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Charismen (1 Kor 12,4-11)

1 Kor 12,4-11

4 Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist. 5 Es gibt verschiedene Dienste, aber nur den einen Herrn. 6 Es gibt verschiedene Kräfte, die wirken, aber nur den einen Gott: Er bewirkt alles in allen. 7 Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt. 8 Dem einen wird vom Geist die Gabe geschenkt, Weisheit mitzuteilen, dem anderen durch denselben Geist die Gabe, Erkenntnis zu vermitteln, 9 einem anderen in demselben Geist Glaubenskraft, einem anderen – immer in dem einen Geist – die Gabe, Krankheiten zu heilen, 10 einem anderen Kräfte, Machttaten zu wirken, einem anderen prophetisches Reden, einem anderen die Fähigkeit, die Geister zu unterscheiden, wieder einem anderen verschiedene Arten von Zungenrede, einem anderen schließlich die Gabe, sie zu übersetzen. 11 Das alles bewirkt ein und derselbe Geist; einem jeden teilt er seine besondere Gabe zu, wie er will.

Das aus dem Heiligen Geist gesprochene Bekenntnis „Jesus ist der Herr“ (1 Kor 12,3) verbindet die Menschen in der messianischen Gemeinde von Korinth. Es bildet den Gegenpol zu der Formel: „Jesus sei verflucht“, die Menschen vor den römischen Behörden sprechen mussten, um ihre Loyalität gegenüber dem römischen Reich zu bekunden.

Der Heilige Geist, der die Kraft gibt, dem römischen Druck standzuhalten, eröffnet der messianischen Gemeinde zugleich den Horizont einer anderen Lebensform als derjenigen, die im Einklang mit dem römischen Reich bestand und mit der messianischen Gemeinde einen sozialen Ort, an dem eine andere Art zu leben möglich war. Paulus setzt nicht auf „Menschenweisheit, sondern auf die Kraft Gottes (1 Kor 2,5). Er verkündet nicht die „Weisheit dieser Welt oder der Machthaber dieser Welt“ (1 Kor 2,6). „Die Weisheit und Geistkraft, die von Gott kommt, macht die Gemeinde fähig, die Kreuzigung Jesu als Gewalttat der Mächtigen zu durchschauen, die der Logik der ‚Weisheit dieses Äons‘ folgt (2,6-8).“1 Damit ist eine Trennungslinie zwischen dem römischen Reich und der messianischen Gemeinde gezogen, was der Gegenüberstellung der Formel „Jesus sei verflucht!“ (1 Kor 12,2) und dem Bekenntnis „Jesus ist der Herr!“ (1 Kor 12,3) entspricht.

Genau diese kritische gesellschaftliche Perspektive bleibt ausgeblendet, wenn die Trierer Bistumssynode von Charismen als Gaben des Geistes Gottes spricht. Das bringt sie – gemessen an Paulus – in Schieflage. Ihr Blick ist verengt „auf das Verhältnis von Charisma und Amt“2 und damit auf das innerkirchliche Verhältnis von Laien und Priestern. Dabei ist die Konformität mit der bestehenden Gesellschaft immer schon vorausgesetzt wie sie nicht zuletzt in der Übernahme der Rhetorik vom Einzelnen3 und von der Eigenverantwortung4 zum Ausdruck kommt. Weil es ja um die Einzelnen und deren eigenverantwortlich einzubringende Charismen geht, erübrigt sich eine inhaltliche Bestimmung der Charismen als Gaben, die einen anderen Geist repräsentieren als die bestehende kapitalistische Gesellschaft, die den Einzelnen und seine Eigenverantwortung preist und damit von sozialer Verantwortung entlastet und Sozialabbau legitimiert.

Nach 1 Kor 12,4-7 werden die Gaben des Geistes den einzelnen Mitgliedern der messianischen Gemeinde als Begabungen zum Nutzen aller geschenkt (1 Kor 12,7). Ihr Nutzen besteht darin, dass sie der messianische Gemeinde helfen, einen Raum zu gestalten, in dem Menschen in Gegensatz und Widerspruch zur Unterdrückung durch die römische Herrschaft als von Gott befreite Menschen leben können. Paulus nennt diese Begabungen „Gnadengaben“ (1 Kor 12,4), also Gaben, die von Gott ‚umsonst‘, ‚gratis‘ gegeben werden, „Dienste“, also Auf-Gaben, die für das Leben der Gemeinde zu bewältigen sind, und „verschiedene Kräfte, die wirken“ (1 Kor 12,6), also zum Handeln befähigen. All diese Begabungen sind inhaltlich zurück gebunden an den „einen Geist“ (1 Kor 12,4), an den „einen Herrn“ (1 Kor 12,5), an den „einen Gott: Er wirkt alles in allen“ (1 Kor 12,6). Dadurch bekommen sie ihre inhaltliche Bestimmung. Sie ergibt sich aus den Inhalten, die mit dem Gottesnamen verbunden sind: Befreiung aus Unrecht und Gewalt. Darauf zielt die befreiende Kraft des Geistes. Dafür hat sich der Messias Jesus eingesetzt. Und sie wird Gott zur Vollendung führen, damit alle an seiner neuen Welt teilhaben können.

