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‚Dem Druck standhalten‘ (1 Kor 12,1-13)

Ein paar Anmerkungen für die Zeit vor Pfingsten[1]

 1 Kor 12,1-13

1 Auch über die Gaben des Geistes möchte ich euch nicht in Unkenntnis lassen, meine Brüder und Schwestern. 2 Als ihr noch Heiden wart, zog es euch, wie ihr wisst, mit unwiderstehlicher Gewalt zu den stummen Götzen. 3 Darum erkläre ich euch: Keiner, der aus dem Geist Gottes redet, sagt: Jesus sei verflucht! Und keiner kann sagen: Jesus ist der Herr!, wenn er nicht aus dem Heiligen Geist redet. 4 Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist. 5 Es gibt verschiedene Dienste, aber nur den einen Herrn. 6 Es gibt verschiedene Kräfte, die wirken, aber nur den einen Gott: Er bewirkt alles in allen. 7 Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt. 8 Dem einen wird vom Geist die Gabe geschenkt, Weisheit mitzuteilen, dem anderen durch denselben Geist die Gabe, Erkenntnis zu vermitteln, 9 einem anderen in demselben Geist Glaubenskraft, einem anderen – immer in dem einen Geist – die Gabe, Krankheiten zu heilen, 10 einem anderen Kräfte, Machttaten zu wirken, einem anderen prophetisches Reden, einem anderen die Fähigkeit, die Geister zu unterscheiden, wieder einem anderen verschiedene Arten von Zungenrede, einem anderen schließlich die Gabe, sie zu übersetzen. 11 Das alles bewirkt ein und derselbe Geist; einem jeden teilt er seine besondere Gabe zu, wie er will. 12 Denn wie der Leib einer ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden: So ist es auch mit Christus. 13 Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt.

Die für Pfingsten vorgesehene Lesung aus dem Ersten Brief des Paulus an die Korinther (1 Kor 12,3b-7.12-13) ist ein zusammengestückelter Text (fett markiert). Aus ihm wird kaum erkennbar, worum es Paulus geht, wenn er davon spricht, es gebe „verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist“ (1 Kor 12,4). In 1 Kor 12 blickt Paulus zurück auf die Konflikte, mit denen er sich zuvor beschäftigt hat. Sie sind nicht einfach ‚Gemeindekonflikte‘, sondern ergeben sich aus dem Gegensatz zwischen der messianischen Gemeinde und den Herrschaftsverhältnissen des römischen Imperiums wie sie im Alltag der Menschen unausweichlich sind, die sich zum Messias Jesus bekennen.

Den Gegensatz macht Paulus gleich zu Beginn seines Briefes am Streit um das Kreuz Christi deutlich. Den einen ist es „Torheit“, den anderen Zeichen von „Gottes Kraft“ (1 Kor 1,18). Die „Weisheit der Welt“ (1 Kor 1,20) deutet das Kreuz als „Torheit“. Die Anhänger des Messias Jesus erkennen in der Auferweckung des von Rom Gekreuzigten „Gottes Kraft“. Das bringt sie in Gegensatz und Widerspruch zu den Herrschaftsstrukturen des Imperiums wie sie sich nicht zuletzt in alltäglichen Konflikten zeigen. Oft geht es um ein Hin und Her zwischen Anpassung und Widerstand und darin um die Frage, ob die Gemeinschaft mit dem Messias Jesus nicht auch etwas ‚leichter‘, mit weniger Konflikt und Auseinandersetzung möglich sei.

Paulus macht deutlich, dass die Berufung der messianischen Gemeinde nicht ohne Konflikte und Gefährdungen zu leben ist. In ihr gibt es „nicht viele Weise im irdischen Sinn, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme“ (1 Kor 1,26). Im Gegenteil:

„Das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen, und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen, und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen. Und das Niedrige in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt: das, was nichts ist, um das, was etwas ist, zu vernichten…“ (1 Kor 1, 27f).

Die Berufung der messianischen Gemeinde kommt einer ‚Schöpfung aus dem Nichts‘ gleich. Sie ist gerufen und erwählt, um die Umkehrung der Verhältnisse in ihrem Zusammenleben als messianische Gemeinde sichtbar zu machen. Da bewegt sich Paulus sehr nahe an dem, was nach dem Evangelium des Lukas die schwangere Maria besungen hatte: Gott „stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen“ (Lk 1,52). Diese Hoffnung lebendig zu machen und in ihrem Leben zu bezeugen, ist die messianische Gemeinde aus der Welt des Imperiums herausgerufen. Sie ist Tempel Gottes (1 Kor 3,6), in deren Mitte Israels Gott wohnt, und „Leib Christi“ (1 Kor 12,12),  der „Körper des Messias“[2] im Gegensatz zum Leib/Körper des römischen Reiches. In Kapitel 12 macht Paulus deutlich, dass Gottes Geist der messianischen Gemeinde die Kraft gibt, als „Körper des Messias“ zu leben und dabei Konflikte mit dem römischen Reich und Gefährdungen durchzustehen, ohne den Versuchungen der Anpassung zu erliegen. Um standzuhalten, ist der messianischen Gemeinde der ganze Reichtum der Gaben des Geistes, der sog. Charismen, geschenkt.

