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„Ermutigung zum Gebet“: Montag, 6.4.20

Gott um Gott bitten“ (J.B. Metz)?

Du gerechter Gott…“

Jeremia tritt gegen den König Jojakim auf. Ihm wirft er vor, mit Gewalt gegen die Armen zu regieren und sich dabei in prunkvollen Machtinszenierungen zu ergehen. Er erinnert an dessen Vater, der das Recht der Armen und Schwachen geachtet hat, ohne dass ihn das arm gemacht hätte:

„Hat dein Vater nicht auch gegessen und getrunken, dabei hat er Recht und Gerechtigkeit geübt? Und es ging ihm gut. Den Armen und Schwachen verhalf er zum Recht. Das war gut. Heißt das nicht, mich zu erkennen?“ (Jer 22,15f)

Der Einsatz für Gerechtigkeit ist hier keine aus dem Gottesglauben abgeleitete ethische Forderung. Bei ihr geht es um nicht weniger als um die Erkenntnis Gottes. Israels Gott ist kein inhaltsloses ‚höheres Wesen‘, das ewig ‚west und waltet‘, sondern jener Gott, von dem die Bibel erzählt, dass er die Schreie der Armen hört. Das gehört zu seinem Namen (Ex 3,7ff), der geheimnisvoll bleibt und sich jeder Darstellung entzieht, damit aber nicht inhaltslos wird. Gerechtigkeit für die Armen gehört zum Inhalt des Gottesnamens. Deshalb ist die Option für die Armen kein ethisches Anhängsel, eine Art abgeleiteter Konsequenz aus dem Glauben an Gott. In ihr geht es um Gott selbst, der ohne Praxis der Gerechtigkeit nicht zu erkennen ist.

Und weil es Gott um Gerechtigkeit geht, lässt sich Gott auch nicht ohne Gericht erkennen, ohne dass die Welt auch durch schmerzhafte Prozesse der Umkehr darauf (aus)gerichtet werden soll, dass die ‚Letzten‘ zu ihrem Recht kommen. „Wann immer deine Gerichte die Erde treffen, lernten die Bewohner des Erdkreises Gerechtigkeit“, heißt es in einem Gebet um Gerechtigkeit beim Propheten Jesaja (26,9). Vor diesem Hintergrund erscheint im Evangelium nach Matthäus Jesus als Richter. Er, der Gottes Solidarität mit den Geringsten bis in seinen Tod am Kreuz der Römer gelebt hat, ist der Maßstab, an dem sich die ganze Gerechtigkeit entscheidet. Das Gericht auf den angeblichen ‚Rachegott‘ des Ersten Testaments zu schieben und durch den angeblich christlichen ‚lieben‘ Gott zu ersetzen, der sich dadurch auszeichnet, dass er niemandem ‚etwas tut‘, nimmt dem Glauben an Gott seine Ernsthaftigkeit und verrät zugleich die Opfer, die nach Gerechtigkeit schreien.

Lesung:

Die Lesungen der Karwoche greifen die sog. Gottesknechtslieder aus dem Propheten Jesaja auf. Sie dürften in der Zeit des babylonischen Exils im 6. Jahrhundert v. Chr. entstanden sein. Hinter ihnen könnte eine Prophetengruppe gestanden haben. Als sog. Zweite Jesajaner (Deuterojesaja) versuchten sie, in Erinnerung an die Botschaft des Ersten Jesaja, in dessen Zentrum das Recht für die Armen und Unterdrückten im 8. Jahrhundert v. Chr. stand, die in Babylon Zerstreuten zu sammeln und aufzurichten. Israel sollte lernen, dass es seine Aufgabe sei, als ‚Knechte‘ von Gottes Gerechtigkeit seinen Gott vor den Völkern zu bezeugen.

Weil Israels Gott und seine Erkenntnis wesentlich mit der Erkenntnis von Recht und Gerechtigkeit verbunden ist, kann Israel nur aufgerichtet werden, wenn es zur Gerechtigkeit Gottes umkehrt und so einen neuen Weg findet. Diesen Weg gilt es vor den Völkern als Weg der Gerechtigkeit und der Befreiung zu bezeugen. Der Weg von Gottes Gerechtigkeit ist ein anderer als das, was die Könige mit viel Geschrei und Getöse proklamieren (V. 2). Auf ihm geht es darum, die Erniedrigten aufzurichten, statt auf ihnen herum zu trampeln. In seinem Dienst an den Erniedrigten kann der ‚Knecht‘ durch sein Eintreten für Befreiung „zum Licht der Nationen“ (V. 7) werden.

Text: Jes 42,1-7

1 Siehe, das ist mein Knecht, den ich stütze; das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen. Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, er bringt den Nationen das Recht. 2 Er schreit nicht und lärmt nicht und lässt seine Stimme nicht auf der Gasse erschallen. 3 Das geknickte Rohr zerbricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus; ja, er bringt wirklich das Recht. 4 Er verglimmt nicht und wird nicht geknickt, bis er auf der Erde das Recht begründet hat. Auf seine Weisung warten die Inseln. 5 So spricht Gott, der HERR, der den Himmel erschaffen und ausgespannt hat, der die Erde gemacht hat und alles, was auf ihr wächst, der dem Volk auf ihr Atem gibt und Geist allen, die auf ihr gehen. 6 Ich, der HERR, habe dich aus Gerechtigkeit gerufen, ich fasse dich an der Hand. Ich schaffe und mache dich zum Bund mit dem Volk, zum Licht der Nationen, 7 um blinde Augen zu öffnen, Gefangene aus dem Kerker zu holen und die im Dunkel sitzen, aus der Haft.

