berg und der Berg brannte: Feuer, hoch bis in den Himmel hinauf…“ (Dtn 4,11). Feuer brennt auch, wenn jüdische Lehrer die Tora auslegen. Gerhard Jankowski verweist auf einen jüdischen Midrasch, in dem es heißt: „… wenn (die Lehrer) die Worte der Tora aneinanderreihen und von den Worten der Tora zu den Propheten gingen und von den Propheten zu den Schriften, dann bedeckte sie Feuer, und die Worte freuten sich wie damals, als sie vom Sinai her gegeben wurden; denn wurden sie nicht im Feuer gegeben?“3

Die Gabe der Tora, an die am Wochenfest erinnert wird, empfangen nun die in Jerusalem versammelten Gesandten. Sie werden zu Lehrern und Lehrerinnen der Tora, sie ist die „Lehre der Apostel“, von der in Apg 2,42 die Rede ist. Die Gesandten lehren die Tora in einer neuen Sprache, so dass „jeder sie in seiner Sprache reden“ hörte (Apg 2,6).

Vers 8 spricht davon, dass „jeder von uns“ die neuen Lehrer der Tora „in seiner Muttersprache“ hörte. Was das sog. Sprachenwunder beinhaltet, darüber wird viel gerätselt. Der Weg zu einem besseren Verständnis kann gebahnt werden, wenn wir „in seiner Muttersprache“ wörtlicher übersetzen: „mit der uns eigenen Sprache, in der wir gezeugt worden sind…“4 – und zudem den Zusammenhang des jüdischen Pfingstfestes als Fest der Gabe der Ernte der Befreiung, der Früchte des Landes und der Tora, bedenken. Dann lehrt der Geist die Sprache der Tora, das Verständnis der Tora. Die Gesandten interpretieren sie vor dem Hintergrund dessen, was sie mit dem gekreuzigten, auferweckten und in die Welt Gottes aufgenommenen Messias erfahren haben. Dabei lehrt sie die Tora zugleich, den Messias Jesus zu verstehen. Das Verstehen des Messias und der Tora gehört für sie zusammen. Wie das geht, macht Petrus in seiner ersten öffentlichen Rede im Anschluss an das Pfingstereignis deutlich. Er wird vor Israel dadurch zum Zeugen für den Messias, dass er die Auferweckung des Gekreuzigten mit den Schriften Israels, genauer mit Psalm 16, auslegt (Apg 2,14-32).

Der Weg des Messias, den die Gesandten in der Kraft des Geistes, der sie aufgerichtet hat, gehen werden, wendet sich zuerst an Israel. Gottes Volk soll nach dem Ansturm Roms im Messias Jesus neu aufgerichtet werden. Aus der Schrift soll es seinen Weg messianisch verstehen wie in ähnlicher Weise auch die Messianer den Messias Jesus aus Israels Schriften zu verstehen suchen. Wenn Israel sich von seinem Messias aufrichten lässt, kann es zum Licht der Völker werden und der Sendung zu den Völkern nachkommen, von der schon Jesaja (42,5ff) gesprochen hatte.

1Klaus Haacker, Die Apostelgeschichte. Theologischer Kommentar zum Neuen Testament, hgg. von Ekkehard W. Stegemann, Angelika Strotmann, Klaus Wengst, Band 5, Stuttgart 2019-

2Gerhard Jankowski, Und sie werden hören. Die Apostelgeschichte des Lukas. Erster Teil (1,1-9,31) – Eine Auslegung, in: Texte und Kontexte. Exegetische Zeitschrift Nr. 91/92, 3-4/2001, 46.

3Zitiert nach Jankowski, 47.

4Ebd., 49.