Startseite | Theologie | „…nach Jerusalem zurück“

„…nach Jerusalem zurück“

Apg 1,12-14

12 Dann kehrten sie von dem Berg, der Ölberg genannt wird und nur einen Sabbatweg von Jerusalem entfernt ist, nach Jerusalem zurück. 13 Als sie in die Stadt kamen, gingen sie in das Obergemach hinauf, wo sie nun ständig blieben: Petrus und Johannes, Jakobus und Andreas, Philippus und Thomas, Bartholomäus und Matthäus, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Simon, der Zelot, sowie Judas, der Sohn des Jakobus. 14 Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet, zusammen mit den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern.

Nach Jesu ‚Himmelfahrt‘ kehren die Jüngerinnen und Jünger vom Ölberg „nach Jerusalem zurück“ (V. 12). Sie sollen sich ja nicht von Jerusalem trennen – nach der neuen Einheitsübersetzung: „Geht nicht weg von Jerusalem …!“ (1,4) Weit von Jerusalem weg hatten sie sich ohnehin nicht entfernt. Bis zum Ölberg war es „nur einen Sabbatweg“ (1,12), also eine Wegstrecke, die am Sabbat zu gehen erlaubt war. Der Ölberg wiederum war ein symbolträchtiger Ort: Von ihm war Jesus nach Jerusalem eingezogen (Lk 19,29). Und nachdem er tagsüber im Tempel gelehrt hatte, verbrachte er „die Nächte … draußen, bei dem Berg, der Ölberg heißt“ (Lk 21,37). Von dort, „von dem Tor, das im Osten lag“ (Ez 43,1), zieht – so Ezechiel – die Herrlichkeit Gottes“ (Ez 43,2) nach der Zerstörung des Tempels durch die Babylonier wieder neu in den Tempel ein. Nach dem Propheten Sacharja steht dort Gott, um Jerusalem gegen dem Ansturm der Völkerwelt zu retten.

Nach der Zerstörung Jerusalems im Krieg der Römer gegen die Juden wird Jerusalem zu einem (Ver-)Sammlungsort für die sich konstituierende messianische Gemeinde, deren Aufgabe es sein wird, Israel in und aus der Zerstreuung neu zu sammeln. Das „Obergemach“ (1,13), in dem sie sich versammeln, ist der Ort, an dem Sabbat gefeiert und das Pessach-Mahl gegessen wird. Sie versammeln sich also an dem Ort, an dem die Verwurzelung in den Traditionen Israels lebendig wird.

Dort verharrten alle „einmütig im Gebet“ (1,14). Ihre Einmütigkeit gewinnen sie im Hören auf Israels Gott, den sie gemäß der Tora „lieben“ sollen „mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft“ (Dtn 6,4). Inhalt der Gebete dürfte der Ruf nach dem Reich Gottes sein (Apg 1,3), aber nicht als Wiederherstellung des davidischen Königreichs, sondern als Weg, auf den der verheißene Heilige Geist (1,5) sie führen wird – als „Zeugen“ des Messias „bis an die Grenzen der Erde“ (1,8). Im Gebet tauchen sie ein in Israels Gott und seine Wege der Befreiung. So ist es kein Zufall, dass „Gebet“ und der „Dienst am Wort“ als zentrale Aufgabe „der Zwölf“ genannt werden (6,4). „Dienst am Wort“ bzw. „die Lehre der Apostel“ (2,42) meint die Lehre von den Wegen der Befreiung und ihrer Verwurzelung in Israels Gott. Sie bedarf der Rückbindung an „das Gebet“, das Wort ‚über Gott‘ der Verwurzelung im ‚Wort zu Gott‘.

Nicht unwichtig sind die Angaben, wer da im „Obergemach“ versammelt ist. Erwähnt werden zunächst „die Elf“, der um Judas reduzierte Kreis „der Zwölf“, also diejenigen, die Jesus gerufen und gesandt hatte, „das Reich Gottes zu verkünden und die Kranken gesund zu machen“ (Lk 9,2). In der Zeit der jüdischen Diaspora nach der Zerstörung des Tempels durch die Römer dürften die Gesandten in Analogie zu den Gesandten stehen, die als Gesandte der neu sich herauskristallisierenden jüdischen Führung Kontakt zu den Diasporagemeinden halten sollten.

Im Zentrum der messianischen Sendung steht die Verkündigung des Reiches Gottes, das inhaltlich durch den Weg des Messias Jesus, also nicht durch imperiale Träume, bestimmt ist. Wenn Lukas, der sein Evangelium und die Apostelgeschichte einige Jahre nach 70 schreibt, die Verkündigung des Reiches Gottes mit dem Heilen von Kranken verbindet, dürfte er dabei die durch den Krieg Verwundeten und Kranken im Blick haben. Das von ihm verwendete griechische Verb iasthai steckt auch in dem griechischen Begriff für Arzt (iatros). Im Heilen der Kranken geht es zugleich um Heilung für die kranken Verhältnisse und die Aufrichtung des an den Verhältnissen erkrankten Israel.

Dass es um die Aufrichtung Israels als Ganzes geht, kommt in der Bindung der Sendung zur Verkündigung des Reiches Gottes an „die Zwölf“ zum Ausdruck. Sie sind nicht einfach die ersten Bischöfe, sondern Repräsentanten ganz Israels, also aller zwölf Stämme. In der Hoffnung auf Rettung für Israel ist die Hoffnung auf Rettung für die Völker bis hin zur eschatologischen, d.h. endgültigen Rettung aller verwurzelt. Deshalb werden die Vertreter der Stämme Israels die Völker richten, d.h. ausrichten auf Israels Gott der Befreiung für alle, der zuerst ein Gott der Armen und verwundeten, des zerstörten Israels ist. Das ‚für alle‘ gründet nicht in einer formalen Gleichheit, sondern in einer Gerechtigkeit, die zuerst den durch Armut und Krieg ungleich und ‚platt‘ gemachten gilt. Weil es um die Aufrichtung Israels und darin um die Rettung aller geht, muss der durch den Verrat des Judas verletzte Kreis „der Zwölf“ wiederhergestellt werden (1,15ff).