Um diese Charismen geht es Paulus in 1 Kor 12. Über sie will er die Gemeinde „nicht in Unkenntnis lassen“ (1 Kor 12,1) oder – wie Luise Schottroff die doppelte Negation übersetzt – „Ich möchte euch darin bestärken, dass ihr die Gaben der Geistkraft habt.“[3] Über diesen Zusammenhang lässt uns der als Pfingstlesung zusammengestückelte Text im Unklaren. Noch schwerer wiegt jedoch, dass die dem Bekenntnis „Jesus ist der Herr“ (1 Kor 12,3) vorausgehende Absage an die Götzen verschwindet, also der Satz: „Als ihr noch Heiden wart, zog es euch, wie ihr wisst, mit unwiderstehlicher Gewalt zu den stummen Götzen“ (1 Kor 12,2). Da irritiert es die ‚Macher‘ des Lektionars offenbar nicht, dass Paulus unmittelbar fortfährt mit: „Darum (!) erkläre ich euch: Keiner der aus Gottes Geist redet, sagt: Jesus sei verflucht!“ Erst vor diesem Hintergrund sagt er: „Und keiner kann sagen: Jesus ist der Herr, wenn er nicht aus dem Heiligen Geist redet“ (1 Kor 12,3).

Im Text den das Lektionar als Lesung vorsieht, ist der Zusammenhang ausgeblendet, der die messianische Gemeinde von Korinth in Konflikt mir Rom brachte und wozu sie die Kraft des Geistes geschenkt bekam. ‚Jesus zu verfluchen‘ waren Mitlieder der messianischen Gemeinde gezwungen, wenn sie ihre Loyalität mit dem Imperium bekunden mussten. Dies wird aus einem Brief des römischen Statthalters Plinius an den Kaiser deutlich. Der Statthalter berichtet über Verhöre von Menschen, die als Angehörige messianischer Gruppen denunziert worden waren:

„Als sie nach der von mir vorgesprochenen Formel die Götter anriefen und Deinem Bild, das ich zu diesem Zweck zusammen mit den Götterbildern hatte heranholen lassen, mit Wein und Weihrauch eine Opfergabe dargebracht und außerdem Christus verflucht (Hervorhebung H.B.) hatten, hielt ich es für richtig, sie freizulassen; denn es heißt wirkliche Christen könnten zu dergleichen nicht gezwungen werden…“[4]

Luise Schottroff kommentiert: „Christus zu verfluchen gilt dem Statthalter als zuverlässiges Kennzeichen der Nichtzugehörigkeit oder vollständigen Trennung von der messianischen Gemeinde.“[5] Gegen den Einwand, solche Verfolgungen habe es kurz nach der Mitte des ersten Jahrhunderts nicht gegeben, macht sie deutlich, dass es aus der Perspektive Roms um die Verfolgung messianischer Bewegungen ging. In diesem Sinne wurde jüdischer Messianismus verfolgt. In diesem Zusammenhang wurden ‚Christen‘ verfolgt. Ihr Glaube an den Messias Jesus bewegte sich ja noch innerhalb des Judentums.

Die positive Aussage: „Und: Keiner kann sagen: Jesus ist der Herr!, wenn er nicht aus dem Heiligen Geist redet“ (1 Kor 12,3), kann erst von ihrem Gegensatz „Jesus sei verflucht“ (1 Kor 12,2) verstanden werden. Dann muss der Hinweis auf den Geist so gelesen werden: „Habt keine Angst, dass ihr versagt. Der Geist wird euch helfen, dem Druck standzuhalten.“[6]

Der paulinische Text wird nur verständlich, wenn die Gegensätze wahrgenommen werden. Gegenüber stehen sich die Verfluchung Jesu und das Bekenntnis zu ihm. Darin spiegeln sich die Gegensätze zwischen messianischer Gemeinde und römischem Reich und darin der aus dem Ersten Testament vertraute Gegensatz zwischen den „stummen Götzen“ der Herrschaft und Israels Gott der Befreiung. Von einem „stummen Götzen“ heißt es bei Jesaja: „Ruft man ihn an, so antwortet er nicht…“ (Jes 46,7); oder bei Jeremia: „Sie sind wie Vogelscheuchen im Gurkenfeld. Sie können nicht reden…“ (Jer 10,5). Und dennoch haben sie Macht. Paulus kennt sie, wenn er schreibt: „Als ihr noch Heiden wart, zog es euch, wie ihr wisst, mit unwiderstehlicher Gewalt zu den stummen Götzen“ (1 Kor 12,2). Obwohl sie nichts sind, ziehen sie Menschen in ihren Bann. Und ihr Bodenpersonal baut den Druck auf, ihnen gegenüber loyal zu sein. Dagegen steht der Heilige Geist und die Fülle seiner befreienden Gaben, die er schenkt, und die Paulus als befreiende Macht des Lebens gegen die Unterwerfung unter die Todesmacht der „stummen Götzen“ preist.

 

[1]     Vgl. Luise Schottroff, Der erste Brief an die Gemeinde in Korinth. Theologischer Kommentar zum Neuen Testament, hgg. von Ekkehard W. Stegemann, Luise Schottroff, Angelika Strotmann, Klaus Wengst, Stuttgart 2013.

[2]     Ebd., 246.

[3]     Ebd., 240.

[4]     Zitiert nach ebd., 242.

[5]     Ebd.

[6]     Ebd.