Zu den Gaben im Einzelnen:

Die Gaben, die den Mitgliedern der messianischen Gemeinde gegeben werden, sind zwar mit einem spezifischen Inhalt verbunden, aber nicht strikt voneinander abgrenzbar. Ebenso sind die Gaben, die Einzelnen gegeben werden, nicht exklusiv, sondern Teil der Gaben, die allen geschenkt werden. Im Einzelnen spricht Paulus von

der Gabe Weisheit mitzuteilen“ (1 Kor 12,8)

Sie steht im Gegensatz zur Weisheit derer, die in ihrer Weisheit das Imperium regieren. Menschen, die von solcher „Weisheit im irdischen Sinn“ geprägt sind, gibt es „nicht viele“ in der messianischen Gemeinde (1 Kor 1,26). Die Weisheit von der Paulus spricht, „durchschaut die ‚Weisheit der Welt‘, die der Gewalt und Unterdrückung dient, und lebt aus der Beziehung zum Gott Israels und der von Gott gewollten Gerechtigkeit (im Sinne der Tora).“5

die Gabe, Erkenntnis zu vermitteln“ (1 Kor 12,8)

Sie zielt auf die Erkenntnis des Gottes Israels, der erkannt wird, wenn „dem Schwachen und Armen zum Recht“ verholfen wird (Jer 22,16), der den „Geringen“ aufrichtet (Ps 113,7) und der – mit Paulus formuliert – „die Weisen“, „das Starke“ zuschanden macht (1 Kor 1,27) und „das, was etwas ist“ (1 Kor 1,28) vernichtet. Solche Erkenntnis ist zugleich die Gabe kritischer Unterscheidung zwischen Gott und Götzen und damit die kritische Erkenntnis dessen, was die römische Gesellschaft bestimmt und was ihre Götzen legitimieren.

In Vers 9

spricht Paulus von den Begabungen der „Glaubenskraft“, der „Gabe Krankheiten zu heilen“ die „Kräfte, Machttaten zu wirken“. Es sind Fähigkeiten, „die scheinbar ehernen Gesetze menschengemachten Todes zu durchbrechen: Arme aus Krankheit und Hunger zu befreien oder in schwer bewachte Gefängnisse zu gehen“6.

In Vers 10

spricht Paulus von

  • den Gaben „prophetischen Redens“ als der Begabung, Gottes Wort für die Gegenwart auszulegen;

  • den Gaben „die Geister zu unterscheiden“ als der Begabung, Gott und Götzen zu unterscheiden;

  • „Arten von Zungenrede“ und der „Gabe sie zu übersetzen“, als der Gabe eine unverständliche Sprache zu übersetzen.

In Vers 11

betont Paulus noch einmal: „Das alles bewirkt ein und derselbe Geist.“ Er hat inmitten und gegen das römische Imperium eine neue messianische Gemeinschaft geschaffen:

„Eine geisterfüllte Gemeinschaft aus schlecht gebildeten, schwer arbeitenden Menschen in einer harten Hafenstadt des römischen Reiches ist eine neue Schöpfung aus dem Nichts (1,28), Erhöhung der Erniedrigten, eine Gemeinschaft, in der die Kompetenzen wachsen, weil alle mit göttlicher Energie begabt sind.“7

1Luise Schottroff, Der erste Brief an die Gemeinde in Korinth. Theologischer Kommentar zum Neuen Testament, hg. von Ekkehard W. Stegemann, Luise Schottroff, Angelika Strotmann, Klaus Wengst, Stuttgart 2013, 47.

2Bistum Trier, heraus gerufen. Schritte in die Zukunft wagen. Abschlussdokument der Synode im Bistum Trier 2012, 19.

3Vgl. ebd., 18: Bei den Charismen, die den Vorrang vor Aufgaben im Sinne der bestehenden Kirchlichkeit haben sollen, heißt es: „Es geht um die einzelnen, die sich mit dem in die Gestaltung der Kirche einbringen sollen, was der Geist ihnen jeweils schenkt.“

4Ebd., 19.

5Schottroff, 244.

6Ebd.

7Ebd., 245.