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„…hört diese Worte“ (Apg 2,22-28)

Apg 2,22-28

22 Israeliten, hört diese Worte: Jesus, den Nazoräer, einen Mann, den Gott vor euch beglaubigt hat durch Machttaten, Wunder und Zeichen, die er durch ihn in eurer Mitte getan hat, wie ihr selbst wisst – 23 ihn, der nach Gottes beschlossenem Willen und Vorauswissen hingegeben wurde, habt ihr durch die Hand von Gesetzlosen ans Kreuz geschlagen und umgebracht. 24 Gott aber hat ihn von den Wehen des Todes befreit und auferweckt; denn es war unmöglich, dass er vom Tod festgehalten wurde. 25 David nämlich sagt über ihn: Ich hatte den Herrn beständig vor Augen. Denn er steht mir zur Rechten, dass ich nicht wanke. 26 Darum freute sich mein Herz und frohlockte meine Zunge und auch mein Leib wird in Hoffnung wohnen; 27 denn du gibst meine Seele nicht der Unterwelt preis, noch lässt du deinen Frommen die Verwesung schauen. 28 Du hast mir die Wege zum Leben gezeigt, du wirst mich erfüllen mit Freude vor deinem Angesicht.

 Mit dem zweiten Teil seiner Rede, spricht Petrus ganz Israel an: „Israeliten, hört diese Worte…“ (Apg 2,22). Dabei klingt wieder das „Höre, Israel…“ (Dtn 6,4) an. Gehört werden soll, wie das Schicksal Jesu, des „Nazoräers“ (Apg 2,22)  von der Schrift her verstanden werden soll. Der Begriff „Nazoräer“ beinhaltet eine abwertende Bedeutung und findet sich oft im Mund der Gegner Jesu bzw. der messianischen Bewegung. Lukas geht es darum, diesen „Nazorärer“ gegenüber Anklagen und Verleumdungen zu bezeugen.

Dieses Zeugnis kann darauf zurückgreifen, dass Gott Jesus „durch Machttaten, Wunder und Zeichen“ (Apg 2,22) beglaubigt hat bzw. wörtlicher formuliert: ‚auf euch hin ausgewiesen hat‘. Sie gehören zum Exodus. Gott hat Moses den Auftrag gegeben, Israel aus Ägypten zu führen, und ihn durch Zeichen beglaubigt (Ex 4). Mit Zeichen und Wundern hat er Israels Weg durch die Wüste begleitet. Zum Abschluss des Buches Deuteronomium wird das noch einmal ausdrücklich festgestellt, wenn es heißt:

„Niemals wieder ist in Israel ein Prophet wie Mose aufgetreten. Ihn hat der HERR von Angesicht zu Angesicht erkannt, für all die Zeichen und Wunder, die er in Ägypten im Auftrag des HERRN am Pharao, an seinem ganzen Hof und an seinem ganzen Land getan hat, zu all den Beweisen seiner starken Hand und zu all den furchterregenden und großen Taten, die Mose vor den Augen von ganz Israel vollbracht hat“ (Dtn 34,10ff).

Mitten im nach der Zerstörung Jerusalems verstreut im römischen Reich am Boden liegenden Israel geschehen mit dem Messias Jesus nun wieder neu „Zeichen und Wunder“ der Befreiung. Sie beziehen sich auf den Tod und die Auferstehung des Messias. Sein Tod am Kreuz kann ihn nicht widerlegen; denn er geschah „nach Gottes beschlossenem Willen und Vorauswissen“ (Apg 2,23). Dies darf nun nicht so verstanden werden, als habe Gott den Gang der Geschichte in weiser Vorausschau so geplant, um die Menschheit von ihren Sünden zu erlösen. Lukas, der Petrus die Rede in den Mund legt, beansprucht nicht, Gott ‚in die Karten geschaut‘ zu haben. Die Schlussfolgerung ergibt sich nicht aus Vorauswissen (philosophisch nicht apriori), sondern vom Ende her (also aposteriori). Da wird sichtbar, dass die Pläne gegen Jesus nicht aufgegangen sind. Gegen die Logik der Akteure, die sich in den Dienst der Macht stellen, setzt Gott die Wege der Befreiung durch. Dies ist Ausdruck der aus der Geschichte Israels erkennbaren ‚Logik Gottes‘, seines „beschlossenen Willens“ (Apg 2,23), der die Logik der Herrschaft konterkariert und auf Rettung und Befreiung zielt.

Hinter dem Konflikt zwischen messianischen Juden, die sich zum Messias Jesus bekennen, und den Juden, die Jesus als Messias ablehnen, steht in der Situation der Apostelgeschichte die Frage, welche Konsequenzen aus der mit dem Jahr 70 verbundenen Katastrophe zu ziehen sind. Für die einen kann ein gescheiterter Messias keine messianische Hoffnung beinhalten. Sein Tod dokumentiert das Scheitern seiner messianischen Ansprüche. Demgegenüber beharren die Messianer auf ihrer Sicht der Geschichte Israels. In ihr zeigt sich immer wieder, dass Gott im Scheitern einen neuen Anfang setzt. So ist es auch mit dem Tod und der Auferweckung des Messias Jesus. Sein Scheitern gehört zu dem in Israels Geschichte bekannten Scheitern von Befreiung, das aber nie das ‚letzte Wort‘ ist. Mit der Hinrichtung des Messias ist seine messianische Sendung nicht widerlegt und seine befreiende Wirkung nicht ins Leere gelaufen. Gott hat ihn aufgerichtet und zu zum Weg für Israel angesichts der aktuellen Katastrophe gemacht. Korrigiert ist damit zugleich ein Verständnis des Messianismus, dass sich im gewaltsamen Kampf für die Neuerrichtung des Reiches Davids Ausdruck verschafft. Der messianische Weg Jesu steht für eine Subversion von Herrschaft, die nicht zu den Mitteln der Herrschaft greift.

Dass seine Sicht in Einklang mit den Traditionen Israels steht, belegt Petrus in seiner Auslegung von Psalm 16. Der Psalm ist das Gebet eines Gerechten, das David in den Mund gelegt ist und deshalb als Gebet Davids gilt. Darin kommt Israels Vertrauen zum Ausdruck, dass Gott diejenigen, die in Treue zu ihm Wege der Gerechtigkeit gehen, nicht im Verderben enden. Es spricht einiges dafür, dass der Beter zunächst einmal darum bittet, vor einem frühzeitigen Tod durch Unrecht und Gewalt bewahrt zu werden. Davon geht Petrus aus – wie der Fortgang der Rede (Apg 2,29ff) zeigt. In Israel hatte sich aber auch das Vertrauen und die Hoffnung herauskristallisiert, dass Gott auch dann den Opfern des Unrechts seine Treue bewahrt, wenn Unrecht und Gewalt diejenigen vernichten, die in der Geschichte für Gerechtigkeit und Befreiung aufstehen. Und so hat Gott gegenüber Jesus seine Treue durchgehalten, ihn auferweckt und zu einem Zeichen dafür gemacht, dass Israel im Vertrauen auf diesen Messias wieder neu Wege der Befreiung gehen kann. Entgegen der Macht der Verhältnisse hat Gott ein ‚Zeichen und Wunder‘ gesetzt, dass ein befreites Leben möglich sein kann. Dafür ist die messianische Bewegung selbst ein Zeichen, das aufsteht gegen die Macht der Verhältnisse und derer, die ‚mit dem Tod regieren‘.