Zwischengesang: Ps 27,1-3.13-14

1 Der HERR ist mein Licht und mein Heil: Vor wem sollte ich mich fürchten? Der HERR ist die Zuflucht meines Lebens: Vor wem sollte mir bangen? 2 Dringen Böse auf mich ein, um mein Fleisch zu verschlingen, meine Bedränger und Feinde; sie sind gestrauchelt und gefallen. 3 Mag ein Heer mich belagern: Mein Herz wird nicht verzagen. Mag Krieg gegen mich toben: Ich bleibe dennoch voll Zuversicht. 13 Ich aber bin gewiss, zu schauen die Güte des HERRN im Land der Lebenden. 14 Hoffe auf den HERRN, sei stark und fest sei dein Herz! Und hoffe auf den HERRN!

Evangelium: Joh 12,1-11

1 Sechs Tage vor dem Paschafest kam Jesus nach Betanien, wo Lazarus war, den er von den Toten auferweckt hatte. 2 Dort bereiteten sie ihm ein Mahl; Marta bediente und Lazarus war unter denen, die mit Jesus bei Tisch waren. 3 Da nahm Maria ein Pfund echtes, kostbares Nardenöl, salbte Jesus die Füße und trocknete sie mit ihren Haaren. Das Haus wurde vom Duft des Öls erfüllt. 4 Doch einer von seinen Jüngern, Judas Iskariot, der ihn später auslieferte, sagte: 5 Warum hat man dieses Öl nicht für dreihundert Denare verkauft und den Erlös den Armen gegeben? 6 Das sagte er aber nicht, weil er ein Herz für die Armen gehabt hätte, sondern weil er ein Dieb war; er hatte nämlich die Kasse und veruntreute die Einkünfte. 7 Jesus jedoch sagte: Lass sie, damit sie es für den Tag meines Begräbnisses aufbewahrt! 8 Die Armen habt ihr immer bei euch, mich aber habt ihr nicht immer. 9 Eine große Menge der Juden hatte erfahren, dass Jesus dort war, und sie kamen, jedoch nicht nur um Jesu willen, sondern auch um Lazarus zu sehen, den er von den Toten auferweckt hatte. 10 Die Hohepriester aber beschlossen, auch Lazarus zu töten, 11 weil viele Juden seinetwegen hingingen und an Jesus glaubten.

Die Geschichte von der Salbung Jesu vor seinem Tod erzählen auch die Evangelien nach Matthäus und Markus. Johannes ändert sie in vielen Details ab, um deutlich zu machen, worum es ihm geht. Im Unterschied zu den Frauen bei Matthäus und Markus salbt Marta Jesus nicht das Haupt, sondern „die Füße“ (V. 3). Die Salbung des Kopfes gehört zum Ritual der Einsetzung eines Königs. Johannes will zeigen, dass der Messias als König Israels nicht nach der Logik herrschender Könige verstanden werden darf, die nach der Welt Roms regieren. Von „dieser Welt“ ist dieser König nicht wie er im Verhör vor Pilatus betont (Joh 18,26). Mit der Salbung der Füße schlägt Johannes zugleich eine Brücke zur Geschichte von der Fußwaschung (13,1ff). Hier wäscht Jesus den „Seinen“ die Füße. Der Dienst, zu dem dieser König gesalbt wird, ist der Dienst eines Sklaven, eines der Knechte Gottes. Und dieser Dienst der Solidarität mit den Versklavten wird ihn ans Kreuz der Römer bringen. Vor diesem Hintergrund wird die Salbung zum ‚König von Israel‘ zu einer Salbung „für den Tag meines Begräbnisses“ – wie Jesus betont (V. 7).

In dieser Situation ist Solidarität angesagt. Ihre Verweigerung darf sich nicht hinter sozialem Aktivismus verstecken. Damit ist die praktische Sorge um die Armen nicht geleugnet, aber der Weg zu Ausreden versperrt. Soziales Engagement darf nicht zur Ausrede für verweigerte Solidarität im Kampf gegen Herrschaftssysteme werden, die systematisch Arme produzieren. Weil – so Jesus – ihr „die Armen immer bei euch habt“ habt (V. 8), ist es eine ständige Aufgabe, sich um sie zu kümmern – aber nicht als Ausrede für fehlende Solidarität im Kampf gegen diejenigen, die dafür sorgen, dass ihr sie „immer bei euch“ habt.

Die beiden letzten Verse (9-10) unseres Evangeliums betonen noch einmal die Verbindung zwischen Jesus und Lazarus, d.h. zwischen Jesus und Israel. Derjenige, der Israel heilen, aufrichten, zu befreitem Leben auferwecken will, soll weg, weil die Loyalität gegenüber Rom wichtiger ist als die Hoffnung auf Befreiung. Damit – so Johannes – wird auch Israel getötet. In dieser Logik muss also auch Lazarus verschwinden.