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Worte zum Karfreitag

Jesus stirbt am Kreuz. Er stirbt für das Leben der gespaltenen Welt. Wir sehen den Riss zwischen Nord und Süd, zwischen Reich und Arm, zwischen Mächtigen und Ohnmächtigen, zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten. Die Aufspaltung der Welt hat das Leiden und den Tod Jesu mitverursacht.

Nicht das Sterben des Menschen am Ende seiner Tage ist das Problem. Heute fordert uns Glaubende der vorzeitige und ungerechte Tod der Armen heraus, der Tod, der von struktureller Ausbeutung verursacht ist. Die Erfahrung des ungerechten Todes so vieler Menschen an den Grenzen Europas, auf dem Mittelmeer, in Afrika und Lateinamerika verhilft uns zu einem besseren Verständnis des Unrechts, das Jesu Tod bedeutet. Das Ärgernis des Kreuzes wiederum erhellt unsere Wirklichkeit und lässt den Gegensatz zwischen dieser Situation des Todes und dem Geschenk des Lebens in Christus schärfer hervortreten.

Wir hören dazu Gedanken von Jon Sabrino aus El Salvador, der dem Morden an den Patres und den beiden Frauen in San Salvador (1989) entronnen ist, weil er zu dieser Zeit zufällig in Europa war.

„Herr, der Wolf und das Lamm essen nicht gemeinsam, denn der Wolf frisst weiterhin das Lamm. Die Welt ist in zwei Teile aufgeteilt und diese sind mehr als verschieden. Die einen sind die Opfer und die anderen die Henker. Es ist eine schamlose Welt und wird immer schamloser. Wie kann eine Welt nicht schamlos sein, wenn das Einkommen der Bürger aus den reichsten Ländern dieser Erde fünfzigmal höher ist als das der ärmsten Menschen?

Im Norden unseres Planeten herrscht eine Euphorie, weil die Bösen – der Kommunismus – bereits verschwinden und die Guten nichts Besseres zu tun haben, als sich abzuriegeln: Europa und der ganze Norden des Planeten vereint! Sie sprechen von der ‚neuen Ordnung’ und nehmen die Endzeit-Ordnung für sich vorweg, die Du bei der Schöpfung grundgelegt hast. Sie aber ahmen Deinen eschatologischen Triumph nach.

Aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Die Welt ist weiterhin auf schamlose Weise geteilt. Die Mächtigen überfallen die Armen und Henker haben weiterhin ihre Opfer. ‚Der Norden gegen den Süden’: das ist die gegenwärtige Realität unserer Welt. Für die einen ist das Leben selbstverständlich, für die anderen nicht.

Seitdem Dein Sohn in diese Welt gekommen ist, bedeutet das Kreuz Symbol für diese Realität. Es ist ein schweres Kreuz, an dem Abermillionen menschliche Wesen sterben. Mit Deinem Sohn Jesus fragen wir uns: Herr, warum? Warum war das Kreuz Deines Sohnes nicht das letzte? Warum quälen sich die Menschen weiterhin und töten und morden die anderen? Warum gibt es kein Bewusstsein der ‚menschlichen Familie’, in der alle einander helfen und lieben können?

Warum gibt es noch nicht einmal das Bewusstsein der ‚Spezies Mensch’, damit wir uns gegen das Aussterben schützen können?

Vom Kreuz Deines Sohnes, Herr, sind wir etwas abgerückt, aber nur auf dem Papier. Wir haben schöne Texte über die Rechte Deiner Söhne und Töchter geschrieben – wir nennen sie Menschenrechte –, aber in Wahrheit fahren wir fort mit dieser zerrissenen und schamlosen Realität.“

Diese Wort von Jon Sabrino lassen uns sagen:

Herr, in unserer Welt wird es weiterhin die Kreuziger der Armen geben. Auch die Armen und Gekreuzigten wird es weiterhin geben. Hilf uns, Herr, Dich in ihnen zu sehen. Dich vom Kreuz zu lösen und sie vom Kreuz zu lösen; Dich zu lieben, sie zu lieben. Nur so wird diese Welt ihre Schamlosigkeit verlieren und nur so können wir Dich alle ohne Scheinheiligkeit Vater nennen. Amen.